Nach Enkes Tod: Es dreht sich weiter

Ein unnormal-normaler Abend in der Veltins-Arena.

Zu den meistzitierten Sätzen der letzten Tage gehörte zweifellos einer, den Bischöfin Margot Käßmann erstmals in der Marktkirche von Hannover in den Mund nahm, und den DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger in seiner Trauerrede am darauffolgenden Sonntag wiederholte: „Fußball ist nicht alles“. Kaum jemand hätte dies nicht unterschrieben.

Ortswechsel, gestern Abend auf Schalke. Der Novemberwind vor der Veltins-Arena bläst nicht frostig, aber äußerst kräftig. Krampfhaft verstecken ein paar Zeitschriftenverteiler ihre Köpfe zwischen den hochgezogenen Schultern. In ihren Händen halten sie das offizielle Programmheft des DFB. Stapelweise. Auf dem Titel finden sich keinerlei Hinweise auf ein Länderspiel, das in wenigen Minuten im vergleichsweise wohligen Inneren der Arena angepfiffen wird. Ganz in schwarz-weiß blickt Robert Enke vom Cover. Ebenfalls etwas fröstelnd, aber dennoch ziemlich zuversichtlich.

Auch die ersten Seiten des Heftes stehen ganz im Zeichen der Ereignisse, die mit dem Abend des 10. November begannen und am Vormittag des 15. so etwas wie einen Abschluss fanden. Zumindest ist seitdem eine Art Abebben zu vermerken. Langsam, aber sicher. Ein Übergang von Trauer zu Verarbeitung. Wie so oft hat der Abschied von einem Menschen am Tag seiner Beisetzung genauso aufgerüttelt wie die Nachricht von seinem Tod. Ähnlich stark, aber dennoch anders.

Auf Seite drei begrüßt DFB-Präsident Zwanziger die Zuschauer. Viermal fällt der Name Robert Enke, zweimal ist von der Elfenbeinküste die Rede. Doch Nachzählen taugt in diesem Fall kaum, um realistisch darzustellen, in welchem Verhältnis die beiden Schwerpunkte wirklich stehen. Auf der einen Seite ein Fußballspiel, auf der anderen der Tod eines Mannes, der zu den aussichtsreichsten Kandidaten gehörte, bei der WM in Südafrika für die deutsche Nationalmannschaft im Tor zu stehen.

Auf Seite sieben hat der DFB den Abschiedsbrief der Mannschaft an Robert Enke gedruckt. Schon mittags war er beispielsweise im Videotext zu lesen. Worte, die erneut aufrütteln. Die Seiten acht, neun, zehn und elf – eine Zusammenfassung der Ereignisse; Michael Ballack und Per Mertesacker; Oliver Bierhoff, Joachim Löw und Jürgen Klinsmann; ein Meer aus Kerzen; Franz Beckenbauer, Steffi Jones und Wolfgang Niersbach; Robert Enkes Mannschaftskameraden von Hannover 96. Auf Seite zwölf steht es erneut: „Fußball ist nicht alles.“ Zwanzigers Rede im Wortlaut. Und auf den Seiten 14 und 15 sagt Landesbischöfin Margot Käßmann sinngemäß: „Fußball ist nicht alles.“

Dann weht der erste Hauch von Normalität durchs Schalker Stadion. Viele Anhänger der Königsblauen haben es wohl noch nie so leer gesehen. Gegen den FC Gomel in der ersten Runde des UEFA-Cups kamen einst 52.400. Nur 33.000 Zuschauer schweigen diesmal vor dem Spiel in Gedenken an Robert Enke. Allein die Klänge von „You’ll never walk alone“ sind zu hören. Auf dem Videowürfel läuft so etwas wie ein Best of Robert Enke. Paraden gegen Bayern, Paraden gegen Schalke, Paraden gegen Berlin – in diesen drei Minuten wirkt der Torwart unbezwingbar.

Nach den Nationalhymnen und dem Anpfiff äußert sich die endgültige Rückkehr der Normalität auf ganz banale Weise. Es ist, als habe sich jemand mit Schwung den Fußball-Globus gegriffen, ihn angeschoben, auf dass er sich wieder drehen möge. Philipp Lahm empfängt von den Rängen ersten Hohn, als sein Rückpass mit dem Kopf viel zu kurz gerät und der Heber des Ivorers auf der Latte landet. Manch einer im Publikum scheint auf primitive Weise signalisieren zu wollen, dass es weitergeht. Kehrtwenden klappen wohl am besten, wenn sie abrupt und entschlossen erfolgen. Zu diesem Zeitpunkt steht es bereits 1:0 für Deutschland. Als sollte Fußball-Deutschland behutsam an den ersten offiziellen Moment der Freude seit Tagen herangeführt werden, musste es ein Elfmeter richten. Vom Punkt ist der Erfolg schließlich absehbar und jeder darf ein paar Sekunden lang stumm für sich abwägen, wie er diesen Moment begehen will.

Eines der kuriosesten Tore der letzten Jahre beschert Manuel Neuer in Hälfte zwei den Applaus der eher bescheidenen Masse, sobald einer seiner Abschläge nicht irgendwo an einem Ivorer landet, so dass dieser trotz des Erfolgserlebnisses behandelt werden muss, sondern der Ball es bis an die Mittellinie schafft. Toleranz und Zurückhaltung äußern sich anders. Und so wird Manuel Neuer zum leidtragenden Ventil von Tausenden, die die Tristesse der vergangenen Tage auf eigenartige Weise entweichen lassen. Spätestens als die Elfenbeinküste in Führung geht und sich die nächste Enttäuschung des Länderspieljahres anbahnt, droht die Stimmung auf wenig erheiternde Art und Weise zu kippen. Die Nachspielzeit läuft und in der Veltins-Arena herrscht dicke Luft, die voll und ganz auf ein Pfeifkonzert hindeutet. Mal wieder. Das erste hat es da bereits gegeben. Mario Gomez kam ins Spiel und vermutlich wollte er schon Sekunden später wieder gehen.

Doch wie schon vor einem Monat gegen Finnland wendet Lukas Podolski das größte Unheil ab. Vielfach wird er dafür kritisiert, dass ihm wenig gegen die Großen des Weltfußballs gelingt. Gefühlt besitzt sein Tor zum 2:2 in der dritten Minute der Nachspielzeit jedoch einen ähnlichen Wert wie ein goldener Treffer im Viertelfinale einer WM. Was Sekunden zuvor noch unaufhaltsam in die eine Richtung schwappte, schwappt nun ebenso so heftig zurück. Die 33.000 applaudieren. Im Hintergrund beschwichtigt die Unplugged-Version von „54, 74, 90, 2010“ die Unzufriedenheit. Es hat den Anschein, als falle mit dem Abpfiff von allen eine Last ab. Als seien sie davon übermannt worden, wie schnell und vehement sich die Fußball-Welt weiterdreht, sobald man ihr den ersten Anstoß verpasst.

Auf Seite 86 hat das Portal “fussball.de” eine große Anzeige geschaltet. Rechts daneben fliegen Amateurkeeper durch die Luft, bugsieren schier unhaltbare Bälle noch über die Latte. Das Programmheft hat seinen Kondolenzcharakter an dieser Stelle längst abgelegt. Dennoch fällt ein Slogan auf der Werbeanzeige ins Auge. In Großbuchstaben, weiß auf schwarz ist dort zu lesen: „Weil Fußball alles ist“. Wahrscheinlich muss man an diesem Abend nicht alles verstehen.

19. November 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Die mit dem Adler | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Wir koennen nicht alles verstehen. Dieser Anspruch wuerde auch bedeuten, dass wir alles wissen. Das ist aber weder der Fall, noch ist es wuenschenswert. Vielmehr wuerde es bedeuten, dass wir den unerwarteten Tod eines Menschen mehr oder minder teilnahmslos akzeptierten und in die Akten wandern ließen. Gemeinsame Trauer, Verzweiflung und gegenseitiges Stuetzen faenden hier keinen Platz.

  2. Pingback: “Wir haben doch noch unser ganzes Leben Zeit” – Ein Jahr nach dem Tod von Robert Enke at Entscheidend is auf’m Platz

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