„Lutscher“ muss bittere Pille schlucken -
oder: Jogi Löw und sein Leistungsprinzip

Wer auf jeden Fall zur WM fährt, darüber lässt sich nur mutmaßen. Fest steht jetzt schon, wer definitiv nicht dabei sein wird: Torsten Frings.

Wer bei Google nach „Jogi Löw+Leistungsprinzip“ sucht, der wird dieser Tage gleich 88 000-mal fündig. Zum Vergleich: Die viel diskutierte Frisur des Bundestrainers kommt nur auf ein Fünftel dieser Treffer. Immerhin. Dabei dürfte es spätestens seit dieser Woche einfacher sein, die Frage „gefärbt oder nicht gefärbt?“ zu beantworten, als festzuhalten, was es mit diesem ominösen Leistungsprinzip überhaupt auf sich hat.

Allzu überraschend kam die Ausbootung von Torsten Frings – etwas euphemistisch auch als „Nicht-Berücksichtigung“ bezeichnet – in dieser Woche nicht mehr. Doch verständlicher wird sie dadurch auch nicht. Bevor das Tischtuch zwischen Frings und Löw im Laufe der letzten Monate Stück für Stück zerschnitten wurde, zog es bereits im Oktober 2008 erste Fäden. Beim 2:1 gegen Russland war der Bremer erst kurz vor dem Ende eingewechselt worden, kurz darauf gegen Wales spielte er gar nicht.

Manch einer hätte die bittere Pille ohne Widerrede geschluckt. Nicht so der „Lutscher“, der im Februar 2009 beim 0:1 gegen Norwegen sein letztes von 79 Länderspielen absolvierte. Frings fühlte sich nicht respektiert, fand seine Verdienste um die Nationalmannschaft nicht ausreichend gewürdigt. Und die direkte Konkurrenz um den Platz in der Doppel-Sechs neben Michael Ballack – Simon Rolfes und Thomas Hitzlsperger – sah er schlichtweg nicht auf einem besseren Leistungsniveau. Auch wenn die Kicker-Noten trotz zahlreicher Schein-Petitionen noch immer nicht den WM-Kader zusammenstellen, sticht Frings’ aktueller Schnitt von 3,03 ins Auge. Nur zweimal fehlte der 33-Jährige verletzungsbedingt in der Bundesliga, spielte bei 18 von 24 Pflichtspieleinsätzen über die volle Distanz.

Und die direkte Konkurrenz um einen Platz im Flieger nach Südafrika? Simon Rolfes hatte sich in der ersten Hinrundenhälfte als Anwärter Nummer eins präsentiert und in allen Belangen überragt. Die zweite Hälfte verpasste der Leverkusener jedoch nach einer Knie-OP vollständig, wird jetzt langsam an die Startelf herangeführt. Thomas Hitzlsperger steckt derzeit im größten Tief seiner Karriere, hat beim VfB die Kapitänsbinde abgeben müssen und ist nicht mehr erste Wahl. Teamkollege Sami Khedira überzeugte zu Saisonbeginn nur phasenweise, fiel dann lange aus. Der 22-Jährige gehört nach der Entlassung von Markus Babbel nun aber zu den großen Stützen der Stuttgarter Aufholjagd.

Für acht Mittelfeldspieler dürfte in Jogi Löws WM-Aufgebot Platz sein. Michael Ballack, Bastian Schweinsteiger und Mesut Özil haben ihr Ticket sicher. Ansonsten tummeln sich viele Neulinge, Youngster und Wackelkandidaten auf der Liste. An Toni Kroos dürfte Löw kaum vorbei kommen, wenn der Bayer-Bayer seine Form halbwegs bis zum Saisonende hält. Für Marko Marin dürften die Chancen dann sinken. Özil, Kroos, Marin – das wäre wohl zu viel des Wirbels. Marcell Jansen befindet sich im Aufwind. Der Hamburger lebt davon, dass er variabel einsetzbar ist und es von seinem Typus nicht viele gibt. Gleiches könnte für Sami Khedira gelten. Für Thomas Hitzlsperger und Piotr Trochowski müsste es getreu dem vielzitierten Leistungsprinzip mehr als eng werden, weil Simon Rolfes in jeder Hinsicht die Nase vorn hat. Doch wovon kann man auf dem Personalkarussell schon ausgehen?

Jener Simon Rolfes wäre in diesem Fall mit 28 Jahren, nach Michael Ballack, der Oldie im deutschen Mittelfeld. Mit Abstand. Warum ein 33-Jähriger, der in 79 Länderspielen selten enttäuscht und an allen Nationalelf-Erfolgen des 21. Jahrhundert maßgeblich mitgewirkt hat, in diesem System keine Rolle spielen soll, bleibt schleierhaft. Sind etwa nur noch Nationalspieler gefragt, die selbst bei einer Pleitenserie auf der Playstation stets die Contenance bewahren? Nur damit im WM-Quartier Friede, Freude, Eierkuchen herrscht? Ein Vereinskamerad von Torsten Frings könnte sich ähnliche Fragen stellen. Seit Jahren überzeugt Tim Wiese mit Werder Bremen sowohl auf nationaler als auch internationaler Ebene. Dennoch bleiben Zweifel, ob der exzentrische Keeper jemals eine faire Chance haben wird, den Platz auf Torlinie einzunehmen.

Jogi Löw wandelt in der Vor-WM-Monaten auf einem schmalen Grat – und das nicht nur in sportlicher Hinsicht. Seine Personalentscheidungen sollen die Leistung in den Vordergrund rücken. Was war und was mal sein kann, spielt eine untergeordnete Rolle. In Wirklichkeit jedoch propagiert der Bundestrainer das Bild vom aalglatten Nationalspieler, der formbar ist wie Pizzateig und jegliche Entscheidungen stumm akzeptiert. Die Zeit der Aufklärung liegt mehrere Jahrhunderte zurück. Im Jahr 2010 wird es gern gesehen, wenn Fußballer in
eine Art Schockstarre der Mündigkeit fallen. Beim Fall Frings dürften sich Kant und Voltaire im Grabe umdrehen.

PS: Torsten Frings darf sich freuen – denn ihm ist der 500. Beitrag dieses Blogs gewidmet. Der Konfettiregen wird nachgereicht, Kanapees entfallen aus Kostengründen.

22. Januar 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Die mit dem Adler, Einwurf | Schlagwörter: , , , , , | 2 Kommentare

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