Im Zweiten wird’s wohl besser – 18. Akt:
Hibbelig in Hessen

Gladbach Motivbild

Gladbach 1:2 Bochum – die “goldene Regel”, “Voralpen”, “Hibbeligkeit”, ein “Brennpunkt” und ein paar Wörter, die nicht in Anführungszeichen stehen.

Welcher Dialekt auch immer sich das Wörtchen „hibbelig“ auf die Fahnen schreiben darf: Kompliment! Bei jedem Versuch, meinen Gemütszustand bei Stadion-Abwesenheit zu beschreiben, kommt mir zuerst dieses höchst lautmalerische Adjektiv in den Sinn. Es passt einfach. Wie die Faust aufs Auge. „Hibbelig“ klingt nach Gliedmaßen, die wild durch die Luft geschleudert werden, als sei der Pullover mit Juckpulver gewaschen worden. „Hibbelig“ weckt Assoziationen an einen Tiger, der nach vierzehn Tassen Kaffee durch seinen Käfig irrt. „Hibbelig“ ist das allumfassende Synonym für innere und äußere Unruhe in Personalunion.

Seit Samstag kenne ich zumindest ein Mittel, um diese Hilflosigkeit halbwegs zu bekämpfen. Es ist 15:38 Uhr, als ich Raum Bonifatius der Jugendherberge von Bad Hersfeld betrete. Draußen bewerben sich die hessischen Berge mit ihren schneebedeckten Wiesen um den Titel „Voralpen“. Und im Borussia-Park hat der Ernst der Rückrunde bereits vor acht Minuten begonnen. Ich selbst reite gerade schnurstracks hinein in meinen persönlichen Ernst des Wochenendes. Während in Gladbach schon wieder ohne mich der Ball rollt, habe ich – man mag es kaum glauben – zu diesem Zeitpunkt andere Sorgen. Dass es jemals so weit kommen sollte. Keine Zeit, um „hibbelig“ zu sein. Das Auswahlseminar zur Studienstiftung bietet letzten Endes mehr Parallelen zur Borussia, als ich erwartet hatte: Man muss auf alles gefasst sein und vor allem damit rechnen, dass das Ergebnis am Ende weniger zufriedenstellend ausfällt.

Zur besten Bundesliga-Zeit also bin ich mit meinem Referat an der Reihe. Zehn Minuten über die WM in Südafrika, ihre Perspektiven und die, die vielleicht gar nicht existieren. Anschließend soll ich mit einer Medizin-, zwei Psychologiestudentinnen, einem Physik- und einem Informatikstudenten zwanzig Minuten lang darüber diskutieren, ob es damals eine gute Idee war von Sepp Blatter, den Zettel mit der Aufschrift „South Africa“ aus dem Umschlag zu holen. Noch gegen Köln und Hannover, als ich ebenfalls im Stadionexil verharren musste, war mir um diese Uhrzeit nach dem einen oder anderen Schnaps zu Mute. Jetzt bin ich plötzlich so drin in Verbrechensstatistiken, Stadionneubauten und Apartheidsnachwehen, dass ich nicht einmal daran denken kann, ob ich Hochprozentiges zur Beruhigung benötige.

Nach einer halben Stunde verlasse ich Bonifatius halbwegs euphorisch. Die Last fällt ab und sofort ist sie wieder da – die verdammte „Hibbeligkeit“. Meine Hand greift sofort in die rechte Hosentasche und betätigt mit einer gewissen Vehemenz den Einschaltknopf des Handys. Die erste SMS aus der Vergangenheit landet in Bad Hersfeld: „0:1 Sestak 12. Minute“. Mir bleibt keine Sekunde, um die Botschaft zu schlucken, da geht es schon weiter mit der Vergangenheitsbewältigung: „0:2 Dedic 35. Minute“. Der Blick auf die Uhr macht alle Hoffnung zunichte, dass noch mindestens drei Textnachrichten folgen und die letzte in etwa lauten könnten: „3:2 Bobadilla 43. Minute – man ist das geil!“. Eine Halbzeit in der Rückrunde ist rum und schon macht sich Ernüchterung breit wie bei einem Vegetarier der feststellt, dass Pilze strenggenommen ja irgendwie auch Tiere sind.

Der Gegensatz ist so erdrückend, dass er fast schon komische Züge bekommt: Eigentlich würde ich bei Temperaturen um den Gefrierpunkt mit Trikot und Schal in einem Betongebilde mit knapp 40 000 anderen Menschen sitzen, mich mit siebzehn anderen Hobby-Philosophen in einer Reihe am Steh-Pissoir versammeln und dabei wohltuend primitive Ansichten vertreten. Stattdessen sitze ich in einer hessischen Jugendherberge am – noch euphemistisch ausgedrückt – Arsch der Welt und mache den Halbzeitfrust bei Donauwellen mit Kaffee vergessen. Zeitgleich wird am Nachbartisch angeregt über die Möglichkeit diskutiert, einen anderen Planeten zu terraformen, also eine Art Erde 2.0 aus ihm zu machen. Es wäre wohl möglich, würde jedoch mehrere Jahrhunderte in Anspruch nehmen. Blöd also, dass die Erd-Kopie uns dann im Ernstfall möglichst schnell retten sollte. Doch wann kommt der Ernstfall? 2012? 2154? Vielleicht Roland Emmerich oder James Cameron fragen. Jedenfalls müsste man ja irgendwann einmal anfangen.

Ab halb 5 sitze ich schließlich mit Knopf im Ohr auf meinem Bett. Das Fenster steht einen Spalt auf, weil jemand die „goldene Regel“ der Jugendherbergen gebrochen und sein großes Geschäft auf der zimmereigenen Toilette erledigt hat – nicht in den Katakomben, wie es das ungeschriebene Gesetz vorschreibt. Draußen bewegt sich derweil rein gar nichts. Keine Menschen, keine Tiere, keine Pflanzen – Bad Hersfeld gleicht am Samstagnachmittag einer Geisterstadt. Allein Sabine Töpperwien krakeelt aus Leverkusen ein bisschen Leben in die Szenerie. HR1 übertreibt es ein wenig mit dem Lokalpatriotismus, als Frankfurt gegen Bremen in Führung geht. Man könnte glatt meinen, die Hessen wollten die Zeit auf 20:15 Uhr vordrehen, damit die ARD dem Thema einen „Brennpunkt“ widmen kann. Aus Leverkusen wird zudem live berichtet, weil Mainz ja irgendwie nah dran ist an Frankfurt. Warum der HSV gegen Freiburg dann ebenfalls so viel Sendezeit erhält, gilt es noch zu beantworten.

Erst in der Schlusskonferenz ab 16:55 Uhr meldet sich der Borussia-Park erstmals so zu Wort, dass wenigstens ein paar Hintergrundgeräusche den Weg in mein Ohr finden. Man wird in der Not ja bescheiden. Ansonsten fliegt der Spieltag in Fetzen an mir vorbei. „Lethargie in Hannover“, „der neue, alte Tabellenführer in Leverkusen“, „der Acker in Hamburg“ – Botschaften wie aus einer fremden Welt. Wenigstens kommt im Radio alles so gefiltert rüber, dass bereits nach wenigen Sätzen des Reporters klar wird, welch einen gebrauchten Tag die Borussia erwischt hat.

Allmählich läuft mir die Zeit davon. Um kurz nach fünf muss ich mich wieder aufraffen von meinen sargähnlichen Herbergsbett. Es läuft die letzte Schalte in den Borussia-Park für mich an diesem Nachmittag, so viel steht fest. Patrick Herrmann, 18 Jahre, feiert schnell noch sein Bundesliga-Debüt. Fabian Bäcker (19) ist bereits zehn Minuten zuvor erstmals eingewechselt worden. WDR-Reporter Burkhard Hupe hinterfragt unsinnigerweise den Sinn des Debütantenballs, um schließlich innerhalb weniger Sekunden die Worte Hermann, Flanke, Bäcker und Anschlusstreffer in einen Satz einzubauen. Dass Herrmann dabei noch die Kapitänsbinde von Filip Daems in der Hand hat, weil er keinen Abnehmer dafür fand, verschweigt der gute Hupe. Klar, wer von seinem Presseplatz schon die Glatzen von Daems und Bradley nicht unterscheiden kann…

Halbwegs hoffnungsvoll schalte ich Radio und Handy wieder aus. Auf dem Weg in den Seminarraum höre ich von irgendwo Sabine Töpperwiens Stimme. Mit Mühe gelingt es mir, meine Motivation zu erhalten. Dann verschwinde ich wieder im Fußball-Vakuum, um darüber zu diskutieren, ob Informatik in der Sekundarstufe I Pflichtfach im Bereich Naturwissenschaften werden sollte. Fazit: Ja, nein, jein, nja, vielleicht, kommt drauf an, mal sehen. Könnte gut sein. Jedenfalls stürme ich um zwanzig vor sechs erneut nach draußen. Doch die einzige SMS stammt von 17:24 Uhr und verheißt ganz spartanisch: „Das war zu wenig“.

Die Tatsache, dass mir ein wenig berauschendes Spiel bei wenig berauschenden Temperaturen entgangen ist, tröstet nur bedingt. Denn statt gleichauf mit dem Neunten und nur vier Punkte hinter dem Sechsten aus Bremen zu liegen, ist der Abstand zum Relegationsplatz auf vier Zähler geschrumpft. Noch rangiert der VfL in jenem Niemandsland, auf das Hannover und Frankfurt einst ein Abo hatten. Noch sind wir damit zufrieden. Vorausgesetzt, es bleibt dabei. Bedingung dafür ist, am besten nicht die erste Mannschaft dieser Bundesliga-Saison zu werden, die gegen Berlin verliert und gleichzeitig nicht Hannover 96 heißt.

Derzeit verliert sich die Borussia in einem Wirrwarr aus Widersprüchen. Hinten wurden Dante und Brouwers für ihre herausragende Hinrunde gelobt, konnten jedoch erneut zwei Gegentore nicht verhindern. Vorne fällt Rob Friend aus, was eigentlich nicht sonderlich tragisch sein sollte, es nun aber doch ist, weil der Kanadier irgendwie fehlt. Raúl Bobadilla hat seinen Lauf aus dem Wintercup in Düsseldorf schon wieder beendet, ist eben kein Ausdauernder sonder wohl eher ein Sprinter. Und so sieht es fast danach aus, als könnte sich ein 19-Jähriger früher zum Hoffnungsträger aufschwingen als ursprünglich erwartet. Paradox.

Fazit des Wochenendes: Neben Schnaps wirken intensive Ablenkung und nervliche Anspannung effektiv gegen „Hibbeligkeit“. Sabine Töpperwien bringt selbst nach Bad Hersfeld eine Schippe Leben. Hessen sind im Radio zu patriotisch. Und Bochum ist, nach mittlerweile mehr als 12 Jahren ohne Gladbacher Sieg, ein wahrer Angstgegner.

20. Januar 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , | 5 Kommentare

Kommentare (5)

  1. Arme Socke!

    Mein Studium hat mich bis dato lediglich dazu gebracht, meine Dauerkarte aus Zeitmangel abzubestellen. Dennoch versuche ich an jedem Spieltag medial mehr oder minder ‘live’ dabei zu sein – oder doch lieber mittendrin?!

    Das Spiel hat in aller Deutlichkeit gezeigt, wie wichtig unser Kanadier ist, da ohne ihn alle Kopfballduelle verloren gingen.

    Bad Hersfeld ist wirklich nicht das Gelbe vom Ei (eine verflossene Liebe war dort wohnhaft daher kenne ich dort jede Weide), aber immerhin ist Hans Meyer dort ansässig.

  2. Tja hier mal einer, der von der Herberge in Hersfeld 7 km entfernt lebt und zur gleichen Zeit in einem Sportlerheim mit einigen Leidensgenossen bei einem gepflegten Bierchen leider bemerkemn musste, dass es wohl wieder keine entspannte Rückserie wird…wenn es dich mal wieder in die Gegend führt..melde dich in Untergeis, da findet siich immer ein TV!

  3. Danke für den guten Artikel, Deine Schreibe gefällt mir einfach.

    Tja – hier in Berlin warten die gar nicht so wenigen Gladbachfans auf das nächste Auswärtsspiel, welches für uns natürlich in Ermangelung eines nennenswerten Anfahrtswegs das einzige “Heimspiel” im Jahr darstellt. Bin aber schon recht nervös. Wird ne ganz enge Kiste, die Jungs müssen 100% konzentriert sein und ich hoffe phrasendrescherischerweise auf die Trotzreaktion der Mannschaft. Dann kann´s was werden mit den 3 Punkten…

  4. Als gebürtiger Hersfelder und 18km vom Tatort entfernt wohnender noch ein paar Aufmunterungen. Ich habe es diesmal auch nicht wie sonst zum Heimspiel geschafft, sondern saß mit Handy und kicker-Ticker auf einer Familienfeier und habe in den Tisch gebissen, dass uns diese schier unschlagbaren Bochumer einmal mehr niedergekämpft haben.

  5. Da scheint Bad Hersfeld ja doch der Nabel der Welt zu sein.;-)

    Danke für Eure Kommentare!

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