Im Zweiten wird’s wohl besser – 14. Akt:
Wer anderen eine Serie bricht, fällt selbst hinein

Gladbach Motivbild

Gladbach 1:0 Schalke – Konversation im Zug, Freude im Stadion, Lob im Fernsehen, Einheit auf dem Platz, Demut im Kopf, Anerkennung überall.

„Und wenn dann noch ein Fußballspiel ist, dann geht gar nichts mehr.“ Bis dahin waren wir uns absolut einig gewesen, im Regionalexpress kurz hinter Duisburg. Wenig Platz, volle Waggons am Wochenende und vor allem diese unnützen Gepäckablagen, auf die „vielleicht ein kleines Handköfferchen passt, mehr aber auch nicht.“ Doch dann schwenkt sie – Mitte 50, in Krefeld zugestiegen – plötzlich auf Fußball. Ich erwarte eine Abhandlung über das Benehmen von Fußballfans auf Reisen, eine Petition, den Unsinn einfach abzuschaffen. Schnell fixieren meine Augen das Display schräg über ihrem Kopf. Fünf Minuten bis Mülheim. Da geht einiges in Sachen Tacheles. Innerlich wappne ich mich gegen das Schlimmste.

„Aber da hat Gladbach gestern doch tatsächlich diese blöden Schalker geschlagen“, entfährt es ihr. Ohne Übergang, ohne Vorwarnung. Hätte ich in diesem Moment heiße Suppe im Mund gehabt, ich hätte mich böse verschluckt. Keine Suppe aber, Gott sei Dank. Bevor ich ihr überhaupt mitteilen kann, wie sehr mich das 1:0 gefreut hat, fährt sie unverzagt fort. „Dieses Tor in der 5. Minute, dann dieses Zittern. Und auch noch drei Minuten Nachspielzeit. Die Gladbacher haben sich ja echt wieder gefangen, die standen ja am Rande zur 2. Bundesliga. Von den Schalkern erwartet man ja eigentlich mehr, aber gestern…“

„Und ich war da“, klinke ich mich in die Konversation ein, von der ich bereits seit zwei Minuten ein Teil bin, ohne sie wirklich voran gebracht zu haben. Mehr fällt mir erst einmal nicht ein, sie hat ja alles gesagt. Mir gegenüber blickt das blonde Mädchen, vielleicht zwölftes, dreizehntes Schuljahr, kurz hoch, lächelt mitleidig-schön wie ein sonniger Tag im Juli und widmet sich wieder ihren Griechisch-Unterlagen. Viel könnte ich ihr darüber nicht erzählen. Alpha, Beta, Gamma, ok, so viel weiß ich auch. Aber dann hört es schon auf. Obwohl – Delta, Omega, Pi, Lambda, Epsilon, Iota. Mein Griechisch ist praktisch fließend. Zwei Minuten noch bis Mülheim. Das Fußball-Pulver ist scheinbar verschossen. Schweigen im Viererabteil, Fußball-Frau, Griechisch-Mädchen, mein Koffer und ich. Ein „hoffentlich geht es so weiter“ bin ich noch losgeworden. Freudiges Nicken. Dann Ausstieg in Fahrtrichtung rechts.

Smalltalk kann eine feine Sache sein. Solange man das „small“ beherzigt und beide Parteien an einem „talk“ interessiert sind. Das Wetter geht immer. Betrifft alle, die das Haus verlassen und sogar die, die drinnen verharren – wegen des Wetters. Fußball ist da etwas heikler. Die Sportschau hat längst keinen Marktanteil von 97 Prozent mehr. Es strömen zwar jedes Wochenende rund 380.000 Leute in die Bundesliga-Stadien. Damit bleiben gleichzeitig aber auch 81,52 Millionen zuhause. Doch wenn Fußball geht, dann geht er richtig. Und aus „small“ wird schnell „big“ – wenn man sich sicher sein kann, dass der Gesprächspartner sein Wissen nicht aus dem Videotext angehäuft hat, oder anhand der gelegentlichen Grunzlaute des Partners aus dem Wohnzimmersessel. Doch dieser frappierende Detailreichtum, diese authentische Leidenschaft – sowas findet man nicht auf Textseite 267. Auch sie wohl nicht, die Frau im Regionalexpress.

Textsicherheit trotz Torabstinenz

Fußball kann manchmal so ironisch sein, fast schon zynisch. Wie ein Sammelband mit Hans-Meyer-Zitaten. Gefühlte 700 Torchancen gegen Stuttgart, Anrennen über die gesamte Spieldauer, kein Tor am Ende. Gegen Schalke dagegen war der Weg zum Glück nur fünf Minuten lang – in Zeit gemessen. Langenmäßig lag die Strecke bei circa fünfzig Metern in Richtung Süden, einem kurzen Abstecher Richtung Osten, bevor es die restlichen Meter gen Süden ging – hinein ins Tor, zum 1:0. Stadionsprecher „Knippi“ meinte es womöglich nicht einmal scherzhaft, als er sich fragte, ob er den Text der Tormusik überhaupt noch kann. Um dann unverdrossen loszudöppen, als hätte es 438 Minuten Torlosigkeit im Borussia-Park nie gegeben.

Man muss sich nach dem Spiel nur das „Sportstudio“ angesehen haben, um eine Ahnung davon zu bekommen, wer oder was am Ende entscheidend war: Fünf Wiederholungen von Dantes Pass bis zur Unendlichkeit, Arangos Einverleibung des Balles aus drei Perspektiven, der Laufweg von Reus zum Abmalen, das konfuse Abwehrverhalten von Bordon, Westermann, Höwedes und Rafinha zum Staunen. Es war, als hätte in der Regie beim ZDF ein Borusse gesessen, der gar nicht genug bekommen konnte. Vielleicht war es ein Dortmunder Borusse, was an seiner Zuneigung für dieses Tor wohl wenig ändern würde.

Sieges-Pogo und Pleiten-Turnen in einem Bild

„Wir wurden mit unseren eigenen Waffen geschlagen, würde ich sagen“, meint ein Studienkollege, selbst so königsblau wie ein Superman-Anzug, nach dem Spiel per SMS. Was er damit wohl sagen wollte? Von Kopfballtoren nach einem Freistoß aus dem Halbfeld war schließlich wenig zu sehen. Vermutlich hat er auf die Tatsache angespielt, dass die Borussia den Gegner so lange einlullte, bis der selbst aus Verzweiflung zum Einlullen überging. Schalke hatte nur 53 Prozent Ballbesitz. Das Empfinden im Stadion war ein anderes. Was wiederum wohl daran lag, dass man jeden Ballkontakt von S04 über 85 Minuten so haargenau beobachten musste. Schließlich hätte er, oder spätestens sein Nachfolger, dem frohen Treiben stets ein jähes Ende bereiten können. Doch letztendlich blieb reiner Ballbesitz bis zum Ende die größte Schalker Errungenschaft. Zur Belohnung kitzelte Felix Magath bei einer fröhlichen Gymnastik-Runde die letzten Reserven aus seiner Mannschaft. Im Vordergrund Gladbacher beim Sieges-Pogo, im Hintergrund Schalker beim Pleiten-Turnen – demnächst als Poster erhältlich. 90×60.

Wenn sonntagmorgens in der Tagesschau von einer „starken Heimmannschaft“ die Rede ist und gleichzeitig das 1:0 von Marco Reus über den Bildschirm flimmert, dann hat sich grundlegend etwas geändert. So demütig uns die letzten Jahre auch gemacht haben, umso mehr macht sich derzeit ein „Wir sind wieder wer“-Gefühl breit. Letzte Saison fuhr die Borussia den 18. Punkt erst am 23. Spieltag ein. Nach dem 14., einem hoffnungslosen 1:3 auf Schalke, waren es elf Zähler gewesen – dabei blieb es bis Ende Januar. Nur einmal in den vergangenen elf Bundesliga-Spielzeiten, also immerhin seit 1996, hatte Gladbach zum selben Zeitpunkt mehr Punkte auf dem Konto. Fünf Spiele in Serie ungeschlagen blieb man zuletzt vor vier Jahren im Herbst. Erst musste Hamburg dran glauben (erste Heimniederlage der Saison, erster Sieg in Hamburg seit 15 Jahren, erstmals auswärts einen Rückstand gedreht seit 2004). Dann folgten in Frankfurt drei Punkte (zum ersten Mal seit 13 Jahren zwei Auswärtssiege in Folge). Nun vollendet ein 1:0 gegen Schalke die Wochen des Serienbrechens (erste Auswärtsniederlage für S04 unter Felix Magath). Und wie das so ist: Wer andauernd anderen eine Serie bricht, fällt am Ende selbst hinein.

Zufriedenheit hat dementsprechend Konjunktur. Dreizehn Punkte auf die Hertha, sieben auf Stuttgart, sechs auf den Relegationsplatz – wer derzeit tief nach unten blickt, kann genauso gut nach oben schauen. Manch einer peilt bereits die obere Tabellenhälfte an. Doch Fallen war schon immer einfacher als Fliegen. Also wird nun, ganz demütig, Platz eins als Ziel ausgegeben. Ja, richtig gelesen. Irgendwie hätte es ja schon etwas, die Borussia ganz oben zu sehen – wenn die Tabelle auf Sky, in der ARD oder im ZDF umgeblättert wird.

Einziges Makel in einer Zeit, die im Prinzip wenig Wünsche übrig lässt: Das letzte Heim-Tor liegt schon wieder 85 Minuten zurück. Aber wir wollen ja demütig bleiben, wie gesagt. Man könnte aus dem Glas, in dem ein paar Schlücke fehlen, auch einfach ein beinahe volles machen: Denn ein Gegentor im Borussia-Park gab es seit nunmehr 322 Minuten nicht. Prost!

29. November 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. erinnert mich an nick hornby: verträumt, stilsicher, unterhaltend.
    schön!

  2. Einfach klasse dein Bericht! Vielen Dank!
    Wobei der Siegespogo vor dem Blau-Weissen-Ballerina-Balett wirklich mein absolutes Highlight im Park war. Selten so gelacht…
    Schönen Abend
    Holger

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