19. Mai 2001: Auf Schalke starb der Fußballgott

Heute vor zehn Jahren erlebte die Bundesliga ihre späteste Titel-Entscheidung aller Zeiten. Die Protagonisten: Mathias Schober, Markus Merk, die 94. Minute – und Patrik Andersson. Lisa erinnert sich daran, wie sie im Schalker Parkstadion die Meisterträume auf der Anzeigetafel platzen sah.

Fußball ist in diesen Tagen kein einfaches Thema für mich: Lüdenscheid-Nord ist Meister, Manuel Neuer auf dem Weg nach München und der FC Schalke 04 hat seit dem 16. April eigentlich gar keinen richtigen Fußball mehr gespielt. Zwar stehen wir noch im DFB-Pokalfinale und haben es in der Champions League diese Saison so weit geschafft, wie noch nie in der Vereinshistorie, aber eine Spielzeit wird nun mal immer am Auftreten und Abschneiden in der Bundesliga gemessen. Und beides war in diesem Jahr eine Unverschämtheit.

Heute geht es aber eigentlich gar nicht um diese Saison, auch wenn es noch so viel dazu zu sagen gibt. Denn heute ist ein Todestag. Genau zehn Jahren ist es jetzt her – ich war dabei und will davon erzählen. Es war der 19. Mai 2001, ein sonniger Tag in Gelsenkirchen-Erle. Es hatte ein bisschen was von einem Familienausflug, wie ich mit meinen Eltern, meinen Brüdern, meinem Onkel und meinem Cousin durch eine kleine Grünanlage Richtung Parkstadion spazierte. Wir hatten diese Karten schon lange im Voraus gekauft, wollten uns eigentlich nur vom Parkstadion verabschieden, denn ab dem Sommer würde S04 in der Arena AufSchalke zuhause sein. An den Titel glaubte zu diesem Zeitpunkt eigentlich kaum noch jemand. Dass die Bayern sich den Drei-Punkte-Vorsprung noch nehmen lassen würden, war einfach zu unwahrscheinlich. Trotzdem war die Stimmung gut, denn die Saison würde so oder so eine erfolgreiche sein für die Königsblauen.

Das Parkstadion war wie immer ausverkauft, die Leute saßen rundherum sogar in den Bäumen, um das Spiel zu verfolgen. Viel zu feiern gab es zu Beginn nicht. Die Knappen lagen nach einer halben Stunde 0:2 zurück, ausgerechnet gegen den Münchner Vorort Unterhaching. Es machte sich schon Resignation breit. Sollte diese tolle Saison tatsächlich so sang- und klanglos zu Ende gehen? Doch Nico van Kerckhoven und Gerald Asamoah mit einem wunderschönen Hackentrick brachten die Königsblauen zurück in die Partie.

Nach dem Wechsel spielte S04 besser, das Tor machte trotzdem erneut der Gast. Doch dann kam die große Stunde zweier überragender Spieler dieser 38. Bundesligasaison: Jörg Böhme mit einem Doppelschlag in nur zwei Minuten und Torschützenkönig Ebbe Sand ließen 64.999 Zuschauer und mich jubeln.

Und dann ging auf einmal alles ganz schnell: Auf der Anzeigetafel direkt hinter mir wurde das 1:0 für den Hamburger SV gegen Bayern eingeblendet, kurze Zeit später pfiff Schiedsrichter Strampe bei uns ab. Keiner wusste, ob das Spiel der Münchner auch schon vorbei war, bis Rudi Assauer wie ein Angeschossener aufs Spielfeld rannte und die Fäuste in die Luft stieß. Alle Dämme, die bis dahin noch nicht gebrochen waren, brachen: Die Fans stürmten den Platz, Spieler, Verantwortliche und Zuschauer lagen sich in den Armen und konnten ihr Glück kaum fassen.

Der Schalker Schober nimmt den Rückpass auf

Viel würde ich dafür geben, wäre ich auch nur für kurze Zeit Teil dieser jubelnden Menge gewesen zu sein, hätte ich dieses Gefühl nur für ein paar Sekunden geteilt – Meister sein! Doch ich gehörte zu den wenigen, denen dies verwehrt blieb. Wir auf der Südtribüne sahen auf der Anzeigetafel nämlich auf einmal die Live-Bilder aus der Hansestadt – die Bayern spielten noch!

Ich habe mit angesehen wie (der von Schalke ausgeliehene) HSV-Keeper Matthias Schober den Ball von seinem eigenen Spieler aufnahm und Patrik Andersson den indirekten Freistoß irgendwie ins Netz ballerte.

Diese Bilder werde ich wohl in meinem Leben nicht mehr vergessen. An das, was danach kam, kann ich mich allerdings nur noch bruchstückhaft erinnern. Weinende Menschen überall um mich herum, einige wenige, die immer noch an ein Wunder glaubten („Jetzt können wir nur noch hoffen, dass der Effenberg gedopt war!“) und dieses Gefühl der Ohnmacht, das mich die nächsten paar Tage wie durch einen Schleier erleben ließ.

Diese Mannschaft um Oliver Reck, Ebbe Sand, Gerald Asamoah, Jörg Böhme, Emile Mpenza und Tomasz Waldoch, ist für mich an diesem 19. Mai unsterblich geworden. Trotz allem, was passiert ist. Sie sind tragische Helden, aber Helden sind sie auf jeden Fall. Mit diesen großartigen Spielern bin ich aufgewachsen, sie haben die Jahre geprägt, in denen ich den Fußball lieben lernte und die „Meister der Herzen“ werden immer einen Platz in meinem Herzen haben.

Für mich gestorben ist an diesem Tag jemand anders. Man nannte ihn Fußballgott.

19. Mai 2011 von Lisa
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Kommentare (2)

  1. Ich kann mich auch noch genau an diesen Tag erinnern. Ich war in meiner Werkstatt am arbeiten und hatte dabei das Radio mit der Bundesliga Konferenz laufen.
    Ich weiß noch genau wie es war als Bayern das Tor geschossen hat. Man hab ich mich gefreut :), das war ein schöner Tag :).

  2. Lächerlich. Wie hohl muss man sein und zuzugeben, sich über diese Fehlentscheidung zu freuen.
    Aber , du wirst sehn mein Freundchen, wenn Bratwürstchen erst im Knast ist, kommt du Schale der Herzen schon noch zu uns.
    Dann nämlich, wenn rauskommt, in welchem Masse die Bauern und der DFB gekungelt haben.
    In diesem Sinne: Meister der Herzen forever

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