Im Zweiten wird’s wohl besser – 30. Akt. Danteschön

Gladbach 2:0 Frankfurt – das schönste Lied der Saison, ein ungeträumter Traum, kein Pferdepflug aus dem 19. Jahrhundert und ein bestochener Reus.

Fast zwei Jahre ist es jetzt her, dass die Borussia den direkten Wiederaufstieg gepackt hat. Und ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, der für mich damals insgeheim der größte der ganzen Saison gewesen ist. Gemeint ist nicht das 7:1 in Offenbach, nicht das Spiel der Gewissheit gegen Wehen, nicht die Aufstiegsfeier gegen Freiburg. Es war der 28. Spieltag, als Gladbach mit 3:0 gegen Fürth gewann. Marko Marin erzielte die ersten beiden Tore seiner Profikarriere, beide wunderschön. Oliver Neuville gelang sogar noch ein schönerer Treffer, was 37 000 Zuschauer angesichts von neun Punkten Vorsprung auf Rang vier in Sicherheit wiegen ließ, dass alles, aber auch wirklich alles gut werden würde.

Und was machen Fans eines Zweitligisten, der sich nur noch selbst an der Rückkehr ins Oberhaus hindern kann? Sie singen ein Lied. Ein Lied, das nur aus vier Wörtern besteht. Ein Lied, in dem all die Erleichterung steckt, ein unliebsames Abenteuer im Unterhaus zu einem guten Ende zu führen. Ein Lied, das kurioserweise am allerschönsten ist, wenn man es niemals singen muss: „Nie mehr Zweite Liga! Nie mehr, nie mehr, nie mehr!“

Letztes Jahr dauerte es bis zum 32. Spieltag, dass überhaupt jemand den Mut hatte, sich die Abstiegsangst auf die schönste aller Arten von der Seele zu singen. Dante hatte vier Tage nach Colauttis Ekstase-Tor gegen Schalke das Auswärtsspiel gegen Cottbus in der Nachspielzeit entschieden. Rund 3000 Borussen fingen an, dran zu glauben, und posaunten ihren Optimismus in den Lausitzer Abendhimmel.

Marco Reus: Wider die Marin-Vergleiche

Vergangenen Freitag läuft die Schlussphase, wir schreiben diesmal den 30. Spieltag, als rund 48 000 Zuschauer abzüglich einiger Frankfurter die oben beschriebene Gewissheit überkommt – „nie mehr Zweite Liga“. In München, zumindest beim FC Bayern, werden sie dieses Lied noch nie gesungen haben. In Hamburg wird man sich selbst vor ein paar Jahren, als der HSV nach 21 Spieltagen noch auf dem letzten Platz stand, aufs Verdrängen verlegt haben. Der jeweilige Zeitpunkt, seinem Optimismus freien Lauf zu lassen, sagt auch immer etwas über die Mentalität von Vereinen und Fans aus. In der Spielzeit des Gladbacher Wiederaufstiegs war man sich in Köln zum Beispiel kurz vor der Winterpause sicher, „nie mehr“ in die „Zweite Liga“ zu müssen.

Bis zum ersten Freudentaumel dauert es gegen die Eintracht nur sechs Minuten. Karim Matmour jongliert den Ball auf seiner Nase wie ein Exemplar der Tierspezies, die der Bundesliga derzeit von München aus das fürchten lehrt (nein, kein Butt). Und zynisch wie man als Fan bei Aktionen dieser Art so ist, geistern einem schon Gedanken durch den Kopf, in denen es um Artisten und Zirkusse geht. Doch Matmour bereitet der Vorstellung schnell ein Ende. Über Marx und Bradley landet der Ball blitzschnell bei Bobadilla, der Nikolov überlupft. Kurz vor der Torlinie widerlegt Marco Reus dann endgültig jegliche Ähnlichkeiten mit Marko Marin, die ihm nachgesagt werden. Gegen Chris erwischt der 20-Jährige den besseren Absprung und vollendet mit dem Kopf, was Bobadilla sehenswert eingeleitet hat. Man könnte meinen, Reus hätte danach vor lauter Erleichterung sogar eine neue Frisur gehabt, seinen Namen in Martin umgeändert, aus seiner Rückennummer eine 87 gemacht und 17 Kilo zugelegt. Wie auch immer: Gladbach führt mit 1:0 und jubelt über ein Tor der Marke „ganz früh, ganz wichtig“.

Eine Woche zuvor hat die Eintracht noch ernsthafte Europacup-Ambitionen angemeldet. Nun wirkt die Borussia so, als ginge es darum, mit dem Gegner durch einen Sieg die Plätze zu tauschen. Wir wissen, dass nach diesem System sogar Österreich einmal Weltmeister war. Wir wissen deshalb auch, dass es ziemlich unrealistisch ist. Vorerst muss eine andere Taktik her, um den ersten Europacupeinzug für die „Elf vom Niederrhein“ seit 14 Jahren so unverhofft herbeizuführen wie Schnee im Juli. „Fairplay-Wertung“ lautet das Stichwort, das in den vergangenen Jahren schon mehrfach durch Borussia-Park und Bökelberg geisterte. 2002 hatte der VfL kein Losglück, 2007 kaufte man in der Winterpause Steve Gohouri, woraufhin der stete Fall in der Fairplay-Wertung besiegelt war.

Diesmal liegt Gladbach nach 30 Spieltagen auf dem zweiten Rang, punktgleich mit dem SC Freiburg. Der Erste, der FC Bayern, wird sich für die Champions League qualifizieren, Dortmund und Bremen aller Voraussicht nach für die Europa League. Dem 1. FC Nürnberg ist man bereits ein wenig enteilt. Behält Deutschland seine gute Position in der europaweiten Wertung und setzt Jogi Löw sich nicht allzu vehement für den vermutlichen Absteiger in spe ein, den SC Freiburg, dann könnte ein Traum wahr werden, den bisher niemand geträumt hat.

Pioniergefühle für Daems – Problemkind Bobadilla

Dass sie fair und ohne böse Fouls scheinbar am besten spielt, beweist die Borussia bereits in Hälfte eins. Frankfurt gelingt so viel wie einer Amateurmannschaft am Mittag nach der Weihnachtsfeier. Hinten sorgt das für viel Gelassenheit. Wobei es in einer Abwehr mit Dante ja durchaus immer gelassen zugeht. Vorne wirbelt das Laissez-faire in Person von Raúl Bobadilla, der mit einem sehenswerten Schlenzer beinahe das 2:0 erzielt. Später wird sich zeigen: Der Mann ist keiner für die leichten, sondern einer für die schweren Dinger. Mit Juan Arango entledigt sich derweil ein anderes Sorgenkind seiner und vor allem unserer Sorgen. Nachdem „Aranstand“ zuletzt viel besser als Nachname zu ihm gepasst hätte, nimmt er diesmal die Zweikämpfe an und beackert die linke Seite nicht mehr so behäbig wie mit einem Pferdepflug aus dem 19. Jahrhundert. So soll es sein.

In den ersten Minuten nach der Pause hat Frankfurt noch immer keinen Wind vom geplanten Platztausch mit der Borussia bekommen. Stattdessen pflügt Chris in der 56. Reus um, als habe er sich Arangos Hightech-Pflug geliehen. Während Reus am Spielfeldrand behandelt wird, darf Gladbachs Venezolaner sich zur Belohnung den Ball zum Freistoß zurechtlegen. Dante steht in der Mitte „sträflich frei“, vermerkt der „Kicker“. Mit seinem dritten Saisontor überholt der Brasilianer doch tatsächlich Lukas Podolski. Bei den Top-Funden zum Suchbegriff „sträflich“ geht es bei Google übrigens um asiatische Autobauer, Kindstode, vernachlässigte Stammkunden und den Straßenbau. Sportthemen tauchen erst vorne auf, wenn man ein „frei“ hinzufügt. Diese Sprache ist wie Privatfernsehen am Nachmittag: Grausam, aber man kann es trotzdem nicht sein lassen.

Die Eintracht tritt so überraschend schwach auf, dass sich selbst Borussenfans nach einer Stunde sicher fühlen. Die Nordkurve greift so tief in die Liederschublade, dass die Angst um sich greift, beim nächsten Tor könnte „Die Hände zum Himmel“ als Jingle ertönen. Nur vier Minuten nach Dantes 2:0 hat Bobadilla den nächsten Treffer auf dem Fuß. Auf links ist Daems erst von Arango auf die Reise geschickt worden und bekommt dabei nach langer Offensivabstinenz durchaus Pioniergefühle. Dann gibt er dem Borussia-Park mit einem lässigen Hackentrick das Gefühl, der VfL sei unerlaubt auf dem Transfermarkt aktiv geworden. Aber Bobadilla macht allein vor dem Tor deutlich, dass das nicht der Fall war, jedoch dringend geschehen muss.

Da das Spiel entschieden ist und man sich intensiv mit anderen Dingen beschäftigen kann, entflammt die vergebene Großchance des Argentiniers lebhafte Diskussionen auf den Rängen. Die einen wollen ihn direkt wieder verkaufen. Andere wollen ihm noch eine Chance geben, glauben aber nicht an den Durchbruch. Und eine Fraktion von erheblicher Größe ist fest davon überzeugt, Bobadilla werde uns schon bald so viel Freude bereiten wie eine Carrerabahn einem Achtjährigen zu Weihnachten. Verkaufen: Blödsinn, finde ich. Durchbruch: Derzeit nur schwer vorstellbar, finde ich. Die fußballerischen Fähigkeiten von Bobadilla sind unumstritten. Bislang war er am erfolgreichsten, wenn er mannschaftsdienlich und geradlinig spielte. Da das viel zu selten passiert, scheint der 22-Jährige eher an einer mentalen Blockade zu leiden. Für einen, der sich seit 2006 in deutschsprachigen Gefilden aufhält, dürften Eingewöhnungsprobleme zudem längst keine Rolle mehr spielen. Zumal er seine Eltern ja immer auf der Brust bei sich hat. Fest steht: Bobadilla ist eine Baustelle. Fest steht aber auch: Mindestens ein Jahr mit unermesslicher Geduld sollte man ihm noch geben. Schließlich haben wir schon Skoubo, Heinz, Kahê und Rafael überlebt – auch wenn es knapp war.

Heile Welt im Borussia-Park

In der verbleibenden Spielzeit hat der Gegner aus Hessen nichts dagegen, dass die Partie das Motto „Was fürs Torverhältnis tun“ erhält. Doch anscheinend ist Marco Reus von Roel Brouwers bestochen worden. Mit seinem siebten Saisontor hat er den Niederländer nämlich eingeholt. Falls Brouwers zwar keine Torprämie, dafür jedoch eine für den ersten Rang in der internen Torjägerliste im Vertrag stehen hat, würde etwas Schmiergeld Sinn ergeben. Also tankt sich Reus erst mit marin’esker Geschwindigkeit durch die Abwehr, um dann an Oka Nikolov zu scheitern. Kurz darauf will er den Mazedonier nach einem Arango-Pass der Superlative lässig überlupfen. Doch der dienstälteste Frankfurter, fast so lange im Verein wie Marco Reus auf der Welt, hat keine Lust, ein „Tor des Monats“ zu fangen.

Fast im gesamten Verlauf der zweiten Halbzeit hat sich der 35-Jährige zudem die üblichen Schmährufe anhören müssen, denen Torhüter in nur wenigen deutschen Bundesligastadien entgehen. Nikolov stellte sich nach einem vermeintlichen Zusammenprall mit Bobadilla tot und attackierte den Argentinier vehement, als der Ball im Aus war. Wenn es keine Fairplay-Wertung zu gewinnen gäbe, würde ich sagen, die Pfiffe hat er sich redlich verdient. Nach dem Spiel flogen übrigens keine Flaschen in die Nordkurve.

Außerdem ist der Borussia-Park ab einem gewissen Zeitpunkt viel zu sehr damit beschäftigt, den So-gut-wie-Klassenerhalt zu feiern. Da vergisst die Kurve ab der 83. Minute sogar regelmäßig das Pfeifkonzert für den Eintracht-Keeper. Kurz vor dem Ende bekommt Bobadilla noch die nächste Gelegenheit, sein viertes Saisontor zu erzielen. Ob „Die Hände zum Himmel“ wirklich ertönt wäre, werden wir jedoch nie erfahren. Anstatt einen der beiden Mitspieler neben ihm zu bedienen, schließt Bobadilla den Konter alleine ab und trifft nur das Außennetz. An einem rundum gelungenen Abend ist er der einzige Reibungspunkt weit und breit. Sechs Torschüsse hat er abgegeben, einige davon so aussichtsreich wie ein 6er im Lotto bei 49 angekreuzten Zahlen – doch am Ende ging er, wieder einmal, leer aus.

Von einer ziemlich heilen Welt im Borussenland zeugen jedoch die Ereignisse nach dem Spiel. Die Nordkurve bitte Bobadilla zum Tanz – weil sie die Hoffnung auf den Durchbruch noch nicht aufgegeben hat. Dann gibt sie ihm, wie bestellt, erst „eine H“, dann „eine U“, „eine M“, „eine B“ und schließlich „eine A“. Fertig ist die „Humba“ zum Klassenerhalt. Gewinnt Freiburg am kommenden Spieltag nicht und holt Hannover bei den Bayern keinen Punkt, dann ist der Ligaverbleib auch auf dem Papier perfekt.

11. April 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , , , , | 10 Kommentare

Kommentare (10)

  1. Der Einzug in die Euro-League via Fairplaywertung ist doch wohl eher utopisch… in der Fairplaywertung, die zum Jahreswechsel veröffentlicht wurde, liegt Deutschland nur auf einem 8.Rang, der dritte wäre zur Quali notwendig.
    Seitenwahl.de hat das schön beschrieben (http://www.seitenwahl.de/content/view/2222/61/)

    Aber erneut ein schön geschriebener Text !

  2. Vielen Dank für den aufschlussreichen Link, der Text war mir ganz entgangen.

    Was mir dennoch Mut macht: Wenn im ersten Halbjahr wirklich so viele Spieler einer deutschen Mannschaft vom Platz geflogen sind und wir dennoch zu Weihnachten auf Rang 8 lagen, dann müsste sich nur ein Platzverweis im zweiten Halbjahr doch ziemlich positiv auswirken, oder nicht?

    Wobei ein Blick aufs letzte Jahr der Hoffnung schon wieder den Wind aus den Segeln nimmt:
    Zwischenranking 08/09
    Endranking 08/09

    Den Engländern ist es damals auch nicht gelungen, ihren Rückstand erheblich zu verringern.

    War ja auch nur ein Traum, zu dessen Erfüllung ich nicht “nein” gesagt” hätte.;)

  3. Schreibt man “Humba” jetzt “Hamba” ???

  4. @Detlef: Nein, das war nur der allseits beliebte Aufmerksamkeitstest;)

  5. Bobadilla mit Skoubo, Kahe und Konsorten zu vergleichen ist eine Frechheit!!!

    Bobadilla bewegt sich immerhin und nimmt auch am Spiel teil…

  6. Ich würde Boba einen Mentaltrainer an die Seite stellen, dann schafft er es ganz allein zum neuen Allan Simonsen: Aber jetzt mal im Ernst, ich vermute die Eingewöhnungsprobleme an die Bundesliga waren im ersten Jahr doch größer, als von Dir oben beschrieben, viele Spieler schaffen auch bei einem Wechsel innerhalb einer Liga den Durchbruch zu “ihrem Leistungsniveau” erst im zweiten Jahr. warum nicht auch Boba und Arango. Ich glaube daran (die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

    Ansonsten wieder ein toller Artikel

    Respect

    Jameiker

  7. @Chris:
    “Schließlich haben wir schon Skoubo, Heinz, Kahê und Rafael überlebt” soll heißen, dass Bobadilla dann erst Recht noch eine Chance verdient hat – weil er nicht annähernd die Albträume verursacht wie die Genannten.

    @Jameiker:
    Danke!
    Wollen wir hoffen, dass es so ist.

  8. im Vergleich zu den geistigen Ergüssen, die so manch Joutnalist (und damit meine ich nicht nur Bild-Zeitungs-”Journalisten”) von sich gibt, und damit auch noch seinen Lebensunterhalt verdient, ist dieser Text definitiv gut gelungen.

  9. Hi Leute,
    Wenn ihr euch auch schon super doll auf die WM freut, hab ich einen kleinen TIpp für euch.
    [...]

    Lieber isportsfreund,

    in der Sidebar gibt es auch Textlinks zu erwerben. Das wäre dann ein passenderer Ort als die Kommentarfunktion.

  10. Pingback: WEB 0.4 » Blogschau Borussia Mönchengladbach

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