Im Zweiten wird’s wohl besser – 25. Akt:
Es gab nur keine Borussia

Gladbach Motivbild

Dortmund 3:0 Gladbach – Currywurst, Brinkhoff’s, “Käse Rudi”, Ouzo, Kreta-Platte, das “schönste Stadion der Welt” und ansonsten wenig Leckerbissen.

„So, jetzt sind Sie offiziell ein Dortmunder“, sprach die Verwaltungsbeamtin und drückte den Stempel auf meinen Personalausweis. „Ob Sie es wollen oder nicht.“ Seit fast einem halben Jahr markiert nun schon ein liebloser Aufkleber meinen Wohnortswechsel. Über die Definition von „Heimat“ und „Zuhause“ lässt sich in epischem Ausmaß diskutieren. Fest steht, dass die Postleitzahl 44263 den Ort markiert, an dem ich wohne, seitdem mein Ausweis den besagten Stempel erhalten hat. Was die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Fußballverein angeht, gibt es keine Ausweise (zumindest nicht solche, die Pflicht sind). Keinen Stempel, kein Meldeamt für Anhänger der schönsten hauptsächlichen Nebensache. Und überhaupt sind Fans ja viel zu sesshaft, um so etwas nötig zu haben.

In der Fußgängerzone von Dortmund-Hörde ist viel los an diesem Samstagnachmittag. Auf dem Markt werden Wurst und Käse versteigert. Die ersten schwarz-gelben Flecken fallen ins Auge. Um halb drei. Vier Stunden vor Anpfiff im Signal-Iduna-Park. Mittendrin spaziere ich mit meinem Vater, meinem Bruder und Nils. Sie sind gekommen, um mit mir mein erstes Heimspiel in der Fremde zu erleben – oder auch den ersten Gastauftritt zuhause. Je nach Geschmack.

Es gibt kaum zuverlässigere Gradmesser für die Freundlichkeit in einer Stadt, als die Reaktionen auf gegnerische Fanfarben. In Köln wäre schwarz-weiß-grün keine allzu gute Idee. Hamburger hatten im letzten Jahr nur ein müdes Lächeln für uns übrig. Zumindest die HSV-Fans, mehr Rückendeckung gab es in St. Pauli. Und in Frankfurt hatte ich auf dem dunklen Fußweg vom Stadion zum Bahnhof bisweilen das Gefühl, nicht wirklich willkommen zu sein. Mit Hoffenheim dagegen verhält es sich ein wenig wie mit Spielern, die weniger als die Hälfte aller Partien absolviert haben – eine Bewertung fällt schwer. Nicht nur dem „Kicker“.

Der erste Test steht vor der Currywurst-Bude an. „Seid ihr von Mönchengladbach?“, fragt der Besitzer aus seinem Laden heraus, der praktisch ein schmaler Hausflur ist, durch dessen Tür die Manta-Platten im Akkord nach draußen gereicht werden. Die Schals um unseren Hals ersparen eine Antwort. Er komme aus Viersen, also auch vom Niederrhein, sagt der Wächter des heiligsten Fast-Food-Gutes im Ruhrpott. Für wen denn dann heute seine Herz schlage, will ich wissen. „In mir stecken zwei Seelen“, gibt er zu offen zu. Man kann eben weder die Heimat noch das Zuhause im Stich lassen.

Während wir in der spätwinterlichen Sonne stehen und uns die Currywurst schmecken lassen, schlendern im Minutentakt Leute in Biene-Maja-Farben vorbei. „Unser Bier schmeckt übrigens so wie wir spielen“, sagt einer und deutet auf die Brinkhoffs-Flaschen auf dem Stehtisch. „Warum? Ich find’, es schmeckt doch ganz gut“, versuche ich es mit Ironie, was vielleicht nicht gut, aber genauso wenig schlecht ankommt. Kein Kommentar ist in Dortmund eben auch ein Kommentar. Kurz darauf nimmt ein Mädchen auf Essenssuche Kurs auf die Imbissbude. „Nä, hier nicht!“, entfährt es ihr trotzig und plötzlich gar nicht mehr hungrig, als sie uns entdeckt. Bevor wir dem Niederrhein-Kollegen aus Viersen das Geschäft kaputt machen, brechen wir auf. Es ist schließlich 15:30 Uhr, Bundesliga-Zeit.

Fußball in der Kneipe: ein holzgewordener Traum

Die Begeisterung in der Fußball-Kneipe hält sich natürlich in Grenzen, als wir einkehren. Ein kurzes Raunen, dann ist jedoch schon Ruhe. Das Dutzend BVB-Fans ist viel zu beschäftigt mit Karten, Korn und Co., um sich daran zu stoßen, dass vier schwarz-weiß-grüne Borussen zwischen schwarz-gelben Wimpeln, Postern und Fahnen auf ihre Bier-Ressourcen zugreifen wollen. Lederjacken, Uralt-Jeans und ehemalige Vokuhilas, aus denen mittlerweile Leslie-Mandoki-Matten geworden sind, dominieren das Bild. Nach zwei Minuten habe ich bereits freundschaftlich eine Hand auf der Schulter, deren Besitzer mir versichert, dass es „schon in Ordnung“ ginge. Immerhin stünde ja fest, dass „zumindest eine Borussia gewinnt“. So ganz stimmt das zwar nicht. Aber da beide zusammen auf jeden Fall zwei Punkte holen werden, wollen wir mal nicht so sein.

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Während das Inventar der Kneipe den holzgewordenen Traum eines jeden Kellerbarbesitzers darstellt, stammen neben dem aktuellen Mannschaftsfoto des BVB einzig die beiden Flachbildfernseher aus dem neuen Jahrtausend. Ok, die Frikadellen in der durchsichtigen Vitrine vielleicht auch noch. Als Lukas Podolski zum 1:0 für Köln trifft, herrscht rege Schadenfreude. Vier Gäste teilen die Begeisterung nicht ganz. Etwas stiller ist es ein paar Minuten zuvor gewesen. Schalke führt bereits nach einer Viertelstunde mit 2:0 in Frankfurt. Dennoch kein Grund, an einem Samstag in Dortmund Trübsal zu blasen. Die Spielautomaten laufen heiß. Ein Vertreter der Mandoki-Fraktion erzählt, wie er mal an einem einzigen Nachmittag 500 Euro gewonnen habe, „oder D-Mark oder so“. Jedenfalls „an einem einzigen Nachmittag”!

Die nächste Etappe führt uns bereits zum Stadion. Das Kinderkarussell auf dem Markt dreht sich noch immer unverdrossen. Dafür packt „Käse Rudi“ aus Holland so langsam seine Sachen. An der U-Bahn-Station werden wir von vertrauten Klängen empfangen. Ich scheine beileibe nicht der einzige „wahre“ Borusse in der Nachbarschaft zu sein. Die „Elf vom Niederrhein“ schallt enthusiastisch durch den Schacht. Wir stimmen ein, keiner protestiert. Dortmund erobert in Sachen fußballerischer Gastfreundlichkeit so langsam einen Spitzenplatz. Dass dies eine der wenigen positiven Erkenntnisse des Tages bleibt, ahnen wir da ja noch nicht.

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Um halb sechs versinkt die Sonne bereits hinter dem Signal-Iduna-Park. Das angeblich schönste Stadion der Welt, wie ein vom Sommerloch geplagter „Times“-Redakteur letztes Jahr befand, macht zwar den Eindruck, dass die Wahl nicht gerade in die Kategorie „hanebüchen“ fällt. Toll sieht es wirklich aus. Doch soll dieser Anblick am frühen Samstagabend wirklich der schönste, berauschendste und wohltuendste sein, den ein Fußballstadion auf diesem Planeten (ohne Wasserfläche immerhin 149 Millionen km² groß) zu bieten hat? Man ist misstrauisch geworden gegenüber Superlativen, seitdem es jedes Jahr einen Jahrhundertsturm gibt.

Ein Spiel, das niemals stattfand?

An dieser Stelle könnte nun der Hauptteil dieses Textes beginnen, unter Umständen sogar der Höhepunkt. Doch nachdem Schiri Michael Weiner um halb sieben anpfeift, vergehen knapp drei Stunden, bis ein Stück gebackener Feta-Käse beim Griechen das nächste Highlight bringt. Gut 70.000 Dortmuner werden diese Ansicht vielleicht nicht teilen, weil sie erstens einen 3:0-Sieg ihrer Mannschaft erleben und sich zweitens nach dem Spiel nicht für ein Glas Ouzo und eine Kreta-Platte entscheiden. Aus Gladbacher Sicht steht jedoch fest: Die Borussia hat einen Tag erwischt, den man nicht einmal als grausam, unterirdisch oder – ganz nüchtern – schlecht bezeichnen kann. Denn nach 90 Minuten dominieren ernsthafte Zweifel, ob es diesen Tag jemals gegeben hat.

Als wir den Gästeblock betreten, liegt Logan Bailly gerade auf dem Rücken und wird behandelt. Ein Ärzteteam hängt über ihm wie eine ganze Staffel „OP ruft Dr. Bruckner“. Angesichts der späteren Leistung des Belgiers kann es sich höchstens um kosmetische Maßnahmen gehalten haben. Und passend zum Mediziner-Motto läuft er kurz darauf „ganz in Weiß“ auf. Zwar ohne Blumenstrauß, dafür jedoch mit einem gewissen Sascha-Hehn-Schwarzwaldklinik-Touch, wie im Forum jemand anmerkte. Bailly ist über weite Strecken der einzige, der Normalform erreicht. Bei Zidans Schuss zum 2:0 in den Winkel könnte ein Übergreifen zumindest die Chancen erhöhen, den Ball zu halten. Hinzu kommen ein paar verunglückte Abschläge und –würfe. Was unterm Strich jedoch immer noch reicht, um sich von zehn plus drei quasi nicht existenten Mannschaftskameraden abzuheben.

Der Abpfiff kommt geradezu plötzlich. “Ihr könnt nach Hause fahr’n”, hatte die Südtribüne angestimmt und dazu weiße Taschentücher geschenkt – da schmerzt die Fan-Seele. 90 Minuten sind dahin geplätschert wie die Niers an einem verregneten Novembertag. Der VfL brachte ganze drei Torschüsse zustande. Höchstens Bobadilla, der frei vor Weidenfeller den Abschluss solange aufschob wie ein Paruretiker den Gang zum Stehpissoir, sorgte einmal für etwas Gefahr. Fünfzehn Flanken verzeichnet das Konto von Gladbach. Eine einzige fand einen Abnehmer – gemeint ist vermutlich die Ecke, nach der Colautti zum Kopfball kam. Merkwürdigerweise durfte der BVB sich bei den ersten beiden Toren munter durchs Mittelfeld passen, bevor Stellungsfehler und verlorene Zweikämpfe das Unheil besiegelten. Folgendes Foto zeigt eine gravierende Schwäche auf: die einzelnen Mannschaftsteile sind nicht miteinander verknüpft.

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Im Bild, bei einem Abstoß von Weidenfeller, steht die Viererkette zwar auf einer Linie, die beiden Sechser zentral davor. Dafür klafft eine 20 Meter große Lücke zwischen Defensive und Offensive. Gleich drei Dortmunder werden bei einem einigermaßen geglückten Abstoß keinerlei Probleme haben, den Ball anzunehmen und sich zu überlegen, was man damit anfangen könnte.

Never change a losing team?

Vielleicht läuft derzeit personell nicht gerade alles rosig. Die Elf, die am letzten Hinrundenspieltag gegen Leverkusen begonnen hat, ist seitdem nur sechsmal verändert worden. Zum Auftakt gegen Bochum ersetzte Lamidi den verletzten Friend, Daems kehrte zurück nach seiner langen Pause. Colautti rückte darauf gegen die Hertha wieder in die Mannschaft. Gegen Nürnberg spielte Jantschke für den gesperrten Levels, wurde danach gegen Hoffenheim wieder ausgetauscht. Zudem ersetzt Meeuwis seit dem Spiel gegen den “Club” den verletzten Marx. Drei Änderungen aufgrund von Sperren und Verletzungen, drei Änderungen aufgrund von abgelaufenen Sperren und geheilten Verletzungen: nicht einmal hat Michael Frontzeck in den letzten acht Partien leistungsbedingt gewechselt. Doch aus acht Partien seit der Winterpause stehen gerade einmal zwei Siege zu Buche. Das mögen zwar exakt so viele sein wie in der Hinserie. Dass es gleichzeitig keinerlei Diskussionsbedarf gäbe, stimmt aber auch nicht.

Filip Daems spielt hinten ungewohnt fehlerreich, setzt vorne keinerlei Akzente. Michael Bradley wirkte zuletzt elanlos, ließ mehrere Chancen liegen, die der Borussia Punkte gebracht hätten (zum Beispiel in Hoffenheim und gegen Freiburg). Marco Reus hat in der Rückrunde nur gegen Bremen und Nürnberg überzeugt (kurioserweise wurden beide Spiele gewonnen), wirkt, als bräuchte er eine kurze Verschnaufpause. Vorne spielt Raúl Bobadilla inzwischen zwar um einiges mannschaftsdienlicher, ackert gewohnt viel. Dafür agiert er weiter glücklos im Abschluss, hat die Gala-Leistung gegen Bremen nicht zum großen Durchbruch nutzen können. Zu guter Letzt hat Roberto Colautti zwar schon dreimal den Fuß hingehalten (seine Treffer fielen allesamt aus höchstens zwei Metern Torentfernung). Trotzdem wirkte er dabei so überzeugend wie ein wie Staubsaugervertreter vor der Haustür. Hinzu kommen die Personalien Neuville oder Bäcker. Über den einen wird scheinbar nicht einmal mehr geredet, der andere darf nach gelungenem Debüt sein Glück zumeist nur noch in der Regionalliga versuchen. Ist Kontinuität etwa gleichzusetzen mit dem Credo “never change a losing team”?

Frontzeck fordert “Reaktion” gegen Wolfsburg

„Wir haben über Monate stabil gespielt, deshalb kann man sich auch mal eine solche Leistung erlauben“, meint Michael Frontzeck zum Spiel in Dortmund. Die Wortwahl wirkt etwas unglücklich. Denn all die mitgereisten Borussen wird das nur wenig trösten. Leistungen wie diese mögen passieren. Dass man sie sich „erlauben“ darf, klingt nach einem merkwürdigen Freifahrtschein. Ich habe bisher nur einmal höher als 0:3 verloren im Stadion. Daraus kann man entweder schließen, dass mir ein 0:6 in Berlin oder ein 1:7 in Wolfsburg bislang aus purem Glück erspart blieb. Oder aber man stellt fest: Pleiten dieser Art sind einfach nicht die Regel. Gleichzeitig fordert der Trainer jedoch auch „eine Reaktion“ gegen Wolfsburg. Die haben derweil zurück in die Spur gefunden und die letzten vier Pflichtspiele allesamt für sich entschieden.

Aus drei Spielen ohne Niederlage sind plötzlich drei ohne Sieg geworden. Längst kein Grund, große Misstöne anzustimmen und etwas vom Zaun zu brechen. Solange die Reaktion, die Frontzeck einfordert, auch in die Tat umgesetzt wird. Die Borussia spielt noch gegen die ersten vier Mannschaften der Tabelle, gegen sechs der ersten Acht und nur zwei Mannschaften, die derzeit hinter ihr stehen (so wenige sind das nicht). Aus genau diesen neun Partien (damals fünf auf fremdem Platz) gab es in der Hinrunde sagenhafte vier Dreier bei insgesamt vierzehn Zählern. Kein schlechtes Omen für den Schlussspurt und für ein äußerst versöhnliches Saisonende. Wie das mit den Omen aussieht, hat jedoch das Spiel in Dortmund gezeigt: Nach Heim-Unentschieden hatte der VfL bekanntlich stets einen Auswärtssieg eingefahren. Sieht so aus, als ob dies nur für Nullnummern im Borussia-Park gelten würde. Wie die Weichenstellung gegen Wolfsburg auszusehen hat, müsste demnach klar sein. Erst 0:0, dann Derbysieg.

08. März 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Pingback: eingeNETzt 08/03/2010 | Spielfeldrand - Das Magazin

  2. Freistoss des Tages auf http://www.indirekter-freistoss.de! Glückwunsch Jannik! Damit steigst Du in die Crème de la Crème der deutschen Fußball-Blogger Szene auf. Das macht mich als Leser der ersten Stunde fast ein bißchen stolz.

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