Biermanns Suche nach dem perfekten Spiel

Im Rahmen seiner Lesereise zum Buch „Die Fußball-Matrix“ war Christoph Biermann zu Gast im Dortmunder FZW. Mit Spieleanalytiker Christofer Clemens holte sich der Journalist und Autor einen starken Partner ins Boot. Doch trotz dessen Hilfe bleibt das perfekte Spiel weiter unentdeckt.

Ein Ordner für den „Spiegel“, ein Ordner für die „taz“, ein Ordner für „11Freunde“. Im Laufwerk des Laptops von Christoph Biermann geht es wohlgeordnet zu. Kein Wunder, denn „einer der besten deutschen Fußballautoren“, als den ihn das Magazin „11Freunde“ Ausgabe für Ausgabe unter seiner Kolumne preist, muss irgendwie den Überblick behalten. Von Krise ist keine Spur. Derzeit befindet sich der 49-Jährige auf Lesereise und „auf der Suche nach dem perfekten Spiel“. So lautet der Untertitel seines neuesten Werkes „Die Fußball-Matrix“, das er am Montagabend im Dortmunder FZW vorgestellt hat.

Während andere Fußballautoren virtuos über ihre Liebe zum Spiel schreiben, wie echte Zehner, die scheinbar mit dem Ball über das Spielfeld schweben, dann ist Christoph Biermann ein Typ Sechser. Bis aufs Detail seziert er – mit nicht minder großer Zuneigung – die Seele des Sports. Er verteidigt und er greift an. Eine Schaltzentrale zwischen den Genres. Eben einer der besten. Mit einem Zitat von Martin Walser pfeift Biermann die Partie im FZW an. „Sinnloser als Fußball ist nur noch eins: Nachdenken über Fußball“, hat der Schweizer einmal gesagt. Anlass genug, diese Aussage 90 Minuten lang beherzt zu revidieren. Denn exakt so lang dauert ein Leseabend mit dem Spiegel-Mitarbeiter, Taz-Kolumnisten, Süddeutsche-Korrespondenten, Einslive-Experten und 11Freunde-Autor, der „Fast alles über Fußball“ weiß.

Da Biermann kein Mann für ausschweifende Monologe ist, dafür blendend Fragen stellen und noch besser zuhören kann, hat er sich Besuch auf die Bühne geholt. Christofer Clemens arbeitet für den Fußball-Dienstleister „Mastercoach International“ und ist Mitglied des DFB-Trainerstabs. Der Name der Firma umschreibt seine Aufgaben eigentlich zu Genüge. „Coachen“ ist seine Aufgabe – also verbessern, anregen und analysieren. Das alles auf „Master“-Niveau und international, also weit über die Grenzen des deutschen Fußballs hinausgehend.

Wenn die Nationalmannschaft sich ab heute auf die letzten beiden Länderspiele des Jahres vorbereitet, bedeutet das für Clemens wieder haufenweise Arbeit. „Die Spieler schauen sich prägnante, kurze Ausschnitte an, die zeigen, was die gegnerische Mannschaft ausmacht“, erzählt der Spieleanalytiker. Böse Überraschungen sollen so minimiert werden. Was jedoch nicht immer funktioniert, siehe das Russland-Spiel. „Auch Arne Friedrich und Jerome Boateng war klar, was ein Bystrov auf der linken Seite bewirken kann“, sagt Clemens. Dass man Erfolg nie garantieren, aber die Wahrscheinlichkeit erhöhen kann, darin sehe er den Reiz seiner Arbeit.

Gemeinsam mit Biermann gewährt der DFB-Coach Einblicke in die Errungenschaften der Spielanalyse. Einmal wuseln rote und weiße Kreise wie elektrisierte Oblaten über den Platz. Plötzlich landet die kleinste Oblate im Tor. Bayern hat gegen Bayer getroffen, oder doch Bayer gegen Bayern? So genau muss man das erst einmal feststellen. Wenig später lässt Clemens die Zahlen spielen. Während manch einer es liebt, die Zusammenhänge des Brotverzehrs einer Stadt in Relation zum Erfolg des heimischen Teams zu stellen, hat das Wirrwarr in den Tabellen des „Mastercoaches“ einen sittlichen Nährwert. Beim Spiel der Argentinier in Frankreich befand sich Lionel Messi exakt 2 Minuten und 12 Sekunden in Ballbesitz. „Ein überragender Wert“, weiß Clemens. Woher er das weiß? „Ein durchschnittlicher Bundesligastürmer kommt pro Spiel gerade einmal auf 40 bis 50 Sekunden.“

Die Abspiele pro Schuss, der Abstand zwischen zwei Läufen hoher Intensität – nichts bleibt mehr ungewiss. Knapp drei Minuten bleiben einem Spieler nach einer Tempoverschärfung bis zur nächsten. Ob das nun viel oder wenig ist, wird wohl allein eine Einheit auf dem Sportplatz beantworten können. Schnell laufen, drei Minuten Pause, schnell laufen und das über 90 Minuten. Selbst ein Amateur komme auf acht, neun Kilometer pro Partie, verrät Clemens, bei der WM 2006 Co-Autor von Jens Lehmanns legendärem Zettel.

Ob die ganzen Daten nicht irgendwann einen „Overkill“ bei den Spielern verursachen würden, will Biermann wissen. „Nein“, meint sein Gesprächspartner. „Die sind alle im digitalen Zeitalter aufgewachsen.“ Im Gegenteil seien es die Profis selbst, die nachhaken und ihre Werte anschauen. Anders als Karl-Heinz Rummenigge es in die Welt gesetzt hat, ist Fußball auf diese Weise manchmal doch Mathematik. „Früher, also vor zwei Jahren“, erklärt Clemens schmunzelnd, „brauchte ein Bundesligaspieler 1,6 bis 2 Sekunden, um den Ball weiterzuspielen. Arsenal dagegen nur 1,0.“ Wenn man bedenke, dass 0,05 Sekunden genügen, um eine Fußspitze schneller am Ball zu sein, sei das schon ein Quantensprung.

Zum Schluss kommen sogar Verschwörungstheoretiker auf ihre Kosten. Eine simple Excel-Tabelle bringt den Stein ins Rollen. Biermann zeigt den Kader der deutschen U15-Nationalmannschaft, nach Geburtsdaten geordnet, und verweist nach ganz unten. Dort steht der Name von Kevin Holzweiler, Borussia Mönchengladbach, geboren am 16. Oktober 1994. Damit ist der 15-Jährige der einzige, der im letzten Quartal des Jahres das Licht der Welt erblickt hat. „Siebzig Prozent aller Spieler bei der U17-WM sind sogar im ersten Quartal geboren“, wirft Clemens, gerade erst zurück aus Nigeria, die nächste Zahl in den Raum, die nur auf den ersten Blick ein Fall für das NEON-Buch „Unnützes Wissen“ zu sein scheint. Denn tatsächlich sorgt der Jahresbeginn als Stichtag für die frappierende Ungerechtigkeit. Früher wurden die Jahrgänge parallel zum Saisonbeginn getrennt. Drei von vier Ehrenspielführern des DFB seien im letzten Quartal geboren, sagt Biermann. Nur ein Lothar Matthäus tanzt im März aus der Reihe.

In letzter Instanz fündig geworden „auf der Suche nach dem perfekten Spiel“ sind die beiden auch an diesem Abend nicht. 2006 hätten mit Deutschland, Italien, Frankreich und Portugal durchweg gut organisierte Mannschaften das WM-Halbfinale erreicht, blickt Clemens zurück. Spanien habe deshalb bei der EM 2008 Handlungsmöglichkeiten in der Offensive geschaffen und sei dafür belohnt worden. Wer nach dem perfekten Spiel sucht, muss also auch immer berücksichtigen, was er bereits vor ein paar Jahren gefunden hat. Somit variieren die Erkenntnisse von Zeit zu Zeit. Und wir stellen erleichtert fest: Der Fußball-Globus wird sich weiterdrehen. Trotz Wusel-Oblaten und Messis 132 Sekunden.

10. November 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Auf'm Nebenschauplatz | Schlagwörter: , , , | 4 Kommentare

Kommentare (4)

  1. ist das ne arbeit für dein studium? denn es weicht von deinem normalen stil ab, gefällt mir trotzdem.

  2. Denke, das dürfte vor allem an den wörtlichen Zitaten liegen. Die sind ja ansonsten eher rar.;) Ist aber völlig freiwillig geschrieben.

  3. Ich liiiiiiiebe Zahlen!
    Danke für den tollen Artikel.

    Kevin Holzweiler habe ich übrigens im Januar hier in Magdeburg beim Matthias-Pape-Hallen-Gedenkturnier (http://www.pape-cup.de Deutschlands größtem Hallenturnier für C-Jugendliche, 13 Bundesligisten nahmen teil) erleben dürfen. Er war eine Augenweide und wurde verdient zum Besten Spieler des Turniers gewählt, obwohl der VfL im Halbfinale ausgeschieden war.

  4. Pingback: mancos « angedacht

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