Im Zweiten wird’s wohl besser – 24. Akt: Midseason-Crisis

Gladbach Motivbild

Gladbach 1:1 Freiburg – Resistenz und Wehleidigkeit, Schwangerschafts- schmerzen, Mehrwegflaschen, eine Playoff-Petition und ein gutes Omen.

Meine Leidenszeit mit der Borussia nähert sich so langsam einem kleinen Jubiläum – 15 Jahre werden es im Juni sein. Seitdem habe ich, bis auf eine einzige Saison, praktisch ununterbrochen leiden müssen, zumindest ein bisschen. Wobei Leid in diesem Fall bedeutet, andauernd den Trainer wechseln zu müssen, zwangsweise dem Wiederaufstieg nachzueifern oder unter dem Credo „Hauptsache drinbleiben“ in eine Spielzeit zu gehen. Fußballfans sind wohl die einzigen Menschen, bei denen sowohl Wehleidigkeit als auch Resistenz rekordverdächtige Werte erreichen.

Wobei das mit dem endlosen Leid genau genommen gar nicht stimmt, wenn man zwei Ausnahmen berücksichtigt. In der Saison 1995/96 belegte die Borussia einen sagenhaften vierten Platz, den sie seitdem an einem Spieltag ab zehn aufwärts nur noch in ihren Zweitligajahren erreichte. Als 6-Jähriger hatte ich davon jedoch nicht allzu viel. Der Bökelberg schien meinen Eltern scheinbar noch zu verrucht für das zart besaitete Kindergartenherz. Also ließ der erste Heimspielbesuch bis zum Spätsommer ’97 auf sich warten. Gladbach wurde dank einer herausragenden Rückrunde noch Elfter, hatte zuvor jedoch auf dem 17. Tabellenplatz überwintern müssen. Der Beginn meines Fandaseins war wie eine Schwangerschaft: Erst kommt die Freude, dann die Schmerzen.

Seitdem erlebte der VfL keine einzige Spielzeit ohne Abstiegskampf. Gut, die Saison 2005/2006 vielleicht ausgenommen. Doch erneut konnte ich mir von der sorgenfreien Zeit am Niederrhein recht wenig kaufen – denn die zahlreichen Stunden vor dem Live-Ticker im texanischen Internet-Café waren höchstens dank der Weltklasse-Donuts ein Zuckerschlecken. In meiner Fanlaufbahn hat die Borussia gerade einmal zwei Spielzeiten durchlebt, in der sie weder einen Trainer entließ noch in der zweiten Liga weilte. Michael Frontzeck könnte demnach, zumindest auf die Post-Pokalsieg-Ära bezogen, in diesem Mai Historisches vollbringen.

Warum dieser Exkurs? Nun ja, irgendwie schlittert die Borussia gerade in eine merkwürdige Dümpel-Phase, wie ich sie noch nie bewusst erlebt habe. Spieltag 24 liegt hinter uns. Zwei weitere Zähler hat der VfL liegen gelassen – gegen eine Mannschaft, die seit nunmehr zehn Spielen auf einen Sieg wartet und sogar noch weniger Punkte auf dem Konto hat als wir zum selben Zeitpunkt der letzten Saison. (Für alle, die es vergessen oder verdrängt haben: das waren sehr wenige). Mit 30 Punkten und einem einstelligen Tabellenplatz in Reichweite lässt es sich natürlich leben wie Fußballgott in Frankreich. Für dieselbe Ausbeute benötigte der VfL letztes Jahr noch 32 Spieltage. Man könnte derzeit also meinen, er sei seiner Zeit acht Wochen voraus.

Und so gehören folgende Worte von letzter Woche bald in Stein gemeißelt:

Ich werde warten bis Saisonende, bis ich alle vergeigten Punkte dieser Spielzeit aufrechne und mir überlege, was in diesem dicht gedrängten Mittelfeld der Liga alles möglich gewesen wäre. Ich werde warten. Aber ich werde es tun.

Was mittlerweile klingt wie eine Drohung, ist ja irgendwie auch eine. Frankfurt, Hoffenheim, Mainz, Wolfsburg sowie mit leichten Abstrichen der VfB Stuttgart – alle Vereine, die momentan direkt vor der Borussia stehen, sind ihr fußballerisch höchstens in Nuancen überlegen. Anstatt im breitesten Mittelfeld der letzten Jahre munter mit zu schwimmen, hängt Gladbach nun wieder am Ende dieser Gruppe wie die Konservendosen am Auspuff eines Just-Married-Autos. Ich wollte eine ganze Spielzeit lang in Ruhe verharren, solange am Ende ein Punkt mehr als im Vorjahr dabei rumkommt (vorzugsweise natürlich auch ein Tabellenplatz). Doch so leicht fällt mir das nicht mehr, wenn ich im Stadion sitze und sehe, wie sich der VfL erst abmüht und dann glasklare Chancen liegenlässt wie ein Pfandsammler, der sorglos an einem LKW vorbeifährt, von dem tausende Mehrwegflaschen purzeln.

So sehr ich mich selbst darüber ärgere, dass es schon weit ist: das Mittelfeld der Bundesliga nervt mich bereits jetzt, da wir gerade erst dort angekommen sind. Ich glaube nicht, dass Fußballfans dazu geboren sind, sich Woche für Woche ein Spiel anzusehen, das sie losgelöst von allen anderen betrachten. Man nicht samstags um 15:23 Uhr erstmals an Fußball denken, um 17:19 Uhr wieder das fanatische Hirn ausschalten und dann bis zum nächsten Spiel so tun, als Es gibt immer eine Partie davor, eine danach. Spiele verknüpfen sich zu Serien, die in einem Gefühle verursachen, die dann nicht 90 Minuten plus ein paar Stunden sondern in der Regel wochenlang anhalten. Man lechzt nach Geschichten. Nach dem Kampf um irgendetwas, jedoch nicht nach dem Kampf um nichts. Ich beantrage hiermit Playoffs des Fünften bis Zehnten um den letzten Europacup-Platz. Oder lasst meinetwegen die Plätze 13 bis 16 abspielen, wer in die Relegation muss. Vielleicht sogar beides, dann wären lediglich Rang elf und zwölf das Bermuda-Zweieck der Bundesliga. Nach dem Ende der UI-Cup-Ära umfasst das Niemandsland zehn Vereine. Denn Niemandsland ist dort, wo man weder absteigt noch nach Europa reist.

Gladbach war Elfter der Hinrunde, steht in der Rückrundentabelle auf Rang zehn – und ist insgesamt dennoch nur Zwölfter. Gerade hat die Borussia drei Spiele in Folge nicht verloren, gleichzeitig jedoch zwei Dreier hintereinander liegen gelassen. Vorne trifft sie am achthäufigsten, bekommt hinten die sechstmeisten Tore. Logisch, dass auch das Torverhältnis pures Mittelmaß ist. Elf Mannschaften haben mindestens einen Torjäger in ihren Reihen, der mehr Treffer auf dem Konto hat als Gladbachs bester – Roel Brouwers, ein Abwehrspieler. Diese Saison ist so merkwürdig wie sie gleichzeitig schon wieder normal ist. Auf der einen Seite mit tollen Momenten, auf der anderen genauso mit einem nachdenklichen Stirnrunzeln ausgestattet.

In dieser Lage ist man heilfroh, wenn ein Spieltag vor der Tür steht, der sich abhebt vom Durchschnittsalltag dieser Saison. Am Wochenende gastiert die Borussia in Dortmund. Für mich ist es das erste Auswärtsspiel zuhause. Oder doch ein Heimspiel in der Fremde? Immerhin bleiben einem selbst in der tiefsten Midseason-Crisis noch der hanebüchene Aberglaube und scheinbar sinnlose Statistiken. Denn es bleibt unbedingt festzuhalten: Genau zweimal hatte die Borussia vor dem Freiburg-Spiel im eigenen Stadion unentschieden gespielt. Genau zweimal folgte darauf ein Auswärtssieg. Genau zweimal war ich dabei. Wenn das kein Omen ist…

01. März 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , | 8 Kommentare

Kommentare (8)

  1. Ich denke Du solltest die Sache mit dem “Meißel und dem aufrechnen” noch mal überlegen. Diese immer wiederkehrende Androhung mag zwar literarisch gut in Deinen Blog passen, aber es schmeichelt in meinen Augen Deinem fußballerischen Verstand nur wenig.
    Meiner Meinung nach haben wir im Moment eine Mannschaft “in Ausbildung”. Das dieser Zeitpunkt kommen würde haben “wir” uns jahrelang erhofft und jetzt wo der Zeitpunkt endlich da ist, wollen die ersten schon wieder einen Magister nach dem ersten Semester. Vielleicht in Zeiten von Bachelor Abschlüssen verständlich, aber jetzt warten wir schon so lange, da kommt es auf ein paar Jahre mehr auch nicht mehr an.

    Freundliche Grüße
    Stefan

  2. Hallo Jannik, für mich ein gelungener Beitrag, spiegelt er doch so ziemlich auch meine Gefühle wieder. Auf der einen Seite das “Hurra, endlich fallen die Worte Gladbach und Abstiegskampf” nicht mit lähmender Monotonie als Kombination in jeder samstäglichen Sportschau – aber doch drängt sich manchmal wider aller Vernunft trotzdem (Stichwort: Liegengelassene Punkte) der Gedanke auf: “Neue Gesichter, altes Spiel”. Allerdings, vergessen wir nicht, in der letzten Saison um EINEN Punkt nicht abgestiegen… – so wollen wir uns doch mit dem Niemandsland zufriedengeben und in der nächsten Saison weiter aufbauen.

  3. Jannik, die Lektüre Deines wöchentlichen Spielberichts ist inzwischen ein Muß für mich. Und so sehr ich mich auch amüsiere und mein Herz Deinen Worten vorbehaltlos folgt, gibt mein Verstand diesmal dem Stefan Recht. Ich glaube er hat es völlig auf den Punkt gebracht.

    Und wie Fohlenfreundin es geschrieben hat: wir hatten absolutes Schwein, daß Micha Frontzeck sich diese Saison nicht an 25 von 34 Spieltagsmontagen den Fragen irgendwelcher DSF-Fernsehpraktikanten stellen muß.

    Also freuen wir uns auf ein paar Jahre Niemandsland, um dieses dann vielleicht eines Tages gen Norden (sprich: oben) zu verlassen. Nicht zu vergessen: wir könnten ja in diesen Jahren ein paar schöne Urlaubstage im DFB-Pokal-Land verbringen.

    Schwarz-Grün-Weiß aus Magdeburg,
    Martin

  4. Ich sehe es auch anders: erstens denke ich, dass Hoffenheim, Stuttgart und Wolfsburg alles Mannschaften sind, die klar besser als wir besetzt sind und aus anderen Gründen nur knapp vor uns stehen. Nur Mainz und wohl auch Frankfurt dürften eigentlich nicht vor uns stehen und wer weiß, wie es am Ende aussehen wird. Zweitens kann ich auch das Gefühl von Langeweile nicht nachvollziehen. Abstiegskampf bedeutet Spannung, klar, aber das ist in ungefähr die Spannung, die ein Lehman-Mitarbeiter in 2008 erlebt haben muss. Trotz des Tabellenniemandslands schaue ich jedes Spiel der Borussia gerne an, weil man immer das Gefühl hat, da geht was; die spielen gut und werden relativ regelmäßig gefährlich. Der Tabellenplatz ist da doch völlig egal…

  5. Danke Euch allen für die interessanten Kommentare!

    Ich konnte sicher davon ausgehen, dass die Meinungen weit auseinander gehen würden. Aber wir haben hier ja auch beileibe keine Konsens-Pflicht.;)

    Natürlich empfinde ich momentan noch immer jede Menge Genugtuung, eine Saison ohne ernsthafte Sorgen zu durchleben. Aber da sind eben auch diese Gefühle, die ich im Post zum Ausdruck gebracht habe, die ich nicht einfach so beiseite schieben kann. Wenn wir am Ende mit gut 40 Punkten auf Platz 12 oder 11 stehen, werde ich natürlich vollends zufrieden sein (alles andere wäre nach der letzten Saison auch vermessen, da gibt es ein Stück rheinaufwärts ja Experten für). Gleichzeitig bin ich jedoch auch der Meinung, dass man – egal aus welcher aussichtslosen Lage man kommt – in der Gegenwart immer nach dem Optimum streben sollte. Und das befindet sich meines Erachtens ein Stück jenseits der 30 Punkte, die wir momentan haben.
    Klar, diese Saison ist eine Übergangssaison und auch in der nächsten darf es lediglich das Ziel sein, wieder einen Tick nach vorne zu kommen. Nur müssen wir eben auch noch hart arbeiten, um das zu verwirklichen.

    Was die angesprochene Langeweile angeht: Da ging es für mich eher um ein generelles Phänomen des Fußballs, dass man irgendwie ja immer danach strebt, “um” oder “gegen” etwas zu spielen, weil die Ziele dann einfach greifbarer sind. Deshalb müssen wir uns wohl wirklich damit abfinden, dass diese Saison jetzt noch aus 10 relativ losgelösten Spielen besteht, die in der Summe irgendein Endergebnis ergeben, mit dem wir auf jeden Fall leben können. Aber mit Dortmund, Köln, Hamburg, Bayern, Schalke und Leverkusen haben wir immerhin noch ein paar Hammerspiele vor der Brust, auf die man sich mehr als nur freuen kann.

    Und mit dem DFB-Pokal könnte ich mich gut anfreunden, Martin. Nach all den Erstrunden- und besonders Zweitrundenpleiten wären wir mal wieder reif für mehr.;)

  6. Hallo, Jannik,

    15 Jahre Borussen Fan, da haben wir ja im Sommer was zu feiern!
    Da kann ich schon verstehen, dass du nach der Schale und Pokalen lechzt.
    In deinem Alter hatte ich schon die goldenen 70er Jahre mit erlebt und habe dir ja erzählt, wie schön diese Zeit war.

    Vielleicht ist diese wahrscheinlich sorgenfreie Saison der Beginn
    einer neuen Borussia. Und am Ende dürfen wir dann irgendwann was auf dem Alten Markt feiern!

    Und sicher hat die Borussia in den von dir genannten Hammerspielen noch die eine oder andere Überraschung für uns parat.Denn gerade in den Spielen hat die Mannschaft eigentlich gezeigt, was in ihr steckt.

  7. Hallo nochmal, mir fiel auf der Satz: “Nach dem Optimum streben”. Ja klar, ich war natürlich (?) auch am Rechnen, “wie viele Punkte KÖNNTEN wir denn schon haben”?? und habe mich zwischenzeitlich auch ab und zu gehörigst geärgert (ob am TV oder im Stadion). Jedoch, am Ende ist mir dann doch das Schritt-für-Schritt gen Norden gehend (da wollen wir wohl alle hin für und mit Borussia) lieber als Höhenflug und Absturz. Die guten Ansätze sind da und mit gezielter Verstärkung sollte es doch weiter bergauf gehen. Und gerade bei den “schweren” Spielen hat Borussia gezeigt (genau!), dass da doch was heranwächst. Und irgendwann werden wir auch das Niemandsland mal verlassen…

  8. Vieles wurde richtig gesagt / geschrieben.Ich darf aber doch noch einmal an die gewünschte Spannung der letzten Saison erinnern. Was waren das für grottige Spiele…..Aufregung und Anspannung ist ja schön und gut, aber dieses verkrampfte Rumgekicke / keiner traut sich was zu / null Torchancen und mitleidige Augenblicke bei Auswärstspielen…………NEEEE……..das will ich gar net mehr !! Dann lieber sog. Langeweile………wobei Ihr mir alle doch schon ein wenig zuuuuuuu sehr sicher seid, dass diese Saison nix mehr anbrennen kann…

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