Die Wohnzimmer-Weltmeister

Über Fußballer, die im Stadion ihres Vereins den WM-Titel holten.

Manchmal reicht einziger Satz, eine kurze Notiz, um Anreize für einen neuen Post zu bekommen. Es war Sonntagabend, Kanada eiferte im Eishockey-Endspiel der “Mission Gold” nach. Und im Tor der Ahornblätter stand Roberto Luongo – Keeper der Vancouver Canucks, für den der Canada Hockey Place alias General Motors Place so etwas wie das eigene Wohnzimmer ist. Die Mission wurde erfolgreich zu Ende gebracht und Luongo durfte bei der Siegerehrung natürlich in einer Extraportion Beifall baden.

Was muss das für ein Gefühl sein? Den größten Erfolg des eigenen Sportlerlebens in der eigenen Halle erringen. Dort, wo man die intimsten Winkel kennt – die Massagebank, das Ermüdungsbecken, das stille Örtchen in der Kabine. Man hat schon so oft unter diesem Dach gespielt, kennt die Atmosphäre, das Blinken der Anzeigetafel, den Sound aus den üppigen Boxen.

Dieser schweifende Blick, das Heimatgefühl und der Extra-Applaus war bislang nicht vielen Fußballern bei Weltmeisterschaften gegönnt. Die Liste umfasst 18 Spieler aus drei Ländern, darunter befinden sich nur zwei Legionäre: Rudi Völler und Thomas Berthold, die 1990 bei AS Rom unter Vertrag standen, als Franz Beckenbauer gedankenverloren durch die römische Nacht schlenderte.

Immerhin sechs Mannschaften holten bislang den Titel im eigenen Land. Den Uruguayern von CA Penarol und Nacional Montevideo wird ihr eigenes Stadion 1930 noch ziemlich fremd gewesen sein – schließlich wurde es erst im Laufe des Turniers fertig gestellt. Ein Eintrag in der Liste hätte demnach keinen Sinn. Vier Jahre später nahmen drei Italiener von AS Rom im Stadio Nazionale del PNF den Coupe Jules Rimet entgegen. Lazio-Spieler liefen im Endspiel gegen die Tschechoslowakei nicht auf, einer war im Kader.

1966 gab es ebenfalls keinen Zuwachs – schließlich war Wembley die Heimat der “Three Lions”, Vereinsmannschaften gaben sich nur in Pokalendspielen die Ehre. Anders sah es dann 1974 in Deutschland aus. Gleich sechs Bayern-Spieler standen im Finale auf dem Platz, Jupp Kapellmann kam nicht zum Einsatz. Wobei fraglich ist, wie warm der (damals ja noch nicht) Rekordmeister nach zwei Jahren mit seiner neuen Betonschüssel war. O-Ton Franz Beckenbauer in späteren Jahren: “Es wird sich doch ein Terrorist finden, der das Olympiastadion wegsprengt”.

Vier Jahre nach dem zweiten deutschen WM-Triumph bestand der Kern der argentinischen Sieger-Manschaft aus Spielern von River Plate. Austragungsort des Finales war deren Estadio Antonio Vespucio Liberti. Der letzte Heim-Weltmeister, Frankreich, hatte 1998 nur sieben Spieler aus dem französischen Oberhaus im Kader. Keiner spielte in Paris. Sowieso egal: Schließlich wird das Stade de France eher durch Länderspiele und Leichtathletik “ausgelastet”.

Zuwachs wird die Liste also frühestens 2014 erhalten. Und diese tollkühne Prognose ist beileibe nicht auf die vergleichsweise laue März-Sonne zurückzuführen.

1934 in Rom – Stadio Nazionale del PNF – AS Rom, Lazio Rom
Attilio Ferraris, Enrique Guaita, Guido Masetti (alle AS Rom), Anfilogino Guarisi (Lazio Rom)

1974 in München – Olympiastadion – Bayern München, 1860 München
Sepp Maier, Paul Breitner, „Katsche“ Schwarzenbeck, Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Uli Hoeneß, Jupp Kapellmann (alle Bayern München)

1978 in Buenos Aires – Estadio Antonio Vespucio Liberti – River Plate
Norberto Alonso, Ubaldo Fillol, Daniel Passarella, Leopoldo Luque, Oscar Alberto Ortiz (alle River Plate)

1990 in Rom – Stadio Olimpico – AS Rom, Lazio Rom
Thomas Berthold, Rudi Völler (beide AS Rom)

02. März 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Auswärtiges Amt, Zahlen, bitte | Schlagwörter: , , , , , | 3 Kommentare

Kommentare (3)

  1. Eine interessante Liste, wenn Eishockey-Weltmeisterschaften nicht so lästig häufig wären, würde ich da auch mal einen Blick drauf werfen. Sicher ist zumindest, dass dieses Jahr kein Spieler dazu kommt… hrhr

    (Für Olympia ist das schon überschaubarer… hmm… )

  2. Ist ja auch nicht unbedingt eine Beleidigung, die deutsche Nationalmannschaft als Südafrika des Eishockeys zu bezeichnen, oder?;)

  3. Das hängt davon ab, wie Vuvuzelas bei der Betrachtung gewichtet werden. Aber das ist ein anderes Thema…

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