Bayer vs. Schalke – Tagebuch des Titelkampfs oder:
Zweiter kann nur einer werden (Teil VI)

Schalke-Leverkusen24. März 2010 – 45 Tage
bis zum letzten Spieltag

In der Woche vor dem direkten Aufeinandertreffen unserer beiden Tagebüchlerinnen geht es vergleichsweise harmlos zu. Kerstin rettet sich nach der 0:3-Pleite in Dortmund in Zwangsoptimismus. Lisa hat gar keinen Grund dazu: Schließlich holte Königsblau den einzigen Zähler des Spitzentrios. Einer der wenigen Reibungspunkte (mal wieder): Die Neuer-Adler-Fehde.

Von Kerstin B.

Unerwartetes kann oft so schön sein. Dafür muss man nur aus dem Fenster einen Blick auf die Straße werfen. Da kommt Klein-Ole freudestrahlend mit roten Wangen, einer gemischten Tüte in der einen Hand und dem Matheheft mit der unerwarteten Zwei in der anderen Hand nach Hause gelaufen. Die platinblonde Rita von gegenüber streicht, während sie telefoniert, immer wieder über ihren kugelrunden Bauch und freut sich auf den unerwarteten Nachwuchs. Onkel Jan winkt Ole und Rita aus seinem hagelneuen Cabrio zu, das er heute dank der unerwarteten Sonnenstrahlen das erste Mal ausführen kann.

Doch so manch Unerwartetes muss einfach nicht sein. Und nein, ich spreche nicht von irgendwelchen schlechten Zensuren, Regenwetter oder ähnlich unschönen Dingen. Ich spreche von absolut unerwarteten, grottigen 45 Minuten am Samstagabend in Dortmund.

Die erste Halbzeit hatte mich noch vollkommen berauscht und mal wieder in Meisterschaftsträume versetzt. Dortmund wurde im eigenen Stadion absolut an die Wand gespielt. Nach 20 Minuten waren meine Lippen schon für den Torschrei geformt. Doch anscheinend hatte Herr Weidenfeller im gedeckten Lila etwas gegen Derdiyoks Toreslust. Auch nach dem Pfostentreffer durch den Schweizer kurz vor der Halbzeitpause beschlich mich immer noch kein schlechtes Gefühl. Verdammt – Ärger über die nicht genutzten Riesenchancen wäre angebracht gewesen und keine Überlegunge, wie Klein-Kerstin am letzten Spieltag am besten die rot-schwarze Fahne am Haus befestigen könnte…

Wenigstens entledigte mich die zweite Halbzeit fürs erste der Frage nach einem geeigneten Platz fürs Fähnchen. Da spielte dann Wahnsinnstechniker Renato Augusto mal eben einen haarsträubenden Fehlpass, der dann obendrein auch noch das zweite Tor durch Barrios einleitete. Da war nach Kießlings verletzungsbedingter Auswechselung im Sturm nicht mal mehr ein laues Windchen vorhanden. An dieser Stelle bitte keine Beschwerden – bei so furchtbar ärgerlichen Niederlagen muss man sich einfach in der abgegriffensten Schublade der Fußballfloskeln bedienen.

In derselben Schublade habe ich aber auch noch Zuversicht gefunden. So was wie „Im Fußball ist alles möglich“ oder „Noch ist nichts entschieden“ mag vielleicht furchtbar nichtssagend sein, hilft mir aber in diesen Tagen wunderbar durch den Alltag.

So Lisa, was soll ich jetzt zu Dir sagen? Eine plumpe Erinnerung an das Ergebnis der Hamburger in Leverkusen wäre sicher nach dem Dortmunder Debakel nicht angebracht. Zumal das Schalker Spiel da im hohen Norden ja wirklich nicht schlecht aussah. Dir aber jetzt versöhnlich die Hand zu reichen, damit wir über das Auslassen einmaliger Chancen sinnieren, finde ich auch doof. Damit würden wir uns ja fast schon den schwächelnden Süddeutschen geschlagen geben. Und das ist ja wohl weder in Deinem noch in meinem Sinne.

Nunja, ich bin dann einfach mal gespannt was in dieser Woche vor dem Spiel an Sprüchen aus Deinem Mund kommt. Das von dir in den letzten Wochen favorisierte Verweisen auf vermeintliche Schwächen des tollkühnen Adlers und Lobpreisen eures Neuers hat sich nach dem letzten Spieltag ja erledigt. Oder was meinst Du?

Von Lisa S.

Manchmal ist dieses digitale Zeitalter mit den unendlichen Informationsmöglichkeiten doch gar nicht so eine tolle Sache. Denn manchmal möchte man gar nicht wissen, was dieser oder jener wieder zu irgendeinem wichtigen Thema zu sagen hatte. Manchmal möchte man einfach nur schreien, weil so eine „Nachricht“ mal wieder so überflüssig ist wie David Alaba in der Viererkette.

Für mich war Donnerstag in dieser Hinsicht ein schlechter Tag. Erst muss ich im RTL-Videotext ein Zitat von DFB-Torwarttrainer Andi Köpke lesen, der René Adler zu seiner Fähigkeit zur Selbstkritik gratulierte. Ja hallo! Wenn der sich nach seinen zahlreichen Patzern auch noch hingestellt und gesagt hätte, dass das ganze doch eigentlich gar nicht auf seine Kappe geht, wäre er von der Presse doch in der Luft zerrissen worden. Meine Güte! Und dann sehe ich im Internet den Teaser für ein Hitzfeld-Interview mit dem wunderbaren Titel „Bayern & Schalke, tauscht doch die Torhüter!“. Ganz ehrlich, zwingt mich nicht dazu auch noch was zu sagen…

Am Samstagabend, als meine Fußballwelt eigentlich so heile war wie schon lange nicht mehr, brachte mich dann eine Kurznachricht erneut auf die Palme. Denn nach dem blamablen 0:3 ihrer Werkself in Dortmund schrieb Kerstin B. folgendes: „Bin jetzt morgen für Euch! Damit die Dortmunder doof gucken, weil sie Schalke an die Spitze geschossen haben!“

So, ganz langsam jetzt und einmal deutlich für’s Protokoll: Selbst wenn Leverkusen gegen den BVB gewonnen hätte, hätte das nichts (!) an der Tatsache geändert, dass Schalke sich aus eigener Kraft an die Tabellenspitze hätte schießen können. Also nix hier mit Dortmund schießt uns an die Spitze! Solche Spinnereien will ich gar nicht hören.

Ihr merkt schon an den vielen Konjunktiven gerade, dass das mit der Tabellenspitze leider wieder einmal in der hypothetischen Phase hängen geblieben ist. Obwohl, wenn man die Blitztabelle während des Spiels im Auge behielt, konnte man beobachten, dass der S04 immerhin für neun Minuten ganz oben stand. Das ist jetzt auch nicht die Welt, aber schließlich schon mal bedeutend länger als vier Minuten. [Anm. d. Red.: Jo, fünf Minuten länger, oder auch mehr als doppelt so viel]

Nein nein, das ist kein Galgenhumor von mir. Denn auch ich war auf dem Dachboden und habe den guten alten Optimismus aus der alten, knarrenden Holzkiste geholt. Und der lässt mich im Moment überall Meisterschalen (und ab und an auch mal einen DFB-Pokal) sehen, gibt mir die Ruhe, mich nicht von stichelnden Bayern-Fans provozieren zu lassen und die Kraft, alle 6749 verschiedenen Konstellationen, wie die Königsblauen in den verbleibenden 47 Tagen genug Punkte für den Titel holen könnten, in Gedanken durchzuspielen.

Und genau dieser Ruhe und Kraft wird es zu verdanken sein, dass ich am kommenden Samstag mit federnden Schritten die BayArena betrete, ohne die geringste Sorge, dass nicht das von mir gewünschte Ergebnis herausspringt. Ich werde eine grandiose Leistung meiner Knappen sehen, außerdem Adlers Patzer Nummer 13 und 14 in diesem Jahr und Kerstin hinterher zum Trost eine große Packung Taschentücher schenken.
Da glaubt ihr nicht dran? Also, ich bin da ziemlich optimistisch.

Glückauf!

24. März 2010 von Jannik Sorgatz
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