Zwischen Zoo und Schwebebahn

Wuppertal gegen Burghausen – Impressionen aus Liga Drei.

„Nix anbrennen lassen“ wollten sie beim Wuppertaler SV im Nachholspiel gegen Wacker Burghausen und hatten zur leibhaftigen Umsetzung des Mottos kurzerhand ein paar Dutzend Feuerwehrleute ins Stadion beordert. Was die wirkliche Brandbekämpfung angeht, ging der Plan bereits nach wenigen Minuten auf – und mit ihm die Schleusen des Himmels. Wie aus Eimern prasselte erst der Regen auf den Rasen. Kurz darauf verwandelte sich der Niederschlag in liebesperlengroße Hagelkörner. Zum ersten Mal während dieser wenig erheiternden 90 Minuten zwischen Zoo und Schwebebahn wandte sich das Publikum vom Spielfeld ab – in diesem Fall jedoch weniger, um gegen die sportliche Leistung des WSV zu protestieren.

Für all diejenigen, die gerne ein Dach über der renovierten Nordkurve sehen würden und dafür Flyer vor dem Stadion verteilten, waren Regel und Hagel, im wahrsten Sinne, Wasser auf ihren Mühlen. Und auch aus sportlicher Sicht umschrieben die Wetterkapriolen bestens die derzeitige Lage des einstigen Bundesligisten. „Wasser bis zum Hals“, „untergehen“ – die Assoziationen hatten freien Lauf.

Nach vierjähriger Viertklassigkeit um die Jahrtausendwende droht Wuppertal in dieser Saison erneut der Abstieg: Platz 19 mit der schlechtesten Heimbilanz aller Drittligisten steht zu Buche. Das furiose 5:3 gegen die kleine Ausgabe des FC Bayern München vor einer Woche ließ neue Hoffnung keimen. Nach einer 2:0-Pausenführung des WSV hatten die Bayern das Spiel zum zwischenzeitlichen 2:3 gedreht, ehe ein Dreifachschlag innerhalb der letzten sieben Minuten für den Endstand sorgte. Auch ich fuhr am Mittwoch wieder hoffnungsvoll nach Wuppertal. Weniger, weil ich die Gastgeber nach dem mitreißenden Spiel gegen Bayern II so sehr in mein Herz geschlossen hatte – ich ging einfach davon aus, dass Liga Drei immer schönes Wetter, immer um die acht Tore und immer kuriose Wendungen bereithält. Spätestens, als mir die Hagelkörner ins Gesicht prasselten wie Erbsen, war klar: Es muss ein hartes Los sein, das Herz an einen Drittligaverein verloren zu haben. Viele der knapp 3000 Zuschauer, davon in etwa zwei VW-Busse voll aus Burghausen, werden Schmerz und Leid dieses Fandaseins wohl schon gar nicht mehr spüren. Man härtet eben ab.

Der Regen hatte sich kaum etwas gelegt, da stellten WSV-Verteidiger Schäfer und sein Torwart Maly das Desaster kurzerhand pantomimisch da. Von Abstimmung und Einigkeit war in etwa so viel zu sehen wie beim Publikumsjoker, wenn die Antworten A, B, C und D je 25 Prozent erhalten. Der Ball setzte kurz vor dem Wuppertaler Keeper auf, ehe ihn Burghausens Kurz über Maly hinweg ins Tor köpfte. Viel besser stellte sich das Team von Trainer Uwe Fuchs auch nach einer guten halben Stunde nicht an. Nach einem Pressschlag im Mittelfeld bekam Cappek den Ball genau in den Lauf. In der Mitte hatte Kurz keine Probleme, mit seinem zweiten Treffer das 2:0 für die Gäste zu markieren.

Nun hat eine Stimmungslage in Wuppertal scheinbar eine eklatant kurze Halbwertszeit. Schon vor einer Woche beim 5:3 gegen Bayern bewegten sich die Gefühle in einem breiten Spektrum zwischen Zweitligaträumen und wüsten Beschimpfungen. Während die heile Welt damals am Ende die Oberhand behielt, roch es gegen Burghausen schon früh nach dem Untergang des Abendlandes. Im Stadion am Zoo wird jedoch nicht mehr und nicht lauter geflucht als in jedem anderen zwischen Flensburg und Berchtesgaden. Inmitten weniger Hundert Kurvensteher erreichen „Blödmann“-, „Arschloch“- und „Wichser“-Rufe lediglich unzensierter das Ohr.

Für die Ultras des Wuppertaler SV war der Arbeitstag in ihrem kleinen Gehege auf der Haupttribüne bereits nach 75 Minuten beendet. Ihre Mannschaft hatte zwar kein Tor mehr kassiert, ansonsten jedoch auch wenig auf die Beine gestellt. Da hieß es schon weit vor Spielende: Fahnen einpacken, Banner abhängen und still sein. Man könnte höchstens vermuten, dass die Ultras mit einem geschätzten Altersschnitt in den mittleren Teenager-Jahren unter der Woche um 21 Uhr zuhause sein müssen. Da die Schwebebahn noch immer nicht wieder unterwegs ist, dauert der Nachhauseweg momentan eben etwas länger. Man will Mutti und Vati ja nicht verärgern. Nicht so kurz vor der mittleren Reife und erst Recht nicht, bevor die Zahnbehandlung beim Kieferorthopäden abgeschlossen ist.

Nachdem sie beim furiosen 5:3 dasselbe praktiziert und nach dem letzten Treffer dennoch frenetisch feiernd auf dem Zaun gestanden hatten, hielt sich der Jubel der Ultras und aller anderen diesmal in Grenzen, als Joker Dressler in der 87. den Anschlusstreffer erzielte. Ein Freistoß von Weikl blieb kurz vor dem Abpfiff in der Mauer hängen. Es blieb bei einem Ausflug, der allein aus fußballromantischer Sicht einen sittlichen Nährwert hatte. Flutlichtmasten, Bierpavillons und echte Pissrinnen findet man eben nicht mehr an jeder Fußball-Ecke. Da leidet man doch ab und zu gerne mit Vereinen, die einem ansonsten so viel bedeuten wie Leberflecken – sie sind da, sehen manchmal ganz nett aus, doch man braucht sie nicht um alles in der Welt.

(Übrigens hat der WSV sich am Freitag von Trainer Uwe Fuchs getrennt.)

Mehr mittelmäßige Bilder gibt es bei Facebook.

01. April 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Innenrist | Schlagwörter: , , , , , , | 5 Kommentare

Kommentare (5)

  1. Wieso tust du die das an? Das mache ich als Wuppertaler nicht einmal.

  2. Kerstin, die hier den Leverkusen-Teil der Titelkampf-Kolumne beisteuert, kommt aus Wuppertal. Und außerdem fahren Leute ja auch nach Afrika, weil sie meinen, sie würden dann zu schätzen lernen, wie gut es ihnen zuhause geht.;)

  3. sehr schön geschrieben, ich glaub’, ich komm öfter mal vorbei.

    Dass man sich “sowas antut”, das kann ich gut verstehen. Ist doch tausendmal besser als irgendwas inne GuckKiste anzuschauen, selbst wenn da hochklassigster Fussball läuft. Hier im Stadion, einem mit Geschichte noch dazu, ist wenigstens echtes Leben – und dazu gehört auch das “sich totstellen” Enttäuschter…

  4. man sollte noch hinzufügen, dass Herr Sorgatz für das Spektakel dank einer geliehenen Dauerkarte (ja auch das gibt es in Wuppertal) vollkommen umsonst ins Stadion gekommen ist ;)

  5. Wobei das Wörtchen “umsonst” ja herrlich doppeldeutig ist. ;)

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