Bayer vs. Schalke – Tagebuch des Titelkampfs oder:
Zweiter kann nur einer werden (Teil VIII)

07. April 2010 – 31 Tage bis zum letzten Spieltag

Kerstin weigert sich nach der vierten Pleite in fünf Spielen, jetzt schon die weiße Fahne zu schwenken. Lisa weigert sich, das 1:2 von Königsblau gegen die Bayern haargenau zu rekapitulieren. Stattdessen widmet sie sich lieber vergangenen Erfolgen ihrer Mannschaft gegen den Rekordmeister. Verdrängungskünstler eben.

Von Kerstin B.

Wieso fallen bei Sky-Konferenzen die Tore eigentlich nie in dem Spiel, das gerade gezeigt wird? Es ist einfach unerträglich, in einer vollgepröfften Kneipe vor einer Leinwand zu sitzen und nur anhand des Schreis des Kommentators zu erahnen welche Mannschaft da gerade ein Tor geschossen hat.

Fünfmal musste ich am letzten Samstagnachmittag dieses Szenario durchleben. Fünfmal schrie der Kommentator „Tor in Frankfurt“ und fünfmal habe ich wild hin und her geguckt und zwischen den Menschenmassen denjenigen gesucht, der mit einem freundlichen, wissenden Nicken mir mitteilt, dass Kießling oder Derdiyok erfolgreich war. Leider gab es diesen herbeigesehnten Zauberer nicht und so musste ich mit meinem breit grinsenden Kumpel im neon-gelben Trikot Vorlieb nehmen. Schon beim ersten Frankfurter Tor (was macht ein Stürmer im eigenen Strafraum?) glänzten die Augen meines Gegenübers. Als dann auch noch sein Team die drei Punkte gegen Bremen über die Runden gebracht hatte und Adler vom Frankfurter Fallrückzieher geschockt wurde, blinkten Barcelona, Manchester und Madrid in Leuchtbuchstaben auf seiner Stirn.

Vielleicht war es auch diese wachsende Antipathie gegen die Jungs um Jürgen Klopp, die mich während der 90 Minuten immer mehr zum Schalker machten. Ja, da hörst Du richtig, Lisa. Ich möchte jetzt natürlich nicht alle bösen Worte der letzten Woche zurücknehmen. Schließlich wollte ich wirklich Eure Niederlage. Mit sechs Punkten aus den Partien gegen Frankfurt und München und Rurer Niederlage wären wir nun mal wieder voll im Geschäft gewesen. Aber als ich mich dann in der Kneipe so umguckte und auf der einen Seite die Bayern-Sympathisanten sah, die die Nase erheblich höher trugen, ein Polohemd anhatten und wahlweise Cola-light oder Johannesbeerschorle tranken, wurde mir klar, dass ich mich nicht mit ihnen freuen konnte. Also ärgerte ich mich lieber mit den Bier trinkenden, Schal schwenkenden Schalkern über den Sieg der Bayern. Vielleicht wollte ich mich auch einfach nicht freuen an diesem Tag.

So ganz will ich jetzt aber auch nicht die weiße Fahne herausholen. Denn gegen Bayern werden wir am Samstag nicht für Dich und Deine Schalker gewinnen, sondern für die allerletzten Meisterschaftsträume, die neben der neu entfachten Angst um den dritten Platz noch irgendwo in den Köpfen herumirren. Diese neue Angst um die Champions-League war wohl auf ihrem Höhepunkt, als mein neon-gelber Kumpel nach dem Spiel seinen Schal aus dem Autofenster hing und albern hupte. Vergebens habe ich versucht gegen das Gehupe anzuschreien und ihm zu erklären, dass meine Hoffnung auf einen der ersten drei Plätze seit dem Untergang am Main auch wieder einen Namen hat: Stefan Kießling. Wenn es dann trotz des imposanten Rückkehrers am nächsten Spieltag nicht klappen sollte, können wir uns ja immer noch auf den Kampf um die Torjägerkanone konzentrieren, oder Lisa? Die zwei großartigen K’s kriegt da oben ja wohl keiner mehr weg [Anm. d. Red.: An Kießling und Kuranyi kommt keiner vorbei - außer Edin Dzeko]. Und wenn Herr Löw das nicht bald einsieht, dann sollten die zwei wohl einen Salto nach jedem Torerfolg einüben.

Von Lisa S.

Lange ließ es sich vermeiden, heute aber ist es soweit: Ich feiere eine traurige Premiere. Seit Einführung unseres kleinen Tagebuchs muss ich nämlich zum ersten Mal von einer Niederlage berichten. Zu allem Überfluss ist es nicht nur eine ärgerliche und vermeidbare Niederlage, es ist vor allem eine gegen die Mannschaft, gegen die Niederlagen doppelt wehtun und doppelt wütend machen.

Ja richtig, ich rede natürlich vom FC Bayern München, vom Stern des Südens, vom deutschen Rekordmeister und -pokalsieger und dem wahrscheinlich unsympathischsten Club der Geschichte. Was eine Niederlage gegen diesen Verein bedeutet, lässt sich vielleicht am Besten erklären, wenn man einige Gegenbeispiele hört, wenn man also weiß, was für die Fans ein Erfolg gegen die selbsternannte beste deutsche Mannschaft bedeutet. Hier kommen also meine Top Drei der schönsten königsblauen Siege gegen den FCB.

Platz 3: Es begab sich zu der Zeit, als Schalke noch einen Spielmacher hatte. Dieser hieß Cássio de Souza Soares oder kurz einfach nur Lincoln. Eine brasilianische Diva zugegeben, aber eine, die, was Technik und Spielübersicht anging, unglaubliche Fähigkeiten hatte. Am 13. März 2005 zeigte Lincoln also wieder einmal, was er kann, und zirkelte einen Freistoß aus 20 Metern ins linke obere Eck. Oliver Kahn flog wie einst die Bananen durch seinen Strafraum, aber auch der selbsternannte beste Torhüter Deutschlands konnte diesen wunderbaren Schuss nicht erreichen. Es war das goldene Tor der Partie und Schalke war Tabellenführer. Jaja, Herr Sorgatz, schon klar, nicht für lange. Keine Anmerkung der Redaktion nötig.

Platz 2: Ein 2:2 passt zwar nicht in die Kategorie „schönste Siege“, aber ich tue an dieser Stelle einfach einmal so, als wäre die fragliche Partie nach 45 Minuten abgepfiffen worden und Schalke wäre mit 2:1 als Sieger vom Platz gegangen. Denn was ich zu erzählen habe, ist so schön, dass es nicht verschwiegen werden darf. Es war der 10. Spieltag der Saison 2006/07 (übrigens die erste Partie von Anfang an für den zurzeit besten deutschen Torhüter) und die Fans waren sauer. Sauer über die Leistungen der Knappen in den vergangenen Wochen, über zu wenig Kampfgeist und zu viel Gerede. 19 Minuten und 04 Sekunden schwieg deshalb das ganze Stadion, bis auf einen sehr kurzen Jubel bei der Schalker Führung. Als die Anzeigetafel also 19 Minuten und 04 Sekunden anzeigte, brandete der Jubel mit der Lautstärke eines startenden Düsenjets auf. Und bei 19 Minuten und 07 Sekunden hämmerte Levan Kobiashvili den Ball ins linke obere Eck des Bayerntors. Gänsehaut, meine Freunde, ist kein Ausdruck.

Platz 1: Der 19. Mai 2001 war genau 252 Tage her, als der Tag der Rache kam. Bayern war das allererste Mal zu Gast in der Arena AufSchalke und natürlich waren vor der Partie aus München wieder große Töne zu hören gewesen. Was dann geschah hielt die Westdeutsche Allgemeine Zeitung mit der Überschrift „Lehrstück für den Fußball-Kindergarten“ fest. Ein rauschendes Fußballfest, eine 5:1-Klatsche für die Bayern, eine Demonstration der Überlegenheit, die uns knapp acht Monate zuvor fast zum Meister gemacht hätte. Ein überragender Emile Mpenza, Jörg Böhme und Andi Möller mit allen Freiheiten im Mittelfeld und eine stabile Defensive um die beiden Torschützen Marco van Hoogdalem und Niels Oude Kamphuis, die sich immer wieder mit nach vorne einschaltete, nahmen die Münchener nach allen Regeln der Kunst auseinander. Manchmal habe ich das Gefühl, ich kann die Gesänge noch hören: „Und ihr wollt deutscher Meister sein?!“ Genugtuung. Nicht so viel, wie wir verdient hatten, aber ein Anfang.

So einen Sieg werde ich diese Saison leider nicht mehr erleben. Allerdings wird mir das am 34. Spieltag, wenn die Knappen diesen Meisterschaftszweikampf für sich entschieden haben, auch herzlich egal sein. Woher ich den Optimismus schon wieder nehme? Nach den Pleiten gegen Frankfurt und Stuttgart und den Unentschieden gegen Nürnberg und Köln bin ich mir sehr sicher, dass Bayern jetzt keinen Durchmarsch starten wird. Und in der Verfolgerrolle fühlen wir Schalker uns ja eh viel wohler. Also, liebe Fans des großen S04, gebt die Hoffnung nicht auf! Wir holen uns die Schale noch!

Anhänger von Bayer 04 Vize… äh, Leverkusen wird das Wort „Meisterschaftszweikampf“ eben wahrscheinlich sauer aufgestoßen sein. Aber keine Sorge, liebe Kerstin. Dir sei gesagt: Bayer wird seine Rolle im Meisterschaftskampf schon noch spielen – als eventueller Stolperstein für die Münchener nächsten Samstag. Da drücke ich dann auch ausnahmsweise mal die Daumen.

Und ich habe auch gar nichts dagegen, wenn du hier weiter deine Texte schreibst. Ist sicherlich ganz interessant zu hören, wie ein Unbeteiligter das Meisterschaftsrennen so erlebt.

Glückauf!

07. April 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Innenrist | Schlagwörter: , , , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Ich hab auch so schöne Erinnerungen mit Schalke… allerdings stammen die von einem Fernduell. Das Spiel selbst fand beim HSV statt. *schwelg*

  2. Naja im Moment liegt Schalke 4 Punkte vor Bayer Leverkusen, nachdem Leverkusen gestern 1 Punkt durch ein Unentschieden gegen FC Bayern München (1:1) geholt hat und Schalke 3:2 verloren hat. Aber noch ist noch nicht alles entschieden :)

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