Im Zweiten wird’s wohl besser – 15. Akt:
Die Schönheit der Parteilichkeit

Gladbach Motivbild

Bayern 2:1 Gladbach – Ehrenkarten, Höchststrafen, Schutzfieber, andere Sterne, Kirchen aus dem Dorf, Mannschaftsfotos aus dem Sonderheft, Glühwein.

„Ehrenkarte“ haben sie auf das Ticket geschrieben. Unter Ehre versteht man in Dortmund den freien Eintritt zum Spiel BVB gegen Nürnberg. Soviel zum Thema Identifikation Stadt-Verein. Die scheint zu stimmen. Doch so richtig will ich mich auf meinem grauen Klappsitz noch nicht fühlen wie ein Ehrengast. Es ist kalt im Nordwesten des Signal Iduna Parks. Normalerweise ist Kälte beim Stadionbesuch zwar ein Thema, aber längst keine Last. Im Brustkorb pocht dann das Herz bereits seit den Morgenstunden. Man ist mit dem Anpfiff auf Betriebstemperatur und entwickelt eine Art fußballerisches Schutzfieber.

Schnell merke ich an diesem Samstagnachmittag, wie schnöde selbst ein Stadionbesuch mit 72.000 Zuschauern sein kann, wenn es einem schlichtweg egal ist, wie das Spiel da unten ausgeht. Vor Wochen hatte ich noch getönt, ich könne ja relativ unbeschwert dem BVB die Daumen drücken – weil Nürnberg verlieren müsse, damit sich Gladbach im Tabellenkeller aus dem Ärgsten raushält. Aber wer plant schon Auswärtssiege in Hamburg und Frankfurt sowie eine Serie von fünf Spielen ohne Niederlage in Folge ein? Und so macht es Anfang Dezember fast schon Sinn, für den „Club“ zu sein, damit sich die Borussia – in diesem Fall die richtige und einzig wahre – weiter an ihre Namenscousine heranpirschen kann, die in diesen Tagen ihren 100. Geburtstag feiert. Dass selbst das Heranpirschen nicht mehr oberste Priorität genießt, hat bereits der Freitagabend verhindert. Kauernd sitze ich in Block 78 und wärme mir mit einem Glühwein die Hände, mit einem anderen das Blut.

Dortmund entscheidet das Spiel mit solch einer Leichtigkeit für sich, dass selbst die 72.000, denen das Ergebnis wirklich am Herzen liegt, trotz eines 4:0 nicht nackt durch den Nieselregen nach Hause tanzen. In Gladbach dagegen weint man vor Freude, wenn man am 31. Spieltag in der Nachspielzeit mit 1:0 gewinnt. Unparteiisch Fußball zu gucken – das ist so erquickend wie Goldfische im Aquarium zu beobachten. Der Fußball lebt vom gegenseitigen Triezen, von der süffisanten Provokation, solange sich die allein auf verbaler Ebene abspielt.

“Im Notfall lechzt man selbst nach Marcel Reif.”

Am Abend zuvor, Freitag, ist die Konstellation exakt umgedreht, wie ein Negativabzug des Samstags. Dortmund ist der Fußball vergleichsweise schnuppe. Ab und zu linst im Irish Pub jemand auf einen der Bildschirme – um dann weiter das Wort Glühwein pantomimisch darzustellen. Einige Gäste nippen am Bier, als sei es auserkoren, am nächsten Morgen das berüchtigte gewesen zu sein, das mal wieder schlecht war. Etwas verloren sitze ich auf einem Barhocker an der Theke und beobachte das Geschehen in München. Der Ton ist aus. Im Notfall lechzt man selbst nach Marcel Reif.

Andauernd habe ich eine bemantelte Schulter im Bild, eine Halbglatze oder ein beschwipstes Gesicht schaut mich an, als würde es sich herzhaft darüber freuen, einem Bayern-Fan die Sicht zu nehmen. „Na, erst heute Gladbach und Dienstag Juve?“, provoziert mich einer mit schelmischem Grinsen. Ich habe genug und flüchte. Jacke über die Schultern und nach draußen – auf die Suche nach dem nächsten Bildschirm, der Fußball zeigt.

Vor mir in der Fußgängerzone wiegen die Schultern der Passanten im Takt ihres Alkoholpegels. Ich will vorankommen. Doch vor mir schleicht alles vor sich hin. Aus Metern werden Kilometer, aus Sekunden Minuten. Untypisch ist das nicht für Weihnachtsmärkte – jedoch für Gladbach-Fans, die schnellstens eine Fußball-Kneipe suchen. Wie Alberto Tomba kurve ich um Slalomstangen, die in diesem Fall Weihnachtsmarktbesucher sind, die sich vom Duft der Würste, der Crèpes und des Glühweins hypnotisieren lassen.

Ein Sonderheft ohne Bayern-Foto

Endlich finde ich in einem prallgefüllten Lokal einen Bistrotisch direkt vor der Leinwand. Als ich die Jacke über die Stuhllehne schwenke und den Blick kurz abwende, geht plötzlich ein Raunen durch die Masse. „Oh nein“, denke ich, „bitte nicht.“ Auf der Leinwand ziehen die Bayern gerade eine höchst alberne Jubel-Choreografie ab. Wäre ich geladen und würde gleichzeitig zu körperlicher Gewalt neigen, könnte ich die Visagen auf der Leinwand locker erreichen. Am Ende scheitert es nur an der Gewaltneigung. Wie gesagt, verbal bleiben. Ein paar Minuten Gladbach-München und schon weiß ich wieder, warum ich damals, am 19. Mai 2001, das Bayern-Mannschaftsfoto aus dem Kicker-Sonderheft „entfernt“ habe, obwohl ich Schalke nicht gerade um Welten besser leiden kann.

Die Bayern führen also mit 1:0. Nach acht Minuten im Irish Pub und 17 Sekunden im Szenelokal habe ich den Eindruck, dass sich das so abgezeichnet hat. Doch während ich durch die Dortmunder Straßen eilte, muss sich die Borussia bereits weitaus besser präsentiert haben. Die folgenden Minuten dienen als Bestätigung. Vier Mitglieder des Gladbach-Fanclubs „12:0 Dortmund“ und mir – scheinbar die einzigen schwarz-weiß-grünen Borussen im Lokal – liegt in Minute 27 erstmals der Torschrei auf den Lippen. Arango sorgt dafür, dass man Jörg Butt in aller Seelenruhe vermessen könnte. Der Bayern-Keeper legt jeden seiner 191 Zentimeter horizontal in die Luft. Am Ende muss noch die Naht der Handschuhe aushelfen, um Arangos Darstellung des Wortes „fulminant“ um den Pfosten zu lenken.

Doch der Torschrei ist nur ein angehaltener Atemzug. Nach der darauffolgenden Ecke landet der Ball bei Rob Friend. Der Kanadier bedient Michael Bradley, der die Offensiv-Leiter weiter hinuntersteigt und auf Roel Brouwers weiterleitet. Der steht plötzlich frei vor Butt und netzt ein zum 1:1. Viertes Saisontor – man spricht auch von 4/7 Köln. Wenn die Spielzeit noch nicht zu allzu viel Gedächtnisverlust bei mir geführt hat, müsste es das vierte Tor von Brouwers gewesen sein, das nicht unmittelbar durch, dafür jedoch unmittelbar nach einer Standardsituation fiel. Der Fanclub „12:0 Dortmund“ sendet ein heiteres Kreischen in die Runde. Ich belasse es bei Becker-Faust und nehme genüsslich einen Schluck von meinem Bier.

Die Kirche aus dem Dorf holen

Die Minuten bis zur Halbzeit bringen die Bayern an den Rande eines Rückstands. Wenn Gladbach die letzten Jahre auf einem verschrumpelten, moosbewachsenen Stern gespielt hat, dann grenzt das, was der VfL da hinlegt, fast an Fußball von einem anderen Stern. Der alte, unansehnliche jedenfalls ist es nicht, auf dem sich die Borussia bis zur Pause bewegt. Manchmal kann man die Kirche auch aus dem Dorf rausholen, aufs Feld stellen und sagen „jawoll, so ist es!“. Friend fordert Butt und übersieht dabei Reus. Dann ist Schweinsteiger eine Fußspitze schneller als Reus. Und kurz vor der Pause rettet Butt ein weiteres Mal mit der Naht seines Handschuhs. Arango hatte einmal mehr einen Schuss abgefeuert, der mit den Genfer Konventionen kaum zu vereinbaren ist. Es sind die Nuancen, die Gladbachs Führung verhindern und den Bayern keinen Rückstand, sondern allein ein Pfeifkonzert bescheren. Auch ohne Ton kann man es hören.

Nach der Pause hält sich das Gladbacher Gloria in Grenzen. „Halten“ lautet die Devise. Erfreulich ist, dass auch das weitgehend mühelos über die Bühne geht. Doch ganz so hell funkelt der neue Stern Borussia wohl noch nicht, um 45 Minuten lang die Entführung eines Punktes aus der Allianz-Arena in die Wege zu leiten. Denn gefährlich sind die Bayern ja gerade dann, wenn man sich im wohligen Gefühl badet, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen.

Die tollpatschige Aktion eines Lokalbesuchers neben mir gehört lange Zeit zu den Highlights der zweiten Hälfte. Lässig will er sich auf den Bistrotisch lehnen und befördert auf diese Weise ungefähr drei Liter Bier erst in die Atmosphäre und dann auf den Boden. Das neu gewonnene Selbstvertrauen als Borussen-Fan wirkt jedoch Wunder. Während alles um mich herum beinahe ertrinkt, bleibe ich völlig trocken. Übers Bier gehen können – die Trockenwerdung einer biblischen Fußball-Sage.

Dante als Chuck Norris

Nachdem alle Nichtschwimmer das Lokal verlassen haben und der Kellner den Fußboden abgepumpt hat, kann ich mich wieder dem Geschehen auf dem Bildschirm im Mario-Barth-Format widmen. Arjen Robben heißt die größte Gefahr der Schlussphase – neben der Angst vor der Rückkehr des leidigen Bayern-Dusels. Eine Viertelstunde vor dem Ende wird der Niederländer von Dante gefoult. Gladbachs belgischer Brasilianer (die Kombination macht’s) hatte zuvor über weite Strecken wieder die Frage aufgeworfen, warum Chuck-Norris-Witze nicht Dante-Witze heißen. Also zählt Dante zweimal bis unendlich und holt sich 20 Prozent auf Tiernahrung, anstatt Robben fair zu stoppen.

Badstuber legt sich den Ball am rechten Strafraumeck zurecht. An dieser Stelle möchte man ein Plädoyer für die Zensur und gegen die Chronistenpflicht folgen lassen. Doch bleiben wir stark. Der Freistoß wird lang und länger. Baillys Zeit, ihn zu stoppen, dagegen wird kurz und kürzer. Zu kurz. Es steht 2:1, Badstuber feiert sein erstes Bundesligator, als seien Mauerfall und WM-Sieg 1990 auf einen Tag gefallen. Jubelnd stürmt er in die Kurve. Die ist in diesem Fall ein Junge um die 12, an dessen Armen 37 Schals baumeln, der von seinem Sitzplatz auf der Geraden aufgesprungen ist und ekstatisch den größten Moment seines Fandaseins genießt. Richtig, ich verliere nicht gerne.

Der Gladbach-Fanclub „12:0 Dortmund“ hat die unfrohe Kunde wieder mit einem Schrei des Entsetzens zur Kenntnis genommen. Um mich herum haben tatsächlich Leute gejubelt. Von draußen klopft ein Weihnachtsmarktbesucher an die Scheibe und führt mit geballter Faust einen Freudentanz vor der Würstchenbude auf. Alleine in Dortmund Fußball gucken, ein Spiel in München unverdient verlieren und dann auch noch Bayern-Anhänger dabei beobachten müssen, wie sie einen Dusel-Sieg als Rückkehr des „Mir san mir“ zelebrieren – Höchststrafen des Fandaseins.

Als ich mit dem Abpfiff fluchtartig das Lokal verlasse, sind ein großes und ein kleines Bier schon bezahlt. Ich will weg. Ganz schnell. Am nächsten Tag werde ich im Stadion sitzen und 72.000 werden aus dem Häuschen sein, weil ihre Mannschaft, die nicht meine ist, mit 4:0 gewinnt. Die ersten beiden Treffer werde ich im Sitzen verfolgen, mich später dann aber doch erheben. Bewegung schadet nicht. Weil Fußball-Spiele ohne Bauchkribbeln und Parteilichkeit die Körpertemperatur merklich senken.

09. Dezember 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Da blutet selbst mir das Herz wieder… trefflich beschrieben! Zum Glück konnte ich das Spiel in einer Atmosphäre der gemeinsamen Verbrüderung (Nicht-Bayern-Fans) auf Sky bei Freunden sehen. “Mir-san-mir-Sonnenschein-Fans”, die bei dem geringsten Rumpler pfeifen? “Wir würden nie zum FC Bayern München gehn!” …

  2. In dieser Saison zeigst du aber so richtig, was es heißt Fan zu sein.Zu jedem Spiel ist die Konstellation eine andere: im Borussia-Park, auswärts im Stadion mit Freunden oder mit dem Bruder, in einer Kneipe, zu Hause mit der Familie! Und genauso facettenreich sind deine Berichte! Bin froh, dass du wieder einen PC hast, sonst hätten wir von deinem letzten Fußballwochenende nichts erfahren.

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