Bayer vs. Schalke – Tagebuch des Titelkampfs oder:
Zweiter kann nur einer werden (Teil IX)

15. April 2010 – 23 Tage bis zum letzten Spieltag

Lisa füllt das Phrasenschwein, so dass sie beinahe Pleite geht. Eine Bankrotterklärung der Schalker Titelträume soll ihr Post jedoch nicht sein. Kerstin hadert mit allem und jedem – den Bayern, den vergebenen Chancen, dem Schiedsrichter -, blickt jedoch optimistisch… nach unten.

Von Lisa S.

Man kennt das ja. Wenn die Oma zum Kuchenessen am Sonntagnachmittag zu Besuch ist, hört man, öfter als einem lieb ist, den Satz „Früher war alles besser“. Man nickt still und denken sich sie wird es schon wissen, sie war im Gegensatz zu uns früher schließlich auch schon da.

Aber auch wenn ich noch nicht zu alt bin, weiß ich eine Sache, die früher definitiv besser war: Die Anforderungen an einen Torhüter nämlich. Der sollte schlicht und einfach seinen Kasten sauber halten, auf der Linie gut sein, sowie in der Strafraumbeherrschung.

Und was ist heute? Heute ist der Typ des modernen Torhüters gefragt. Einer der mitspielt. Wunderbar. Und dann wundern sich alle, wenn so etwas passiert, wie mit Manuel Neuer am vergangenen Samstag. Er wollte doch nur den Maßstäben von Jogi Löw gerecht werden, wollte mitspielen. Verteidigen muss eben die ganze Mannschaft und nicht nur die Verteidiger.
Auch René Adler hatte das gegen Hamburg versucht, auch bei ihm war es nicht gut ausgegangen. Er hatte nur das Glück, dass damals zehn andere Spieler Normalform hatten und die Sache wieder ausbügelten.

Mal abgesehen von fragwürdigen Torhüterausflügen ist mir beim Spiel des großen S04 gegen Hannover 96 etwas passiert, was schon lange nicht mehr vorgekommen ist. Ich hatte schon nach 45 Minuten die Schnauze voll. Und das will schon was heißen, denn ich habe bei einem Spiel meiner Knappen noch nie vorzeitig den Fernseher ausgemacht. Weder bei zahlreichen unrühmlichen Auftritten im UEFA-Cup, noch bei grottenschlechten Pokalpartien gegen irgendwelche Drittligisten. So was mache ich nicht.

Aber nach dieser ersten Halbzeit war es genug. Ich sehnte mich zurück nach diesem schönen Abend in Leverkusen, nach der Elf die damals auf dem Platz stand und eine Leistung sondergleichen ablieferte. Denn diese Mannschaft war anscheinend gegen den HSV verhindert. Ich weigere mich einfach, zu glauben, dass das wirklich Heiko Westermann da in der Innenverteidigung war, oder Jefferson Farfán im Angriff, oder Ivan Rakitic als Spielmacher.

Kurz dachte ich über die altbewährte Methode nach, einige dieser Arbeitsverweigerer zu entführen und in einen dunklen Keller irgendwo in Gelsenkirchen zu sperren. Dann fiel mir aber ein, dass Felix Magath sich wahrscheinlich etwas Fieseres ausdenken würde. Gut so.

Was bleibt also nach so einer deprimierenden Niederlage? Der tröstende Gedanke, dass weder Bayern noch Leverkusen noch Dortmund wesentlich gepunktet haben? Oder ganz einfach die Tatsache, dass es nächste Woche auf keinen Fall schlechter laufen kann.

Also, Mund abwischen und weitermachen. Nach dem Spiel ist schließlich vor dem Spiel und gegen Gladbach gibt es dann einen Kantersieg. Nur jetzt aus einer Mücke keinen Elefanten machen. Und bevor ich mich hier in die Schuldenfalle phrase, sei noch eins gesagt: Eigentlich ist ja nichts passiert. Zwei Punkte Rückstand ist geradezu lächerlich, wenn man bedenkt, dass die Roma in Italien zum Beispiel 15 aufgeholt hat. Und wichtig ist schließlich nur, wer nach 34. Spieltagen oben steht. Wir lauern einfach weiter…

Glückauf!

Von Kerstin B.

Woran erkennt man ganz flott, dass man sich auf dem Weg zu einem Spiel gegen Bayern München befindet? Richtig. Es steigen einfach an jeder Haltestelle des Zugs Fans der gegnerischen Mannschaft ein und keiner von ihnen weiß, wie man eine Weißwurst schlürft oder ein „r“ ordentlich bayerisch rollt. Zudem sucht man erfolglos den Sonderzug aus München. Denn später entpuppt sich der Möchtegern-Süddeutsche am Bierstand als Metzger von der Bahnhofstraße um die Ecke, ehemaliger Religionslehrer aus dem Nachbarort und im schlimmsten Fall steht man auch noch in verwandtschaftlicher Beziehung zu ihm.

Es ist, als ob sie alle aus ihren Löchern kriechen. Mit jeder Person, die zwar Schweinsteiger auf dem Rücken trägt, aber zu einem Brötchen keinesfalls “Semmel” sagt, melden sich in mir langsam aber sicher die Aggressionen. Das unbedingte Verlangen nach einem Sieg steigt ins Unermessliche. Beim Spiel selbst fordert dann selbst der geruhsamste Opi lauthals einen roten Karton nach dem Anderen. Das Schwarz-Weiß-Zeichnen ist bei Duellen mit dem Serienmeister auf seinem Saison-Höhepunkt. Auch beim Rückblick auf den letzten Samstag könnte ich immer wieder unterschreiben, dass der Schiri viel zu mild war im Umgang mit den Tretern um Sympathisant Louis van Gaal. Da hilft es auch nicht, wenn mir jemand ruhig zu erklären versucht, dass alles rechtens war und man aufgrund des nicht gegebenen Elfers in den Schlussminuten eher von einem milden Mann an der Pfeife sprechen könne.

Nö, dass will weder der Opi mit seinem Schnupftabak noch ich hören. Lieber hadert man mit dem unverschämten bayerischen Glück, das mal wieder zugeschlagen hat, oder sucht halt seinen Trost in der Leistung des Schiedsrichters. Zwischen diesen hilfreichen Abwehrmethoden schleichen sich dann aber doch immer wieder andere Bilder: Ein Barnetta zum Beispiel, der treffsicher den Pfosten anvisiert; ein Kroos, der kurz vorm Tor, den Ball nicht richtig unter Kontrolle bekommt; oder auch ein Derdiyok, der einen artistischen Fallrückzieher ins Leere setzt.

Man wagt ja doch nicht drüber nachzudenken, was gewesen wäre, wenn einer der Schweizer oder der junge Kroos getroffen hätte. Ohne phantastische Träumereien und aberwitzige Milchmädchenrechnungen hätte sich Leverkusen wieder voll im Meisterschaftskampf befunden. Und sei ehrlich Lisa, auch dich hätte das gefreut. So schwelge ich dann eher weiter in eben diesen Träumen und freue mich beim Blick nach unten, dass Dortmund mal wieder Punkte gelassen hat.

15. April 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Innenrist | Schlagwörter: , , , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Meine liebe Lisa S.,
    gerade eine Klatsche gegen Hannover und jetzt von einem Kantersieg gegen die Borussia träumen, typisch Schalke!
    Leider singen wir am Samstag: Und schon wieder keine Schale SO4!
    Da ich es den Bayern natürlich auch nicht gönne, bleibt ja nur die Werkself.
    Aber die hat zu sehr geschwächelt, für mehr als Vizekusen( darf ich den Begriff eigentlich noch benutzen?) reicht es nicht!
    Also doch wieder die Bayern!

  2. Jannik? Schreibst du neuerdings unter dem Synonym Bine59?

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