Im Zweiten wird’s wohl besser – 16. Akt: 2:6

Gladbach Motivbild

Gladbach 5:3 Hannover – Eigentor, Eigentor, Eigentor.

Wenn ich schon damals gewusst hätte, dass dieses Spiel am 24. April 1999 in zweierlei Hinsicht ein besonderes sein sollte, hätte ich es wohl ehrwürdiger in Erinnerung behalten. Der VfL Wolfsburg war als Fünfter an den Bökelberg gereist. Die Borussia musste, mit elf Punkten Abstand zum rettenden Ufer, so langsam dem baldigen Gnadenstoß Richtung zweiter Liga ins Gesicht blicken. Im Portfolio meiner Fan-Erinnerungen ist die Partie als Stehplatz-Premiere notiert. Zum ersten Mal durfte ich den Bökelberg also von der Ostgeraden bewundern. Es ist ja beileibe nicht so, dass Fußballstadien in dieser Hinsicht wie Freizeitparks sind. Am Eingang gibt es keine Messlatte, die man übertreffen muss, um im Stehen mitfiebern zu dürfen. Doch irgendwie war die Zeit eben reif.

Sopic, Pettersson und Polster trafen zur 3:0-Führung. Den Wölfen gelang ein Doppelschlag innerhalb weniger Minuten. Das Zittern um den vierten und damit letzten Sieg der ersten Abstiegssaison begann. Doch dann erhöhten Pettersson und Pflipsen in der Schlussphase auf 5:2 – bis vergangenen Samstag das letzte Mal, dass Gladbach in der Bundesliga fünf Tore gelangen. Oder etwas korrekter ausgedrückt: Es war das letzte Mal, dass die Borussia sich über eine Fünf auf der Anzeigetafel freuen konnte. Die autobiografische Tragweite dieses Ergebnisses war mir wahrscheinlich klar, die statistische natürlich noch nicht.

Anpfiff in 41069 Mönchengladbach

Gut zehn Jahre nach diesem Ereignis stehe ich in Dortmund am S-Bahnhof Universität. Die Dozentin hat uns überpünktlich aus dem Seminar entlassen. Der Schal um meinen Hals hat seine Wirkung nicht verfehlt. Irgendwie frage ich mich, warum Veranstaltungen an Samstagen nicht generell um 15:30 Uhr enden müssen. Sozusagen als gesetzliche Regelung, begründet mit der gesellschaftlichen Relevanz von (nunmehr ja nur noch fünf) Bundesliga-Partien. Trotz quälender Konfrontationstherapie beim Derby gegen Köln stehe ich noch immer nicht gelassener am Gleis, während in 41069 Mönchengladbach ein Pfiff ertönt und ich einsehen muss, dass ich nicht dabei sein werde. Komme, was wolle.

Das Sky-Signal in der bewährten Studentenkneipe hat seinen Dienst quittiert. Erst bin ich mir nicht sicher, ob ich Studienkollege Dennis die Info überhaupt abnehmen soll. Denn man hat irgendwie Spaß daran gefunden, mich leiden zu sehen. Doch für Misstrauen ist keine Zeit. Die S-Bahn kommt, zumindest auf dem Plan. Die Minuten vergehen, keine S-Bahn kommt. Verzweifelt will ich den Zeiger an der Uhr anschieben, weil dieser so trödelt, obwohl er mit Sicherheit viel schneller könnte. Am Handy erhasche ich in Fetzen, dass es wohl schon 1:0 steht. Durch ein „Wenn Du das gesehen hättest“-Eigentor von Hannovers Haggui. Anstatt die frohe Kunde, die aus dem Irish Pub kommt, mit eigenen Augen zu bestätigen, sorgt sich meine Mutter, ob ich das Spiel schon sehe. Das Signal im S-Bahn-Tunnel ist schwach. Ich schreie, die Leute gucken. In der U-Bahn rege ich mich selbst immer drüber auf. Doch Chantal, Ahmed und Svetlana haben dann mit Sicherheit nicht so wichtige Dinge zu besprechen. Zumindest nicht schreiend.

„1:0, stimmt das?“, will ich per SMS wissen. „Immer noch?“. „Nein, 2:0. Friend hat nachgelegt“, antwortet meine Mutter nüchtern aus dem Borussia-Park. Als ob 2:0-Führungen nach 22 Minuten unser täglich Fan-Brot wären. 29 Sekunden später kommt die Info von Kommilitone Dennis aus dem Pub. Zwei unterschiedliche Quellen, die ihr Wissen wiederum aus zwei verschienen Quellen schöpfen – das scheint glaubwürdig. Zwischen Dorstfeld-Süd und Dorstfeld kann ich mich nach 25 Minuten des Zitterns, Bangens und Nervös-durch-die-Gegend-Tigerns endlich freuen und entspannen.

Ein Baldrian-Bier und ein Tor wie am Sternenhimmel

Erleichtert nehme ich um vier im Pub Platz. Diesmal keine Spur von Leuten, die eindrucksvoll zeigen, warum Glühwein so heißt, wie er heißt. Doch kaum nippe ich an einem Baldrian-Bier (Stadionentzug ist in vielerlei Hinsicht nicht förderlich für die Gesundheit), schreit es „Tor in Gladbach!“. Wenn Sky-Kommentatoren mit nur einem Ausrufezeichen schreien, ist meist nichts Spektakuläres passiert. Wobei „nichts Spektakuläres“ beim Stand von 2:0 für den Gastgeber nach 35 Minuten so ziemlich alles heißen kann. Marco Hindelang hat sein Ausrufezeichen dem Gast aus Hannover gewidmet. Nach einer Ecke war es wild durcheinander gegangen. Der Ball hatte erst das Sternbild des Kleinen Bären in den Strafraum gezeichnet, um dann – genau beim Polarstern – die Linie zu überqueren. Ya Konan war’s.

Sowohl bis dahin als auch in den folgenden 22 Spielminuten ist Gladbach-Hannover ein relativ normales Fußballspiel. Ok, Florian Fromlowitz hat den Ball beim Herauslaufen ans Schienbein seines Innenverteidigers Karim Haggui geklärt und damit das 1:0 für die Borussia vorbereitet. In Sportschau und Sportstudio hätte der Kommentator kurz die Stimme erhoben und in leichter Ekstase irgendetwas wie „sowas sieht man nicht alle Tage“ genuschelt. Dann wäre gut gewesen, der Rest des Spiels wäre weiter zusammengefasst worden. Und vielleicht hätte jemand erwähnt, dass der Hannoveraner Haggui nun schon drei Eigentore in seiner Bundesliga-Karriere erzielt hat. Hätte, wäre, hätte – alles Makulatur. Manchmal hat es den Anschein, als würden sich Fußballer sagen: „So, wir schreiben jetzt Geschichte“. Gerade, wenn es dabei um Eigentore geht, liegt die Vermutung nahe.

Eigentore bescheren einem Menschen in der Regel eine sehr konzentrierte Form des Alleinseins gepaart mit Häme. Eigentore sind so etwas wie die gerissene Hose des Fußballs. Der offene Hosenstall beim Referat, das Auf-die-Nase-Fliegen mitten in der Bahnhofshalle einer Großstadt. Doch man wird der Komplexität des Eigentores nicht ganz gerecht, wenn man es derart pauschalisiert. Dafür gibt es viel zu viele Arten, darunter einige sehr schöne, um ins eigene Tor zu treffen. Man kann sich anschießen lassen. Man kann beim Klären des Balles kurz vergessen, wo genau das Tor steht (bei Stürmern auf der anderen Seite nicht ganz so verheerend). Man kann dem Gegner einen Torerfolg klauen, während er am langen Pfosten lauert und nur noch einschieben muss.

Man kann aber genauso gut zum harmlosen Querpass ansetzen, weit vor dem eigenen Tor, und den Ball wunderschön mit dem Außenrist ins Tor befördern. Man kann, ebenfalls außerhalb des Strafraums, elegant in einen Steilpass des Gegners grätschen, den eigenen Keeper verladen und sich danach herzhaft kaputtlachen (zumindest über irgendeinen Teil der Aktion). Aber wohl niemand der 43.000 im Borussia-Park war zur Halbzeit so vermessen, auch nur einen winzigen Teil davon für möglich zu halten. Genau das ist ja das Schöne: Aus dem Nichts wird ein nicht schlechtes, aber auch nicht berauschendes Fußballspiel, das Aufeinandertreffen des Elften und Zwölften der Bundesliga, eine Partie am 16. Spieltag der Bundesliga zur Narbe in der Erinnerung eines jeden, der dabei war, es gesehen oder zumindest davon gehört hat.

“Mit dem Außenrist, dazu No-Look – das hat geradezu Stil”

Die Metamorphose läutet Hannovers Djakpa in der 58. Minute ein. Was genau passiert, ist weiter oben bereits beschrieben. Erst gehe ich fest davon aus, dass der Ausgleich gefallen ist, als Djakpa im Bild erscheint. Ich wundere mich, warum er sich nicht freut und bemerke eine kurze Bewegung am rechten, oberen Bildrand – das Ergebnis ist von 2:1 auf 3:1 umgesprungen. Anlass genug für die erste Becker-Faust vor der Leinwand im Irish Pub. Was dem ausgeliehenen Leverkusener da gelungen ist, muss man erst einmal fertigbringen. Fromlowitz’ Tor in Co-Produktion mit Haggui wirkt dagegen wie ein billiger Versuch, Aufmerksamkeit zu erzielen. Weit vor dem eigenen Tor, mit dem Außenrist, dazu No-Look – das hat geradezu Stil.

Eigentlich schaltet Sky fast ausschließlich in den Borussia-Park, wenn spielberichtsbogenrelevantes passiert ist (das Monstrum von Wort streicht die Rechtschreibprüfung übrigens nicht an – liebenswert, diese deutsche Sprache). Relevant wird es nach Djakpas Eigentor der Dimension Winklhofer erst wieder nach 68 Minuten – „Tor in Gladbach!“. Wieder ein Ausrufezeichen, das mir so gut wie gar nicht hilft, um die elendigen Sekunden des Wartens von einem „oh, schnell nach Gladbach“ über ein „swooosh“ bis hin zur Erlösung zu überbrücken. Die Erlösung heißt in diesem Fall Bradley und gleichermaßen – so sieht es zumindest aus – „Vorentscheidung“. Ya Konan tanzt in der Freistoßmauer aus der Reihe wie der Tagesvollste bei der Polonaise. Schon ist der Weg frei für das zweite Saisontor des Amerikaners. Weit und breit kein Hannoveraner am Ball.

Sky dürfte damit kaum noch Gründe sehen, etwas vom Spiel aus dem Borussia-Park zu zeigen. Der Gedanke löst bei mir nicht gerade grenzenlose Freude aus. Und als hätte Ya Konan, der aus der Polonaise, mich erhört, trifft er im Gegenzug zum Anschluss-Anschlusstreffer. Dann ist eine Viertelstunde lang weitestgehend Sendepause. Jede Minute, in der niemand „Tor in Gladbach“ schreit, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Immer schnurstracks auf den Abpfiff zu. Auf den vierten Sieg in den letzten sieben Spielen.

Jaurès offenbart Aufmerksamkeitsdefizite

Sechs Minuten vor dem Ende krönt Ya Konan seine Vielseitigkeit mit einem Platzverweis. Polarstern-Tor, Polonaise, Anschluss-Anschlusstreffer und dann ein Durchziehen gegen Logan Bailly – nicht von schlechten Eltern. Doch so sehr sich der Ivorer auch ins Zeug gelegt hat, den Platz in den Gedächtnissen wird er sich nicht gesichert haben, geschweige denn den in den Geschichtsbüchern. Bevor ein ungewöhnliches Fußballsspiel sich selbst krönt, offenbart Jaurés noch ein nicht ganz unerhebliches Defizit an Aufmerksamkeit. Er will fortschrittlich sein und auf den hippen Zug des vertikalen Fußballs aufspringen. Doch dabei vertauscht er vertikal mit horizontal (passiert mir auch immer), spaziert parallel zur Torlinie durch den Strafraum und landet in der rauen Realität, als Schulz ihm den Ball vom Fuß ins Tor spitzelt. Nur noch 4:3. Hätte der Bochum-Fan neben mir nicht all seine Energie beim Bejubeln des 1:5 seiner Mannschaft verbraucht, hätte er sich den hämischen Seitenhieb, genau in die Rippe zwischen 3:0 und 3:3, sicher nicht sparen können.

Plötzlich ist sie wieder da, diese innere und äußere, die totale Unruhe. Manch einer nennt es auch „Hibbeligkeit“. Wobei das nach purem Euphemismus klingt. Die Nachspielzeit läuft bereits. 96-Keeper Fromlowitz denkt, er könne dem Spiel mit einem Torwart-Tor eine historische Prise zufügen. Scheinbar minutenlang tigert er durch die Hälfte der Borussia, ohne sich dabei ernsthaft zu seinem angestammten Arbeitsplatz bewegen zu müssen. Dann schaltet Sky nach Freiburg. Das nennt man wohl anwaltschaftlichen Journalismus – sich für die Belange der Kleinen einsetzen, für all die, die aus Mangel an Toren in dieser Konferenz etwas zu kurz gekommen sind. Der SC hat gerade einen Freistoß in die Mauer gesetzt, als auf einmal ein „Tor in Gladbach!!!“ durch den Pub tönt. Drei Ausrufezeichen – das kann nur eins bedeuten…

Strapazen für die Stochastik

Verkrampft stelle ich das Bild nach, das auf diesem Blog jeden Spielbericht garniert: Ich beiße auf meinen Schal. Die Metapher ist plötzlich in der Realität angekommen. Erneut vergehen schier endlose Sekunden, bis die Konferenz im Borussia-Park angelangt ist. Erneut sehe ich einen Hannoveraner, diesmal Karim Haggui, und befürchte das Schlimmste. 4:4? Was danach folgt, ist jedoch pure Erleichterung gepaart mit einem herzhaften Lachkrampf und ungläubigem Kopfschütteln. Was passiert ist, steht schon viel weiter oben. 5:3. “Oh man”, bringt Nils es in seiner SMS auf den Punkt.

Ein Eigentor – in Ordnung, jedes 38. Tor in dieser Saison war eine peinliche Angelegenheit für den Schützen. Zwei Eigentore – schon eine Leistung. Drei Eigentore – Bundesliga-Rekord, zumindest von derselben Mannschaft. Ein Eigentor von außerhalb des Strafraums – sehenswert. Zwei Eigentore von außerhalb des Strafraums – an für sich schon einzigartig. Drei Eigentore von außerhalb des Strafraums – zu viel für jede Kuhhaut. 43680 Tore sind jetzt in 46 Jahren Bundesliga plus 16 Spieltagen gefallen. Davon waren 826 Eigentore, also so in etwa einer von 53 Treffern. So kommt man schnell zu dem Schluss, dass die Wahrscheinlichkeitsrechnung noch längst nicht reif war für dieses Ereignis. Womit wir wieder bei der Schönheit dieses Sports angelangt wären: Es können noch so viele Dinge passieren, die man nicht für möglich hält, an die man überhaupt nicht denkt.

In Sachen Eigentoren ist die Schönheit jedoch sehr einseitig verteilt. Hannover 96 wird es zwar kaum trösten, dass sie im Prinzip mit 6:2 gewonnen haben. Trotzdem war es ein Kantersieg für die Geschichtsbücher.

13. Dezember 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , | 5 Kommentare

Kommentare (5)

  1. Und wenn man dann noch ca. 2500km zu diesem Spiel angereist ist, wird es einem wohl nie wieder aus dem Kopf gehen…

    Klick

  2. Wenn ich fragen darf – was hast Du denn in Moskau gemacht?

  3. Messe. Zdravoochanenie 2009 };-)

  4. Schoener artikel. Ich setz mal nen bookmark auf deine seite

  5. Hey, habe deine Seite gerade bei Yahoo entdeckt. Hast wirklich ein interessanter Blog, werde bestimmt noch

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