Bayer vs. Schalke – Tagebuch des Titelkampfs oder:
Zweiter kann nur einer werden (Teil IV)

Schalke-Leverkusen10. März 2010 – 59 Tage
bis zum letzten Spieltag

Kerstin berichtet von einem geplanten Triumphzug, der in die Hose ging und Lisa erzählt Märchen. Und ich halte dann mal fest: Mensch, was ein Fight um Platz zwei! Nicht dass die Schalker aus Versehen noch Meister werden. Was das für ein Bild wäre: Felix Magath, wie er nach dem 34. Spieltag grimmig vor den Medienvertretern steht, sich die Brille mit dem “H” richtet und konstatiert, wie wenig ihm dieser Titel in den Kram passe.

Von Kerstin B.

Der Triumphzug war seit Podolskis Tor am Samstagnachmittag geplant. Die Bayern München Sporthose – mit 14 Jahren mal fälschlicherweise bei einer Tombola gewonnen und damals sofort mit einem dicken schwarzen Edding-Strich über dem Emblem verschönert – wollte ich Montagabend zur Aerobicstunde überstreifen, um die Nageldesignerin mit Giovane-Elber-Trikot aus der letzten Reihe zu provozieren. Eine beeindruckende Meisterschale aus alten Milchtüten hatte ich auch ratzfatz gebastelt, die wollte ich dann Dir, liebes Lieschen, immer und immer wieder stolz unter die Nase halten. Und das allerwichtigste: Das Lächeln eines Siegers hatte sich schon in meinem Gesicht breit gemacht.

Doch dann kam dieses Spiel in Nürnberg. Ein Doppeltorschütze mit dem Nachnamen eines südkoreanischen Dirigenten, ein Finne, der das erste Mal erahnen lässt, dass er wirklich schon mehrere Mittsommerfeste durchlebt hat und ein Torwart, der sich wohl doch nur langsam von seinen Ausflügen in den letzten Wochen erholt. Und schwupps bin ich mal wieder auf der Suche nach diesem Knopf, der mit einem Klick alles gleichgültig erscheinen lässt. Den Knopf, den ich schon nach dem Champions-League-Finale 2002 gesucht habe. Um mich und meine Umwelt von meiner Miesepetrigkeit zu befreien, wollte ich damals, dass Sätze wie „Ach ist das schön, jetzt sind wir international schon ‘ne richtige Größe“ oder „Zweiter – was für ein Erfolg!“ aus meinem Mund sprudeln.

Das hat natürlich ebenso wenig geklappt wie im letzten Jahr auf der Heimfahrt vom Pokalfinale in Berlin. Die gleichgültigen Aussagen à la „Bremen war heute einfach stärker, dann muss man auch mal gönnen können“ oder auch „Wenigstens war ich mal wieder in unserer Hauptstadt“ wichen den üblichen schimpfwortlastigen Ausrufen. Genauso verhält es sich auch diese Woche. Jeden bissigen Kommentar meiner Freunde (ja Lisa, auch du darfst dich angesprochen fühlen), würde ich nur allzu gerne mit „Leute, das war genau der richtige Zeitpunkt für die erste Niederlage“ oder „Der dritte Platz ist doch ein toller Erfolg, wir wollen ja bloß ins internationale Geschäft“ erwidern.

Aber dieser Knopf, der zur Gleichgültigkeit führt, will einfach nicht gefunden werden. So kommt es, dass mich wohl nur ein hässliches 1:0 Sonntag gegen Hamburg wieder in einen erträglichen Gesprächspartner verwandeln wird. Und dann verspreche ich, werde ich wieder mit voller Überzeugung an den Titel oder zumindest ans Vertreiben dieses blau-weißen Vereins glauben. Vielleicht muss man für das Verdrängen nur auf einen Blitz mit Sternhagel warten, der Adler und Neuer trifft und endlich wieder ihre Körper zurücktauschen lässt. Spätestens dann hol’ ich natürlich auch wieder meine Meisterschale aus Milchtüten aus der Versenkung. Versprochen, Lisa.

Ach noch eins: Ich gönne Eurem Kuranyi die Torjägerkanone. Unser Kießling hätte im Sommer ja doch keine Zeit, das gute Stück zu polieren…

Von Lisa S.

Man sagt, das Leben schreibt die schönsten Geschichten. Ich glaube das nicht. Ich glaube, der Fußball schreibt die schönsten Geschichten. Denn so ein Spieltag ist immer wieder eine Wundertüte aus großen Siegen, tragischen Niederlagen, überraschenden Wendungen, skurrilen Dialogen, und natürlich dem ewigen Kampf zwischen den Bösen (hauptsächlich Dortmund und Bayern) und den Guten (der große Rest). Mit anderen Worten: Jeder Bundesligaspieltag ist wie ein großes Buch voller spannender Märchen.

So gab es dieses Wochenende zum Beispiel „Wie Prinz Poldi und Ivan der Schreckliche dem FC Bayern das Fürchten lehrten“ oder auch „Don Jupp und der Adler, der das Fliegen verlernte“. Wir sahen Helden mit äußerst märchenhaften Namen wie etwa Eric Maxim Choupo-Moting, wir sahen gleich mehrere Wunder (Hannover, Nürnberg, Podolski, etc.) und wir sahen eine Reihe ganz zauberhafter Ergebnisse – zumindest für all die Anhänger des fabelhaften FC Schalke 04.

Dass auch in einem Märchen nicht immer alle am Happy End teilhaben können, musste dieses Mal Bayer Leverkusen erleben. Denn der gegnerische Club betätigte sich am Sonntagnachmittag gleich mehrfach im Zaubern – und puff! Da war es auch schon verschwunden, dieses nervige „ungeschlagen“, dass ich mir seit sieben langen, langen Monaten andauernd unter die Nase reiben lassen musste. Vielen Dank an dieser Stelle an unsere Freunde aus Mittelfranken.

Einen Haken hat unsere Geschichte insgesamt aber doch. Denn eigentlich war abgemacht, dass Leverkusen dieses Mal noch siegt, um die Münchener wieder von der Tabellenspitze zu verdrängen. Um Goliath zu schlagen, müssen die Davids manchmal eben zusammenhalten.

Nun sei’s drum, jetzt sind wir halt wieder Zweiter (was will man mehr?) und schauen ab sofort nicht mehr zurück. Passenderweise fangen endlich auch mal die Königsblauen an, an die eigenen Chancen auf den Heiligen Gral, äh die Meisterschale, zu glauben. Selbst der weise alte Lehrer der Fußballkunst, Felix Magath, gibt zu, dass eine Tabellenführung „schon schön wäre“.

„Donnerlüttchen, jetzt aber nicht übermütig werden!“, werden die von euch sagen, die der Ironie nicht zugetan sind. Doch vornehme Zurückhaltung ist im Moment nicht so fehl am Platz. Für die Knappen folgen nun nämlich vier schwere Spiele gegen Stuttgart, Hamburg, Leverkusen und Bayern, oder anders gesagt, uns steht die Episode „Die jungen Wilden und die Wochen der Wahrheit“ bevor. Wie diese Geschichte ausgehen wird, steht noch in den Sternen. Ich persönlich hoffe jedoch auf das eine oder andere kleine Wunder – damit am Ende wieder die Guten oben stehen.

Glückauf!

10. März 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Innenrist | Schlagwörter: , , , | 1 Kommentar

1 Kommentar

  1. Hallo
    Hervorragender Post. Da hat mich Bing mal wieder an einen super Blog geschickt.
    Viele Grüße aus Heidelberg

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