Im Zweiten wird’s wohl besser – 27. Akt:
(Tor-)Tour de Rhein

Köln 1:1 Gladbach – ein Besuch beim Zahnarzt; eine Anfahrt in Etappen; Bilder wie auf einem G8-Gipfel; ein Ball, der nicht rollte, als er sollte; “keine Vorkommnisse”, die es nicht gab; ein bisschen Ekstase; mehr Ärger.

Letzten Freitag, A57, kurz nach 13 Uhr: Mehr als sieben Stunden sind es noch bis zum Anpfiff dieses merkwürdigen Fußballspiels, über das man in den letzten Tagen so viel gesprochen hat, ohne wirklich darüber zu reden. Zumindest nicht über diese 90 Minuten zwischen 20:30 und 22:15 Uhr. Die Autobahn stimmt bereits, nur die Fahrtrichtung noch nicht. Die Richtung heißt Nimwegen, nicht Köln. Das Ziel ist eine Zahnarztpraxis in Xanten am Niederrhein, nicht das RheinEnergieStadion. Noch sind Nils, Chrissi und ich nämlich ticketlos.

Zwischen Bohrer, Mundschutz und Sprechstundenhilfen verbirgt sich jedoch keine geheime Karten-Oase, sondern lediglich der Arbeitsplatz von Christoph, meinem Sitznachbarn im Borussia-Park. Nachdem das Ticketportal beim Beginn des Vorverkaufs unverzüglich zusammengebrochen war wie eine alte Frau, der man plötzlich einen Kleinwagen auf die Schultern lädt, ist der füllende und bohrende Borusse meine letzte Derby-Hoffnung gewesen. Weil die übriggebliebenen Fanclub-Tickets jedoch so spät ankamen und man die guten Stücke ja nicht per Einschreiben durch die Welt schicken will, beginnt die Auswärtsfahrt nach Köln für uns drei also mit einer Tour vom südlichen an den nördlichen Niederrhein.

Gibt man bei Google Maps das Stichwort „Niederrhein“ ein, landet die Pfeilspitze des roten Ballons in einer Häuseransammlung namens Spilling. Die liegt zwischen Ossenberg und Borth, wo sich wahrscheinlich nicht einmal Fuchs und Hase gute Nacht sagen, weil sie dafür viel zu weit voneinander entfernt leben. Das klingt fast schon nach großstädtischer Arroganz meinerseits. Aber wer als Niederrheiner aus dem Dreieck Mönchengladbach-Krefeld-Düsseldorf kommt, der empfindet die Region um Xanten schon als Einöde, wenn auch natürlich als durchaus schöne.

“Mission Derbykarten” – erfüllt; “Mission Aberglaube” – noch nicht

Um kurz nach zwei parken wir das weit und breit einzige Auto mit Kennzeichen VIE in der Nähe des Xantener Stadtkerns. Während ich losziehe, um die „Mission Derbykarten“ zu vollenden, machen sich Nils und Chrissi auf ins Zentrum, um ein Netz „Babybel“ zu kaufen. In ihrem Fall ist es eine „Mission Aberglaube“, denn mit ein paar der roten Wachsfladen ging es im letzten Jahr nach Köln, um dort einen 4:2-Auswärtssieg der Borussia zu bejubeln. Man will sich am Ende ja nichts vorwerfen müssen.

Als ich nach einer schnellen Führung durch das Behandlungszimmer in Borussia-Optik (mit Raute an der Wand) zum Parkplatz zurückkehre, fehlt von den beiden Einkäufern noch jede Spur. Wartend stehe ich an Chrissis Auto gelehnt mitten in Xanten, schlage ungeduldig die Tickets in die Handflächen und frage mich, wie man so lange für so wenig Käse brauchen kann. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten, als beide um die Ecke biegen – in ihren Händen kein Käse, dafür auf ihren Gesichtern ein breites Grinsen. Ein Reporter der Rheinischen Post hat sie zusammen mit einem Praktikanten abgefangen, um mit ihnen ein kurzes Interview für die Rubrik „Was geht… in Xanten?“ zu machen. Anstatt „nichts, wir holen nur unsere Derbykarten ab“ zu antworten, sind sie stehengeblieben und haben den armen Lokaljournalisten erst einmal brav seine Fragen stellen lassen – bis der langsam stutzig wurde, warum sie in Boisheim Handball spielen („Hä? Was ist das denn?“). Ein Foto wurde auch noch geschossen, so dass Nils und Chrissi scheinbar viele Zeitungsleser am nördlichen Niederrhein vergangenen Samstag am Frühstückstisch begrüßt haben. Denn das mit dem Wohnort außerhalb von Xanten, das wollte der Reporter schon irgendwie hinbiegen.

Nachdem wir die „Mission Aberglaube“ schnell noch zu Ende gebracht haben, Chrissi jedoch mit dem Kauf eines Schokoriegels alles kaputt gemacht hat, nähern wir uns dem RheinEnergieStadion wieder ein bisschen und fahren erst einmal nach Hause. Schnell noch die Zwischenetappe namens „Riesen-Schnitzel“ absolviert. Dann geht es mit dem Wagen von Nils in die Domstadt. Nach all den Diskussion über Krawalle, über das Polizeiaufgebot und mit den Erinnerungen ans letzte Jahr im Kopf, könnte man meinen wir brächen auf zum Auslandseinsatz nach Kabul. Dabei soll es doch angeblich immer noch Fußball sein. Mein treuester Auswärts-Mitfahrer hat morgens mithilfe eines Föns noch schnell seinen Gladbach-Aufkleber von der Heckklappe entfernt. Man weiß ja nie, wem der so ins Auge fällt. Einen provisorischen „Baby an Bord“-Aufkleber haben wir so kurzfristig nicht mehr auftreiben können.

Bilder wie beim G8-Gipfel – in Köln-Müngersdorf

Bevor wir am Stadion ankommen, erfahren wir schnell noch am eigenen Leib, warum keine Stauschau ohne Köln-Bocklemünd und -Lövenich auskommt und die arme Stadt Euskirchen immer so in Misskredit gerät, weil man fälschlicherweise davon ausgeht, dort sei immer Stau. Etwas schneller voran geht dann in direkter Nähe des RheinEnergieStadions. Neu-Müngersdorf öffnet gerade erst seine Pforten, als wir aus dem Auto steigen. Viele Rautenträger sind dem Aufruf gefolgt, früh anzureisen. Von Kölnern noch so gut wie keine Spur. Übertroffen werden beide Fanlager um kurz nach halb sieben nur noch von einer Gruppierung: die trägt Grün und Blau, in den meisten Fällen Helme und einige sind zu Pferd unterwegs.

Das Bild auf der Wiese vor dem Stadion gleicht denen, die man von G8-Gipfeln aus dem Fernsehen kennt. Einerseits stimmt es einen traurig, weil es immer noch Fußball ist (zumindest in meinem romantisch-verträumten Hirn) – die Welt-Sportart, die so viele Leute in ihren Bann zieht, weil sie grundlegend so simpel ist, dass eine Dose als Spielgerät und vier Steine zur Tormarkierung genügen. Andererseits ist das Aufgebot den Vorkommnissen der letzten Jahre, besonders der im vergangenen, absolut angemessen. Eingebrockt hat das der breiten Masse ein kleines Grüppchen, das nicht einmal einen Prozent aller Derbyzuschauer ausmacht. Hinzu kommen ein paar, die vermutlich nicht einmal ins Stadion gehen. Fertig ist, so sehe ich das, der Anfang von einem Ende, das noch keiner kennt.

Knapp zwei Stunden vor dem Anpfiff ist alles friedlich. Langsam versinkt die Sonne hinter den Bäumen. Wenn etwas passieren sollte unmittelbar am Stadion, dann, da sind wir uns sicher, sobald es dunkel ist. Im Vorfeld war besonders über die Ansetzung das Spiel diskutiert worden. Der Polizei schwante Böses. Selbst Michael Frontzeck sagte, er hätte es „von Beginn an nicht verstanden“. Immer wieder wurde spekuliert, Sky wolle sich hohe Einschaltquoten sichern. Wobei es wiederum schleierhaft bleibt, warum ein Pay-TV-Sender anstelle seiner Abonnentenzahl mehr an seiner letztendlichen Zuschauerzahl interessiert sein sollte. Fragen über Fragen, nur eine Antwort – Freitagabend, 20:30 Uhr, live, in Farbe und in der Dunkelheit.

Wirklich “keine Zwischenfälle”?

Eine Stunde bevor es los geht, füllt sich allmählich der Gästeblock. Nicht jedoch im Inneren, sondern draußen auf der Empore, von wo man die Wiese vor der Kölner Arena bestens im Blick hat. Es ist trügerisch ruhig. Nur das monotone Rattern des Polizeihubschraubers, der pausenlos über dem Stadion kreist, schneidet in die Stille hinein. Plötzlich fällt uns auf, dass sich auf dem rechten Teil der Wiese, dem vor dem Gästeblock, immer mehr Gestalten versammeln. Die Polizei hat schon einen Beleuchtungswagen aufgestellt. Als wenig später die nächste Fuhr mit Gladbacher-Sonderbahnen unweit des Schauplatzes ankommt, wird es noch voller. Nach und nach positionieren sich die Einsatzkräfte, bilden eine menschliche Barriere zwischen beiden Gruppen. Die eine – schwarz-weiß-grün – will, so ist der Eindruck, einzig und allein den Weg vom Bahnsteig zum Gästeblock hinter sich bringen. Rund 300 Meter sind es. Die andere Gruppe, die auf der Wiese, will wohl nur das, wofür einem langsam die Worte ausgehen. Sie sind abgelutscht und man findet keine neuen. Es geht um fliegende Fäuste. Involvierte hört man immer wieder von einem „Adrenalin-Kick“ sprechen. Von oben, aus sicherer Entfernung, sieht es nach Auswüchsen einiger Hirnloser aus. Fraglich, wie aber ein Stresshormon ausgeschüttet werden soll, wenn im Kopf das nötige Nervengewebe fehlt, um das Signal zu geben: ‚Adrenalin marsch!‘.

Derweil haben die Einsatzkrätze Mühe, beide Gruppen zu trennen. Anstatt standhaft zu bleiben, lassen sie sich zurückdrängen – wohl Teil einer Deeskalationstaktik. So sind nach ein paar Minuten nur noch einige Polizeiwagen und eine menschliche Trennwand aus vier, fünf Reihen dazwischen. Es werden Böller gezündet, jedoch nur vereinzelt. Die Kölner Seite markiert singend ihr Revier. Hundegebell fliegt durch die Dunkelheit. Das Szenario ist merkwürdig: Hunderte schauen von Logenplätzen dabei zu, wie wiederum Hunderte sich nahezu Stirn an Stirn stehen. Die große Schlägerei bleibt aus, so dass sich ein paar Dutzend Kölner den provisorisch aufgestellten Bauzäunen widmen. Als die ersten Elemente umkippen, sehe ich schon wieder das Schlimmste kommen – wie im letzten Jahr, als von unten Raketen und Flaschen in den Gästeblock flogen und Fans, die vor dem Eingang anstanden, attackiert wurden. Doch nicht die Polizei, sondern die ziemlich engagierten Security-Leute beruhigen die Lage erst einmal. Pfefferspray wird eingesetzt. Ein Ordner zögert nicht lange, als ein Kölner Angreifer – nennen wir ihn mal so – über einen Zaun steigen will und bringt ihn mit einem beherzten Tritt zu Fall. Die zu Fall gebrachten Zäune werden so provisorisch wieder aufgerichtet wie man sie dort platziert hatte. Letztendlich gelingt es der Polizei mit ihren Pferden, die beiden Lager endgültig zu trennen und die brisante Lage so zu entschärfen.

Von all dem wird in der gemeinsamen Pressemitteilung der Kölner Polizei und der Bundespolizei am nächsten Tag nichts stehen. Am Ehrenfelder Bahnhof sei der Umstieg von Gladbacher Fans in die Sonderbahnen der KVB „ohne Vorkommnisse“ von statten gegangen. Weiter heißt es, die Bahnen seien auf der Aachener Straße in Richtung Stadion „vereinzelt mit Plastikbechern beworfen“ worden. Außerdem ist von „mehreren Sachbeschädigungen an den Sonderzügen“ die Rede. Anscheinend sind wir schon so abgestumpft von den Ausschreitungen vergangener Wochen, Monate und Jahre, dass die Vorkommnisse direkt am Stadion einfach so in einen polizeilichen und journalistischen Mantel des Schweigens gehüllt werden dürfen. Fest steht: Die Konfrontation ging nicht von der Gladbacher Seite aus, die Polizei war schnell genug zur Stelle, hatte jedoch redliche Mühe, die Lage zu entschärfen. Jetzt habe ich 778 Wörter allein über das G8-Gipfel-ähnliche Polizeiaufgebot und die Ausschreitungen vor dem Stadion verloren, obwohl ich mich selbst darüber aufgeregt habe, dass im Vorfeld so wenig über das Sportliche gesprochen worden war. Doch irgendwie war es mir Anliegen, mich nicht auch noch dem Tenor eines angeblich vollkommen friedlichen Derbys ohne nennenswerte Zwischenfälle anzuschließen. Es war ruhiger, aber es war nicht ruhig.

Da passt es ins Bild, dass es dem Ball letztendlich versagt bleibt, pünktlich um 20:30 Uhr zu rollen. Laut FC-Pressesprecher Christopher Lymberopoulos warten um diese Zeit noch 25 000 Fans vor den Toren des RheinEnergieStadions. Entweder kann das nicht stimmen oder aber die Kölner Arena hat ihr Fassungsvermögen unbemerkt auf mindestens 60 000 erweitert. Denn nur halb gefüllt ist das eckige Rund zum ursprünglichen Anpfiff beileibe nicht mehr. Trotzdem ist die Entscheidung, zehn Minuten später zu beginnen, vollkommen nachvollziehbar.

Das Ende des musikalischen Leidens

Um zwanzig vor neun bläst Felix Brych mitten hinein ins FC-Vereinslied zum Anpfiff. Damit rückt er nicht nur endlich den Fußball in den Mittelpunkt, sondern beendet auch eine Stunde des musikalischen Leidens. Ich liebe zwar den Karneval, mag es aber nicht, in einem Stadion von den Höhnern, den Bläck Föös, den Räubern, Brings und wie sie alle heißen dauerbeschallt zu werden. Den sangestechnischen Höhepunkt erreicht das Derby in Hälfte eins, als der Gästeblock einen Vau-Eff-Ell-Wechselgesang hinlegt, der jeden Anhänger von Wechselgesängen zum Weinen bringen müsste – und den es in diesem Video noch einmal zu hören gibt. So einfallsreich wie die FC-Fans die akustische Annexion ihres Stadion kontern (mit einem monotonen „Hurensöhne“), spielt ihre Mannschaft in der ersten Halbzeit. Ein Problem gibt es jedoch: Das Spiel der Borussia passt sich dem gnadenlos an, so dass von Fußball 45 Minuten lang nur wenig zu sehen ist.

Michael Frontzeck hat die Fohlenelf zum ersten Mal in der Rückrunde so richtig verändert, ohne das Gelbsperren, Verletzte oder aber Rekonvaleszenten ihn dazu gezwungen hätten. Zu Letzteren zählt zwar Schambeinreizungsauskurierer Thorben Marx, nicht jedoch Patrick Herrmann, der mit 19 Jahren sein Startelf-Debüt im Rheinischen Derby gibt. Außerdem spielt vorne Rob Friend als einzige Spitze. Alle Änderungen machen sich bemerkbar: Marx mimt mit Erfahrung und Ruhe souverän den defensiveren Part der Doppelsechs; Friend hat zwar keine Torchancen, gewinnt aber viele Kopfballduelle und hilft hinten bei Standards aus; Herrmann bringt Kölns Linksverteidiger Womé mehrmals so in Schwierigkeiten, dass der später bei seiner Auswechslung vom eigenen Anhang gnadenlos ausgepfiffen wird.

Die Gründe für so viel Frust auf der Südtribüne häufen sich jedoch noch nicht im ersten Durchgang. Novakovic schläft bei einem Schuss von Pezzoni, den er eigentlich ins Tor lenken muss. Eine Flanke von Brecko (zwei Bundesligatore, beide im letzten Jahr beim 2:4 gegen Gladbach) mutiert zum gefährlichen Torschuss, den Bailly gerade so entschärfen kann. Auf der anderen Seite steht ein Schuss von Reus zu Buche. Ansonsten wird es nur einmal richtig brenzlig für die Kölner Hintermannschaft, als Lukas Podolski (anders als in der Offensive) ausnahmsweise für Torgefahr sorgt, in dem er einen langen, langen, Rückpass Arango in die Beine spielt. Doch anstatt den herbeieilenden Reus zu bedienen, schaufelt Gladbachs Lustlosigkeit in Person den Ball so zaghaft auf den Kasten, als trage er eine Beinprothese, die bei zu viel Einsatz wegfliegen könnte. Torlos geht es in die Pause.

1:0 für Gladbach – Selbstzerfleischung beim FC

Die 55. Minute ist angebrochen, als Marco Reus den Bann bricht. Los geht es an der Mittellinie, gestoppt wird der 20-Jährige erst beim Jubeln an der Eckfahne von Patrick Herrmann, der auch sonst zu den flinksten Fohlen zählt. Dazwischen liegen ein Solo durch die Kölner Hintermannschaft und ein trockener Schuss ins linke untere Eck, der circa 7000 Borussen nach vielen Wochen der Abstinenz wieder einmal in freudige Ekstase versetzt. Und diesmal fließt zweifellos jede Menge Adrenalin.

Nur kurz hat es den Anschein, als wolle der VfL gegen taumelnde Kölner sofort die Entscheidung suchen. Doch stattdessen bläst, ja wer eigentlich?, zum Rückzug in die eigene Hälfte. Trotz Ballbesitz im dreistelligen Prozentbereich stellt der FC jedoch über weite Strecken rein gar nichts auf die Beine. Pierre Womé fällt der Willkür zum Opfer und mutiert zum Pfeifopfer. Sogar die ersten Soldo-raus-Rufe hallen durchs Stadion. Eine Viertelstunde vor dem Ende steht der Rivale aus der Domstadt kurz vor der Selbstzerfleischung. Und was macht die Borussia? Sieht dabei zu, vornehmlich nicht mehr als 30 Meter vor dem eigenen Tor.

„Es kam, wie es kommen musste“, lautet wohl einer der meistgebrauchten Sätze in Bezug auf die Borussia. Meist geht es um Führungen, die leichtfertig verspielt werden. In der 79. Minute landet der Ball nach einer Ecke wieder auf der Außenbahn beim Kölner Tosic. Der Serbe spielt zu Maniche an die Strafraumgrenze. Alle neun Gladbacher, die vor dem Tor stehen, sind scheinbar mit Seilen an der Grundlinie festgebunden worden, die nicht länger als elf Meter sind. Maniche hat alle Zeit der Welt, könnte alle Derbyergebnisse der Geschichte aufzählen, bis ein Borusse ihn angreift – wohlgemerkt geordnet nach der Lufttemperatur am jeweiligen Tag. Dann zieht der Portugiese ab. Es folgen ein zappelndes Netz, mehr als 40 000 jubelnde Kölner und „Poppe, Kaate, Danze“ von Brings – drei nicht so schöne Begleiterscheinungen eines nicht so schönen Ereignisses.

Novakovic nicht zum 2:1 – Gladbach nicht mehr lethargisch

Bevor ich überhaupt gewohnheitsgemäß daran denken kann, dass die Sache mit dem Derbysieg nun vermutlich ganz nach hinten los geht, ist es auch schon fast so weit. Novakovic stellt den vielzitierten Spitznamen, den ihm der Boulevard verliehen hat, Gott sei Dank pantomimisch dar. Es bleibt Sekunden nach dem Ausgleich beim 1:1. Daraufhin igelt sich die Borussia plötzlich wieder aus ihrer Lethargie. Bis zum Abpfiff liegt der Siegtreffer noch dreimal in der Luft: Bobadilla wird jedoch unfair von Geromel gestoppt – für eine gelbe Karte zu spät, für eine Notbremse aber immer noch zu früh. Dann hat der eingewechselte Colautti das 2:1 auf dem Fuß, bräuchte wie Novakovic langsam auch einen Spitznamen, der nicht so euphemistisch ist wie „Cobra“. Zu guter Letzt wählt Bradley nach einem Solo die falsche Option. Anstatt abzuziehen, will er Reus bedienen. Es bleibt jedoch beim guten Willen.

Kurz darauf ist das Spiel aus. Wir machen uns etwas enttäuscht auf den Weg. Denn zu feiern gibt es trotz des ersten Punktegewinns nach 0:7 Toren aus zwei Spielen für uns nichts. Es überwiegt die Wut über ein mageres Unentschieden gegen eine Mannschaft, die deutlich gezeigt hat, warum die Stimmungslage im polarisierenden Köln derzeit nur aus Schwarz und keinem bisschen Weiß besteht. Draußen ist es wieder völlig ruhig. Doch diesmal trügt die Stille nicht. Wir dürfen durch eine kleine Schleuse in einer Barriere aus Dutzenden Polizisten raus in die Freiheit. „Platzsperre“ lese ich auf einem Schild an der berüchtigten Wiese und frage mich, wann diese Reißleine wohl zum ersten Mal gezogen wird. Trotz der Vorkommnisse vor dem Gästeblock ist das Derby vergleichsweise glimpflich verlaufen. Traurig ist es nur, dass man mittlerweile Wörter wie „vergleichsweise“ gebrauchen muss, wenn es um Ausschreitungen geht.

Wir sind fast die Ersten am Auto. Quer durch den Wald von Köln-Junkersdorf geht es Richtung Autobahn. Willich-Xanten-Willich-Köln-Willich: Die „Tour de Rhein“ geht auf die letzte Etappe. „Nächste Woche muss ich mir erstmal wieder einen Aufkleber holen“, sagt Nils und biegt ab auf die A1. Nicht als Derbysieger.

22. März 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , | 5 Kommentare

Kommentare (5)

  1. “Die weißen Gebäude auf der Wiese stehen nicht mehr, sehen ohnehin aus wie Zelte (vielleicht weiß ja jemand mehr).”

    Ich denke, das Google-Bild ist aus der Zeit der WM 2006. Dann dürfte es sich um irgendwelche VIP-Zelte der FIFA oder der WM-Sponsoren handeln. Ganz sicher bin ich mir aber auch nicht, da ich die WM 2006 eher in Biergärten und beim Public Viewing verbracht habe. ;-)

    Gruss aus Köln
    Mattes (kein FC-Fan)

  2. Sehr schöner Bericht – nach der Lektüre denkt man für ein paar Sekunden, man sei selbst dabei gewesen. Bin auch dankbar für die Schilderung der Szene auf der Wiese vor dem Stadion. Die heutige Berichterstattung in der Presse kennt eben kaum noch die Grautöne zwischen Schwarz und Weiß, die Bedrohung ohne Opfer, die Randale ohne Esakalation. Solange niemand ernsthaft zu Schaden kommt, liest man überall nur vom “friedlichen Derby”. Dass sich der normale Fan von Pöbeleien, Drohungen und verbaler Gewalt in seinem Stadionbesuch massiv gestört fühlt, hat da leider nur noch selten Platz.

    Das Spiel hat übrigens das gehalten, was beide Mannschaften zuvor durch ihre Leistungen versprochen hatten: Not gegen Elend oder “Wie mache ich den Fans in Freiburg, Hannover und Berlin wieder Hoffnung auf den Klassenerhalt?!”

  3. @mattes: Danke für die Info! Sowas Ähnliches hatte ich schon vermutet, mich aber gleichzeitig gewundert, dass Google mit seinen Satellitenbilder echt so weit hinterherhinkt?!

    @Hennes: Danke!
    Für mich sah das in der Nachberichterstattung fast schon nach einer gezielten Kampagne aus. Als wolle man (Polizei, DFL, der FC z. B.) jeden noch so kleinen Zwischenfall totschweigen und alles Größere gnadenlos kleinreden, gerade nach Berlin vor gut einer Woche. Ich hab’ im Nachhinein schon an meinem Verstand gezweifelt, ob ich das alles nur geträumt hatte.

  4. Pingback: eingeNETzt 23/03/2010 | Spielfeldrand - Das Magazin

  5. Super Bericht, ironisch fundiert und informativ geschrieben. Verschafft einen guten Einblick ins Spielgeschehen als Fan. Manchmal bin ich offengesagt froh nicht dabei zu sen.

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