Im Zweiten wird’s wohl besser – 12. Akt:
Ein Schuss, kein Tor, Borussia

Gladbach Motivbild

Gladbach 0:0 Stuttgart – keine Tore, eine Wunderheilung, eine Chronik des Nichts, viel Licht, wenig Schatten und ein Deal mit dem Schicksal.

Die Nordkurve steht, unten wie oben. Minutenlang peitscht das „Mönchengladbach Olé“ von den Rängen wie bei einer Bahnhofsdurchfahrt eines ICE in Mülheim-Styrum. Es ist wieder Leben drin bei der Borussia. Gegen Köln sei das phasenweise auf den Rängen schon so gewesen, sagen die, die da waren. In Hamburg wurde die Hansestadt binnen 90 Minuten zur niederrheinischen Jubel-Exklave. 6000 erlebten es hautnah. Nun stimmt das Verhältnis von Sturm und Drang wieder auf beiden Seiten – am Samstagnachmittag bei 47000 neben und elf auf dem Platz.

Das Spiel gegen den VfB Stuttgart hat bloß einen einzigen, aber dennoch entscheidenden Haken: Für den DFB sind bei der Erstellung der Bundesliga-Tabelle ausschließlich Tore relevant. Fallen keine, hätte man es sich praktisch sparen können, die Stadiontore aufzuschließen. All die Bratwürste wären nicht verkauft worden. Kein Busfahrer hätte sich hinters Steuer setzen und zwischen Bahnhof und Borussia-Park pendeln müssen. Niemand hätte sich an irgendwelche Ritualketten gehalten, um sich im Notfall keine Vorwürfe zu machen. Kein Medienvertreter wäre gekommen. Thomas Gottschalk hätte noch ungenierter überziehen können, weil das Aktuelle Sportstudio weniger Sendezeit benötigt hätte.

Doch paradoxerweise macht ja genau dies den großen Reiz des Fußballs aus. Man investiert fünf Stunden seines Lebens, freut sich tagelang auf ein Spiel, fährt am Ende schweißgebadet und völlig aufgewühlt nach Hause – obwohl letztendlich rein gar nichts passiert ist. Auf ein 0:0 hätte man sich schließlich bereits im Vorfeld einigen können. Weniger Ausstoß von Treibhausgasen durch den VfB-Bus. Größere Lebenserwartung. Kein Müll auf den Straßen. Aber das wollen wir nicht. Wir wollen leiden, zur Not auch für nichts. Es ist Fußball mit 90 Minuten, ein bisschen Nachspielzeit und einem absehbaren Ende. Kein Eishockey, wo in den Playoffs unter Umständen so lange gespielt wird, bis Kinder, die in der ersten Drittelpause gezeugt wurden, noch vor dem Sudden Death das Licht der Welt erblicken.

Und so sieht sie dann aus – die Chronik der Null auf beiden Seiten:

0. Minute
Es pfeift Schiedsrichter Günter Perl. Dreht er sich nach rechts, hat er den Schalk im Nacken – und schaut seinem anderen Assistenten Maier ins Gesicht.

7. Minute:

Dante macht den Long-Distance-Colautti und schickt Reus auf die Reise. Der 20-Jährige hat keine Lust auf eine Kopie seines Treffers zum 1:1 beim HSV. Kein Lupfer diesmal, dafür ein Schlenker und ein Linksschuss, der am rechten Pfosten vorbeitrudelt.

8. Minute:
Friend probiert sich als Reus-Double, kommt nicht in den Recall. Stattdessen schnappt sich Matmour – für den verletzten Bobadilla in der Startelf – den Ball und kopiert die vorhergegangene Chance mit Bravour. Hält den gelben Zettel mit Honigkuchenpferd-Grinsen in die Kameras.

9. Minute:
Eine Arango-Ecke vollendet den Chancen-Hattrick zum Auftakt. Brouwers verlängert auf den langen Pfosten. Dort sind sich Bradley und Friend uneinig, berufen einen Nordamerika-Gipfel ein. Bradley, Amerikaner, behauptet, dass Friends Heimatland, Kanada, in Wirklichkeit doch nur der 51. US-Bundesstaat sei. Stalteri soll schlichten, trifft verletzungsbedingt jedoch erst in der 11. Minute am Ort des Geschehens ein. Mittlerweile ist die Kopfballverlängerung von Brouwers dahingesiecht.

17. Minute:
Levels hat seine berüchtigten fünf Fußballgott-Sekunden. Lässt nach einem langen Ball Boka stehen, der ihm hinterher blickt wie ich zu Schulzeiten der Buslinie 071. Erst nach sechs Sekunden erreicht er den Strafraum, wird wieder geerdet und passt schlampig auf Friend zurück. Immerhin Ecke.

18. Minute:
Reus kommt nach der Hereingabe von Außen zum Schuss, zieht sich im Zuge einer Luftverwirbelung eine Blessur zu. Wenn Spieler am Boden liegen und vor Schmerzen auf den Rasen schlagen, dann ist das entweder kein gutes Zeichen oder eine neuartige Marotte. Reus plädiert für Ersteres und humpelt vom Platz. Sieht nicht gut aus. Frontzeck schickt Neuville, Lamidi und Colautti zum Warmmachen.

19. Minute:
Pogrebnyak hat nach Vorarbeit von Hitzlsperger die VfB-Führung auf dem Fuß. Der Russe nimmt den rechten statt den linken und sieht dementsprechend schlecht aus. Als Reus zurückkehrt, hat sich an seinem lädierten Laufstil noch nichts geändert.

21. Minute:
Reus winkt mit schmerzverzerrtem Gesicht in Richtung Bank wie Frank-Walter Steinmeier nach der Bundestagswahl im Willy-Brandt-Haus in die Menge.

22. Minute:
Frontzeck droht mit Colautti.

23. Minute:
Im Fuß von Marco Reus spielt sich ein Wunder der Medizin ab. Humpelnd wagt er den Antritt gegen drei Stuttgarter. Delpierre will sich aus Mitleid schon mustern lassen und Zivildienst leisten, da hört das Humpeln plötzlich auf. Reus ist vorbei an Gott und der Welt, zieht von der Strafraumgrenze ab. Haarscharf vorbei! Drohung geglückt. Colautti zieht sich wieder an.

36. Minute:
Die Wunderheilung aus der 23. Minute lähmt scheinbar das Spielgeschehen. Stuttgart tendiert zu Parteiball, Gladbach hält sich politikverdrossen aus der Angelegenheit raus. Es passiert wenig.

41. Minute:
Hitzlsperger stellt seinen Spitznamen „The Hammer“ pantomimisch dar. Um mehr Eindruck zu schinden, tätowiert er ihn obendrein auf Friends Allerwertesten, der den Schuss in höchster Not abblockt.

43. Minute:
Der VfB arbeitet sich in der Torschuss-Statistik vor. Da darin alles vermerkt wird, was mit der Intention abgegeben wurde, ein Tor zu erzielen, fließen auch die etlichen Field-Goal-Versuche ein. Das Netz wackelt ein ums andere Mal. Zumindest das Fangnetz.

45. Minute:
Reus arbeitet nach langer Zeit wieder am Chancenkonto. Marin-like zieht er von links in den Strafraum, in der Mitte lauert Matmour. Boka klärt in letzter Sekunde von der Torlinie in Lehmanns Arme (der sich mit Sicherheit über seine erste Erwähnung freut). Manch einer fordert einen indirekten Freistoß. Doch noch ist es nicht strafbar, es in Kauf zu nehmen, dass ein Klärversuch rein zufällig die Arme des Torhüters findet.

45. Minute +1:
Jens Lehmann, dem Fast-Vierziger, passt es gar nicht, dass er in Hälfte eins so selten erwähnt wird. Nachdem Reus im Strafraum zu Boden gegangen ist, ergreift der Zettelkönig der Nation kurzerhand ein paar Erziehungsmaßnahmen. Das asyndetische Trikolon aus der Nordkurve ist ihm sicher. Hier in der FSK 12-Version: „Afteröffnung, Masturbierender, Sohn einer Prostituierten“.

48. Minute:
Und immer wieder Marco Reus. Die Borussia beginnt wie in der ersten Halbzeit – druckvoll, erobert schnell den Ball und spielt noch schneller nach vorne. Genauso schnell wie Matmour auf Arango gepasst hat und dessen Flanke in den Strafraum gesegelt ist, hat sich Reus für den falschen Fuß entschieden. Mit rechts ist ihm das 1:0 sicher. Mit links macht er dagegen den Pogrebnyak und vergibt die bislang dickste Gelegenheit des Spiels.

50. Minute:
Arango mit einem feinen Pass auf sich selbst – Bradley hatte im Abseits gestanden und zuvorkommend verzichtet. Die butterweiche Hereingabe des Venezolaners will Friend mit dem Kopf verwerten. Doch Lehmann rettet alles andere als greisenhaft mit einer Glanzparade. Den Nachschuss vergibt Marco Reus – trotzdem zusammen mit Dante bester Borusse.

53. Minute:
Apropos Dante. Aus gegebenem Anlass wird ihm die 53. Minute gewidmet. Die war noch frei. Der Brasilianer ist, so offen muss man das mal sagen, schlichtweg ein Tier, ein Typ und ein Teufelskerl. Läuft ab, was abzulaufen ist. Grätscht weg, was wegzugrätschen ist. Und ab und zu rauscht er eben auch bei Standards heran und stellt mit einem urkräftigen Kopfball klar, warum der Fußball nicht ohne Worte wie fulminant und furios auskommt.

57. Minute:
Am 19. September 2009 staubte Roberto Colautti um circa 15:47 Uhr zum 2:0 gegen 1899 Hoffenheim ab. Seitdem hat der Borussia-Park keinen Treffer seiner Namensgeberin mehr bejubeln dürfen. Macht mit dem Rest von Hoffenheim, den Spielen gegen Duisburg, Dortmund und Köln sowie den ersten 57 Minuten gegen Stuttgart insgesamt 400 Minuten. Chapeau.

63. Minute:
Jaurès hat nach 406 Heim-Minuten Torlosigkeit scheinbar die Schnauze voll. Mit seinem gefühlt ersten Torschuss, seit er für Gladbach spielt, verfehlt der Franzose aus 25 Metern den Kasten nur knapp.

70. Minute:
Wie schon im ersten Durchgang verflacht die Partie Mitte der zweiten Hälfte erneut. Stuttgart ist nicht wirklich in der Lage, selbst das Heft in die Hand zu nehmen. Dagegen bereitet der VfL – so hofft man zu diesem Zeitpunkt inständig – die Schlussoffensive vor.

71. Minute:
Neuville kommt für Matmour.

73. Minute:
Pogrebnyak sucht an der Strafraumgrenze seine Kontaktlinsen, merkt dann jedoch, dass er gar keine trägt. Aus Versehen stochert er den Ball zu Kuzmanovic, der mit Urgewalt den rechten Pfosten trifft. Schieber scheitert im Nachschuss. Vor lauter Chancen und ansehnlichem Fußball werden alle Borussen kurzzeitig geerdet und atmen durch.

79. Minute:
Hleb – völlig zu Recht bislang keine Erwähnung wert – schickt Pogrebnyak. Doch Bailly schaut sich die alt-sowjetischen Verbrüderungsversuche nicht lange an und hechtet aus dem Tor, als habe das ganze Stadion vehement die Dreieck-Taste eines geistigen Playstation-Controllers gedrückt.

86. Minute:
Letzter und, mal eben nachzählen, insgesamt zehnter Akt des Gladbacher Chancenreigens. Nach einem Einwurf köpft Bradley traumhaft in den Lauf von Reus. Doch der lässt gerade so viel Ungenauigkeit walten, um Neuville in die Hacken zu spielen. Übrigens einer von nur sieben Ballkontakten des Oldies. Ich will hoffen, dass man noch nicht wirklich das diagnostizieren muss, was man intuitiv diagnostizieren will, wenn man auf Neuvilles Alter blickt und ihn in den letzten Wochen spielen sieht. Wenn er denn mal darf. Falls sich dieser Eindruck bewahrheiten sollte, geht da wohl gerade die Identifikationsfigur der Borussia-Park-Ära ihrem sportlichen Ende entgegen. Fußballgott, lass’ es noch nicht so weit sein.

90. Minute + 1:
Aus. Ende.

Ergebnisse sind verhandelbar. Das hat bereits das letzte Wochenende in Hamburg gezeigt. Erst genügend Demut und Bescheidenheit zeigen, anschließend belohnt werden. Vielleicht lässt sich dieser Deal ja auf den Rest der Saison oder zumindest der Hinrunde ausweiten. Man nehme den Trend der Spiele gegen Wolfsburg, Köln, Hamburg, Stuttgart und konstatiere erst einmal: Der VfL ist wieder da. Nach dem eindeutigen Höhepunkt gegen den HSV stehen einem Punkt gegen den VfB eindeutig zwei verlorene gegenüber. Das ließe sich verkraften, wenn die Borussia ein Versprechen abgibt. Und versichert, dass Auftritte wie dieser – spielstark, dynamisch, hinten gut – kein Intermezzo sind. Anders noch als zu Saisonbeginn.

08. November 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , | 4 Kommentare

Kommentare (4)

  1. Auch wenn man Stuttgart im Moment gerne als Gegner hat sind sie angeschlagen auch gefährlich. Seht es eher als Punktgewinn und betrauert nicht die zwei verlorenen.

    Seit heute Abend steht ja zum Glück der Effzeh wieder vor der Borussia, da kann man auch als kölner den Punkt gönnen. Wir wollen ja dann doch nächstes Jahr auch wieder zwei Derbys sehen ;-)

  2. Pingback: I know nothing « angedacht

  3. Hi Jannik,

    echt cool, deine Spiel- und Fahrtenberichte. Irgendwie brauchte ich den 071 Wink um mal auf das Impressum zu klicken. N´schönen Gruß ins schöne Anrath und auf nen sichereren Klassenerhalt als im letzten Jahr.

    Respect

    Jameiker

  4. Hi Herbert,

    danke! Jetzt fällt mir erstmal auf, dass ich da noch was ändern müsste. In Anrath werden die Grüße nämlich nicht angekommen sein, studiere und wohne jetzt in Dortmund.;)

    Gruß

    Jannik

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