Im Zweiten wird’s wohl besser – 29. Akt: Bescheiden in Schwaben

Stuttgart 2:1 Gladbach – ein vergessener Jubiläumssieg, eine abgelehnte Reise, eine überraschende Führung und ein absehbares Ende.

Das Wörtchen Leidenschaft ist so überstrapaziert und undefiniert zugleich, dass Fußballfans sich nicht umsonst sicher sind, das „f“ müsse in doppelter Ausführung dort stehen. Und nicht erst Nick Hornby wusste, dass man eigentlich nur ins Stadion geht, um zu sich furchtbar aufzuregen und mit Schimpfwörtern um sich zu werfen, die man vorher selbst noch nicht kannte – sprich, um zu leiden. Gefühlt enden zwei Drittel aller Spiele nämlich mit einer Niederlage. Zumindest für Anhänger einer Mannschaft, die – wie eine Freundin es letztens nannte – „immer nur zweite Seite“ ist.

Vor ein paar Jahren kam ich auf die Idee, alle Spiele der Borussia zu notieren, die ich in meinem Leben live vor Ort gesehen habe. Tatsächlich ist mir bei der Zeitreise kein einziges entgangen, was nicht nur an einem guten Gedächtnis, sondern auch daran liegt, dass ich zu Hochzeiten meiner äußerst tristen Handballkarriere noch nicht allzu oft auf den Bökelberg pilgern konnte – im Vergleich zu jenen, die auf ihrem Briefkopf früher nicht die eigene, sondern die Postleitzahl von Mönchengladbach-Eicken angegeben haben. Mit jedem Stadionbesuch verbindet man etwas. Als sie seltener waren, blieben die Leute hängen, mit denen man sich die Spiele ansah. Heute sind es Tore, Torschützen, kuriose Auswärtsfahrten oder korpulente Frauen, die auf der Fahrt im Shuttlebus jeden Satz mit einem ohrenbetäubenden „Hömma!“ einleiten.

Gut 100 Spiele für das ganze Gefühlsspektrum

Zum 117. Mal habe ich gegen den HSV ein Pflichtspiel der Borussia besucht. Die Tatsache, dass der VfL dabei erst zum 50. Mal gewann, stimmt mich weniger nachdenklich, als dass ich mir im Gegenteil denke: „Mensch, doch so oft“. Darunter waren 34 Niederlagen, nicht einmal ein Drittel ging also verloren. Gefühlte Niederlagen in Form eines Unentschiedens bleiben hier ausnahmsweise mal außen vor. Das höchste der Gefühle war ein 7:1 in Offenbach, den größten Untergang gab es beim 0:5 in Düsseldorf gegen Leverkusen zu bewundern. Für alle, die sich jetzt erst dazu entschließen, ihre Samstagnachmittagsplanung in Zukunft radikal zu verändern, bedeutet das also, dass gut rund 100 Spiele genügen, um das ganze Gefühlsspektrum abzudecken. Vorher jedoch die Frau, die Kinder und den Hausarzt konsultieren. Bitte nicht vergessen.

Nummer 118 musste am vergangenen Samstag jedoch auf sich warten lassen. Nach zuletzt sieben Stadionbesuchen in Folge – Allesfahrer können jetzt herzhaft lachen und nach einem Erholungsspaziergang im Park wieder einsteigen – musste ich mich mit einem komfortablen, aber dennoch nicht annähernd so schönen Platz begnügen: der Wohnzimmercouch. Borussia-Park-Nachbar Christoph hatte mir zwar noch zwei Karten angeboten, die ich aber – was mich zunächst selbst überraschte – dankend ablehnte (das Spiel gegen den HSV war wohlgemerkt noch nicht angepfiffen worden).

Nach dem Dreier gegen Hamburg hatte ich ja einen kleinen Wunschzettel bis zum Saisonende formuliert: 40 Punkte einfahren (sechs aus fünf Spielen) und den Klassenerhalt auf Schalke besiegeln. Das Auswärtsspiel in Stuttgart sollte bei der Planung höchstens die Rolle eines Bonus-Lieferanten einnehmen. Alles andere als eine Pleite beim Ersten der Rückrundentabelle, bei dem die Borussia seit 1994 nicht mehr gewonnen hatte, sollte Zugabe sein.

Marx erhört den Rat

Die ersten Minuten, Michael Frontzeck hatte Levels wieder für Jantschke und Bradley für Meeuwis gebracht, machten den Eindruck, als sei die bescheidene Erwartungshaltung völlig gerechtfertigt. Der VfB begann so stürmisch, als wolle er während der ersten Hälfte nebenbei die neue Untertürkheimer Kurve fertig stellen. Doch außer ein paar Halbchancen und einem Freistoß, den Logan Bailly gekonnt am langen Pfosten vorbeiguckte, hielt sich das Gefahrenpotential in Grenzen, so dass die Borussia in der 33. Minute beinahe aus dem Nichts den Spieß umdrehen konnte.

Rob Friend nahm auf Höhe der Mittellinie den Ball an. „Wann immer der am Ball ist“, begann ich meinen Satz, „würde ich als Mitspieler herbeieilen, um ihn schnellstmöglich davon zu befreien“. Doch das Ende blieb in einem wunderbar getimten Pass von Thorben Marx hängen, der meinen Rat scheinbar beherzigt hatte. Marco Reus machte sich auf und davon, ließ erkennen, dass Jogi Löw sich vielleicht nicht nur Tasci und Träsch auf dem Platz sowie Khedira und Cacau auf der Tribüne anschauen wollte. Trocken wie ein Flussbett in der Savanne setzte er den Ball ins linke Eck, so dass Jens Lehmann nicht nur aufgrund der Zeit, die er nun schon auf dieser Erde weilt, alt aussah.

Nun kann der VfL – für seine Verhältnisse – in dieser Saison auf enorme Erfahrung im Umgang mit Führungen in der Fremde bauen. Das 0:1 zur Pause in Stuttgart bedeutete Nummer sieben. Von den ersten sechs brachte man zwei ins Ziel, spielte dreimal Remis und gab in Leverkusen noch alles aus der Hand. Das 3:3 gegen Bochum gehört in die Kategorie Sonderfälle, in Hoffenheim und Köln stellte sich die Borussia zu sehr hinten rein, während sie in Leverkusen etwas zu munter weiterstürmte. Kurz nach der Pause blieb jedoch erst einmal keine Zeit, um zwischen Mauern und Angreifen abzuwägen. Schon nach wenigen Sekunden setzte Träsch beinahe ein mächtiges Ausrufezeichen in den Winkel. Gebhart und Delpierre machten im Anschluss sogar berechtigte Hoffnung, nichts und niemand könne dem Tor von Logan Bailly etwas anhaben.

Griff insTor auf dem Klo

Nach kurzer Verschnaufpause blieb Gladbach endlich Zeit, um ein schnelles Brainstorming in Gang zu setzen, damit die Frage „Mauern – oder nicht?“ endlich eine Antwort erhielt. In manchen Fällen ist ein unentschlossenen „jein“ die beste Antwort. Einen ähnlichen Entschluss müssen Marx, Matmour, Reus und Co. gefällt haben. Denn eine Viertelstunde lang wirkte der VfL so abgeklärt, als habe er nicht nur siebenmal auswärts geführt, sondern auch siebenmal eine Führung auf fremdem Platz über die Runden geschaukelt. Plötzlich war ich mir der Sache so sicher, dass ich nach 65 Minuten den Raum verließ, um dafür zu sorgen, dass ich beim Abpfiff einen Tick leichter sein sollte. 47 Sekunden später steckte ich wieder den Kopf aus der Tür, um just in diesem Moment zu bemerken, dass ich erstmals seit Lukas Podolskis 2:0 gegen Schweden 2006 wieder ein Tor auf der Toilette verpasst hatte. Eigentlich verlasse ich ansonsten weder Wohnzimmer noch Kneipenraum noch Stadionblock. Auch wenn es stark nach Zweideutigkeit riecht: Diesmal ging es in die Hose.

Wer im Fußball nicht glaubt, dass Spieler XY eine schwache Leistung gezeigt hat, der greift gerne zum heiligen Gral aller Bewertungsmaßstäbe – den Kicker-Noten (nicht weil so allmächtig sind, sondern weil da dieser Reflex ist). Tobias Levels, von mir vor kurzer Zeit noch gefeiert wie ein kommender Nationalspieler, erhielt für das Stuttgart-Spiel eine glatte 5. Wer die 66. auf der Toilette verbracht hat, wie ich, der wird sich womöglich fragen: „Warum keine 4?“ Doch wir haben ja das dumme Foul von Levels auf der rechten Abwehrseite verpasst. Ein Tor im direkten Anschluss wäre dann wohl einer 4,5 würdig, während ein weiterer, unmittelbarer Patzer schließlich das Prädikat „mangelhaft“ bedeutet. Man kann sich darüber streiten, ob man Fußballer wie Fensterputzmittel oder Englischklausuren benoten sollte. Fest steht jedoch, dass Levels nicht streifenfrei putzte und zudem andauernd das „s“ in der dritten Person Singular vergaß.

In der Folge wanderte „Entlastung“ einmal mehr von der regulären Ausgabe ins Fremdwörterbuch – trotz Bobadillas Einwechslung für Friend. Denn Reus tauchte völlig unter, Matmour stellte seine Bundesligatauglichkeit wieder in Frage und Arango schlurfte so über den Platz, dass sieben von zehn Ärzten Bewusstlosigkeit diagnostizieren würden. Die Innenverteidigung um Dante und Brouwers kann in diesem Fall einen noch so guten Tag erwischen, Bailly kann noch so überzeugend durch die Luft hechten – ab einem gewissen Punkt nützt das alles nichts mehr.

Sieben Minuten vor dem Ende stand Filip Daems seinem Pendant Levels dann in nichts nach. Wann immer bei einem Tor kein Vorlagengeber Erwähnung findet, kann man davon ausgehen, dass es entweder aus einem sagenhaften Solo oder aber einem riesigen Abwehrbock resultierte. Da der VfB nicht unbedingt einen Sahnetag erwischt hatte, musste natürlich Daems richten, was bereits kurz nach dem 1:1 irgendwie abzusehen war. Sein Kopfball landete in der Mitte wie ein Dartpfeil im Bull’s Eye. Kuzmanovic erwischte Bailly einen Hauch auf dem falschen Fuß und traf von der Strafraumgrenze zum 2:1. Nach 83 Minuten war es so gut wie gewiss: Zum sechsten Mal in dieser Saison sollte die Borussia eine Führung nicht ins Ziel bringen, zum dritten Mal gab sie sie ganz aus der Hand.

Sports News - April 03, 2010

Es ist keine Schande, beim VfB Stuttgart knapp zu verlieren, der nun sechs seiner letzten sieben Heimspiele gewonnen hat. Mehr als ärgerlich ist es jedoch, wenn man überraschend in Führung geht, diese mehr als eine halbe Stunde lang hält und sie dann mit einer Vorhersehbarkeit aus der Hand gibt, mit der sonst nur ein Dienstag auf einen Montag folgt. Wie so vieles in dieser Saison ist es verrückt, dass Dante und Brouwers zu den besten Innenverteidigern der Liga gehören, der VfL trotzdem in Sachen Gegentoren nur auf Platz 14 rangiert. Fast noch verrückter ist es, dass es trotz der geballten Harmlosigkeit im Angriff bei den erzielten Treffern immer noch für einen zehnten Rang reicht. Kein Wunder, dass das Abwehrgerüst für die kommende Spielzeit bereits steht, bei den Stürmern jedoch riesiger Handlungsbedarf besteht.

Mittlerweile hat man sich schon so an die verschenkten Punkte gewöhnt, dass man ihnen zwar nachtrauert, nicht jedoch tagelang mit einem Gesicht durch die Gegend rennt wie eine fleischgewordene „Schmach von Córdoba“. Letzten August gab ich den Spielberichten dieser Saison den Titel „Im Zweiten wird’s wohl besser“. Verbunden damit war die vage Hoffnung, dass das zweite Jahr nach dem Wiederaufstieg tatsächlich mehr Punkte und damit mehr Ruhe bringen würde (schließlich steigen nur gut 25 Prozent aller Aufsteiger, die das erste Jahr überlebt haben, im darauffolgenden wieder ab).

Nach nun 29 Spieltagen steht fest, dass der Wunsch längst in Erfüllung gegangen ist. Es bleiben jedoch etliche Baustellen, die es zu beheben gilt – personelle, taktische und in gewisser Weise auch mentale. Mit welchem Fundament und welchen Bauherren es in die neue Spielzeit geht, das werden die letzten fünf Spiele zeigen. Der VfL könnte so ziemlich überall, wo noch Entscheidungen zu fällen sind, das Zünglein an der Waage spielen. Es gibt Endspurte, die weniger versprechen.

06. April 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , | 6 Kommentare

Kommentare (6)

  1. Gleichzeitig diesen Bericht lesen und Messi Gala gegen Arsenal sehen- treibt einem ein wenig Tränen in die Augen.
    So kann Fußball also auch aussehen!

  2. Ich sach mal Danke, dass Ihr die Punkte letztlich doch bei uns gelassen habt. =)

    Lustigerweise, war ich meinerseits ebenfalls komplett siegessicher und habe dauernd an den Sieg geglaubt, trotz zwischenzeitlichen Rückstands. Schön, dass mein Bauchgefühl tatsächlich auch bestätigt würde.

    Achja, wenn ich noch einen Wunsch äussern dürfte, nachdem das gegen den HSV ja schon so gut geklappt hat: Könntet Ihr einfach noch Eure restlichen Heimspiele gewinnen (also vor allem gegen Frankfurt und Leverkusen)? Dann würde ich der Borussia hier, glaube ich, ein kleines Denkmal in meinem Wohnzimmer setzen. =)

  3. Kein Ding, haben wir doch ungern gemacht.;) Obwohl man als Borusse jedes Fünkchen Hoffnung ja schon als Siegessicherheit bezeichnen kann. Wir sind da ganz demütig.

    Habt Ihr Euch echt noch Leverkusen ausgeguckt? Gut, bei denen würde ich derzeit auch für nichts garantieren. Mit Frankfurt können wir Freitag aber gerne schonmal anfangen.

  4. Statistikfehler?
    Zunächst ist die Rede davon, dass die ersten sechs Führungen im Endeffekt zu zwei Siegen, drei Unentschieden und einer Niederlage führten.
    Im weiteren Verlauf heißt es, dass der VfL mit der Niederlage gegen den VfB zum sechsten Mal die Führung nicht mit nach Hause bringt, gar drei mal noch verliert, wonach die Aufschlüsselung ist: ein Sieg, drei Unentschieden, drei Niederlagen nach Führung. (Es geht doch um 1:0-Führungen zur Halbzeit?)
    Bin zu faul, nachzuprüfen, was nun stimmt, aber drauf hinweisen wollte ich doch mal.

    Ansonsten schöner Bericht!

  5. Also, ICH habe mir Leverkusen ausgeguckt. Und obwohl es derzeit satte 9 Punkte Rückstand sind, erscheint es mir doch wesentlich realistischer, The team formerly known as Vizekusen einzuholen, als beispielsweise Dortmund. Erst gegen Bayern dann gegen uns und schon können es sehr schnell nur noch 3 Punkte sein.

    Mit dieser Misserfolgsserie im Rücken wäre es dann sicherlich schwierig selbst gegen eher durchschnittliche Gegner zu bestehen. Und außerdem müssen sie dann am letzten Spieltag ja eben noch zu Euch, wo ich voll auf mindestens einen Punktverlust setze. =)

    Und bei Frankfurt zähl ich natürlich sowieso auf Euch! Die müssen schließlich auch mal wieder eingenordet werden…

    (Gut, wir müssen dann halt noch unseren Angstgegner Hertha besiegen, aber okay…)

    Aber gut, ich rede jetzt zuviel über uns. So oder so, denke ich, dass man Euch auf jeden Fall zu einer sehr gelungenen Saison beglückwünschen kann. Schon beeindruckend, dass ihr bis auf den kleineren Einbruch Mitte der Hinrunde sehr konsequent in Nichtabstiegsgefahr geschwebt seid. Hätte ich vorher, ehrlich gesagt, nicht unbedingt erwartet. Bin gespannt, wo es nächste Saison mit Euch hingeht. Vielleicht könntet ihr ja sogar die Rolle Frankfurts dieser Saison einnehmen…

  6. @Si:
    Gebe zu, da hab’ ich mich selbst etwas schwindelig geschrieben. Beim erstem Mal fehlt ein “in der Fremde”. Wir haben vor Stuttgart 6-mal auswärts geführt (ob nun vor oder nach der Halbzeit, ob 2:1 oder 1:0 ist egal) – daraus resultierten zwei Siege, drei Remis und eine Niederlage. Nach Stuttgart ist die Bilanz nun 2-3-2.

    Weiter unten geht es dann um alle Führungen in dieser Saison. Wir haben 15-mal geführt, 6-mal jedoch nicht gewonnen. Dreimal spielten wir davon unentschieden und dreimal haben wir noch verloren.

    Unterm Strich zeigt die Verwirrung vermutlich eines: Wir haben am Ende zu selten gewonnen, wenn wir in Führung gegangen sind.

    @Hirngabel:
    Die Glückwünsche nehme ich schonmal an. Hoffe, ich werde das nicht später bereuen. Was die Rolle Frankfurts angeht, sehe ich das ähnlich. Nur betrifft mein Hoffnungszeitraum nicht allein die nächste Spielzeit sondern mindestens drei.;)

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