Bayer vs. Schalke – Tagebuch des Titelkampfs oder:
Zweiter kann nur einer werden (Teil III)

Schalke-Leverkusen02. März 2010 – 67 Tage
bis zum letzten Spieltag

Hinter unseren beiden Vize-Frauen liegt ein derbyreiches Wochenende – mit gutem Ausgang für die eine, schlechtem für die andere. Lisa erzählt, warum ihr Onkel einst mahnende Worte an ihre Tante verlor. Kerstin steigt ab ins Tierreich und sagt uns, was Bayerns Spitzenplatz-Abstinenz mit Elefantenbabys zu tun hat.

Von Lisa S.

Fast-Bremerin? Bei einer Entfernung von rund 44 Kilometern lägen in Nordrhein-Westfalen mindestens drei Erstliga-Clubs näher. Aber da ich nun mal aus dem (was Bundesligavereine angeht) beschaulichen Niedersachsen komme, muss ich mich wohl so titulieren lassen.

Warum ich mich trotzdem für den S04 entschieden habe? Nun, meine ganze Familie stammt aus Gelsenkirchen, lebt zum größten Teil auch noch da. Und am allerwichtigsten: Alle (bis auf meinen kleinen, verwirrten Cousin, der anscheinend Gefallen am Leiden gefunden hat und sich deshalb entschloss Gladbach-Fan zu werden) [weiß nicht, was sie meint; Anm. d. Red.] sind Anhänger der Königsblauen.

Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist deshalb zum Beispiel, wie ich mit meinen Brüdern auf dem Balkon meiner Oma sitze und gebannt auf Geräusche aus dem nur 1,19 Kilometer entfernten Parkstadion lausche. Oder wie mein Onkel zu meiner hochschwangeren Tante sagt: „Mach watt de wills’, aba nich am Samstach, da bin ich auff Schalke!“

Mir wurde also die Liebe zu den Knappen praktisch in die Wiege gelegt und Hand in Hand damit geht natürlich auch die Abneigung gegen die Schwarz-Gelben. Dass es mich nun zum Studium ausgerechnet in die verbotene Stadt verschlagen hat, hat Freunde und Familie schwer getroffen. Mit viel Besuch darf ich wohl nicht rechnen: Ich hoffe nur inständig, dass das mit der Enterbung nicht so ernst gemeint war.

Aber das ist jetzt erstmal alles egal, denn auch bei uns überstrahlt die Nummer 1 im Moment alles. Zugegeben, es ist „nur“ die Nummer 1 im Pott, aber die ist für viele Fans so viel wichtiger als der richtige Tabellenstand. Ich versuche hier gar nicht erst, das Gefühl eines Derbysieges – des Derbysieges (denn es gibt nur dieses eine wahre!)- [nicht nachvollziehbar; Anm. d. Red.], zu beschreiben. Denn wie gewandt wir mit Worten auch sein mögen, es gibt keine, die diesem Gefühl gerecht werden.
Nur eines ist sicher: Es macht hungrig auf mehr!

Daher bin ich auch fest davon überzeugt, dass dieser Sieg der Startschuss für eine Aufholjagd wird, die in München wie in Leverkusen für zittrige Knie sorgen sollte.

Nein, wir spielen immer noch nicht schön. Na und?
Nein, wir erzielen immer noch keine Ergebnisse wie 4:1 oder 5:2. Na und?
Nein, so wirklich ernst nimmt uns im Titelrennen immer noch niemand. Na und?

Dafür laufen wir auch nicht Gefahr, in Schönheit zu sterben.
Dafür haben wir eine Abwehr, bei der auch ein oder zwei Tore zum Sieg reichen.
Dafür können wir befreit aufspielen, haben keinen Druck, noch mehr erreichen zu müssen als den dritten Platz, den eh vorher niemand erwartet hatte.

Und das, liebe Kerstin, und alle da draußen, die nicht an den FC Schalke 04 glauben wollen, wird am Ende für uns den Ausschlag geben.

Glückauf!

Von Kerstin B.

Nach mehr als 20 Monaten wirft die Elefantenkuh stolz ihr Dickhaut-Baby ins Stroh. Danach lässt sie wahrscheinlich zufrieden und erleichtert ihren Blick über die Steppe schweifen und töröt fröhlich den anderen Elefantenkühen der Herde zu. Ebenso viele Wochen und Monate, in denen sich die schwere Dame mit dem dicken Bauch und den Tritten des Kleinen gequält hat, quälte sich auch der FC Bayern mit einer schweren Geburt: der Eroberung der Tabellenführung. Nach 652 Tagen hat es Bayern München dann am 28. Februar leider geschafft und grüßt erstmals wieder von ganz oben, ermöglicht durch den rot-schwarzen Patzer gegen Köln.

Diejenigen, die mich Samstagabend kurz nach dem rheinischen Derby nach den Gründen für das enttäuschende Unentschieden gefragt haben, bekamen von mir patzige Wortfetzen an den Kopf geworfen: „Ja hallo, was soll’n die auch machen, wenn die Kölner das ganze Spiel nicht aus ihrer Hälfte kommen. Gegen Bayern oder Hamburg, ach gegen jeden Gegner, der auch mal mitspielt, hätte das heute gaaanz anders ausgesehen. Ja, und der Schiri, der hat ja wohl auch alles laufen lassen…“

Mit ein paar Tagen Abstand sind mir rückblickend dann aber auch die nicht enden wollenden hohen Bälle, Manuel Friedrichs eigentlich nicht zu vergebene Torchance und das ständige „och nö, ich spiel
zwei Zentimeter vorm Tor lieber noch mal ab, anstatt zu schießen“ aufgefallen.

Das soll jetzt aber nicht heißen, dass man mit mir schon wieder objektiv diskutieren kann. Schließlich hab’ ich immer noch ein – mittlerweile vielleicht schon etwas abgenutztes, aber immer noch schönes – Ass im Ärmel: „Jaja, Schwäche gezeigt, nene nix Einbruch. Wir sind ja trotzdem in dieser Saison immer noch ungeschlagen.“ Das Gütesiegel hat mittlerweile schon seit sieben Monaten Bestand.

In sieben Monaten kommt zwar kein Elefantenbaby zur Welt, aber eine fleißige Katze hat in der Zeit seit August schon dreimal geworfen, das Kaninchen war siebenmal trächtig und eine flotte und zähe Hamsterdame hat ganze 14-mal Hamsterbabys zur Welt gebracht. Und falls sich Kießling, Hyypiä, Barnetta und Co. in den nächsten zweieinhalb Monaten weiterhin nicht bezwingen lassen, befinden wir uns in Tierkindern gesprochen schon bei der Geburt eines prächtigen Kalbs. Wie schön und treffend, dass Kühe in Indien für Unantastbarkeit und über dreiundvierzig Ecken dadurch natürlich auch für die Meisterschale stehen.

Um das Tierbild endgültig überzustrapazieren, liebe Lisa, komme ich doch noch kurz auf einen großen Greifvogel zu sprechen, der im Sommer vollkommen verdient in Richtung Südafrika fliegt (zur Vollständigkeit: ein Adler hat ungefähr alle zwei Jahre Nachwuchs). Ich möchte aber nicht, dass Du ganz traurig bist aufgrund der vollkommen berechtigten Torhüterentscheidung. Deshalb hab ich schon mal ein paar Urlaubsziele für Manuel und Dich rausgesucht: nach Russland, ach nee, doof für Euch… das Land steht ja quasi für die Geburtstunde des Bundesadlers. Dann vielleicht doch in die Karibik oder nach Südafrika zum Anschauen von… Elefantenbabys natürlich.

02. März 2010 von Jannik Sorgatz
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