Im Zweiten wird’s wohl besser – 17. Akt: Einerseits, andererseits

Gladbach Motivbild
Leverkusen 3:2 Gladbach – Konjunktiv, Hurra, Meerschweinchen beim Hundekampf, schwarz-weiß-grüne Brillen, ein Hauch von Objektivität.

Vielleicht brauchte es zum Abschluss noch einmal ein Spiel wie dieses, um die Hinrunde der Borussia einigermaßen auf den Punkt zu bringen. „Ihr seid reif“, hatte ich dem einzigen Bayer-Fan, den ich von Angesicht zu Angesicht kenne, unter der Woche immer wieder zugerufen. Reif wäre Leverkusen unter Umständen auch gewesen – wenn wiederum die Borussia mit der nötigen Reife das kleine Rheinderby bestritten hätte. Es blieb beim Konjunktiv.

Einerseits gelangen dem VfL als erstem Team in der neuen BayArena zwei Treffer. Andererseits schepperte es auch hinten gleich dreimal – schon zum sechsten Mal in der Hinrunde. In diese Hinserie, geprägt von allerhand Einerseits-andererseits-Phänomenen, fügt sich demnach nahtlos die Innenverteidigung ein. Einerseits erlebte Dante seine persönliche Chuck-Norris-Werdung, Roel Brouwers setzte sich an die Spitze der internen Torjäger-Liste und fand ebenso Zugang zu den Geheimnissen der Feinmotorik. Andererseits jedoch musste das ungleich-ähnliche Duo gemeinsam 27 der 29 Gegentore hinnehmen. Dass Hurra-Fußball nicht der einzige Weg zum Ziel ist, zeigt die Bilanz des 1. FC Köln. Der steht mit 10:15 Toren – und damit der identischen Differenz – nur drei Punkte hinter der Borussia. Und das, obwohl beide Mannschaften eine Vorrunde gespielt haben, die in der regionalen Wahrnehmung mehr als nur drei Zähler auseinander liegen dürfte.

Am Samstag, einen Moment vor dem 3:2 durch Toni Kroos, hatte es den Anschein, als wollte sich die Gladbacher Defensive zum Steigerungslauf an der Grundlinie versammeln. Brouwers, Dante, Levels, Jaurès, Marx und Bradley kümmerten sich um anderthalb Leverkusener. 4:1 statt 1:1-Betreuung. Derweil rieselte Marco Reus vergeblich wie eine verirrte Schneeflocke aus dem Mittelfeld heran, um Toni Kroos vom Todesstoß abzuhalten. Bei diesem Bild dürfte es sich nicht um die Umsetzung des Credos „alle müssen nach hinten arbeiten“ gehandelt haben.

Zum dritten Mal gab die Borussia somit eine Führung aus der Hand. Am ersten Spieltag in Bochum und beim 2:4 zuhause gegen Hoffenheim hatte das Versagenw eitaus epischere Züge angenommen. In der BayArena dagegen griff der VfL einfach zu oft zur falschen Spielweise in der falschen Spielsituation. Erst ungewohnte Passivität gegen einen Spitzenreiter, der keine Mühe hatte, sich die Führung geduldig zu erarbeiten. Dann der Ausgleich, so halbwegs aus dem Nichts. In einer Viertelstunde baute Gladbach anschließend so viel Druck auf wie Leverkusen zuvor in 30 Minuten. Folglich ein Halbzeitstand der Marke „nicht unverdient“.

Nach der Pause roch es zunächst weiter nach einem Spiel auf Augenhöhe. Dante nahm im eigenen Strafraum Kießling in den Schwitzkasten. So vehement, dass dem Führenden der Torschützenliste selbst bei zweistelligen Minustemperaturen die Perlen von der Stirn liefen. Die Partie lief weiter. Ausgleichende Gerechtigkeit, nachdem beim Stand von 0:0 ein unberechtigter Abseitspfiff verhindert hatte, dass Marco Reus allein aufs Tor zulief. Bobadilla solote sich zu einer Ecke. Dante, der eben noch erfolgreich Stefan Kießling reanimiert hatte, netzte ein zur Führung.

36 Minuten vor dem Ende wäre es wohl angebracht gewesen, ganz in Ruhe die Reaktion der Gastgeber abzuwarten. Stattdessen begann die Borussia plötzlich zu stürmen. Als wolle sie schnell das 3:1 erzielen, um sich dann aber wirklich hinten rein zu stellen. Stattdessen währte das Auswärts-Glück viel zu kurz. Derdiyok traf zum Ausgleich. Kaum waren die Augen nach dem nächsten Blinzeln wieder auf, stand Toni Kroos auch schon auf Höhe des Sechzehners und brachte seine Mannschaft mit einer Playstation-ähnlichen Leichtigkeit wieder in Front. Wer in dieser Saison schon ein 3:3, ein 2:4, ein 3:2 und ein 5:3 mit Gladbacher Beteiligung erlebt hat, der hält in der Schlussphase alles für möglich. Doch die Taktik-Ironie des Schicksals setzte sich fort. Einen von nur noch zwei Torschüssen nach Dantes Treffer – wohlgemerkt in 36 Minuten – darf Bobadilla sich auf die Fahne schreiben. Nach einem feinen Pass von Arango, so zuckersüß wie ein Lebkuchenhaus, vergriff er sich, um bei den Playstation-Vergleichen zu bleiben, scheinbar mit den Knöpfen. René Adler warf sich dem Argentinier entgegen wie eine Schneeraupe in den Pitztaler Alpen.

Die Skala bei Raul Bobadilla ist lang. Ganz oben thront das „Genie“, unten kauert der „Wahnsinn“. Die Tatsache, dass er in der Hinrunde viel zu oft am unteren Ende der Skala anzutreffen war, macht den Argentinier mit den Eltern auf der Brust zum enttäuschendsten Neuzugang des Jahres 2009. Vorne dabei ist dagegen Dante, der nicht nur in letzter Sekunde in Cottbus traf, sondern auch so zur Stütze geworden ist, die brachialer Gewalt einen brasilianischen Anstrich verleiht. Entschlossenheit meets Anmut. Eine Million Euro für Marco Reus, gekommen aus Ahlen, schienen im Sommer noch eine ordentliche Hausnummer zu sein, womöglich sogar eine Hypothek für den 20-Jährigen, den nicht nur sein Aussehen und sein Vorname mit Marko Marin verbinden. Er hat sich reingebissen, nur drei der letzten 900 Bundesliga-Minuten verpasst und bei 16 Einsätzen drei Tore sowie zwei Vorlagen verbuchen können. Immer dann, wenn Reus an einem Treffer beteiligt war, gewann Gladbach.

Derweil wird man Juan Arango die Emsigkeit eines Marco Reus nicht mehr einverleiben können. Dennoch gelingt dem Venezolaner auch aus dem Stand immer wieder Sagenhaftes. Bei jedem Freistoßpfiff für die Borussia beginnt es zu kribbeln. Getroffen hat er zwar nur zweimal. In losen Abständen jedoch haben allein schon seine Fehlversuche so viel Aufsehen erregt, wie es manchem Treffer nicht zuteil wird. Prädikat: wertvoll. Erst Recht, wenn er irgendwann in der Rückrunde einen Fels wie Filip Daems hinter sich weiß. Dann steht es sich noch effektiver rum. Und vielleicht ist auch wieder der eine oder andere magische Moment dabei.

Logan Bailly taucht derzeit, leider muss man es so sagen, nur noch aufgrund seiner sagenhaften Rückrunde 08/09 in dieser Liste der Volltreffer auf. Mit einem Notenschnitt von 3,50 ist er laut Kicker der schlechteste Bundesliga-Keeper. Mit Abstand. Die spektakulären Paraden haben sich rar gemacht. 21-mal in 12 Spielen musste der Belgier hinter sich greifen. Nicht immer war er schuldlos. So segelte er gegen Hoffenheim wie René Higuita bei Windstärke 12 durch den Strafraum. Der Anschlusstreffer ging auf seine Kappe. Immerhin gehört sein versuchtes Jahrhunderttor gegen Frankfurt, als er aus dem eigenen Strafraum zum Sturmlauf aufs gegnerische Tor ansetzte, zu den Momente der Hinrunde, die hängen geblieben sind. Er war lange verletzt, nachdem ihm im Sommer eine Klimaanlage auf den Fuß gefallen war. Doch man will gar nicht glauben, dass dies jemanden wie Bailly ernsthaft aus der Bahn werfen kann.

Thorben Marx hat das defensive Mittelfeld durchaus verstärkt. Weil Michael Bradley und er sich ordentlich ergänzen, sieht es derzeit für Marcel Meeuwis zwar nicht so gut aus. Doch auch der Niederländer hat nicht enttäuscht, gehörte in der Spätsommer-Frühherbst-Krise noch zu den Besten. Überhaupt vergisst man bisweilen, wie schlecht es ungefähr Mitte Oktober aussah. Die Borussia stand auf Platz 17, mit nur sieben Punkten aus neun Spielen. Das 0:0 im Derby gegen Köln änderte daran nicht allzu viel. Dann jedoch kam der Tag, der – für mich zumindest – der größte der Hinrunde gewesen ist. 3:2 in Hamburg nach zweimaligem Rückstand, der erste Erfolg beim HSV seit 1995. Lange Zeit Verzweiflung, Wut und Enttäuschung. Und am Ende einfach nur Glückseligkeit.

Der Gefühlskatalog dieser Hinrunde ist ziemlich üppig bestückt. Die Geduld hat sich ausgezahlt. Wobei man nicht vergessen darf, dass wohl erneut eine ähnlich starke Ausbeute in 17 Spielen vonnöten sein dürfte, um am Ende völlig sorglos in den Hafen des Klassenerhalts einzulaufen. Rein optisch rangiert die Borussia derzeit ein wenig im Niemandsland der Bundesliga. Platz 10 ist drei Punkte weg, der Vorsprung auf den 13. (Köln) ebenso groß. Eigentlich will ich gar nicht damit anfangen, wie viele Zähler der VfL dennoch liegen gelassen hat. Aber… ich muss es trotzdem loswerden: Auf jeden Fall zwei in Bochum und zwei gegen Stuttgart. Hinzu kommt ein Spiel in Nürnberg, dass Gladbach dominierte, ohne das Tor zu treffen. Gegen Hoffenheim führte man erst 2:0, dann noch in der 85. Minute mit 2:1. Das Ende ist bekannt. Im Derby agierte der FC so harmlos wie ein Meerschweinchen bei einem illegalen Hundekampf, erhamsterte sich dennoch einen Zähler. Rechnen wir für Nürnberg und Hoffenheim nur einen Punkt drauf, für Bochum, Stuttgart und Köln jeweils zwei, dann sind wir bei 29 und somit auf Rang sechs. Übrig bleiben dann immer noch Freiburg, Bremen und Dortmund – die drei schlechtesten Saisonleistungen – sowie mit Leverkusen und Bayern zwei Auswärtsspiele, in denen der VfL teils vergnügenssteuerpflichtig auftrat, ohne Zählbares mit nach Hause zu nehmen.

Und da ist es auch schon wieder, das Einerseits-Andererseits. Denn einerseits stellen 21 Punkte und Rang 11 rundum zufrieden. Andererseits wäre, mit einem Tick mehr Cleverness, Abgezockheit und Ruhe noch mehr drin gewesen. Und das sogar ohne schwarz-weiß-grüne Brille (objektiv nennt sich das dann wohl). Also hoffen wir auf genauso viele Punkte in der Rückrunde, ein paar mehr schmutzige Siege und dafür „Hurra“ nur noch in Dosen, die keine Bauchschmerzen verursachen. Auf dass wir im Mai ohne Zögern festhalten können: Im Zweiten wird es wirklich besser.

22. Dezember 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Einmal mehr ein netter Bericht. Auch wenn Du stellenweise sehr kritisch über unsere Jungens sprichst, ganz unrecht hast Du nicht. Ohne Zweifel hat sich der VFL gut entwickelt und ein sechster Platz wäre wohl zuviel des Guten, oder?

    Gruß Daniel

  2. Danke Dir, Daniel. Die Kritik muss wohl sein, um – da ist es schon wieder – einerseits die Mannschaft auf dem Boden zu halten und andererseits uns selbst. Wobei ich mir sicher bin, dass Frontzeck, Eberl und Co. schon den richtigen Blick auf diese Hinrunde finden werden. Fand es heute Morgen in der Zeitung ganz konstruktiv, dass Eberl sagte, das Spiel gegen Bochum zum Rückrundenauftakt werden ein Wegweiser sein, wo es hin geht. Geht das in die Hose, müssten wir uns die Frage stellen, wie das passieren kann. Bei einem Dreier dürfte der Blick erst einmal in Richtung der Mannschaften unmittelbar vor uns gehen.

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