Im Zweiten wird’s wohl besser – 9. Akt:
Verdammte Hacke!

Gladbach Motivbild

Wolfsburg 2:1 Gladbach – ein Nicht-Klassiker, Virtuelles, Surreales, eine Hacke, ein Schritt in die richtige Richtung, keine Punkte.

Spieleentwickler – was sind das überhaupt für Menschen? Seit Jahren versuchen sie sich daran, die reale Fußballwelt in Pixel zu packen, steigern sich dabei von Ausgabe zu Ausgabe – und scheitern letztendlich doch wieder daran, die Realität vollkommen identisch wiederzugeben. Aus 17 sind irgendwann 34, dann 59 und heutzutage vielleicht schon 77 Prozent Deckungsgleichheit geworden. Doch die Perfektion bleibt in weiter Ferne. Denn Fußball ist, als große Neuigkeit dürfte das nicht durchgehen, ein Tagesgeschäft. Es geht rauf und runter mit der Form, die Psyche fährt Achterbahn und Nationalspieler fliegen durch die Weltgeschichte. Da wird es zum Ding der Unmöglichkeit, dieses verzwickte Netz mit – ganz vereinfacht ausgedrückt – ein paar Mausklicken in eine virtuelle Welt zu packen und diese anschließend im Herbst eines jeden Jahres auf kleine Polycarbonat-Scheiben zu pressen.

Letzten Freitag saß ich mal wieder mit ein paar Freunden vor der Playstation und durfte bewundern, was sich Electronic Arts diesmal bei der neuesten Version der FIFA-Serie ausgedacht hat . Meine Wahl fiel auf Gladbach, was den Mitbewohner eines Kommilitonen zu dem Schluss kommen ließ: „Da muss man aber schon großer Fan sein, um sich das anzutun.“ Mit „das“ meinte er die virtuelle Qualität der Borussia, die sich im Vergleich zum Rest der Vereine auf der besagten Polycarbonat-Scheibe nicht sonderlich von der Wirklichkeit unterscheidet. Mein Gegner entschied sich für Manchester City. Fertig war eine Konstellation, von der Franz Beckenbauer mit Sicherheit nicht behaupten würde: „We call it a Klassiker!“.

Wider erwarten wirbelten Bobadilla, Arango und selbst der sonst so hüftsteife Friend die Hintermannschaft der englischen Scheichtruppe mächtig durcheinander. Schnell stand es 2:0. Shay Given, Kolo Touré und Co. hatten nicht den Hauch einer Chance. Auf der anderen Seite hatte Torwart Logan Bailly für die Offensivbemühungen des virtuellen Premier-League-Klubs nicht einmal ein müdes Lächeln übrig. Mit dem 3:0 war City am Ende noch gut bedient.

Noch machte die Geschichte einen sehr realitätsfernen Eindruck. Doch das sollte sich schon in der Neuauflage der Begegnung ändern. Der Manchester-Controller wechselte zwar die Hände. Was jedoch noch lange kein Grund ist, prompt mit 0:5 unterzugehen – trotz 70-minütiger Überzahl, wohlgemerkt. Marx, Meeuwis und die Innenverteidigung hatten jegliche Souveränität ad acta gelegt. Auch Arango, Bobadilla und Friend boten plötzlich nur noch brotlose Kunst. Auf der Playstation genügten zwölf Minuten vom Himmel zum Boden der Tatsachen. Mit dem richtigen Multiplikator kommt man da schnell zu dem Schluss: In der Realität sind das in etwa fünf Spiele.

Jammern auf anderem Niveau

Am Sonntagnachmittag durfte die Borussia also wieder vorlegen – auf echtem Rasen, vor echten Zuschauern und ohne echtes Selbstvertrauen. Das Resultat erscheint fast logisch. Das Zustandekommen eher nicht.

Michael Frontzeck änderte die Aufstellung im Vergleich zum 0:1 gegen den BVB vor zwei Wochen auf vier Positionen. Filip Daems kehrte zurück und schloss vorerst das Lazarett der prädestinierten Stammspieler. Für ihn blieb Stalteri, ohnehin angeschlagen, draußen. Auf den Außenbahnen spielten Reus und Matmour. Colautti ersetzte nach einem weiteren Phantomspiel für Israel unter der Woche Friend in der Spitze. Fertig war eine Formation, die es so – selbst, wenn man Rückkehrer Daems außen vor lässt – auch noch nicht gegeben hatte.

Früher kam eine Länderspielpause einer Kur für geschundene Liga-Seelen gleich. Mittlerweile wird die Nationalmannschaft ihrem Reha-Status jedoch auch nicht mehr gerecht. So unterschied sich alleine das Niveau des Jammerns. Genug Anlass dazu gab es bereits nach wenigen Minuten. Dzeko eröffnete das Geschehen mit einem Paukenschlag an die Latte. Ein Auftakt, der fast zuversichtlicher stimmte als eine eigene Sturm-und Drangphase zu Beginn: Lieber glücklich und erfolglos, als einzig und allein erfolglos.

Würde im Laufe eines Fußballspiels ein revolutionärer Duathlon als eine Art Nebendisziplin ausgetragen, dürfte man die Borussia sicher zu den Titelkandidaten zählen. Disziplin eins: Laufen. Disziplin zwei: Parteiball. Beides, jedoch vor allem letzteres, zeigte der VfL mit Bravour. Hinter dieser Erkenntnis steckt nicht einmal ausschließlich Sarkasmus. Auch wenn der wahre Kern unter einer tiefen Schicht davon versteckt ist.

Madlung und die Borussia – wahre Liebe

Wolfsburgs Martins legte mit einem verunglückten Volley-Hackentrick allein vor dem Tor die Latte der misslungenen Kabinettstückchen sehr hoch. Was in Minute 21 schon nach Europarekord roch, sollte im Laufe des Spiels in einer weltrekordverdächtigen Aktion enden. Weniger spektakulär machte es Edin Dzeko ein paar Minuten später: Sein nüchterner Kopfball landete am Pfosten. Aluminium, die Zweite.

Überraschenderweise war es vor der Pause die Borussia, die zuerst ins Tor traf. Mangels Begeisterung meinerseits bei der Überleitung zu dieser Szene lässt sich bereits erahnen: Reus ließ den Ball nach feiner Vorarbeit von Marx zwar im Netz zappeln. Doch die Fahne des Linienrichters verhinderte die erfolgreiche Seelen-Rehabilitation noch kurz vor der Pause. In der Nachspielzeit der ersten Hälfte erhielten die Wölfe dann einen Eckball, über dessen Sinn sich im Gegensatz zu seiner Berechtigung streiten ließ. Madlung setzte den sinnbildlichen Minuten – erst Abseitstor, dann unnötiger Eckball – die Krone auf und erzielte sein fünftes Tor im zwölften Bundesligaspiel gegen die Borussia. Den Gegner bei seinem Premierentreffer am 8. November 2003 will ich lieber in einen Mantel des Schweigens hüllen.

Hälfte Zwei verlief über weite Strecken ähnlich wie ihr Vorgänger. Wolfsburg ließ die Aluminiumtreffer diesmal weg. Gladbach spielte über weite Strecken erneut Parteiball. Nur leider fallen Tore selten nach dem zweiten oder dritten Pass in einer Stafette mit zehn Stationen. In der 57. Minute durchbrach die Torabstinenz der Borussia die 400-Minuten-Schallmauer. Die Hereinnahme von Arango für Matmour brachte jedoch auch nur den Gang vom Regen in die Traufe.

Bobadilla hebt Frank Mill auf eine neue Ebene

Kurz vor Frontzecks erster Auswechslung erlebte das Spiel seinen Höhepunkt in Sachen Tragik im Stadion, Unvermögen bei der Borussia und schäumender Wut vor dem Fernseher. Bobadilla brachte Madlung an der Strafraumgrenze ins Straucheln. Der Gladbach-Schreck (gemeint ist Madlung, Bobadilla sollte sich den Status in dieser Aktion erst noch verdienen) stellte für seinen Keeper Benaglio anschaulich das Procedere „17-Tonner rammt Hauswand“ dar. Was dann passierte, hebt das legendäre Frank-Mill-Versagen auf eine ganz neue, so noch nie gesehene Ebene. Wie in Trance stupste Bobadilla den Ball kurz mit der Sohle an, um ihn anschließend mit der Hacke – Frank-Mill-Fans wissen, was jetzt kommt – am Tor vorbei zu setzen. Aus 17 Metern. Mill traf damals wenigstens noch den Pfosten. „Ball, Tor, rosa Elefanten, aah, Sohle, Hacke, warum ist der Rasen so grün, aah, alles so hell hier, Kacke“ – Raúl Bobadillas Gedankengang in dieser Szene muss ähnlich ergiebig gewesen sein, wie 19 Stunden lang Testbild zu gucken.

Nennt man es nicht Arroganz, wenn jemand über größere Fähigkeiten verfügt als ein anderer und dies auch noch vehement betonen muss? Wahrlich große Fähigkeiten sind in dieser fast schon tragikomischen Situation nur begrenzt aufgeblitzt. Zählt es eigentlich auch zu den Instinkten, instinktiv das Falsche zu machen? Für Angelegenheiten wie diese hat man einst die Mannschaftskasse erfunden. Bobadillas Hacken-Weitschuss vorbei am leeren Tor hat zweifellos einen Sonder-Paragrafen im Strafenkatalog verdient.

Die Tragikomödie verlor dreizehn Minuten vor dem Ende jedoch all ihre Komik. Filip Daems ging im Laufduell mit dem eingewechselten Grafite zu Boden und blieb erst einmal dort liegen. 77 Minuten dauerte das Saisondebüt des Belgiers, der der Abwehr ein enormes Maß an Stabilität verliehen hatte. Wie viele Minuten in den nächste Wochen hinzukommen werden, ist momentan fraglich.

Friend löst Ranga Yogeshwar ab – Bradley beendet die Flaute

Unaufhaltsam näherte sich die Borussia der vierten 0:1-Pleite in einem Pflichtspiel. Niemand verliert gerne, noch am wenigsten gern jedoch mit 0:1. So nah erscheint ein Punkt. Doch gerade diese unüberbrückbare Nähe lässt ihn paradoxerweise noch weiter in die Ferne rücken. In der Schlussphase lud Rob Friend Wolfsburg Benaglio zu einer weiteren Sonderausgabe von Quarks & Co als Überraschungsgast ein. Die Sendung erwies sich jedoch als Wiederholung. Erneutes Thema: Lastwagen fährt gegen Hauswand. Benaglio nahm es eher humorlos.

Bevor Gentner aus dem 0:1 in der 92. Minute ein wohltuenderes 0:2 machte, hatte Bobadilla nach feinem Pass vom guten Reus einmal mehr den Ausgleich auf dem Fuß. Der Argentinier verzichtete auf die Hacke, entschied sich ausnahmsweise für Geradlinigkeit. In diesem Fall genau die falsche Entscheidung: Ein gefühlvoller Lupfer über Benaglio hinweg wäre der Schlüssel zum Erfolg gewesen. Doch Bobadilla ist und bleibt eben ein Instinktfußballer aus dem Lehrbuch – nachzuschlagen im Kapitel „Wie ich es besser nicht mache“.

Nach diesem an für sich, bis aufs Resultat, zufriedenstellenden Spiel wäre das 2:0 für Wolfsburg beinahe als Wunschresultat durchgegangen. Man hätte die Rückkehr des sauberen Passspiels und der sattelfesten Abwehr feiern können. Keine Punkte, aber ein Schritt in die richtige Richtung. Doch die Borussia macht nun einmal keine Gefangenen. Erst Recht nicht, wenn es darum geht, ausnahmsweise so etwas wie Normalität aufblitzen zu lassen. Also ließ Bradley sich regelrecht zum Anschlusstreffer hinreißen. 433 Pflichtspielminuten nach Colauttis 2:0 gegen Hoffenheim gelang der Borussia wieder ein Tor (der Abstauber des Israeli bleibt jedoch der vorerst letzte Jubelmoment).

Auf dem Weg vom Niederrhein zurück in die Wahlheimat Ruhrgebiet kam ich sogar mit ein paar Gewinnern des Spieltages in Kontakt. Zwei Haken hatte die Sache jedoch: Sie trugen Trikots der existenten, aber keineswegs einzig wahren Borussia – und machten das Zugabteil für ein paar Minuten zu einem Rockkonzert in einer finnischen Sauna.

Unter Umständen könnte ich mich glücklich schätzen, die nächste Woche in einer gut gelaunten Stadt verbringen zu dürfen. Momentan würde ich mein Bett aber lieber aufopferungsvoll in der sibirischen Tundra unter freiem Himmel aufstellen. Wenn es dafür nur endlich wieder Punkte gäbe. Vielleicht kann die Playstation ja erneut einen Moment der virtuellen Glückseligkeit schaffen. Zumal es dort selten vorkommt, dass man 17 Meter vor dem leeren Tor steht – und die Hacke nimmt.

18. Oktober 2009 von Jannik Sorgatz
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