Bayer vs. Schalke – Tagebuch des Titelkampfs oder:
Zweiter kann nur einer werden (Teil V)

Schalke-Leverkusen16. März 2010 – 53 Tage
bis zum letzten Spieltag

Schalke war für 22 Stunden Tabellenführer, René Adler hat schon wieder gepatzt – und was machen unsere beiden Titelkämpferinnen? Überlassen WDR-Reportern einen Kommentar zur Torwartfrage und erzählen Geschichten aus dem Holland-Urlaub. Und das in einer Phase, in der der Countdown bis zum letzten Spieltag bald Goldhochzeit feiert – Freitag sind es nämlich nur noch 50 Tage.

Von Lisa S.

Ach Kinder, ich hatte schon ganz vergessen wie schön das ist, Tabellenführer zu sein. Zwar nur für etwas mehr als 22 Stunden, aber das ist ja schon mal ein Anfang. Für 76 Minuten hatte ich sogar die Hoffnung, dass wir das noch länger bleiben könnten, aber dann kam mal wieder Arjen Robben. Wo die Bayern ohne die Tore von Robben heute stehen würden, will ich lieber gar nicht wissen. Aber an der Spitze wären sie garantiert nicht.

Wie auch immer, hören wir auf Felix Magath und konzentrieren uns auf unsere eigene Leistung. Wie immer war eine stabile Defensive der Grundstein für den achten Heimerfolg in Folge. Und vorne ist eben nicht alles von einem Spieler abhängig. Wenn also, wie am Freitag, Farfán wirkungslos bleibt, treffen eben andere. Kevin Kuranyi ist damit schon bei seinem 14. Saisontor, Leverkusens Stefan Kießling hat nach seinem Doppelpack am Sonntag 16 Treffer auf dem Konto. Macht zusammen 30 Buden. Das Nationalmannschafts-Sturmduo Klose und Podolski traf zusammen bisher dreimal. Ich sag’s ja nur…

Und so bleibt der FC Schalke 04 weiter auf Erfolgskurs und allen Kritikern fällt im Moment nur noch ein zu bemängeln, dass die Königsblauen ja so unattraktiv spielen. Und ich sage allen Kritikern: Wenn S04 am Ende der Saison ganz oben steht, wird mir und allen anderen Fans so was von egal sein, wie unsere Elf die Punkte geholt hat. Aber das ist schon okay, sucht euch ruhig frühzeitig etwas, womit ihr euch später trösten könnt, wenn die Schale nach Gelsenkirchen geht. Redet Euch ruhig ein, dass das alles so unfair ist, weil Schalke ja nicht den schönsten Fußball gespielt hat. Wir machen dann unterdessen Party! [Anm. d. Red.: Wie damals im Mai, vier Minuten lang]

Was gab es sonst noch an diesem Wochenende? Randale neben (Berlin) und auf dem Platz (Hannover), einen Meister, der zu alter Bissigkeit zurückfindet, immer mehr Spannung im Abstiegskampf und eine Sportsendung im TV zum Fremdschämen.

Denn wer am Samstag das ZDF-Sportstudio eingeschaltet hat, der konnte die albernste Kombination im Deutschen Fernsehen seit Dick und Doof und Toto und Harry bewundern. Katrin und Kevin führten mit gewohnt dämlichen Fragen und ausweichenden Antworten durch den Abend und zeigten uns, dass keiner von ihnen für journalistische Formate geeignet ist. Was Kevin besser kann, zeigt er in dieser Saison mal wieder eindrucksvoll. Und Katrin, naja, die wird auch schon noch was finden… [Anm. d. Red.: Zur Not wird sie eben wieder Cultural Representative in der Disney World Florida [siehe Vita). Wenn Hausmeister neuerdings "Facility Manager" sind, heißen Maskottchen dann...]

Ihr wundert Euch jetzt sicher, warum ich noch gar nichts zu unserem Bundesadler geschrieben habe Da haut sie bestimmt so richtig drauf, dachtet Ihr alle. Aber zur ganzen Torwart-Diskussion muss ich mich dieses Mal gar nicht groß auslassen. Ich zitiere einfach den Kommentator vom Leverkusen-Spiel in „Sport im Westen“: „Das ist nicht verständlich, dass er [Adler] im DFB-Tor steht und nicht das Jahrhunderttalent von Schalke, Manuel Neuer.“
Was soll man da noch sagen?

Glückauf!

Von Kerstin B.

Da ist es doch mal wieder Zeit, die große, alte, knarrende Holzkiste vom Dachboden zu holen – die mit den vielen bedeutungsschweren Worten. Erleichtert, glücklich und wieder voller Hoffnung springen sie mir aus der Kiste entgegen und beschreiben haargenau meine Gefühlswelt nach dem Sieg gegen die Hamburger.

Aber bevor ich auf die überzeugendste Leistung eines Bundesligateams in dieser Saison (jaja, ich hab auch die rosarote Brille auf dem Dachboden wiedergefunden) zu sprechen komme, will ich doch kurz versuchen zu erklären, warum man Schalke scheiße findet, wenn man nicht gerade Schalkefan ist. Für dich, Lisa.

Ich glaube, das fängt schon bei der Geburt an. Da die Liebe zu dem Ruhrpottverein so weit verbreitet ist, findet man seine Sympathisanten einfach überall. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass auch schon auf meiner Geburtstation der eine oder andere Arzt meine Größe mit einem blau-weißen Schalke-Kulli notiert hat, der Hausmeister entgegen der Wirklichkeit den Schalke-Pinüppel immer ganz nach vorne in die Kicker-Tabelle gesteckt hat und auch die Krankenschwester ihre Dienste mit dem nächsten Spiel im Parkstadion abgeglichen hat. Entweder verfällst du als kleines Kind diesem Irrsinn oder du entwickelst zusammen mit den ersten Schritten und Worten eine Antipathie gegen Königsblau.

In der Grundschule geht der Quatsch dann weiter, man ist auf Fußballturniergeburtstagen eingeladen, an deren lustigem Ende man dazu gezwungen wird, einen Pokal aus Alupapier zu basteln, auf den die wohlgenährte Mutti des Hauses einen vergilbten Schalkeaufkleber drückt. Und wenn man dann das erste Mal mit der besten Schulfreundin nachts eine Tour mit dem Auto vom Vatti der bisher ganz unauffälligen Freundin dreht, erblickt man den gestrickten blau-weißen Schal auf der Heckklappe. Selbst in Dortmund, wo doch eigentlich niemand Anhänger der Königsblauen vermutet, haben sich dann wieder zwei dieser Wesen in mein Leben gedrängt.

Genau so wie mir geht es einfach jedem in Deutschland. Sei es der Brummifahrer auf der Autobahn, der neben dem Gruß an Liebchen Gabi auch noch seinem Lieblingsverein mit einem Wimpel die Treue schwört. Sei es der Arbeitskollege, der alle seine fünf Kinder Ebbe nennt. Oder auch der Trinkhallenbesitzer, der jedes Bier mit einem Glückauf über die Theke reicht. Und das ist alles in allem einfach tierisch anstrengend. Wenn man sich jetzt noch vorstellt, dass die Schalker dieses Jahr tatsächlich Meister werden…

Ein normaler Alltag wird nicht mehr möglich sein. Der Trinkhallenbesitzer wird ein Bier nur noch abgeben, nachdem er und der Käufer im Kanon zweihundertdreiundvierzigmal „Königsblauer S04“ gesungen haben. Die Mutti mit den vergilbten Schalke-Stickern wird ihre Schürze, die Gardinen und ihre Dauerwelle blau-weiß färben. Zu guter letzt wird sich der Kinderarzt bestimmt einen Bart à la Kuranyi wachsen lassen und jeden neuen Weltbürger mit einem gekonnten Lispler begrüßen. Ich weiß, das war jetzt kein wissenschaftlicher Ansatz die Abneigung gegen Schalke zu erklären, aber vielleicht hat es ein wenig geholfen. Aber um Dich zu beruhigen, liebe Lisa, es gibt in dieser Fußballwelt ja durchaus noch Dinge, die man mehr hasst.

Wem es bei diesen Worten direkt orange vor Augen wird, der kann den nächsten Satz überspringen. Es geht um die Holländer. Und es geht um Sonntagnachmittag: In den bangen Minuten zwischen Zé Robertos Tor, das ich hier nicht weiter kommentieren möchte, weil ich weiß, dass Lisa es viel besser kann, und Derdiyoks erlösendem Bilderbuchkopfballtor, habe ich diese Abneigung wieder in mir gefühlt. Jeder Schritt des unverschämt langbeinigen Ruud in Richtung Bayer-Strafraum ließ mich zusammenzucken und plötzlich war da nicht mehr Ruud auf dem Spielfeld. Da war auf einmal Henk aus Amsterdam, der seinen Wohnwagen auf Texel immer so parkt, dass unser Zelt keinen einzigen Sonnenstrahl mehr abbekommt. Henk, der mir morgens im Supermarkt die letzte Chocomel wegschnappt und seine Sandburg vor meinem Strandkorb errichtet.

Aber zum Glück hatten Henk und seine Freunde in Leverkusen rein gar nichts zu melden. Genau wie die über 30.000 Zuschauer konnten der Holländer und seine zehn Mitspieler nur staunend den Mund aufreißen, als zum Beispiel Renato Augusto vorm 3:1 durch Kießling mal wieder zeigte, dass er Brasilianer ist, oder auch als Gonzalo Castro nervenstark das entscheidende 4:2 hinzauberte. Schon beim dritten Anlauf gelang eine mitreißende La Ola durchs Stadion. Wer da nicht anerkennend den Hut zieht, kennt wohl das Leverkusener Publikum nur schlecht. So gibt es doch immer noch viele Familien auf Wochenendausflug, Geschäftleute mit gesponserten Karten und Männer in der Midlifecrisis auf der Suche nach einem Hobby. [Anm. d. Red.: Ach Mist... wo hab' ich diesen verdammt Hut schon wieder gelassen?]

Aber sie alle haben gesehen, dass der Patzer in Nürnberg wohl wirklich nur ein Ausrutscher und nicht der Anfang vom Ende war. [Anm. d. Red.: Gilt wohl nicht für René Adler, da war's wohl eher das Ende vom Anfang] Dank Kießlings zurückgewonnener Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor, Augustos genialen Vorlagen und Barnettas Spritzigkeit sehe ich die Schale wieder! Der zweifelnde Nebel, größtenteils eingeredet von den Robbens und Co. aus dem Süden (noch ein potenzieller Henk) ist abgezogen. Da kann auch kein Schalker Trinkhallenbesitzer, Brummifahrer und auch keine Lisa etwas dran ändern!

16. März 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Innenrist | Schlagwörter: , , , , , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Katrin Müller-Hohenstein: Schon das Akronym KMH klingt nach Benezin, quietschenden Reifen und einer geilen Brünette, Jahrgang 1965 auf dem Beifahrersitz.

    Was ich aber eigentlich sagen wollte: Das mit Lisa und Kerstin gefällt mir sehr, sehr gut!

  2. SO’n kack: Benzin & Brünetten.

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