Im Zweiten wird’s wohl besser – 19. Akt:
Futter für die Festplatte

Gladbach Motivbild

Berlin 0:0 Gladbach – Algerier in Abwesenheit, Fieberträume reloaded, destillierte Dämlichkeit, Sturm-Koryphäen, Fußballentzugshalluzinationen.

Man könnte meinen, Karim Matmour tue derzeit alles, um seine Rückkehr an den Niederrhein möglichst lange hinauszuzögern. In Angola läuft das Viertelfinale des Afrika-Cups. Und Gladbachs storchenbeiniger Stürmer hat für seine Mannschaft gegen die Elfenbeinküste den Ausgleich erzielt, ist damit maßgeblich am Sprung ins Halbfinale beteiligt gewesen. Übel nehmen kann man es dem 24-Jährigen kaum. Schließlich gehört der Algerier in Abwesenheit nach zwei Spielen quasi zu den Gewinnern des Rückrundenstarts – weil die Offensiv-Konkurrenz irgendwie ebenfalls abwesend ist, obwohl sie sowohl gegen Bochum als auch gegen die Hertha auf dem Platz stand. Klingt komisch, ist aber so.

Es macht derzeit zwar wenig Spaß, nicht mehr als ein paar Fetzen von Spielen der Borussia mitzubekommen. Doch die Konferenzen auf Sky oder WDR2 haben auch ihre Vorteile. Egal ob Glückseligkeit oder Grauen: Alles kommt destilliert bei mir an. Ohne unnötige Zusätze, vollkommen bereinigt. So spricht es Bände, dass später in der Sportschau nur eine Szene des VfL aus Hälfte zwei gezeigt wurde. Ein Freistoß aus dem Halbfeld landete in der Nachspielzeit bei Berlins Drobny. In dessen Abschlag hinein ertönte der Schlusspfiff. Das war’s.

Michael Frontzeck hielt nachher fest, seine Mannschaft habe „gut gegen den Ball gespielt“. Was für mich immer so schmeichelhaft klingt, als würde man einen Formel-Eins-Fahrer dafür loben, wie gut er gegen die Wand gefahren ist. Sollten Fußballer und Spielgerät nicht eigentlich Freunde sein? Zumindest ab und zu? Miteinander statt gegeneinander? Für Friend, Colautti, Bobadilla und Co. scheint das Credo eben nicht zu gelten. Egal wer derzeit im Sturm aufgestellt wird, Gladbachs System verkommt dauernd zum 4-4-0. Vor acht Spielzeiten war Arie van Lent der letzte Gladbacher, der in der Bundesliga zweistellig traf, nicht Oliver Neuville hieß und mehr als 1,80 Meter ans Maßband brachte. Seitdem gingen Sturm-Koryphäen wie Morten Skoubo oder Kahê ein und aus – ohne sich nachhaltig auf dem Spielberichtsbogen einzubringen.

Nun könnte man das 0:0 in Berlin dankend annehmen. Ein torloses Remis beim Tabellenletzten, der zum Angriff bläst, sich jetzt „Aufholjäger“ nennt und das neue Motto-Shirt von einer aufreizenden Blondine präsentieren lässt, so dass Rolf Fuhrmann von Sky kurz darüber nachdenken musste, ob es bei den „Sexy Sport Clips“ eigentlich noch freie Moderatorenplätze gibt. Man könnte Logan Bailly dafür danken, dass er das erste Zu-Null auf fremdem Platz seit dem 0:1 in Cottbus letzten Mai festhielt und dafür eine 2,0 vom Kicker kassierte. Dass er Ciceros Schuss in der Anfangsphase parierte, bei einem Freistoß des Herthaners im Privatduell mit 2:0 in Führung ging und anschließend gegen Ramos die Schwerkraft aushebelte, um sich in dessen dicke Chance zu werfen. Man könnte das alles tun, sich den Mund abputzen, sagen „Hauptsache nicht verloren“ – wenn da nicht diese eine Szene gewesen wäre, die ein Spiel beinahe auf den Kopf gestellt hätte.

Der Konjunktiv zusammen mit Wörtern wie „beinahe“ verheißt in ein und demselben Satz selten Gutes. „Elfmeter in Berlin!“, hallte es kurz vor der Pause durch die Studentenkneipe. Bereits zehn Minuten zuvor hätte ich schwören können, dass irgendjemand „Tor in Berlin!“ gerufen hatte. Selbst unbefangene Leverkusen-, Schalke- und Duisburg-Fans wollten den Beschwerdebrief an Sky schon mitunterzeichnen, weil sich der Pay-TV-Sender scheinbar weigerte, in die Hauptstadt zu schalten. Waren aber wohl doch nur Fußballentzugshalluzinationen. Nicht so jedoch kurz darauf: Plötzlich lief Marco Reus mit gesenktem Kopf durchs Bild, als habe er gerade einen Herthaner zu Fall gebracht. Vielleicht ahnte er auch nur, was gleich passieren würde und konnte sich deshalb nicht darüber freuen, dass Colautti genau da stand, wo Friedrich zur Grätsche ansetzte.

Es war im Oktober letzten Jahres, als ich mit folgenden Worten eine Szene beschrieben habe, wegen der ich noch sieben Tage später an ernsthaften Fieberträumen litt und an die ich bis heute nur mit schmerzverzerrtem Gesicht zurückdenke: „Was dann passierte, hebt das legendäre Frank-Mill-Versagen auf eine ganz neue, so noch nie gesehene Ebene. Wie in Trance stupste Bobadilla den Ball kurz mit der Sohle an, um ihn anschließend mit der Hacke – Frank-Mill-Fans wissen, was jetzt kommt – am Tor vorbei zu setzen. Aus 17 Metern. Mill traf damals wenigstens noch den Pfosten. „Ball, Tor, rosa Elefanten, aah, Sohle, Hacke, warum ist der Rasen so grün, aah, alles so hell hier, Kacke“ – Raúl Bobadillas Gedankengang in dieser Szene muss ähnlich ergiebig gewesen sein, wie 19 Stunden lang Testbild zu gucken.“

Nun sind ein Hackenschuss aufs verwaiste Tor aus 17 Metern und ein Elfmeter (aus circa elf Metern) gegen Herthas Drobny zwei grundverschiedene Paar Schuhe. Wenn das Resultat sich jedoch gleicht, sind auch die Assoziationen dieselben. Man darf vom Punkt vergeben, auch Arango. Schließlich hat diese sehr spezielle Disziplin des Fußballs schon ganze Länder in tiefe Volkstrauer gestürzt. Man darf auch durchaus zu spät sein beim Nachschuss, weil entweder der Ball zu schnell von vorne oder der Gegner zu schnell von hinten herangerauscht kommt. Die Toleranz wird jedoch mindestens so schwer strapaziert wie bei einem Betrunkenen, der in die U-Bahn uriniert, wenn für den Nachschuss so viel Zeit bleibt wie für eine ganze Buntwäsche oder eine Fahrt von Frankfurt am Main nach Würzburg (über Landstraße, wohlgemerkt). Und außerdem: Von Juan Arango hätte man erwartet, dass er Elfmeter etwas kreativer verschießt. Manchmal da versagt man selbst beim Versagen.

Und so wird dieses Spiel nur aufgrund einer einzigen Szene in Erinnerung bleiben. Demnach gilt Arango ein ganz besonderer Dank. Denn ohne Aktionen wie diese hätten sich in unserem Fußball-Gedächtnis die Erinnerungen niemals in Gigabytes angehäuft – und wir würden immer noch mit Disketten arbeiten.

25. Januar 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , | 1 Kommentar

1 Kommentar

  1. Hallo Jannik,

    auch mir war die Betrachtung des Gesamtspiels versagt, weshalb ich auf die Konferenz ausweichen musste. Und auch ich dachte beim Anblick von Marcos Gesicht erlag ich ebenfalls der Annahme, es sei ein Elfer für Berlin.

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