Im Zweiten wird’s wohl besser – 21. Akt:
Gladbach wie es sinkt und keiner lacht

Gladbach Motivbild

Mainz 1:0 Gladbach – eine Petition ohne Erfolg, Chancen in rauen Mengen, 65 Prozent Topzuschlag und Hoffnung auf Besserung.

Ich muss zugeben, dass das anstehende Karnevalswochenende eher die Vorlage für diese Überschrift gegeben hat als die Gladbacher Leistung in Mainz. Denn so apokalyptisch war es beileibe nicht. Womit wir jedoch auch schon beim Hauptkritikpunkt wären: Mal wieder hat die Borussia dominiert, mal wieder hat sie sich Chancen erspielt, für die man beim Mitzählen beinahe auf seine Zehen zurückgreifen muss – mal wieder steht sie mit leeren Händen da.

Jetzt könnten wir anfangen, nach Sündenböcken zu suchen. Jede einzelne Torchance von Marco Reus, Raúl Bobadilla oder Patrick Herrmann sorgfältig sezieren wie damals die Regenbogenforelle im Bio-Unterricht der Klasse 8. Doch diesmal ist alles viel, viel einfacher: Denn die Schuld liegt, so merkwürdig es klingt, bei knapp 3000 Borussenfans, die sich auf die Reise an den Mainzer Bruchweg gemacht haben. Vielleicht wirkte mein verzweifelter Aufruf auf der Fanprojekt-Seite unter der Woche nicht glaubwürdig genug. Vielleicht ist er untergangen im Hurrikan der Kartengesuche nach dem berauschenden 4:3 gegen Bremen. Jedenfalls warte ich bis heute auf eine Nachricht, auf einen selbstlosen Mainz-Fahrer, der sagt: „Jung, nimm’ meine Karte – damit drei Punkte im Gepäck landen“. Und dann tut es Dir Leid, doch dann ist es zu spät.

Die Abgabe einer Sieggarantie (vorausgesetzt, ich bin im Stadion) war unter dem Strich wohl zu viel des Guten. Schließlich ist da am 1. Spieltag noch dieser Fast-Sieg in Bochum gewesen, der die Schönheit meiner diessaisonigen Auswärtsbilanz etwas schmälert. Doch fest steht: 456 Tage oder auch 16 Gastspiele ist es her, dass die Borussia ohne meine Anwesenheit einen Dreier eingefahren hat. Von den sechs Partien, die ich seit jenem erfolgreichen 8. November 2008 in Bielefeld auswärts gesehen habe, gewann Gladbach vier, holte zudem ein 3:3 in Bochum und ging lediglich – man möge es verzeihen – mit 0:5 in Düsseldorf gegen Leverkusen unter. Haften bleiben dennoch die Dreier in Köln, Cottbus, Hamburg und Frankfurt. Jene im Derby und in der Lausitz erwiesen sich im Nachhinein bekanntlich als lebensrettend. Der Erfolg in Hamburg war der erste beim HSV seit 1994. Bei der Eintracht wurde es dann vollbracht, erstmals seit 14 Jahren wieder zwei Auswärtsspiele in Folge zu gewinnen.

Nun ist es außerdem nicht so, dass der VfL im Laufe dieser sieglosen 16 Spiele ein Unentschieden nach dem anderen eingefahren hat, mit dem man des Öfteren mehr als gut leben konnte. Nein, neben 13 Niederlagen bleiben nur drei einsame, gleichmäßig verteilte Punktegewinne. Und jetzt, nach zweieinhalb Absätzen voller Anschuldigungen, noch eine gute Nachricht: Am Mittwoch kam Post. Im Briefkasten waren zwei Karten für Hoffenheim. Noch besser: Mein Bruder kommt mit – wie in Cottbus und wie in Frankfurt.

Nach dieser dritten Auswärtspleite bei einem Aufsteiger in dieser Spielzeit (allesamt ohne eigenen Treffer) wirkt eine Reise in den Kraichgau zwar nicht so vielversprechend wie eine Beschränkung der Lottozahlen auf 1 bis 6. Doch es lässt sich jede Menge Mut schöpfen aus der Tatsache, dass die TSG ein offensiv eingestelltes Team ist, das sich seiner gesamten Stärke beraubt, wenn es sich hinten rein stellt. Mainz 05 gehört nun ebenfalls beileibe nicht zu den Mauerkindern der Liga. Dafür scheint das Scouting der weitaus sympathischeren Domstadt absolut zu fruchten. Der FSV kam nach einer Ecke zu seiner ersten und irgendwie auch einzigen großen Gelegenheit. Ein Abpraller in Pannenunion mit einem Luftloch genügte, um den Gastgeber kurz vor der Pause in Führung zu bringen – was am Ende vollkommen ausreichte. Das 1:0 von Bo Svensson war dessen erstes Erfolgserlebnis im Trikot von Mainz 05. Blinde Hühner finden gegen den VfL gleich ganze Kornspeicher.

In Hälfte eins gelang es der Borussia schlichtweg nicht, ihre Chancen zu nutzen. Bobadilla wirkte nach einem Arango-Freistoß so, als hätte man ihm Bleifäden in die Stutzen gewebt. Aus kurzer Distanz schoss er Mainz-Keeper Müller an. In der Folge erhöhte der Argentinier noch zweimal sein Konto der vergebenen Torchancen. Einmal verlor er die Orientierung, welches Bein nun das linke, welches das rechte ist. Dann beförderten ihn enorme G-Kräfte etwas zu weit Richtung Grundlinie, als er Heinz Müller umkurven wollte.

Der zweite Durchgang brachte schließlich nicht einmal mehr Torchancen, die der VfL liegen ließ. Bis zur 79. Minute dauerte es, dass die Borussia so etwas wie eine Schlussoffensive einläutete (der Schluss der Partie kam ohne eigenes Zutun, die Offensive eher krampfhaft). Michael Bradley hatte bei seinem Schussversuch eigentlich auf die linke Eckfahne gezielt. Mit ein wenig lotterieartigen Einflüssen landete der Ball bei Marco Reus, der sich dank dieser Szene – bei all der Freude, die er uns schon bereitet hat – so langsam zum Chancentod aufschwingt. Roel Brouwers ist auch nach dem 21. Spieltag weiterhin bester Torschütze der „Elf vom Niederrhein“. Und das mittlerweile weniger dank seiner eigenen Torjägerqualitäten, als aufgrund der Leiden des jungen M. vor des Gegners Tor.

Zu guter Letzt noch ein wenig Zahlenspiele: Was sagt die Formel 15 aus 10 gegen 1 bis 8 sowie 10 aus 11 gegen 9 bis 18 aus? Jawohl, die Borussia holt gegen die acht stärksten Mannschaften der Liga im Schnitt 65 Prozent mehr Punkte als gegen den Rest. Besonders dürftig sieht die Bilanz gegen das hintere Mittelfeld und die besser situierten der wenigen Abstiegskandidaten aus: Aus den sieben Partien gegen Hoffenheim, Stuttgart, Köln, Wolfsburg, Bochum und Freiburg holte der VfL hauptstädtisch anmutende drei Zähler.

Etwas Hoffnung weckt die Saisonbilanz gegen die Mannschaften aus den Niederungen der niederen Gefilde: 7 aus 4. Wenn es gegen Nürnberg nicht klappen sollte, gibt es zwar erneut nichts zu lachen. Doch weil Karneval ist, wird das „k“ im Wörtchen „sinkt“ dann trotzdem einem „g“ weichen müssen. Halt Pohl, Borussia.

07. Februar 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | 3 Kommentare

Kommentare (3)

  1. zum Thema Auswärtskarten: da fahre ich hunderte von Km, um die Borussia zu sehen und habe null Chance für das Mainzer Stadion, das quasi nur eine Wurflänge meines Zuhauses entfernt liegt. Also Sky schaun mit Nachbarn, deren Autos alle mit Mainz 05 Aufklebern versehen sind. Viele Vorgärten sind mit Fahnen geschmückt und überall herrscht ein fröhliches Helau….im Prinzip nicht so schlecht, aber so lustig ist das für mich dieses Mal nicht gewesen. Hoffenheim-Fans gibts hier nicht, deshalb begebe ich mich auch liebend gerne wieder auf die Autobahn – die Karte ist schon da…Ich wundere mich über die Glückssträhne der Mainzer allerdings immer noch..gut…. in den letzten Jahren war auch viel Pech dabei – diese Saison dürfte dieser Bonus aber mal so langsam aufgebraucht sein…..

  2. Hallo Jannik,

    aber aber, wer wird denn gleich mit Worten wie Chancentod oder ähnlichen Dingen um sich werfen?
    Auch wenn die Punkte in Mainz blieben, so kann man dennoch stolz auf die Jungs sein.

    Ich wäre Dir übrigens sehr verbunden, wenn Du mir auch nochmals die Ehre eines Kommentares erweisen würdest. Der Bericht ‘Der Tobi und das Bo’ wartet nur darauf, von dir zerrissen zu werden.

    Gruß Daniel

  3. Pingback: eingeNETzt 10/02/2010 | Spielfeldrand - Das Magazin

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