Wenn eine Schublade fehlt

Zum Tod von Robert Enke.

Unsere Lebenserfahrungen sind ein Aktenschrank. Mehr oder minder sorgfältig ordnen wir sie in Schubladen ein, beschriften sie – und greifen darauf zurück, wenn es notwendig wird. Entweder übernehmen wir die Erfahrungen dann als Leitfaden, hangeln uns an ihnen entlang wie an einem Seil auf einer wackligen Hängebrücke. Oder aber wir setzen den Tipp Ex an, radieren hier und da ein bisschen herum, machen Notizen am Rand, um es dieses Mal noch einen Tick besser zu machen.

Fußball-Fans, der DFB, die Medien, prinzipiell alle, die sich in irgendeiner Weise betroffen fühlen, haben am Dienstagabend die Erfahrung gemacht, dass ihnen eine wichtige Schublade fehlt. Eine Schublade, in die sie den Tod von Robert Enke irgendwie einordnen könnten. Eine Schublade, die ihnen konkret mitteilt, was nun richtig, falsch oder auf gewisse Weise beides ist. Denn es gibt keinen vergleichbaren Fall. Und so musste eine Fußball-Nation, in weiten Teilen eine ganze Gesellschaft nun wie wild im Aktenschrank ihrer Lebenserfahrungen wühlen. Sie musste sich notdürftig einen Flickenteppich aus möglichen Verhaltensweisen zusammennähen, um sich letztendlich zu großen Teilen doch auf ihre Intuition und ihren – zumeist gesunden – Menschenverstand zu verlassen.

Als im März 15 Menschen beim Amoklauf von Winnenden starben, sah das anders aus. Fast genau sieben Jahre zuvor hatten die Ereignisse am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt in unseren Köpfen eine Schublade kreiert, aus der wir uns nun wieder bedienen konnten. Dieselben Fragen und Erklärungsversuche wurden erneut aufgewühlt. Dieselbe Art der Erschütterung ging durchs Land. Und erneut mussten wir feststellen, wie hilflos wir doch sind.

Was 2002 in der Berichterstattung über Erfurt falsch gelaufen war, konnte in Winnenden korrigiert werden. Johannes B. Kerner wird realisiert haben, dass er diesmal besser keinen elfjährigen Augenzeugen in seine Sendung einlädt. Andererseits sorgten gewisse Handlungen in der Medienbranche für heftige Kritik. Fotos der Opfer wurden ohne Rücksicht auf Persönlichkeitsrechte aus sozialen Netzwerken kopiert und – noch gravierender – ohne Zustimmung in der Zeitung veröffentlicht.

Die Tragik des Selbstmords von Robert Enke mag zwar in einem anderen Verhältnis stehen. Die Mechanismen, die in der Folge eines solch überraschenden wie erschütternden Ereignisses in Gang gesetzt werden, unterscheiden sich jedoch nicht allzu sehr. Wo endet der Informationsbedarf der Öffentlichkeit? Wo beginnt die Sensationslust? Die Grenzen verschwimmen. Alle Welt tappt durch eine neblige Grauzone, sieht kaum die Hand vor Augen. Wer Woche für Woche, oder besser Spieltag für Spieltag eine gewisse Form der Sehnsucht auf einen Torwart wie Robert Enke, eine Person des öffentlichen Lebens, projiziert hat, der besitzt zumindest ein oberflächliches Recht auf Erklärung. Ohne anmaßend zu sein, ist die Stellung eines Nationalspielers in der Gunst des öffentlichen Interesses eine andere als die unserer Nachbarn, Metzger oder Briefträger. Neustadt-Eilvese, Suizid, schwere Depressionen, 2003, Abschiedsbrief – das sind die Oberbegriffe dessen, was wir wissen, und worauf wir ein Anrecht haben. Insofern es so etwas überhaupt gibt. In etwa hier dürfte die besagte Grenze verlaufen.

Die letzten knapp 48 Stunden haben gezeigt, dass es einfach keinen goldenen Weg der Bewältigung gibt. Wir wissen, dass der Handlungsspielraum die Absage eines Länderspiels beinhaltet. Gleichzeitig endet er ein paar Meter vor dem, was beispielsweise Johannes B. Kerner gestern Abend in einer überflüssigen Sondersendung fabrizierte. Doch auch Gegenteiliges stößt nicht nur auf Zustimmung. Für seine wohltuende Berichterstattung – oder auch Nicht-Berichterstattung – musste sich “11 Freunde” Vorwürfe der Doppelmoral gefallen lassen. Kritik stößt wiederum selbst auf Kritik. Die Meinungen prallen aufeinander, weil jeder eine Erklärung sucht. Möglichst die beste von allen.

Wir sollten uns, zumindest bevor überhaupt auch nur ein einziger Grashalm über die Ereignisse gewachsen ist, eingestehen: Wir haben keine Erklärung dafür. Ähnlich lauteten die Worte von Johannes Rau auf der Trauerfeier zum Amoklauf von Erfurt. Einfach inne halten, das mag zunächst den Eindruck erwecken, dass man verdrängt. Dabei ist es an Tagen wie diesen die angemessenste aller Lösungen. Ruhe in Frieden.

12. November 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Einwurf | 5 Kommentare

Kommentare (5)

  1. Hallo Jannik,

    Danke für Deine wohltuend anderen Zeilen. Bei Deinen anderen Berichten schmeiße ich mich sonst weg – vor Lachen. Aber hier hast Du gezeigt, daß Du auch die nachdenklichen Töne genauestens triffst. Den Artikel auf “11 Freunde” fand ich auch sehr schön. Und den Gedanken eines Lesers, die Seite für 24 Stunden abzuschalten und nur ein Bild Roberts zu zeigen, zumindest überlegenswert.

    Letzte Woche Montag und Dienstag war ich wegen depeche mode in Hannover und wollte mir eigentlich 1 Stunde Zeit nehmen, um Mikael Forssell, Jan Schlaudraff, Jörg Schmadtke und Robert Enke beim Training zu besuchen um mir einige Fotos und Broschüren signieren zu lassen. Leider reichte meine Zeit nicht und ich war anschließend sehr verärgert. Heute bin ich froh, denn offensichtlich hatte Robert ganz andere Sorgen, als Autogramme zu schreiben. Ich hoffe, daß er all die Last, die er nicht länger tragen wollte, jetzt los ist.

    Meine Gedanken gehen jedoch auch an den Lokführer, der in den ganzen Medien nirgendwo erwähnt wird und mit der ganzen Sache gar nichts zu tun hätte haben sollen.

    Nebenbei, das DSF ist für mich der allerletzte Fernsehsender. Sendet tatsächlich live from Unglücksort. Wie tief kann man sinken?

    Ruhe sanft, Robert.

  2. Sowohl inhaltlich als auch sprachlos höchst beeindruckend, was du hier von dir gibst!

    In jedem Fall das Beste, was es zum Tod Robert Enkes, zu dem weder Schweigen noch Kommentieren angebracht zu sein scheint, zu lesen gibt.

  3. Sorry, “sprachlich” natürlich, nicht “sprachlos”…

  4. Pingback: foolsmoon.de » Blog » Nicht der Fußballer Robert Enke hat seinem Leben ein Ende gesetzt, sondern der Mensch!

  5. Pingback: “Wir haben doch noch unser ganzes Leben Zeit” – Ein Jahr nach dem Tod von Robert Enke at Entscheidend is auf’m Platz

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