Vor dem Derby: Balanceakt auf dem Nylonfaden

Köln, dieses Jahr im März:

Es war ein Tag zwischen Himmel und Hölle. Mit jeder einzelnen Facette, die ein Fußballspiel mit seinem Drumherum bereithalten kann, ohne irreal zu wirken. Auf Vieles hätte ich verzichten können. In einigen Momenten habe ich sogar daran gezweifelt, ob es überhaupt Sinn macht, Wege wie diese noch anzutreten, solange ein Vater mit seinem kleinen Sohn nicht zu einem Auswärtsspiel fahren kann, ohne ein Risiko für sein Kind einzugehen, das er in keiner anderen Lebenslage jemals eingehen würde. Es muss etwas passieren. Risikospiele wie diese häufen sich und wir, also all jene, die dies mit Bestürzung und Wut wahrnehmen, sind relativ hilflos. Gladbach und Köln treffen im Jahr zwar nur zweimal aufeinander. Trotzdem eskaliert die Situation zweimal zu oft. Ich weiß nicht, wie diesem Problem auf Dauer beizukommen ist. Ich bezweifle auch, dass jemand diese Frage aus dem Stehgreif beantworten kann. Geisterspiele? Klar, das könnte einiges lindern. Aber wo ist der Fußball, wenn diejenigen, die ihn zu dem wertvollen Kulturgut machen, das er in unserer Gesellschaft zweifellos darstellt, nicht mehr dabei sein können? Fragen über Fragen, wenige Antworten.

Ein gutes halbes Jahr danach sind wir noch immer nicht schlauer. Gladbach wird morgen einer Festung gleichen. „Wir sind doch nicht im Krieg“, monieren einige sinngemäß. Eine treffende Bezeichnung gibt es jedoch wohl auch nicht. Jedem Ordnungshüter wird die schulklassenähnliche Zahl von 38 Zuschauern an die Hand gegeben. Das ist sowohl traurig als auch gut. „Es mag zwar sein, dass die Polizei sich in Sachen Deeskalation geschickt angestellt hat, um Schlimmeres zu verhindern. Bliebe nur noch die Frage zu beantworten, warum Prävention unmittelbar am Stadion augenscheinlich ein Fremdwort gewesen ist“, schrieb ich nach den Vorfällen beim letzten Derby. Diesmal würde es im Nachhinein wohl anders aussehen. Doch was machen wir, wenn die Maßnahmen erneut ihre Wirkung verfehlen?

Ich werde morgen nicht im Stadion sein. Zum ersten Mal seit 55 Heimspielen. Das tut weh. Auch wenn der Weg in den Borussia-Park schon einmal ein leichterer gewesen ist. Der Grund für mein Fernbleiben ist aber keine Kapitulation vor irgendwelchen Entwicklungen in Sport und Gesellschaft, die mich ehrlich gesagt sehr beunruhigen. Ich werde zeitgleich in einem Seminar für wissenschaftliches Arbeiten an der Uni sitzen und beten, dass der Professor ein Einsehen hat und die Prozedur nicht wirklich bis 17 Uhr durchzieht. Zumal er Soziologe ist und morgen Anschauungsmaterial en masse bekäme.

Einen Bericht wird es bis Sonntagabend übrigens trotzdem an dieser Stelle geben. Er wird naturgemäß nur anders aussehen.

23. Oktober 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Einwurf, Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , | Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

*