Bayer vs. Schalke – Tagebuch des Titelkampfs oder:
Zweiter kann nur einer werden (Teil VII)

31. März 2010 – 38 Tage
bis zum letzten Spieltag

Lisa erlebt das Glücksgefühl, das Anhänger eines Vereins genießen dürfen, der von Felix Magath trainiert wird. Kerstin schweigt dagegen wie ein Fan, dessen Klub einmal von Bruno Labbadia trainiert wurde und derzeit so spielt, als sei dies immer noch der Fall.

Von Lisa S.

Wie der durchschnittliche Fußball-Fan habe auch ich schon ein paar Stadien von innen gesehen. Schalke, Hannover, Hamburg, Bremen, Berlin – alle relativ groß, teils sehr modern, eines davon einfach wunderschön. Nun also hatte ich dieses Wochenende das Vergnügen das erste Mal die BayArena in Leverkusen zu sehen. Das erste Wort, das mir dabei spontan einfiel, war “heimelig”. Dazu passte auch, dass wir schon bald eine SMS mit der wunderbaren Nachricht erhielten, wir wären auf Sky zu sehen gewesen – bei den vielleicht 200 Fans in der Fankurve wohl auch kein Wunder.

Schon der Einmarsch der beiden Mannschaften gab mir ein gutes Gefühl für das Spiel. Denn den Titel, den sich die Heimelf zu diesem Zweck ausgesucht hatte, war „Bitter Sweet Symphony“. Schön. Nicht ganz so schön allerdings wie mein Lieblingslied des Abends. Das geht ungefähr so: „Spitzenreiter, Spitzenreiter, hey, hey!“ Aber dazu später mehr.

Man kennt ja die Diskussion über Bayer: Sie hätten keine Tradition, eh keine echten Fans und wie das mit den Titeln ist, sei ja weitgehend bekannt. Um also darauf hinzuweisen, was für die Leverkusener wirklich wichtig ist, haben sich die Verantwortlichen etwas Besonderes ausgedacht. Über die Anzeigetafel flimmerte in Abständen von zwei bis drei Minuten der Satz „Wir sind stolz auf unsere Stadt, unseren Verein und unsere Werkself.“. Nur falls es mal jemand vergessen sollte.

Wie harmonisch Fans und Mannschaft zueinanderstehen, zeigte Manuel Friedrich, der schon nach gut einer Stunde den unwiderstehlichen Drang verspürte, der Fankurve zu applaudieren. Ob für das gellende Pfeifkonzert zur Pause oder die wiederholten Rufe „Wenn du keinen Bock mehr hast, dann verpiss dich doch!“, kann ich nicht beurteilen.

Die wahre Attraktion und das wirklich Wichtige an diesem Samstagabend war dann natürlich das Spiel. Wir hatten das Glück, auf der Seite des Stadions zu stehen, auf der der peruanische Wunderstürmer Jefferson Farfán Leverkusens Linksverteidiger Gonzalo Castro in der ersten Halbzeit circa 27-mal vernaschte. Kerstin und ich hatten beide Tränen in den Augen. Eine vor Wut, die andere vor Freude. Ihr dürft raten.

Aber nicht nur Farfán glänzte, auch Kevin Kuranyi mit seinen beiden Toren, Manuel Neuer mit einer tadellosen Leistung, Joel Matip mit einer unglaublichen Übersicht. Aber vor allem anderen beeindruckte der Schalker Kreisel 2.0 mit Farfán, Peer Kluge und Benedikt Höwedes. Eigentlich müsste ich hier alle vierzehn eingesetzten Spieler erwähnen, denn die Königsblauen waren Bayer einfach in allen Belangen überlegen.

Das ist jetzt alles Tabellenführereuphorie, werdet ihr denken. Wann hat Schalke denn zuletzt so überzeugt? Aber wenn ihr mir nicht glauben wollt, dann fragt doch unseren ausgewiesenen und einigermaßen objektiven Experten, Herrn Sorgatz. Der sagte nämlich: „Glückwunsch, ganz ehrlich! Ab heute darf Schalke Meister werden. Wer Bayer so fertig macht und so einen geilen Trainer hat…“ Da seht ihr! Was er zur Werkself zu sagen hatte, darf Kerstin Euch erzählen.

Wenn man so eine perfekte Leistung seiner Helden sieht, die auch noch mit dem Platz an der Sonne belohnt wird, und das dann nicht gebührend feiern darf, ist das schon hart. Auch wenn die Leverkusener Fans nicht unbedingt als gewalttätig gelten, wollte ich trotzdem nicht riskieren, in deren Fankurve enttarnt zu werden. Also fraß ich meine Freude sozusagen in mich rein, ließ sie dann aber außerhalb des Stadions sofort in Form von wildem Rumgehüpfe, Gesinge (“Spitzenreiter, Spitzenreiter, hey, hey!”) und dem breitesten Grinsen seit Julia Roberts raus. Leidtragende war natürlich wieder Kerstin.

Doch weder ihre Versuche, mich zu ärgern, noch irgendwelche Leverkusener Fangesänge konnten mir an diesem Abend noch die Laune verderben. Nicht das sie es nicht versucht hätten. Natürlich war wieder das obligatorische „4-Minuten-Meister“-Gerede zu hören. Aber liebe Leverkusener, denkt mal dran: 4 Minuten Meister ist immer noch länger als ihr jemals ward und in nächster Zeit sein werdet.

Glückauf!

Kerstin B.’s einziger Kommentar ist bislang kein Kommentar. Bayer Leverkusen wird deshalb mit einem Punktabzug von drei Zählern belegt. Noch werden interessierte Bremen- und Dortmund-Anhänger gesucht, die bald eine Champions-League-Platz-Gerangel-Wechselkolumne mit ihr starten, falls das mit Bayer so Labbadia’esk weitergeht.

31. März 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Innenrist | Schlagwörter: , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. bei solch einem Spiel im falschen Fanblock zu stehen, das muss schon seltsam sein. Is aber nicht nur ein Sieg, sondern auch ein feiner Text bei raus gekommen. Dafür Dank!
    matthias

  2. Ach Lisalein, du hast ganz verschwiegen, dass wir Herrn Calmund noch in der Eisdiele getroffen haben… nunja, nach diesem Spieltag werde ich dann auch wieder was zu schreiben haben und es wird nichts mit Aufgabe, Verzweiflung oder ähnlichem zu tun haben!

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