Im Zweiten wird’s wohl besser – 26. Akt:
Gegen die Wölfe zum Heulen

Gladbach 0:4 Wolfsburg – DVDs in der Business Class, Delura-Gedächtnis-Schüsse, ein Loblied auf Levels, eine Heimpleite von Format, Neuvilles Rückkehr, kein Pfeifkonzert.

Es war klirrend kalt in Kasan, letzten Donnerstag. Das Thermometer sank auf bis zu minus zwölf Grad und das graue Grün ließ so manchen Fernsehzuschauer verdutzt zum Bildschirm rennen, um genauer nachzusehen, ob er nicht aus Versehen auf Schwarzweiß gestellt hatte. Der VfL Wolfsburg holte ein 1:1 beim russischen Meister und machte sich vor dem 26. Bundesliga-Spieltag nicht einmal mehr auf in die heimische Heimat in Niedersachsen. Sondern es ging nur in die Heimat – nach Düsseldorf nämlich, um von dort aus die kurze Anreise über A44 und A61 in den Borussia-Park anzutreten.

Knapp 43 Stunden waren seit dem Abpfiff in der Millionenstadt an der Wolga vergangen, als Günter Perl am Samstag um 15:30 Uhr anpfiff. Fünf Stunden dauert alleine der Flug nach Deutschland. Die Wölfe hatten kurz zuvor noch bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt Fußball gespielt. Nun sitzt man als VW-Zögling zwar mit Sicherheit in der Business Class – was für baumlange Kerle wie Edin Dzeko zumindest genügend Beinfreiheit bedeutet. Spannender wird ein derart langer Flug dadurch aber auch nicht. So gut ist keine DVD. Auch keine Stewardess.

Nun schlich der VfL Wolfsburg in Hälfte eins nicht unbedingt über den Platz wie eine Horde französischer Boule-Rentner. Ein Feuerwerk lieferte er jedoch auch nicht ab, weshalb Torchancen lange Zeit Mangelware blieben. Reus versuchte es mit einem Delura-Gedächtnis-Schuss (für die ganz jungen unter uns und die, die es verdrängt haben: gut ist das nicht). Bobadilla lief mit dem Kopf in einen aussichtsreichen Arango-Freistoß und hätte, wäre er ein begnadeter Kopfballspieler, mehr daraus machen können. Außerdem ließ Meeuwis noch einen aus der Distanz los, ehe Dzeko die erste dicke Chance für die Gäste vergab. Nach einem Stellungsfehler von Brouwers behielt Bailly noch einmal die Oberhand. Der Top-Torjäger musste sich daraufhin eine gewaltige Standpauke von seinem Keeper anhören. Bradley mischte sich ein und gab seinen amerikanischen Senf dazu. Szenen, die davon zeugen, dass derzeit nicht alles im Lot ist.

Wolfsburgs Führungstreffer aus der 41. Minute hat derweil beste Chancen, es aufs Cover des Buches „Aus dem Nichts“ zu schaffen, falls dieses einmal neu aufgelegt wird. Die Rezensionen für das Abwehrverhalten in dieser Szene werden jedoch nicht halb so gut ausfallen wie die für Gerd Binnigs Erstlingswerk bei Amazon. Brouwers baute den zweiten Bock, Gentner grätschte zu Misimovic, der Bailly mit seinem Flachschuss heimerothesk abtauchen ließ. Der Belgier hatte zuvor einen Schritt in die falsche Richtung gemacht, als habe er den Schwierigkeitsgrad eigenhändig erhöhen wollen. Doch stattdessen ging er zunächst einmal „Game over“. Knapp 40.000 hatten eine erste Halbzeit gesehen, der man, anders als noch in Dortmund, abnehmen konnte, dass sie wirklich stattgefunden hat. Dadurch geriet sie zumindest einen Tick besser. Das Resultat blieb jedoch gleich.

Nun ist eine Saison ziemlich lang, 34 Spieltage, das weiß jedes Kind. Und irgendwann in dieser langen Zeit hat man immer wieder mal das Bedürfnis, einen Spieler besonders zu würdigen (oder auch das exakte Gegenteil zu tun), wenn man meint, er hätte es verdient. Tobias Levels ist eigentlich schon länger an der Reihe. Nur gegen Bremen in der Hinrunde hat der 23-Jährige vor dem Abpfiff das Feld verlassen müssen. Nur gegen Nürnberg fehlte er gelbgesperrt. In allen anderen Spielen hat er die rechte Seite von der ersten bis zur letzten Minute beackert wie ein niederrheinischer Bauer seine Felder. Auf und ab, vor und zurück – mit Pferdelunge und Vorbildseinsatz. Zwischen dem Torjäger Brouwers, dem Chuck-Norris-Verteidiger Dante, dem vermeintlichen Marin-Double Reus und den teuren Neueinkäufen Arango und Bobadilla geht eine fleißige und zuverlässige Arbeiterbiene wie Levels immer etwas unter. Dabei gehört der stellvertretende Kapitän zu den konstantesten Borussen dieser Saison. Sein Notenschnitt beim „Kicker“ lässt ihn unter den 20 besten deutschen Verteidigern rangieren. Nicht allzu weit hinter den Nationalspielern Boateng und Beck, gleichauf mit dem Adler-Träger Träsch und noch vor Spielern wie Fritz, Owomoyela und Madlung, die ebenfalls Länderspiele auf dem Buckel haben. Für einen wie Levels, der vom Fußballgott nicht mit dem größten aller Talente gesegnet wurde, ist das eine Riesenleistung. In nur zwei Spielen hat er eine glatte Fünf kassiert, legte zudem vier Treffer auf, was ihn zusammen mit Marco Reus zu Gladbachs zweitbestem Vorlagengeber macht. Dieser Absatz ist schon lang und er könnte noch länger werden. Bleibt nur noch festzuhalten, dass der Mann mit dem holländischen und dem deutschen Pass schon seit mehr als zehn Jahren im Verein ist – und es noch lange bleiben möge.

Allzu schwer hatte es Tobias Levels jedoch auch nicht, sich mit einer 2,5 für seine Leistung gegen Wolfsburg zum mit Abstand besten Borussen aufzuschwingen. Kurz nach der Pause hätte er beinahe seinen fünften Scorerpunkt eingefahren. Der Rechtsverteidiger tankte sich auf der Außenbahn durch wie eine entschlossene Hausfrau an der Kasse beim Discounter. In der Mitte jedoch präsentierte sich Bobadilla einmal mehr als völlig überforderte Kassiererin und schoss völlig freistehend höher über das Tor als er davon entfernt war. Storno.

Fußball wäre nicht Fußball, wenn ein Fauxpas dieser Güteklasse nicht postwendend bestraft würde. Brouwers – den man an dieser Stelle ja eigentlich sonst nur erwähnen muss, wenn er mal wieder getroffen hat – leistete sich den nächsten Aussetzer und klärte in einer völlig gefahrenfreien Situation zur Ecke. Bradley wechselte plötzlich die Sportart und stellte eindrucksvoll unter Beweis, warum Amerikaner kein Handball spielen: Sie können es einfach nicht. Den fälligen Handelfmeter haute Dzeko Ballack-like in die Mitte. Ein Tipp an Logan Bailly vielleicht noch: Die Elfmeterschützen der Bundesliga scheinen mittlerweile zu wissen, dass er sich immer ziemlich früh, wie der Keeper auf dem Super Nintendo, in eine Ecke verabschiedet und die Tormitte so verlassen ist wie die russische Taiga.

Nun erlebt man einen Zwei-Tore-Rückstand im eigenen Stadion beileibe nicht jede Woche (auch wenn wir gerade erst einen gegen Bochum hatten). Doch es vergingen nur zehn Minuten, bis das Grauen weiter seinen Lauf nahm. Tobias Levels kassierte seine ersten und einzigen Punktabzüge, weil er Gentner viel zu viel Zeit ließ, um seinen Distanzschuss zu justieren. Dann streifte der Ball auch noch irgendein Körperteil des Gladbacher Rechtsverteidigers, so dass der VfL (eigentlich der richtige, in diesem Fall jedoch der falsche) weiter ins Heimdesaster hineinschlitterte. 0:3.

Ein Torschussverhältnis von 26:19 wirkt zwar nicht annähernd so desolat wie das Ergebnis. Anders sieht es jedoch schon aus, wenn man weiß, dass sich darunter mindestens fünf weitgehend ungefährliche Kopfbälle von Rob Friend mischten. Einen Vorwurf kann man dem Kanadier nicht machen. In Zeiten von Phantom-Stürmern ist man ja froh über jedes Lebenszeichen eines Angreifers. Wenn „Ranger Rob“ im Strafraum ackert, dann müssen ihn die gegnerischen Abwehrreihen wenigstens auf dem Schirm haben. Sonst könnten sie schnell bestraft werden. Wer dagegen Roberto Colautti als Gegenspieler hat, könnte innerhalb von 90 Minuten locker zwei Fremdsprachen erlernen, einen Häkelkurs machen oder endlich die lästige Steuererklärung zu Ende bringen. Erneut schickte Michael Frontzeck gegen Wolfsburg dieselbe Startelf auf den Platz – falls das gegen Köln erneut der Fall sein sollte, läuft irgendetwas falsch.

Bereits eine 0:3-Heimpleite hätte der Borussia ein nahezu historisches Ereignis beschert. Zuhause hatte sie seit dem 30. Oktober 1998, jenem apokalyptischen Freitagabend gegen Bayer Leverkusen (2:8), nicht mehr mit drei Toren im eigenen Stadion verloren. Nicht im weiteren Verlauf der Abstiegssaison 98/99, nicht in Liga Zwei, nicht gegen die Bayern oder irgendein anderes Top-Team, nicht in irgendeiner der vielen Spielzeiten, in der sie arg gebeutelt und Trainer verschleißend in den unteren Gefilden der Tabelle herumkrebste. Damit die Partie gegen Wolfsburg eine realistische Chance erhält, womöglich in zehn oder mehr Jahren erwähnt zu werden, wenn ein Heimspiel wieder einmal derart in die Hose geht, legten Brouwers, Dante und Co. die Latte in der 80. noch ein wenig höher. Dzeko ließ nichts erahnen von zwei Fünf-Stunden-Flügen oder einem miesen DVD-Repertoire. Die Fohlen-Verteidigung war machtlos gegen die Schnelligkeit des Bosniers, Logan Bailly gegen seinen trockenen Schuss zum 0:4.

Michael Frontzeck sprach den Fans im Nachhinein ein Lob aus, dass sie so ruhig geblieben seien, während das Unheil seinen Lauf nahm. In der Tat kam das Pfeifkonzert nach dem Spiel höchstens einer ruhigen, gemächlichen Ouvertüre gleich. Wobei der Trainer bei seiner Bewertung eine kleine Eigenheit der Zuschauerdynamik übersehen hat: Denn noch schlimmer als ein gellendes Pfeifkonzert ist in der Regel gar kein Pfeifkonzert. Stille nach einem 0:4 spricht nämlich dafür, dass schlichtweg niemand mehr da war, um seinem Unmut mit Fingern zwischen den Lippen freien Lauf zu lassen. Ähnlich war es am Samstag.

Ein wenig versüßt wurde das Zuschauen wenigstens von einem kleinen Traum. Oliver Neuville stand nicht nur erstmals seit langer Zeit wieder im Kader, er kam auch ins Spiel für den schwachen Bobadilla. Doch es wurde nichts mit einem Tor des 36-Jährigen. Keine stehenden Ovationen für den dienstältesten Gladbacher in der Bundesliga. Keine Sprechchöre für den bedeutendsten Spieler der Borussia-Park-Ära. Neuville wurde zusammen mit Patrick Hermann eingewechselt, der fast 18 Jahre jünger ist und damit sein Sohn sein könnte, ohne dass die Bild-Zeitung oder ProSieben darüber in einer Real-Doku berichten würden. Hermann kam auf 17 Ballkontakte in 26 Minuten, Neuville blieb bei nur sieben Berührungen ziemlich blass.

Noch vor zwei Wochen gegen Freiburg ging es mit jeder Menge Wut im Bauch nach Hause über abermals verschenkte Punkte. Merkwürdig, wie weit die Borussia auf einmal davon weg ist, überhaupt die Chance zu erhalten, Punkte zu verschenken. 0:4 gegen Wolfsburg – nicht das höchste der Gefühle, sondern lediglich die höchste Heimpleite des Jahrtausends. Und so neu ist das nun auch nicht mehr.

15. März 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. ……..herrlich…….heimerothesk………das ist mehr als treffend….aber hier möchte ich auch ein Loblied auf eben diesen Heimeroth singen……wie der sich freut und engagiert auf der Ersatzbank rumspringt – das ist nicht selbstverständlich !!..ähm……wenn es denn mal was zum Freuen gibt. Dies ist ja nun schon ein wenig her und ich hoffe inständig, dass dies recht bald wieder der Fall sein wird. Ansonsten schwing ich mich noch auf zum Besserwessi ( vergleiche meine negativen Befürchtungen von vor 2 Wochen )…und das bringt keinem was ….!

  2. Köstlich: überforderte Kassiererin. Storno!
    Vielleicht gibt es ja nach dem Derby wieder einen Lichtblick im Spiel der Borussia zu vermelden. Es dürfen auch elf Lichtblicke sein…
    Super Kolumne, weiter so!

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