“Das Geld, sie wissen schon, das Geld”

“Einige Leute halten Fußball für einen Kampf um Leben und Tod.” – Andere augenscheinlich für ein Gewinnspiel, bei dem der Sieger finanziell absahnt und der Verlierer seinem Namen alle Ehre macht.

Plötzlich wird das Flutlicht im Vicente Calderón gedimmt. Ruhige, aber dennoch schwere Töne drücken aus den Boxen aufs Trommelfell. Der vierte Offizielle zeigt die Nachspielzeit an – zwei Minuten zu gehen. Atlético Madrid führt mit 2:0, Schalke wäre draußen. Dann ertönt ein Pfiff, Rakitic ist kurz vor dem Sechzehner gelegt worden. Der Kroate legt sich gerade den Ball zurecht, als auf einmal Günther Jauch erscheint. Er hat zwei Sessel mitgebracht.

„Sie wissen, es geht um alles“, versichert der Quizmaster in bewährter Manier. „Ich fasse noch einmal zusammen: Wenn sie treffen, gewinnen sie 15 Millionen Euro. Ansonsten bleibt ihnen unser Trostpreis, der UEFA-Cup.“

Da greift Rakitic zum letzten Joker. Jauch reicht ihm ein Handy, schnell haut der Schalker Youngster in die Tasten. Bruchteile später ertönt eine tiefe Stimme am anderen Ende der Leitung. „Eine Sekunde“, vertröstet der Telefonjoker den nervösen Kandidaten. Im Hintergrund zischt eine Bierflasche, zwei kurze Schlücke, dann ist Rudi Assauer wieder da.

„Nabend, Herr Assauer“, begrüßt Jauch den alten Reliefflaschen-Vergötterer. „Bei mir sitzt der Rakitic, kurz vor dem Sechzehner. Sie ahnen es vielleicht schon, es geht um eine Frage aus dem Gebiet der Freistoßschützen.“
„Um wie viel geht’s denn?“
„Fünfzehn Millionen“, wiederholt Jauch die ominöse Summe. „Sie sind seine letzte Chance.“
„Fuffzehn Millionen Ocken? Manno man, dann schieß‘ mal los, Jung.“
„Ok, Herr Rakitic wird ihnen jetzt die Frage stellen. Gut zuhören, wie immer 30 Sekunden und die laufen ab… jetzt!“
„Hallo Rudi, hier is‘ Ivan. Also: Wer soll den alles entscheidenden Freistoß für Schalke in der zweiten Minute der Nachspielzeit schießen, aus halblinker Position 17 Meter vor dem Tor? – A: Ich selbst, B: Stan Libuda, C: Josef Schnusenberg, D: Marcelo Bordon.“
„Och komm, willste mich auf’n Arm nehmen, Jung? Dat is’ ganz klar der Marcelo. Boah, der Wumms, unfassbar, lass den bloß schießen. Weiße noch dat Ding damals, als der noch in Stuttgart war, gegen Bremen? Ach quatsch, bisse viel zu klein für. Aber der Mann hat ‘ne Keule wie’n…“

Dann macht es „möp-möp“. Die Zeit ist um, die Würfel gefallen. Der Lichtstrahl auf der Ehrentribüne ist auf Andreas Müller gerichtet. Angstschweißperlen kullern seine Schläfen hinunter. Es riecht nach UEFA-Cup.

„Ich schaue noch einmal, was ihre Begleitung meint“, sagt Jauch. „Herr Müller, was denken Sie?“

Von rechts fährt ein Ellbogen dem Schalker Manager erbarmungslos in die Rippen. Müller signalisiert hörig ein spiegelverkehrtes C und ringt mit den Schmerzen.

„Interessant. Wie auch immer, ich brauche eine Entscheidung, Herr Rakitic. Antworten oder Aufhören?“, lässt Jauch nicht locker.
„Ich nehm D, der Rudi wird schon Recht haben“, antwortet Rakitic. „Der Fall in den UEFA-Cup ist zwar tief. Auf Kayserispor, Setúbal und Nordsjaelland hab’ ich keinen Bock. Ich geh’ aufs Ganze.“

Dann läuft Bordon an. Wie ein Strich bahnt sich der Ball seinen Weg. Ujfalusi, ausgerechnet Ujfalusi, der Ujfalusi mit dem Rückpass dreht sich ein wenig ab. Der Schuss streift haarscharf an seiner Hüfte vorbei, genau durch die Mauer. Dann schlägt er ein.

Goldener Konfettiregen verwandelt das Spielfeld in El Dorado. Auf dem Fernsehbildschirm erscheint die Zahl 15.000.000, hell leuchtend, goldig umrandet.

Andreas Müller stürmt den Platz, bildet das Gipfelkreuz auf einem schier unendlich großen Haufen Schalker Spieler, die den großen Hauptgewinn feiern. Dann kommt Schnusenberg angetapst. Plötzlich ist die Spielertraube verschwunden.

Was er nun mit dem Geld anstellen wolle, fragt ein Reporter den Schalker Manager. Gute Frage. Müller stutz, faselt dann irgendetwas von „den Rückstand auf die anderen Ligen reduzieren… in die Jugend investieren… Schulden an-… äh, pardon, abbauen.“

Zu guter Letzt möchte der Reporter wissen, was denn jetzt aus der Reise nach Manchester, Madrid oder Mailand werde. „Ach ja, stimmt“, erinnert sich Müller. „Ganz vergessen. Vor lauter Aufregung. Das Geld, sie wissen schon, das Geld…“

Jaja, wir wissen schon. Das Geld.

27. August 2008 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Einwurf, Innenrist | Schreibe einen Kommentar

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