Im Zweiten wird’s wohl besser – 11. Akt:
Vom Glück geküsst

Gladbach Motivbild

Hamburg 2:3 Gladbach – ein Abenteuer, fünf Chancen, drei Tore, jede Menge Gerechtigkeit, noch mehr Heiserkeit und die “Brille der Erkenntnis”

Auswärts. Zweifellos eines der letzten Abenteuer unserer Zeit. Doch was verstehen wir eigentlich unter einem Abenteuer? Wer sich das Denken heutzutage sparen will, der gibt den Suchbegriff bei Google ein und sammelt Antwortmöglichkeiten. Um Wikipedia kommt man an der Spitze der Liste nicht mehr herum. Es folgen das Reisen, eine Seitensprungagentur, die Mathematik und der Regenwald.

So unterschiedlich alle Punkte auch sein mögen, sie verbindet etwas Entscheidendes: das Fremde, das Unbeschreibliche, das Überraschende. Ein gewisser Kitzel, der die Mathematik keineswegs ausschließt. Ein Abenteuer muss an sich keine verpönten Seiten haben, geschweige denn verbotene oder zu risikoreiche. Man muss sich schlichtweg darauf einlassen und abtauchen in eine kleine Parallelwelt. Wenig erwarten und viel bekommen.

Der Tauchgang beginnt am letzten Samstag um kurz nach sieben am Mönchengladbacher Hauptbahnhof. Müde und auf den ersten Blick nicht gerade voller Vorfreude streckt Nils mir seine Hand entgegen. Köln, Dortmund, Cottbus, München, Schalke, Bochum, Düsseldorf, Offenbach, Hamburg – und nun wieder Hamburg. Der Fußball macht einen zum Deutschlandreisenden, der kulturell, geografisch und historisch – analog zum bekannten Gesellschaftsspiel – in etwa so viel von seinem Land mitnimmt, als habe er einfach zwei Stunden vor einem Brett gesessen und farbige Pinöpel durch die Gegend geschoben. Oder Männekes, Figürchen, wie auch immer man Spielfiguren zwischen Flensburg und Berchtesgaden so nennt.

Als Entschädigung gibt es soziologisches Anschauungsmaterial en masse. Und mit ein wenig Glück noch drei Punkte oben drauf. Letzteres macht gerade dann einen besonderen Reiz aus, wenn man der Borussia aus Mönchengladbach durch die halbe Republik folgt. Die einen können alle Nebenflüsse des Neckars von der Quelle weg benennen. Am Niederrhein stellten die Auswärtssiege seit dem Wiederaufstieg 2001 eine ähnliche und lange Zeit leichtere Prüfung dar. Es dauerte nämlich fast acht Jahre, bis zwei Hände nicht mehr ausreichten, um alle Auswärtssiege in der Bundesliga seit der ersten Rückkehr aufzuzählen.

Dass Hamburg am Samstagabend erstmals seit Oktober 1994 wieder im Portfolio auftauchen sollte, ahnen Nils und ich am frühen Morgen vielleicht in unseren kühnsten Träumen. Die vergangenen Jahre haben demütig und bescheiden gemacht. Ein eigener Treffer, nicht zu viele für den Gegner – damit ließe sich doch ganz ordentlich leben. Zumal der HSV als Tabellenzweiter in die HSH Nordbank Arena lädt und noch immer ungeschlagen ist.

Letztes Jahr ging der Auftritt des VfL in Hamburg als größtes Bauprojekt seit der Errichtung der Chinesischen Mauer in die Annalen ein. Jos Luhukay bot praktisch neun defensive Feldspieler auf. Gleichzeitig erarbeitete sich Rob Friend den Ruf des einsamen Rangers, der fernab des Geschehens in der Prärie Holz hackt und den Ball nur aus Erzählungen seines Großvaters kennt. Und so lautet die einzige Zielvorgabe, als sich der Intercity den Weg von Münster in Richtung Norden bahnt: alles, nur nicht mauern; alles, nur nicht wieder ein Tor in der Anfangsphase, das gleich den Deckel zu macht.

Zu den wichtigsten Teilen des Abenteuers Auswärtsfahrt zählt zweifellos die Hinreise. Eine Floßfahrt über den Mississippi mit einem entflohenen Sklaven im Schlepptau ist rein gar nichts, wenn man stattdessen einen Kegelclub nach dem anderen auf seinem sicheren Weg ins Delirium beobachtet. Würden Studenten um kurz nach neun am Halterner Bahnhof stehen und sich Schnaps um Schnaps in Miniatur-Bierkrüge schütten, die um ihren Hals baumeln, hieße es sofort wieder: „Die Jugend von heute!“. Kegelclubs nennen das Brauchtumspflege und erhalten volle Rückendeckung. Nils und ich gehen die Sache dagegen etwas ruhiger an und versehen die ersten beiden Biere noch mit dem Hash-Tag „Genuss“. Wobei Nils, um sportlich zu werden, an diesem Morgen in gewisser Weise auch der Ruf des Konterfußballers anhaftet. Die Jugend von heute.

Als der Zug die Hamburger Stadtgrenze passiert, hat ein Altersgenosse eine echt essentielle Frage auf dem Herzen. „Wann fängt das Spiel heute eigentlich an?“, will er wissen. Seine Freundin hat dabei eine Kreditkarte in den Pupillen und über ihrem Kopf schwebt ein Notenblatt mit der Sex-and-the-City-Melodie. ‚Aha, Liebesurlaub kombiniert mit Shoppingtour’, denke ich mir. Um dann, als er mich nach dem Weg zum Stadion fragt, festzustellen: Nein, sie sind tatsächlich zum Fußball hier. Auch in Zeiten des fein durchpürierten Spielplans gibt es nicht allzu viele Möglichkeiten, wann ein Samstagsspiel beginnen könnte. Wenn ich nicht weiß, wann heutzutage die „Tagesschau“ beginnt, dann schaue ich zur Sicherheit mal um 20 Uhr nach. Denn da lief sie auch schon vor 15 Jahren, wenn ich vor dem „Ins Bett gehen“ kurz mit der Zahnbürste im Mund den Kopf aus der Badezimmertür steckte.

Kollege Rötten empfängt uns freudig am Bahnhof in Altona. Auf seiner Nase sitzt ein Metallgestänge, das er selbst als „Brille der Erkenntnis“ bezeichnet. Fliegerbrillen seien ja sowas von „out“. Also hat er kurzerhand die Gläser rausgehauen und trägt nun den Rest spazieren. Schlecht sieht es nicht aus, nur bescheuert. Übrigens kauft Rötten aus Prinzip auch kein Mineralwasser ein, weil es ja sowieso aus der Leitung kommt. Dafür gewährt er uns einmal mehr Asyl in seiner Hamburger Wohnung, in die er vor anderthalb Jahren vom Niederrhein gezogen ist.

Rund sieben Stunden sind wir mittlerweile auf den Beinen, haben ein paar schwarz-weiß-grüne Schals aber weder ein Stadion noch einen Fußball gesehen. Wo ich, oder vielmehr Google, vorhin schon beim Thema Seitensprung und Abenteuer war – beide haben eine Gemeinsamkeit. Der Höhepunkt ist im Vergleich zum Drumherum eher kurz. Um 13 Uhr in Hamburg-Altona steuern wir jedoch geradewegs drauf zu. Die Etappen, bevor wir uns auf den Weg Richtung Volkspark machen: Bierration, Mittagessen. Der Kioskbesitzer um die Ecke kann es kaum glauben, dass Rötten in Hamburg wohnt und einen Gladbach-Schal um seinen Hals trägt. „Aber im Herzen bist Du doch sicher trotzdem ein wenig…“ – „…St. Pauli-Fan“, vollendet Rötten den Satz zuvorkommend.

Jede Minute wächst derweil unsere Vorfreude. Langsam werden wir so heiß auf das Spiel, dass sich der Temperaturanstieg sicher auf einem Fieberthermometer bemerkbar machen würde. „Mir fällt gerade auf: Ich will hier doch etwas holen“, lasse ich die anderen daran teilhaben. Ihre Zustimmung fällt nicht gerade bescheiden aus. Auf dem Weg zum Stadion sammeln wir außerdem massenhaft Argumente für zumindest einen Punktgewinn. Hatten die HSV-Fans letztes Jahr noch durch Großzügigkeit, Milde und Bescheidenheit bestochen, hat sich das Blatt in nur einem Jahr eklatant gewendet.

Im Herbst 2008 war der HSV Vierter, übernahm durch den 1:0-Sieg gegen die Borussia sogar die Tabellenführung. Kein Wort der Überheblichkeit, keine Häme, rein gar nichts. Nun zeigen sich Ende Oktober 2009 erst ein paar Kinder auf der gegenüberliegenden Straßenseite ziemlich wagemutig. Dann fährt ein Radfahrer mittleren Alters Rötten an einer Ampel beinahe von hinten in die Beine. Den missglückten Anschlag versucht er mit der Gegenfrage zu legitimieren, was zur Hölle wir überhaupt hier wollen. „Gewinnen?“, biete ich ihm an (man merkt, das Astra wirkt langsam). „Wenn das [der Anschlagversuch, die Überheblichkeit; Anm. der Red.] mal nicht bestraft wird.“ (Ja, es wirkt, das Astra.)

Einen Fototermin, noch ein Astra und eine Pinkelpause später stürzen wir uns ins Geschehen in der HSH Nordbank Arena, früher AOL-Arena, noch früher Volksparkstadion, noch nie Uwe-Seeler-Stadion und bald Imtech Arena. Und so akribisch die HSV-Fans vor dem Spiel auch daran gearbeitet haben, meine Sympathien für ihren Verein zu schmälern, so sehr muss man sie für ihr Stadion und ihr Vorprogramm loben. Die Tribünen ragen noch steiler in den Himmel als in den meisten Arenen vom Reißbrett des 21. Jahrhunderts. Der weitgehend geschlossene Rundgang schafft Stadion-Atmosphäre à la Kino – nur ohne Samtvorhänge und wohlige Wärme. So wie man es in Zeiten der Retortenarchitektur eben liebt. Und auch für die Vereinshymne „Hamburg, meine Perle“ muss ich eine Lanze brechen, nachdem ich sie letztes Jahr noch als Lied bezeichnet habe, „dessen Metrum den Anmut und die Geschmeidigkeit eines Stückes Harzer Roller besitzt, eingewickelt in Schmirgelpapier“. Sorry dafür und Hut ab für die Live-Performance von Lotto King Karl sowie die Textzeilen „Du wunderschöne Stadt; Du bist mein Zuhaus’, Du bist mein Leben; Du bist die Stadt, auf die ich kann“.

Doch schon nach 13 Spielminuten schwappt die Schiffschaukel der Sympathie wieder in die andere Richtung. Pitroipa bedient Trochowski, der dafür sorgt, dass knapp 6000 Borussen noch bedienter aus der Wäsche blicken. Ich hatte vorher darum gebeten, „bitte nicht schon wieder in einer einstelligen Minute“ das erste Gegentor zu kassieren. Vielleicht hätte ich Primzahlen zwischen zehn und fünfzehn hinzunehmen sollen. Abenteuer. Mathematik. Jaja. Rötten führt die Rechnerei weiter und beginnt mit der exakten Aufschlüsselung, wie teuer solch ein Fußballspiel eigentlich ist. 36 Euro Eintritt, Bier, Essen – schnell ist er bei „circa einem Cent pro Sekunde“. Höflich erinnere ich ihn an unsere Anreise sowie das kostspielige Abendprogramm, das nach der Anfangsviertelstunde kräftig nach Frustabbau riecht.

Rund 15 Euro vergehen bis zur nächsten Richtungsänderung. Plötzlich läuft Reus frei auf Rost zu. Ein Lupfer, ein zappelndes Netz und ein Block ist in Aufruhr. Ich erleide mal wieder eine Tor-Amnesie, muss in der Pause erst einmal nachfragen, wer das Marin-Double auf die Reise zum Ausgleich geschickt hat. „Weiß ich auch nicht mehr“, offenbart meine Mutter ebenfalls einen Hauch von Gedächtnisverlust. Glück reduziert die Wahrnehmung eben aufs Wesentliche. Erstmals seit acht Auswärtsspielen hat Gladbach einen Rückstand ausgeglichen, das letzte Mal Anfang Mai in München, Endstand 2:1 für die Bayern.

Vor dem Spiel hatte uns eine junge Frau eine Hand voll After-Shave-Balsam-Proben in die Hand gedrückt. In der Halbzeit ruft das Gesicht bereits nach einer Erfrischung. Die Dame mit den Anträgen auf einen Organspendeausweis war derweil auf nicht so viel Resonanz gestoßen. Kein Wunder, schließlich dürfte aus dem Leib derart leidgeprüfter Fußballfans im wahrsten Sinne nicht mehr viel rauszuholen sein. Spätestens die nächste Dreiviertelstunde soll tausenden Fans ihre Spendetauglichkeit endgültig rauben. Noch ahnt es niemand.

Glück hat viele Eigenschaften. Es ist groß und klein, kommt plötzlich und kann genauso schnell vergänglich werden. Letztere Eigenschaft verschafft sich nur zwei Minuten nach der Halbzeit Gehör. „Wenn der rein geht, werde ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Bierbecher schmeißen“, kündige ich drastische Konsequenzen an. Zé Roberto legt sich den Ball zum Freistoß zurecht. Dann zeichnet er mit der Schusskurve kurzerhand die Westküste Australiens nach. Der Ball prallt von der Latte ins Tor. Entrüstet stehe ich auf, will flüchten. Mindestens bis Australien. Mit so viel Wut im Bauch, dass ich sogar den Becherwurf vergesse. Mein Weg führt mich jedoch nur auf den Ort der Stille. Entweder hat die Hälfte aller Auswärtsreisenden gerade den erneuten Führungstreffer verpasst oder aber Zé Roberto hat einen wahren Exodus eingeleitet. Alle Geschäfte sind bis auf weiteres vertagt. Stattdessen werde ich am Handy ein paar Flüche los, um nach gut 50 Minuten wieder da weiter zu machen, wo wir nach 13 bereits angelangt waren.

Ich mag Leberwurst nun wirklich nicht gerne. Aber wenn die nächste deutsche Metzgerei mehrere tausend Kilometer entfernt ist, überkommt mich nach einiger Zeit die Lust auf ein simples Brot mit mindestens zwei Zentimetern Leberwurst. Ähnliches trifft auf mein Verhältnis zu Karim Matmour zu. Spielt er, schreie ich nach seiner Auswechslung. Spielt er nicht, schreie ich nach seiner Einwechslung. Manch einer mag das inkonsequent nennen. Aber nach einer knappen Stunde beim HSV setzt das Leberwurst-Gefühl wieder ein. Wenige Minuten später wird mein Wunsch erhört. Frontzeck nimmt Colautti runter und bringt Matmour. „Wenn der den Colautti noch eiiinmaaal von Beginn an bringt, dann…“, suche ich nach einer geeigneten Sanktion. Mir fällt keine ein. Zudem weiß ich zu diesem Zeitpunkt nicht, dass der tödliche Pass auf Reus vor dem 1:1 tatsächlich von Colautti gekommen war. Doch die gefühlte negative Anzahl an Ballkontakten des Israeli hätte mich wohl auch so zu keinem anderen Schluss kommen lassen.

Nach 73 Minuten kommt Friend für Marx. Frontzeck zeigt weniger Auswärts-Demut als ich und gibt sich mit einer knappen Pleite nicht zufrieden. Dass Marx zudem am Rande einer gelb-roten Karte steht, habe ich nicht auf dem Zettel. Wie so vieles. Es hat ganz den Anschein, als hätte mein Gehirn Präventivmaßnahmen ergriffen und vorsorglich 8 Gigabyte für eine Stunde voller Ekstase freigehalten. Da schaut man live vor Ort so intensiv auf jeden Pass und jeden gelaufenen Meter, wie man es vorm Fernseher nie tun würde, geschweige denn könnte. Und trotzdem bleibt am Ende nur das hängen, was jeder nach 90 Minuten auf der Anzeigetafel nachlesen kann. Apropos Anzeigetafel: 65 zu 55 Prozent Ballbesitz für den HSV werden dort eingeblendet. Klingt nach einem One-Touch-Festival der Extraklasse, dürfte aber letztendlich doch ein abenteuerlicher Rechenfehler sein.

Den ersten Gigabyte nehmen sich Arango und Dante vor. Der Brasilianer wuchtet eine kurz ausgeführte Ecke seines venezolanischen Nachbarn in die Maschen. Dann spurtet er in die Kurve wie Usain Bolt, nachdem er als erster Mensch der Welt die 100 Meter unter neun Sekunden gelaufen ist. Der Torjubel kostet mich mindestens weitere 500 Megabyte. Rötten dreht seine Kostenuhr um ein paar Umdrehungen zurück, indem er einen Becher Bier auf Nils’ Hose und Jacke verteilt. Ich gehe leer aus, schließe vor lauter Freude dagegen erste Männerfreundschaften im gesamten Block 14B.

Drei Minuten vergehen bis zum nächsten Jubelmoment. Meeuwis kommt für Bobadilla. „Halten, jaaa!!! Halten! Halten! Halten!“, schießt es aus mir raus. Ich male mir freudig den Punktgewinn aus, berechne tollkühn, dass der Abend nach einem Unentschieden am billigsten wird, weil weder Frust noch ekstatische Überraschung die Ausgaben in die Höhe schrauben. „Halten! Halten! Halten!“ – meine Festplatte im Kopf fordert das erste Upgrade an.

Weitere drei Minuten später: Arango flankt erneut, Friend nimmt glänzend mit der Brust an. Dann schwingt er seinen rechten Fuß wie einen Putter an Loch 18 nach vorne. Rost ist beeindruckt. In meinem Kopf beginnen alle Kontrolllampen zu leuchten. Fehlermeldung 023 skandiert schon „Auswärtssieg! Auswärtssieg!“. Was danach kommt, erinnert an Schalke und Cottbus im Mai, nur ohne Existenzangst. Stattdessen wird der Block zum Bällebad bei McDonald’s. Rötten hat Gott sei Dank seit sechs Minuten schon kein Bier mehr in der Hand. Das Jubelprogramm fällt so intensiv aus, dass Nils’ Jacke nicht nur wieder trocken wird, sondern von Brandflecken überzogen sein dürfte. „Jaaaaaaaa! Jaaaaaaa! Jaaaaaa!“, mobilisiere ich alle Vokale in 400 Kilometer Umgebung.

Dass das Stichwort „Mathematik“ in der Google-Ergebnisliste für „Abenteuer“ so weit oben zu finde ist, dürfte ausschließlich den letzten Minuten in der HSH Nordbank Arena zu verdanken sein. Wie bei einem Tenniszuschauer wandern meine Augen hin und her. Spielfeld – Uhr. Spielfeld – Uhr. Spielfeld – Uhr. Knapp zwei Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit fange ich an, innerlich die Sekunden runter zu zählen. Kurz komme ich ins Stocken, weil Marcell Jansen einen Schuss nur knapp über die Latte setzt. Dann ist es vorbei. Ich schalte den Jubelmodus zwangsweise auf lautlos. Die Stimme ist weg. Und ich bin mir nun sicher, warum es viel schöner ist, pro Jahrzehnt eine übersichtliche Anzahl an Auswärtssiegen einzufahren. Stellen wir uns einfach vor, Weihnachten wäre jeden Sonntag und das Wochenende würde fünf Tage dauern. Wer bei der Google-Bildersuche „Abenteuer“ eingibt, dürfte spätestens auf der dritten Seite mein Kardiogramm von Samstag, 17:00 Uhr bis Samstag, 17:18 Uhr finden.

Wenn die Zeiten nicht so zäh, so anstrengend und so depressiv wären, würde ich mich im Laufe einer Negativserie einfach immer wieder an Minuten wie diese erinnern. Ich könnte alles schadlos überstehen, würde mich nicht eine Sekunde lang aufregen – weil ich wüsste, dass die Qual irgendwann entlohnt wird. Und das mit einem fetten Zinssatz. Irgendwie ist der Fußballgott doch gerecht.

Im Unterrang ist noch bis kurz nach sechs Chorstunde. Sieben Mal reiße ich mir meinen Schal vom Schal, recke ihn in die Luft, werde ein paar Strophen los. Dann kommen acht Spieler geduscht aus der Kabine, um sich zu bedanken. Was muss das für ein wohltuendes Gefühl sein, einmal nicht mit gesenktem Haupt in die Kurve zu gehen, um herauszufinden, ob die Fans den Daumen über der jeweiligen Leistung senken oder heben. An diesem Abend fällt das Urteil eindeutig und undifferenziert aus. Denn beinahe jeder dürfte seine Festplatte überbeansprucht haben. Das Ergebnis zählt. Wobei man sich für die Art und Weise des Zustandekommens beileibe nicht rechtfertigen muss.

Am nächsten Morgen wird mir schlagartig klar, warum die Borussia nur alle 15 Jahre in Hamburg gewinnt. Unsere Schädel sind spontan unter die Katzenzüchter gegangen. Die Mütze sitzt extrem eng. Jedes Jahr ein Auswärtssieg an der Elbe, das wäre wohl nicht zu meistern. Rötten ist ohne Haare aufgewacht – was uns allen aber nicht entgangen ist. Schließlich haben wir ihn sofort nach dem Spiel davon befreit. Nils und ich hatten – wie schon letztes Jahr – unsere Kopfbedeckung für fünf Tore der Borussia in die Waagschale geworfen. Rötten, der Brillen ohne Gläser trägt und generell nie Mineralwasser im Haus hat, war das nicht mutig genug. Drei Auswärtsstore ließen die Wolle verschwinden.

Auf der Rückfahrt schauen Nils und ich noch kurz bei einem Freund in Bremen vorbei. Den Schal und sogar das Trikot können wir in der Hansestadt offen tragen. Schließlich gehören wir ein wenig südlich von Hamburg zu den beliebtesten Akteuren des gesamten Fußballwochenendes. Erst Recht, weil Werder durch unseren Sieg am HSV vorbeigezogen ist. Überhaupt hat der Samstagabend so viele Glückwunsch-SMS gebracht, dass ich eigentlich einen Satz Danksagungen ordern müsste. Stattdessen werde ich es schnell an dieser Stelle los: „Für die lieben Wünsche und die netten Geschenke möchte ich mich, auch im Namen meiner Eltern, ganz herzlich bedanken“.

Als ich Sonntagabend im Halbschlaf durch die Haustür falle – noch immer das Trikot an, noch immer den Schal um den Hals -, fällt mir ein dicker Umschlag in meinem Briefkasten auf. Mir dämmert es. Das St.Pauli-Trikot, ein großzügiges Werbegeschenk des Ausrüsters Do You Football, ist angekommen. Wann genau, werde ich nicht mehr herausfinden. Samstag zwischen 15:30 und 17:15 Uhr – das hätte etwas von einem Omen. Wobei ich die Fans des HSV – trotz überraschender Überheblichkeit, die letztendlich ja doch bestraft worden ist – noch einmal loben muss. Eine ganze Nacht auf dem Kiez mit schwarz-weiß-grünem Schal um den Hals ist auf jeden Fall unversehrt zu überstehen. Danke dafür!

In einer Zeit, in der die meisten Stadien sich gleichen wie ein Ei dem anderen, in einer Zeit, in der ein Fußballtag nur noch aus Ritualen besteht, die mit Shuttle-Bussen, Einlasskreuzen und Imbissbuden zusammenhängen, in solch einer Zeit sind Auswärtsfahrten ein wahres Abenteuer. Der englische Autor Gilbert Keith Chesterton sagt: „Ein Abenteuer passiert dem, der es am wenigsten erwartet, das heißt dem Romantischen, dem Schüchternen. Insofern blüht das Abenteuer dem Unabenteuerlichen.“ Insofern werde ich mich wohl weiterhin ohne Ansprüche und Erwartungen auf die Reise machen. Entweder es passiert, oder es passiert nicht. Und wenn, dann tut es einfach nur gut.

03. November 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , | 12 Kommentare

Kommentare (12)

  1. Ich weiß nicht, ob ich dich hassen soll, weil du gar so viele Fehler begehst, die dir ein HSV Fan niemals vergeben kann.

    Oder soll ich dir gratulieren, weil du einen Artikel geschrieben hast, der jedem Fußballfan verdeutlich, daß man mindestens einmal im Leben seinen Verein auswärts begleiten sollte.

    Ich weiß es nicht…

  2. War ich etwa nicht diplomatisch genug?;) Die nächsten 16 Spiele + Europa League wünsche ich Euch ja wieder nur das Beste, genau wie die letzten Wochen. Aber zweimal im Jahr…

  3. Sehr schöner Artikel – mal wieder. Meine Expedition war mit zwei Kumpeln mit dem Wochenendticket von Berlin aus, Kegelclubs hatten wir zwar nicht zu “erleiden”, dafür aber auch ne Menge illustrer Begegnungen. Wirklich ein sehr ergreifendes Abenteuer, an welches man sich gerne zurückerinnern wird. War zum 1. Mal im Stadion, wirklich ganz nett gebaut. I was impressed. Aber Lotto King Karl? Geht ja mal gar nicht!

  4. Lotto mag ich auch nicht, Hamburg meine Perle habe ich schon seeeehr oft gehört.
    Aber: Es wird live vor der Tribüne gesungen! Nicht vom Band, nein live. Jedesmal. Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster: Das gibt es sonst nicht so häufig.

  5. ….und auf jedem Foto von Nils siehst du einfach richtig volltrunken aus :D

  6. herrlicher bericht-vielen dank! erinnert mich an baumis tor gegen bremen letztes jahr: dynamisch,ball eng am mann, alle umkurvt,übersicht gezeigt,abschlußstark,moment geniessen

    könnte gut sein, dass statt uli h. dr.m döpfner bei dir durchklingelt….dann mach aber bitte nicht den gleichen fehler wie baumi und bereite uns hier lieber weiter so viel freude

    ich freu mich jetzt schon auf den nächsten fohlen sieg, nicht nur wegen der punkte:-)

  7. @Peter Wynhof: Danke! Wie sangen die Toten Hosen einst? “Wir würden nie zum FC Bayern München geh’n…” – und außerdem sind meine Sätze doch viel zu lang für Springer.

    @Chrissi: Jetzt les’ Dir nochmal den Bericht durch und frag’ Dich, warum;)

  8. das heißt lies und nich lese du fr-fr-fr-frandschefl… das habe ich bereits getan… war ja auch nich negativ gemeint ;)

  9. Alles schön und gut, die Zahlen kann man ja nicht abstreiten. Was ich mich nur frage: Läuft nicht etwas falsch, wenn ein Mann wie Colautti hinter Bobadilla agieren soll? Aufgrund der Beschreibung von Fohlen-Hautnah würde ich jetzt mal sagen, dass Colautti dann wohl am besten mit Rob Friend harmonieren würde. Vielleicht wäre das ja mal den Versuch wert, der uns unter Umständen alle zufrieden stellt.;)

  10. Ne, glaub nicht, ohne Boba bin ich nicht zufrieden, auf den setz ich große Stücke (allerdings muss ich selbstkritisch gestehen, dass ich ich das auch fast bis zum Schluss bei Wesley Sonck getan habe…).
    Und Friend und Colautti hat nie funktioniert, wenn es denn mal probiert wurde. Trotz der theoretischen Überlegungen.
    Hach, Zahlen und Theorie sind Schall und Rauch.
    Und das hier ist ja eigentlich ne Artikel-Kommentier-Funktion, und keine Sturm-Duo-Diskutier-Vorrichtung.
    Letztendlich nützt ja auch alles nix, nur Tore in der Praxis werden uns alle zufrieden stellen, egal von wem.
    In diesem Sinne: Auswärtssieg in Frankfurt!

  11. Pingback: Im Zweiten wird’s wohl besser – 28. Akt: Genugtuung³ at Entscheidend is auf’m Platz

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