Die Egalheit der Egalheit

Manchester oder Bayern: Entscheiden fällt schwer.

Man könnte einen Fußballfan an den Rand eines Spielfeldes an jedem Ort dieser Welt stellen. Man könnte zwei Mannschaften spielen lassen, die er gar nicht kennt. Mannschaften, die vielleicht gar keine Mannschaften sind. Unter Umständen ließe man sie sogar ohne Trikots spielen. Farben können ablenken. Trotz mangelnder Anhaltspunkte für Sympathien und Antipathien würde es nicht lange dauern, bis der Fußballfan sich sicher wäre: Das Team in den, äh ja, hautfarbenen Trikots sollte die Nase vorn behalten. Das Team, das gerade von links nach rechts spielt. Er wüsste nicht, warum. Aber er wüsste es.

Nun sind Spiele in modernen Fußball-Tempeln wie der Allianz-Arena oder Old Trafford, von der Größe eines vorstädtischen Wohngebietes, damit kaum zu vergleichen. Doch wenn Bayern München und Manchester United aufeinandertreffen, dann kann wohl nur der dieses Duell gelassen und ohne Vorlieben verfolgen, der es gar nicht verfolgt. Letzten Dienstag war ich hin und her gerissen zwischen den Roten und den Weißen, die ansonsten ja auch Rote sind – da fängt die Verwirrung ja schon an. Ich war so hin und her gerissen, dass ich mir eigentlich schon wieder sicher war, die Bayern dürften das Viertelfinal-Hinspiel der Champions League auf keinen Fall gewinnen. Die Verwirrung war so groß, dass ich mir in Wirklichkeit nämlich gar nicht mehr so sicher war. Wer den Sinn jetzt nicht versteht, hat ihn kapiert.

Der Anpfiff in München kam. Ich saß noch in der U-Bahn zu einem Kumpel, als mein Handy klingelte. Manchester führte bereits nach 64 Sekunden mit 1:0, Rooney hatte getroffen und ich glaubte es dem Informanten, weil der Ausrutscher von Demichelis zu glaubwürdig klang, um ausgedacht zu sein. Ich saß noch nicht vor dem Fernseher, doch schon machte sich Zufriedenheit breit. Denn vor den wirklich bedeutenden Spielen im Fußball-Kosmos beginnt man nicht erst nach 18 Minuten Spieldauer, sich über Sympathiepunkte Gedanken zu machen. Das Brainstorming beginnt früher. Doch eigentlich brauchte ich vor Bayern-Manchester gar kein Brainstorming. Eigentlich.

Man United hätte das Spiel bereits in Hälfte eins entscheiden können. „Wenn nicht sogar müssen“, würde ein gewiefter Kommentator jetzt entgegnen. Ich witterte bereits ein Barcelona reloaded für den deutschen Rekordmeister (das von 2009, nicht 1999). Doch es blieb aus. In Hälfte zwei musste ich mehrmals einem anderen Kumpel in die Parade fahren, weil der partout nicht damit aufhörte, immer wieder „Boah, ist Ribéry stark!“ in den Raum zu werfen. Als der nach 76 Minuten auch noch Rooney in der Freistoß-Mauer anschoss und der Ball sich irgendwie ins Tor duselte, schwoll mein Hals langsam aber sicher an. Warum sollte ich mich über 0,166 Punkte für die Fünfjahreswertung freuen, wenn mein Verein am Europacup seit Jahren so nah dran ist wie ein Zuschauer in der letzten Reihe in Camp Nou am Spielgeschehen?

Dann hatte sich das Spiel mit sich selbst eigentlich schon auf das undankbarste, weil so furchtbar diplomatische Ergebnis geeinigt, ein Unentschieden, als der „Geist von Solskjaer“ plötzlich Ivica Olic heimsuchte. Auf einmal sah ich eine Kurve wild durch die Luft hüpfen, die sich ansonsten so träge bewegt wie Algen in der sanften Strömung am Meeresboden. Egal, wer in Szenen wie dieser durch die Luft hüpft, egal welche Farbe die Trikots und Schals haben – man kann als Fußball-Fan nicht anders, man ist mitgerissen, beeindruckt, irgendwie bewegt. Noch viel mehr als die Algen am Meeresboden. Innerlich zerreißt es einen, weil man nach draußen lauthals flucht, der Körper jedoch unfreiwillig Glückshormone ausschüttet. Gefühlskombinationen dieser Art hält wohl kaum ein anderer Lebensbereich bereit.

Nun läuft das Brainstorming für heute Abend bereits auf Hochtouren. Das 2:1 der Bayern auf Schalke hat gezeigt, dass große Champions-League-Erfolge den Rekordmeister doch nicht so sehr lähmen und ablenken, wie angenommen. Demnach ergibt es wenig Sinn, ihnen für heute Abend Schlechtes zu wünschen, auf dass es in Leverkusen am kommenden Samstag ähnlich aussehe. In der Fünfjahreswertung könnte ein Weiterkommen des FC Bayern mehr als nur wegweisend sein, da die Runden angebrochen sind, in denen Konkurrent Italien nur noch Inter Mailand dagegen zu setzen hat. Unterm Strich spricht also mehr dafür, den Bayern ernsthaft die Daumen zu drücken. Zumal ich Manchester United von all den englischen Mannschaften, die man potentiell lieben könnte, am allerwenigsten mag. Und es außerdem so gut getan hat, erstmals seit dem 9. April 2002, erstmals seit Bayer Leverkusens 4:2 gegen den FC Liverpool wieder eine deutsche Mannschaft im Viertelfinale der Champions League siegen zu sehen. Fußballerisches Selbstvertrauen ist eben nicht vereinsgebunden.

Es ist merkwürdig, dass ich jede Jahr aufs Neue alle Pros und Contras einer erfolgreichen Europacup-Spielzeit des FC Bayern auf die Waagschale lege, ohne mich ein für allemal, definitiv und mit finaler Sicherheit entscheiden zu können. So wird es wohl auf ewig bleiben und irgendwie gibt es ja auch etwas her. Fest steht, dass ich mit jedem Ergebnis heute Abend auf irgendeine Weise leben kann. Was noch lange nicht heißt, dass es mir egal wäre. Wir, die sich das Woche für Woche und manchmal Tag für Tag antun, haben es einfach nicht leicht.

07. April 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Einwurf | Schlagwörter: , , , , | 4 Kommentare

Kommentare (4)

  1. Nach gestern fällt die Entscheidung doch erst recht leicht: die Bayern können sich noch so sehr ins Zeug legen, es kommt einfach bei mir keine Begeisterung auf, es wirkt halt immer arrogant.
    Jetzt hoffe ich, dass sie ins Finale kommen und Barca sie auseinander nimmt.
    Aber vielleicht macht das ja auch schon der Angstgegner Lyon!

  2. ich hoffe mal, dass die bayern und der hsv den 4. champions-league-platz holen.

    glaub, dass nächstes jahr unsere borussia (mönchengladbach) vierter wird und wir 2011 champions-league-fußball im borussia-park erleben werden.

  3. haju, ich hoffe das ist reine Siegestrunkenheit;) Wollen wir nicht erstmal mit der Europa League anfangen?

  4. ne, nächste saison könnte ein positiver ausrutscher sein – deswegen muss man gleich die königsklasse anpeilen.

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