Skandal um Marlies

Tête-à-tête mit einer Computerstimme, Rosinenpicken Deluxe und eine morgendliche Kartenodyssee

Samstagmorgen, 8:53 Uhr – nach einer halbwegs durchzechten Nacht mit einem unausgeglichenen Verhältnis von Schlaf- und Wachzeit klingelt der Wecker viel zu früh. Aber der 12. Juli 2008 ist nicht irgendein Tag: Um 10 Uhr startet der Tageskartenverkauf für Mitglieder von Borussia Mönchengladbach. Im Prinzip könnte mir das ziemlich schnuppe sein, nicht aber meinem Bruder und meinem Vater, die keine Dauerkarte in ihrem Portemonnaie mit sich herumtragen und deshalb den – wie sich später zeigen wird – unfassbar schweren Umweg über den Einzelverkauf gehen müssen. Vielmehr bin ich der Glückliche, der den Auftrag erhält, je zwei Karten für die Hinrundenknaller gegen Köln und Bayern ins Haus flattern zu lassen – Nordkurve, Oberrang.

Mein Vater und mein Bruder sind nicht unbedingt notorische Rosinenpicker, ganz anders als Tausende Borussenfans, die es nur ins Stadion zieht, wenn eine der oben genannten Mannschaften im Borussia-Park gastiert – unter Umständen machen sie bei Bremen, Dortmund oder Schalke sogar eine Ausnahme. 26.000 Dauerkarten hat die Borussia in diesem Jahr verkauft. Wenn ich mich nicht täusche, sind das ca. 40 Prozent mehr als letztes Jahr, als die Hochkaräter nicht Bayern und Köln, sondern Koblenz und Köln hießen. Wenn wir großzügig 4000 neue Dauerkarteninhaber abziehen, die dem Abenteuer Unterhaus aus beruflichen Gründen nicht regelmäßig beiwohnen konnten und denen der Samstag jetzt wieder passt, sind das immer noch ein paar Tausend Rosinenpicker, Eventfans und Modeerscheinungen, die im Mai ihre Dauerkarten wieder auf die Gleise am Rheydter Hauptbahnhof schmeißen werden, wenn am Ende nicht mindestens Platz 15 herausspringt. Eben jene Kreaturen sind der Grund dafür, warum ich samstags um 9:12 Uhr mit meinem Laptop im Bett hocke und die Webseite von Gladbach aufrufe.

Das Aufrufen von borussia.de funktioniert sogar problemlos. Aber schon beim nächsten Schritt stellt sich mir das erste unüberwindbare Hindernis in den Weg: „Die Server sind ausgelastet“. Schön für die Server – doch was ist mit meinen Karten? Im Umkehrschluss bedeutet das, dass zu dieser Uhrzeit – eine Dreiviertelstunde bevor der Verkauf überhaupt startet – bereits so viele Mitglieder vorm PC hocken, dass „rien ne va plus“ noch als fatale Untertreibung daherkommt. Also den Computer auf Stand-By, den Wecker auf 9:56 Uhr gestellt und noch eine Runde eingenickt. Unwahrscheinlich, dass sich innerhalb der nächsten Minuten so viele Leute von der Seite entfernen werden, dass das Ticketcenter seine Pforten auch für mich öffnet. Ich könnte das Stromnetz von Mönchengladbach lahm legen. Aber dazu fehlt mir nach vier Stunden Schlaf schlichtweg die Kraft.

Um Punkt zehn Uhr mache ich mit dem Gründungsdatum des VfL Bekanntschaft, dem 1.8.1900: Unter 01805/181900 finde ich meine Beschäftigung für die nächsten 45 Minuten (wobei ich zu diesem Zeitpunkt blauäugig davon ausgehe, nach vier Minuten sei die Sache spätestens gegessen). Die Tickethotline ist meine letzte Hoffnung. Um 10:03 Uhr herrscht dort leider ein Vakuum in Sachen Tageskarten. Bei der Borussia scheint man es nicht ganz so genau zu nehmen mit Versprechen und Uhrzeiten. Marlies – ich nenne sie jetzt einfach mal so, schließlich werden wir ein 40 Minuten langes, inniges Zwiegespräch führen – bietet mir eine Mitgliedschaft und eine Dauerkarte an. Will ich nicht, hab‘ ich schon. Also gebe ich Marlies erst einmal einen Korb. Der Anruf auf der Geschäftsstelle verpufft ereignislos – nicht unklug, den Tageskartenverkauf an einem Samstagmorgen außerhalb der Öffnungszeiten zu starten. So kann sich wenigstens niemand über technische oder organisatorische Probleme beschweren.

Vier Minuten nach unserem ersten Aufeinandertreffen herrscht dann reges Treiben bei Marlies. Ich bin ihr nicht mehr wichtig, wie auf dem Arbeitsamt bekomme ich humorlos eine Nummer in die Hand gedrückt: Platz 235 in der Warteschlange. Reihe 8 in Block 17 A wäre mir viel lieber. Im Hintergrund pulsiert der Karneval von Rio, Sambarhythmen ertönen aus dem Telefonhörer. Im Vordergrund schenkt mir Marlies wieder etwas mehr Aufmerksamkeit. Alle fünf Sekunden schiebt sie mich ein paar Plätze nach vorne in der Schlange. 213, 187, 143, 102, 87 – fünf Minuten sind vergangen. Ich wünsche mir die „Elf vom Niederrhein“ oder „You’ll walk alone“ – Marlies überhört mein Flehen. „Sie sind jetzt auf Platz 34“, versichert sie mir mit ihrer wohlklingenden Stakkato-Stimme. Ich glaube, wir haben uns schon einmal getroffen – in der 054 von Anrath nach Krefeld, dort sagt sie die Haltestellen an. Ihr genuscheltes „Am Stock“ gehört dort zu den Klassikern.

Irgendwann werden die Zahlen einstellig, plötzlich mache ich dann einen Riesensatz von Platz 9 mitten hinein in die Ticketoase. Ich tippe meine Mitgliedsnummer für Marlies ein. Sie leitet mich freundlich weiter. Das Ziel ist in Reichweite. Denke ich. Dann legt Marlies los: „Karten für folgende Spiele sind erhältlich: Borussia Mönchengladbach gegen den FC Valencia (Marlies kann sogar direkte Artikel benutzen) am 2. August um 15:30 Uhr…“ – „Och nee“, stöhne ich unüberhörbar für die Frauenstimme am anderen Ende. Wenigstens spart sie sich die Adresse, den Zusatz VfL und das e.V. Doch soll das jetzt so ausführlich weitergehen? „Haben Sie Hilfe gesagt?“, fragt Marlies mit Bohnen in den Ohren. „Nein“, entgegne ich ihr schroff. Meine Freundlichkeit schwindet dahin, Marlies dagegen bleibt zuvorkommend und nett. Nachdem ich unseren Spielplan beinahe auswendig kenne, kommt sie endlich zum Spiel gegen Köln.

„Stopp“, rufe ich erleichtert – ganz so, wie Marlies es drei Minuten zuvor verlangt hatte, als sie begann, die Heimspiele der Hinrunde aufzuzählen. Mich zieht es in den Norden, Marlies findet das OK. Leider könne sie mir nur Sitzplatzkarten anbieten. Kein Ding, was anderes wollte ich doch gar nicht. Es geht weiter mit den Einschränkungen – Block 14A ist das Beste, was sie parat hat. 15A, 16A, 17A – alles bereits ausverkauft. Nicht schlimm, ich zeige mich von meiner toleranten Seite. Doch bevor ich überhaupt zustimmen kann, hat Marlies mein kurzes Zögern als „ja“ interpretiert. Sie führt mich weiter zur Zahlung und zum Abschluss der Bestellung. Ich würde gerne mit Mastercard bezahlen, Marlies widerspricht nicht, verlangt allein die Nummer.

‚Moment, wo ist die Mastercard überhaupt?‘, schießt es mir durch den Kopf. Meine Mutter stürmt aus dem Bad, eilt mit der Karte herbei. Als ich den Finger zur Taste mit der ersten Ziffer bewege, ist Marlies‘ Geduld am Ende. Beleidigt sagt sie mir, dass sie die reservierten Karten leider wieder in den freien Verkauf geben müsse und legt im selben Atemzug auf.

Als ich Marlies daraufhin zur Rede stellen will, tut sie so, als kenne sie mich nicht. Vergessen ist das vorherige Gespräch. Im Nu bin ich nur noch eine Ziffer in einer langen Reihe von kaufwilligen Borussen – los geht’s diesmal bei 262. Weitere fünf Minuten später bin ich bzw. ist Marlies bei 11 angekommen. „10… 9… 8… 7…“, zählt sie herunter, als würde der Hörer gleich in die Luft fliegen. Er tut es nicht, stattdessen sind wir am selben Punkt angelangt wie zehn Minuten zuvor. In Block 14A ist immer noch Platz. Diesmal liegt die Kreditkarte bereit. „Mastercard“, antworte ich bestimmt auf Marlies‘ Frage, wie ich ihr denn gerne die Kohle zukommen lassen würde. „Haben Sie Hilfe gesagt?“ – Sie denkt, ich selbst hätte mit einem Problem zu kämpfen, dabei scheint bei ihr nicht alles in Ordnung zu sein. Im zweiten Anlauf klappt es: Die Tickets sind gebucht, Marlies diktiert mir geduldig die Transaktionsnummer. Ich befürchte bereits, dass unser Gespräch gleich wieder beendet sein wird. Dabei fehlen doch noch die beiden Karten fürs Bayern-Spiel.

Doch Marlies überrascht mich. Die Chemie stimmt zwischen uns. Sie wimmelt mich noch nicht ab. „Sie haben nun die Möglichkeit, weitere Tageskarten zu bestellen. Möchten Sie weitere Tageskarten bestellen?“, fragt sie in der Manier einer Kindergärtnerin, die ihren Schützlingen noch einen Löffel Möhrengemüse auf den Teller klatscht. Das „Du“ geht ihr noch nicht über die Lippen. Dabei verstehen wir uns gerade doch ganz gut.

Sie bietet mir an, den Namen meiner gewünschten Tribüne entweder laut auszusprechen, oder eine entsprechende Taste zu drücken. Auf einmal zeigt sie ein Herz für Stumme. Doch die würden es ja nie so weit schaffen, ohne Marlies ein überzeugtes „ja“, „nein“ oder „vielleicht“ mit auf den Weg geben zu können. Na toll, Marlies.

In Windeseile sind die Tickets bestellt, routiniert souffliert sie mir die Transaktionsnummer ins Ohr. Nach der 8 versagt meine Konzentrationsfähigkeit für einen Moment. Kein Wunder, wir telefonieren seit circa 40 Minuten – so lange dauert die Achterbahnfahrt der Gefühle bereits. Ich muss ihr also leider mitteilen, dass ich mir die TAN nicht ganz vollständig notieren konnte. „Gut, dann noch einmal“, ruft die Computerstimme genervt in den Hörer. Diese Stimmungsschwankungen – ich tippe auf Wechseljahre.

„32484“ – dann ist unser Gespräch beendet. Marlies verschwindet in ihrem Computer. Ich lege schweißgebadet auf, nach 43 Minuten. 6 Euro macht das dann bitte. Ist ja nicht so, dass ich gerade vier Tickets bestellt hätte für je – gute Frage, wie teuer waren die eigentlich? Für Köln gibt es 5 Euro Topzuschlag oben drauf, für Bayern gar 10. Selbst das wird die Rosinenpicker nicht abschrecken. Ich habe es gemerkt.

Mir wird klar, wie viel Marlies’ Job mit Prostitution zutun hat: Ein bisschen die Domina raushängen lassen, dann einen auf heile Welt machen – alles für jede Menge Geld, gefühlslos und anonym. Und wir Fans, wir sind Marlies‘ Freier, versklavt von unserem Verein – und wir können nichts anderes tun, als es hilflos über uns ergehen zu lassen. Aber das ist ja nicht neu.

13. Juli 2008 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | 1 Kommentar

1 Kommentar

  1. Naja ich glaube da habt ihr noch keine richtige Domina gesehen. Es ist ja meist mehr als nur auspeitschen und verbale erniedrigung.

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