Im Zweiten wird’s wohl besser – 10. Akt:
Viel Lärm um wenig

Gladbach Motivbild

Gladbach 0:0 Köln – Rouladen, Walt Disney, C.G. Jung, Kaffeefilter, eine Studentenheimkneipe, Bergwertungen, Brüder im Leid, das Ende einer Serie

Am 20. Februar 2005 wählte Schleswig-Holstein einen neuen Landtag. Spanien stimmte über die EU-Verfassung ab. Bei uns zu Hause gab es vermutlich Rouladen mit Semmelknödeln oder etwas anderes, was man sonntags eben so isst. Außerdem empfing Gladbach Schalke um 17:30 Uhr im Borussia-Park. Nachdem Jörg Böhme die Gastgeber vom Elfmeterpunkt in Führung gebracht hatte, besiegelte Ailton mit einem Dreierpack einen weiteren Tiefschlag in einer ohnehin verkorksten Saison.

Landtagswahlen, EU-Verfassung, Rouladen und eine Niederlage – allzu spektakulär mutet das nicht an. Auch der 06. Mai 2006 hat sich nicht gerade als wegweisend und prägend in der Weltgeschichte hervorgetan. Die Aktionäre des Trickfilmstudios Pixar stimmten der Übernahme durch Walt Disney zu. Die Bayern besiegelten auf dem Betzenberg in Kaiserslautern die Meisterschaft. Und im Borussia-Park trafen sich zwei Mannschaften zu einem wertlosen Spiel, wie es bislang wohl an jedem 33. Spieltag der Bundesliga-Geschichte zu beobachten war. Gladbach ging kurz vor Schluss durch Wesley Sonck mit 2:1 in Führung. Doch eine Minute vor dem Ende gelang Hannover 96 durch Vinicius noch der Ausgleich. Aufregend ist anders.

Dennoch stellten beide Daten bis zum 24. Oktober 2009 den jeweiligen Beginn einer Serie dar. Beim 1:3 gegen Schalke saß ich letztmals vor dem Fernseher, während in nur 20 Autominuten Entfernung im Borussia-Park vor mehr als 50000 Zuschauern der Ball rollte. Das 2:2 gegen Hannover war das letzte Heimspiel überhaupt, das ich nicht live vor Ort erlebte. Ich saß, wie so oft in jener Saison, in einem kleinen Café in Texarkana, Texas, genoss zwei Donuts mit Blaubeer-Füllung und malträtierte die F5-Taste.

Seitdem habe ich 55 Heimspiele in Folge besucht, bin in der Nordkurve abgestiegen, aufgestiegen, nicht abgestiegen und wieder im Keller angelangt – egal ob bei 33 Grad oder bei Minus 8. Ich weiß, es gibt Serien, die weitaus mehr beeindrucken. Doch im Prinzip ist es ja in erster Linie der Seelenschmerz, den diese Zahl 55 repräsentiert (genau wie eine 37, eine 123 oder eine 796). Jeder, der das Ende einer solchen Serie schon einmal hinnehmen musste, wird diese merkwürdige Art der Hilflosigkeit mit Sicherheit bestens nachvollziehen können.

Strickleiter der Schicksalsverschwörung

Nun kann es vorkommen, dass man mit 57 Grad Fieber im Bett liegt und das Spiel nur verfolgen könnte, wenn das städtische Krankenhaus Räumlichkeiten in Block 13A bis 15A anmieten würde. Es gibt tragische Zwischenfälle im Leben, in denen alles, wirklich alles in den Hintergrund rückt. Und es gibt Seminare an der Uni, die sich „Einführung in die wissenschaftliche Arbeit“ nennen und an einem Samstag von 10 bis 17 Uhr darüber informieren, warum Wikipedia keine angesehene Quelle ist und man sich die Erkenntnisse der Analytischen Psychologie von C.G. Jung nicht auf die eigene Fahne schreiben darf, indem man An- und Abführungszeichen boykottiert. Irgendjemand hat dafür den verabscheuungswürdigen Euphemismus der „Wahlpflicht“ erfunden. Denn Pflicht ist es. Eine Wahl bleibt keine.

Man kann die Schicksalsverschwörung an dieser Stelle noch weiter stricken: Im Zeitalter des bis zur Unkenntlichkeit zerstückelten Bundesliga-Spieltags ist es nicht mehr so unwahrscheinlich, dass die eigene Mannschaft freitags, samstagabends oder sonntags ran muss. Und selbst wenn, dann könnte es ein Auswärtsspiel sein. Wenn nicht, dann könnte der Gegner noch immer Hannover 96 oder (der Fußballgott hab’ sie selig) Arminia Bielefeld heißen. Neben der oben erwähnten Punkte bezüglich Wikipedia und C.G. Jung kann ich nun mit relativer Sicherheit sagen: Die Wahrscheinlichkeit, dass alle Stricke derart reißen liegt in etwa bei 1:55. Kaufen kann ich mir dafür aber nicht einmal einen Colakracher am Kiosk.

Vor ein paar Jahren hatte ich Karten für das berüchtigte Heimspiel gegen den VfB Stuttgart, das später dank dreier Punkte gegen den Abstieg und seiner elektrisierenden Stimmung zur Borussia-Park-Legende wurde. Zeitgleich hatte ich jedoch die Idee, mir meine Französischkenntnisse schwarz auf weiß bescheinigen zu lassen. „DELF“ nannte sich die Prozedur. Für die mündliche Prüfung musste ich nach Düsseldorf – samstags um halb zwei. Also setzte ich mich für 20 Minuten mit einem Text über das Fernsehen auseinander, französelte mich in der Prüfung vor lauter Eile in einen wahren Rausch und verließ das Gebäude um viertel nach zwei in Richtung S-Bahnhof. Auf der Toilette schmiss ich das Hemd eben in den Rucksack, zog das Trikot über, band mir den Schal um den Hals. Ankunft am Gladbacher Hauptbahnhof um kurz nach drei. Die Mannschaftsaufstellung war gerade bei Marcell Jansen angelangt, als ich aus dem Shuttle-Bus stieg. Den Triathlon beendete ich nach den Teildisziplinen Französisch und ÖPNV mit einem Sprint in den Block. Als der Refrain der „Elf vom Niederrhein“ zum ersten Mal ertönte, war ich da.

Man nimmt so vieles auf sich, um den Stadionbesuch irgendwie in den Rahmen namens Leben zu pressen. Konstellationen wie diese gab es nicht nur einmal in den letzten Jahren. Doch irgendwie hatte es immer hingehauen. Bis zum 24. Oktober 2009 – Derby-Tag.

Der Derby-Tag beginnt – im Hörsaal

Um 12:41:28 Uhr vibriert es erstmals in meiner rechten Hosentasche. „Es geht los. Ampel voll auf grün. Ich bin so nervös“, lässt mich meine Mutter am wirklich elementaren Geschehen außerhalb des Dortmunder Campus teilhaben. Die ominöse Ampel dürfte vielen noch aus der letzten Saison bekannt sein. „Grün“ stand für Sieg. Doch das damals zuverlässige Orakel hat inzwischen seinen Geist aufgegeben. Exakt 137 Sekunden später vibriert es zum zweiten Mal. Nils schickt die nächste SMS und gibt mir zum zweiten Mal das wohltuende, aber dennoch nicht völlig tröstende Gefühl, diese schweren Stunden nicht alleine durchstehen zu müssen. Er setzt seine Prioritäten jedoch etwas anders: „Situation Bahnhof ist harmlos, Bier im Bus möglich“.

Zuvor habe ich meinen Samstagvormittag vornehmlich damit verbracht, mich über das Laub auf den Gleisen der S1 zu ärgern, die mal wieder ausfiel. Über den Kaffeefilter, der schon zum dritten Mal diese Woche schlapp machte und das Endprodukt in der Kanne in Qualitätsfragen auf eine Stufe mit Mokka Fix stellte. Über die großstädtischen Preise bei einem bundesweit bekannten Großbäcker, bei dem ich mich eindecken musste, weil zuhause nicht genug Zeit für ein wenig Tagesproviant blieb (vgl. „Kaffeefilter“). Nun beginnt der Tag um kurz vor eins zum zweiten Mal. Zum ersten Mal jedoch bemerke ich es.

Bereits unter der Woche hat der Professor angedeutet, die Prozedur nicht wirklich bis 17 Uhr durchziehen zu wollen. Um 14 Uhr macht er dann noch konkretere Andeutungen, dass das Ende nah sei. Unweigerlich kratzt mein Puls an der Dreistelligkeit. Selbst Jens Lehmann würde es um 14:37 Uhr kaum noch rechtzeitig mit dem Heli ins Stadion schaffen. Blöd zudem, dass das Semesterticket ohnehin nur für Bus und Bahn gilt. Also danke ich Gott und Professor innerlich für ihre Milde und freue mich darauf, das Derby wenigstens in irgendeiner Kneipe gucken zu können.

Im Dortmunder Exil bin ich vereinstechnisch weitgehend auf mich alleine gestellt. Es wimmelt von BVB-Fans, Königsblauen und Bochumern. Ein paar wenige Zebras, Bayer-Anhänger und ein Stuttgarter sind dabei. Einer ist nicht nur Mitglied beim Rekordmeister, sondern besitzt in den Minuten vor dem Ende des Seminars sogar die Dreistigkeit, das aktuelle Stadionheft der Bayern zu lesen. Mein Puls kratzt derweil nicht mehr nur an der 100, sondern hält sie konstant. Manchmal kann ich es nachvollziehen, dass manche Leute zur Beruhigung auf einen Schnaps schwören.

Nervöses Wrack in einer Wohnheimkneipe

Mit knapp zehn Kommilitonen finden wir kurz vor Anpfiff in einer Studentenheimkneipe Zuflucht, die den Charme eines Jugendheimes versprüht. Doch der Flachbildfernseher hätte meinetwegen an der Eiger Nordwand hängen können. Hauptsache er ist da.

Mein Vater vollendet die Trilogie „Wir denken an Dich“ mit einem Anruf zur „Elf vom Niederrhein“. Kurz vor „Und geht das Spiel auch mal verlor’n“ legt er auf. Keine Ahnung, warum. Nächste Erkenntnis: Man kann am Handy keine Gänsehaut bekommen.

Als sich München, Sinsheim, Hannover, Mainz und Mönchengladbach in der Konferenz zu Wort melden, leuchtet mir das nächste Novum ein: Wann habe ich schon einmal vor dem Fernseher gesessen und den Schrei „Tooor in Gladbach“ herbeigesehnt? Höchstens beim Stand von Null zu hohe Zahl bei irgendeinem vergeigten Auswärtsspiel, als das Umschalten auf die Konferenz die einzige Option war, auch den nächsten Tag noch glücklich verbringen zu können. Aber der Wert eines Torschreis sinkt bei diesem Spielstand ohnehin gen Nullpunkt.

Lange 24 Minuten dauert es, bis sich etwas regt. Ivanschitz trifft für Mainz zum 1:0. Meine Herzfrequenz erlebt beim Wort „Tooor“ einen Ausreißer, der auf meinem Kardiogramm dieses Samstags aussehen dürfte wie der erste Anstieg einer Hochgebirgsetappe bei der Tour de France. Beruhigt hole ich mir bei „in Mainz“ die ersten Bergpunkte ab und fahre gemütlich ins Tal.

Wie der werdende Vater in Ruanda

Einerseits spielt sich bei mir oscarreifes Kopfkino ab, wenn die Konferenz gerade nicht im Borussia-Park weilt. Bilderreich male ich mir aus, wie Marx auf Reus passt, der auf Außen Arango schickt und Colautti die scharfe Hereingabe des Venezolaners mit dem Kopf in die Maschen wuchtet. Andererseits hat der Gedanke an ein 5:0, über das alle Beteiligten noch auf der Konfirmation ihrer Enkel stundenlang referieren würden, auch keinen Freifahrtsschein. Eine merkwürdige Form des Egoismus richtet Umweltzonen in meinem Kopf ein und für einen Kantersieg gäbe es mit Sicherheit keine grüne Plakette.

Kurz vor der Pause bin ich solch ein nervöses Wrack, dass ich selbst zusammenzucke, wenn irgendein Kommentator in einem entlegenen Container „Tooor“ schreit – und das Geschehen in Gladbach gerade live auf dem Bildschirm zu sehen ist. Ishiaku hat schließlich noch das 0:1 auf dem Fuß. Einen Augenblick lang finde ich mich bereits damit ab, dass dieser Tag nicht nur kein gutes sondern ein schlechtes Ende nehmen wird. Zweite Bergwertung.

Ähnlich wie ich in der Halbzeit muss sich ein werdender Vater fühlen, der irgendwo zwischen zwei Funklöchern in Ruanda steht und sich die Neuigkeiten aus dem Kreißsaal in Sprockhövel abholt, wo seine Frau seit 45 Minuten mit den Wehen kämpft. Mein Ruanda heißt Dortmund, mein Kreißsaal Borussia-Park. Nicht mit den Wehen, dafür aber mit sich selbst kämpft der VfL. (An der Stelle Verein – Frau hakt der Vergleich. Bitte, das zur Kenntnis zu nehmen.)

So aufsehenerregend wie ein Nackter am Nudistenstrand

Um kurz vor fünf springt der Zähler für Jubel-Askese auf 500 Minuten. Mehr als acht Stunden Fußball liegen mittlerweile zwischen der letzten Becker-Faust, dem letzten „Jaaa!“ und der Gegenwart. Ein königsblauer Kommilitone empfindet in der Schlussphase sogar schon so viel Mitleid, dass er sich ebenfalls das siegbringende 1:0 wünscht, nur um mein nervgetötetes Äußeres nicht länger mit ansehen zu müssen. Vollmundig verspreche ich eine Runde, falls das kaum zu Erwartende doch noch eintreten sollte. Ein Blick ins Portemonnaie sichert das Versprechen ab. Plötzlich habe ich ein halbes Dutzend Brüder im Leid.

Das Spiel selbst erregt derweil weiter so viel Aufsehen wie ein Nackter am Nudistenstrand. Falls Sky sozialistische Wurzeln hat, müsste ich exakt 18 Minuten live gesehen haben. Was im Umkehrschluss jedoch nicht bedeutet, 72 verpasst zu haben. Eine Freistoßorgie von Arango, bei der ich dauernd einen „First Down“ nach zehn Yards Raumgewinn fordern wollte, ein Kopfball von Brouwers, den Brecko auf der Linie klärte, ein Fast-Eigentor von Mohamad, das die Borussia dem Siegtreffer am nächsten brachte – mehr ist mir heute, am Tag danach, nicht mehr im Gedächtnis geblieben.

Der schönste Moment des Tages ist demnach ein fiktiver: Völlig glückselig sehe ich mich über den Boden der Wohnheimkneipe rollen, den Wirt herzen und der gesamten Uni eine Runde spendieren. Während andere Fans andauernd in realita erleben, wie schön ihr Dasein als Anhänger eines bestimmen Vereins sein kann, werde ich dank Gladbach immer wieder zum Science-Fiction-Freak. Am Ende kann ich mit Fug und Recht behaupten, maximal wenig verpasst zu haben. Hoffentlich hat der schwelende Konflikt vorerst den Gipfel seiner ganz eigenen Bergwertung erlebt. Was die Deeskalationstaktik der Stadt angeht, ist wenig Nennenswertes diesmal viel. Aus sportlicher Sicht bleibt das Wörtchen „wenig“ seiner Bedeutung jedoch vollends treu. Das Warten auf die Wende geht weiter.

Mehr als drei Jahre wird es dauern, bis es wieder nennenswert wäre, zu erwähnen, dass die „Elf vom Niederrhein“ ohne mich ertönte. Im Dezember wird es jedoch schon wieder so weit sein. Und irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass 55 Heimspiele in Folge bis an mein Lebensende als persönliche Bestleistung Bestand haben werden. Am 12.12. empfängt Gladbach Hannover. Ich sitze zeitgleich in einem Seminar, das sich „Narrative Darstellungsformen“ nennt und mir beibringt, wie ich als Journalist am besten Geschichten erzähle. Die nächste gibt es trotzdem schon in einer Woche. Ohne Seminar, dafür aus Hamburg.

25. Oktober 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , | 6 Kommentare

Kommentare (6)

  1. Sehr schöner Text! Solltest nur noch bloggen, wenn du nicht im Stadion warst ;-)

  2. Eigentlich bin ich auf der Suche nach einem Bericht über die Bestrebung der Polizei, das samstägliche Alkoholverbot durchzusetzen, auf dieser Seite gelandet, aber Herr Jannik scheint ja gar nicht persönlich betroffen gewesen zu sein.

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    Schlimmer als alkoholfreies Bier sind nur Fans, die das nicht mal bemerken.

  3. @Natischer: Nein, bis in Dortmunder Studentenkneipen hat es dann doch nicht gereicht. Aber Herr Jannik hätte das Bier gerne gegen das Live-Erlebnis im Stadion getauscht. Was die Konsequenz der Polizei angeht, kann ich leider nur die SMS meines Kumpels Nils mit dem Hinweis „Situation Bahnhof ist harmlos, Bier im Bus möglich“ anbieten.

    @Max: Ist das jetzt wirklich ein Kompliment oder eher ein Boykottaufruf? ;)

  4. Wenn der BVB so weitermacht gewinnen wir locker die Deutsche Meisterschaft!

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