Im Zweiten wird’s wohl besser – 31. Akt: Papstbesuch und Pilgerfahrt

Schalke 3:1 Gladbach – Besuch vom Papst, Pilgerer auf der Reise, das zweitschönste Lied des Fußballs, Neuer Wette mit Nowitzki, die Entscheidung nach 47 Minuten, ein Ziel für nächste Saison.

Fast 23 Jahre ist es jetzt her, dass Papst Johannes Paul II. nach Schalke kam und das Parkstadion in eine Kathedrale verwandelte – sonst geschah das nur alle zwei Wochen bei königsblauen Heimspielen. Da der Pontifex nicht nur Brücken baut, sondern auch die Menschen in Scharen anzieht (oder sollte ich, weil der alte nicht mehr lebt und der neue mit seiner Kirche in einer tiefen Krise steckt, besser sagen: anzog?), wird Gelsenkirchen damals einer Festung geglichen haben. An den Straßen mehr Polizisten als Verkehrsschilder, am Himmel mehr Blaulicht als Sonnenlicht.

Was 1987 wohl ein riesiges Event war, das man damals noch „Gottesdienst“ nannte, findet heutzutage 17-mal im Jahr zwischen Herne und Bottrop statt. Gut 60 000 pilgern dann in die Veltins-Arena. Das Weihwasser ist gülden und kommt aus Zapfhähnen. Korinther spielen nur eine Rolle, wenn Felix Magath mal wieder einen No-Name-Griechen verpflichtet hat. Die Predigt findet in der Kabine statt. Und gesungen wird das, was ein Nicht-Theologe auf dem Zaun mit einem Megaphon vorgibt.

Messe für Messe sind auch eine Menge Pilgerer dabei. Wobei das Wort „Menge“ in seiner Bedeutung stark variiert. Im Badener Land, zum Beispiel in Hoffenheim und Freiburg, schickt der Glaube nur selten Menschen auf die Reise. Zwischen Berlin und Hannover baut man ohnehin lieber Autos, keine Archen. Anderorts machen sich jedoch meistens mehrere tausend Gläubige auf den Weg. Und wer irgendwann in die Kirchengemeinde Borussia aufgenommen wurde, für den gleicht der Weg in die Ferne meist einem Aufenthalt in Fátima oder Lourdes – man hofft auf ein Wunder und erlebt selten eines, obwohl man fest dran glaubt.

Als der Sonderzug um kurz vor halb zwei in Gelsenkirchen ankommt, sind wir – mein Bruder, meine Mutter, Nils und ich – noch der festen Überzeugung, dem ersten Gladbacher Sieg in der Veltins-Arena beiwohnen zu dürfen. Die Sonne scheint auf den Platz hinter dem Hauptbahnhof, es ist friedlich, die Dönerbuden- und Trinkhallenbesitzer reiben sich die Hände – und die mitgereisten Borussen dürfen sich erst einmal auf ein paar Minuten Haft, jedoch ohne Handschellen und Gitterstäbe freuen. „Auf Schalke“ ist das Usus. An für sich hat man kein Problem damit, in einer Fußgängerzone gesammelt und von Polizisten zuvorkommend mit netten Anweisungen durch ein Megaphon bedacht zu werden. Ein wenig fühlt man sich gar wie der Papst im Jahre 1987 – wichtig und unfehlbar. Die Grenzen zwischen Bewachen und Beschützen sind fließend an einem Samstagnachmittag hinter dem Bahnhof in Gelsenkirchen.

Vor ihrer ersten richtigen Auswärtsfahrt mit Bus und Bahn hatte ich meiner Mutter noch mitgeteilt, sie könne sich darauf einstellen, sechs Stunden lang keinen Schalke-Fan aus nächster Nähe und hautnah zu sehen. So war es 2007, als ich das abstiegsweisende 0:2 im Stadion sah. So ist es auch auf dem Weg vom Bahnhof zu Deutschlands größter Sporthalle. Bus, Einsatzwagen, Bus, Einsatzwagen, Bus, Einsatzwagen – wer das Treiben vom Bürgersteig aus beobachtet, könnte den Eindruck gewinnen, Gelsenkirchens Busfahrer seien so ortsfremd, dass die Polizei ihnen den Weg weisen muss.

Malocherklub mit Gazprom-Millionen

Vom Bus in den Gästeblock führt schließlich ein schmaler Weg, der am Ende zum Tunnel wird, immer an der Betonwanne für das ausfahrbare Spielfeld entlang. Dann rechts herum, zum Treppenaufgang in den Oberrang – und schon ist es vorbei mit den 2007er-Parallelen. Wir stehen inmitten königsblauer Scharen, die mit Bier und Bratwurst ihr obligatorisches Stadion-Abendmahl zelebrieren. Wer sein letztes Auswärtsspiel in Köln besucht hat, wer von der Polizei selbst „auf Schalke“ erst einmal zwischen Dönerbuden und Ein-Euro-Läden eingefriedet worden ist, der wundert sich ziemlich. Oben im Gästeblock kommt auf zwei Borussen mindestens ein Schalker. Keine Trennwände, keine zusätzlichen Ordner – während der Weg zum Stadion dem Papstbesuch glich, regiert nun das Laissez-faire. Eskalationstechnisch ist das völlig unproblematisch. Zwar sucht niemand eine Fanfreundschaft. Aber soll Schalke sich doch ziemlich widersprüchlich als Malocherklub mit Gazprom-Millionen und Schulden-Kilimandscharo präsentieren. Immerhin waren wir schon fünfmal Meister in der Bundesliga. Wie lange das her ist, muss ja niemand wissen.

Das schwarz-weiß-grün-königsblaue Miteinander im Oberrang ist eher nervend als fahrlässig. Ist sich ein Block einig, für wen sein Herz schlägt, springt man zusammen auf und vergräbt auch zusammen die Hände im Gesicht. Schwierig wird es also, wenn man bei jeder Schalker Halbchance aus lauter vermeintlicher Vorfreude aufspringen muss. Da bleibt man am Ende lieber stehen und lässt die Leute von hinten mehrfach den Eintrittspreis wiederholen, den sie für diese Sitz(!)platzkarten hingeblättert haben.

Neben Nils hat kurz vor dem Anpfiff Gott sei Dank ein königsblauer Anhänger der ruhigeren Sorte Platz genommen. Mein treuester Auswärtsmitfahrer sitzt auf Platz 1 in der Reihe, unter meinem Hintern prangt die 2. Voller Vorfreude hecken wir aus, wie ich dem Schalker auf der 32 kurz vor dem Abpfiff beim Stand von 2:1 aus Borussensicht meine Platz anbiete und frage, ob er sich auf der Zwei nicht wohler fühle. Bereits nach vier Minuten scheint der Plan Konturen anzunehmen. Arango beweist einmal mehr Konditor-Fähigkeiten und sendet einen Pass in die Gasse wie drei Stücke Schwarzwälder Kirschtorte. Doch frei vor Neuer entreißt Reus dem noch besser positionierten Bobadilla die Kuchengabel und verhindert die frühe Führung. Was die gegen Schalke wert sein kann, hat der VfL im Hinspiel freudig am eigenen Leib erfahren dürfen.

Stattdessen springen in der 8. Minute vor uns zwei Schalker auf, weil Farfán an der Strafraumgrenze aussichtsreich wirbelt. Das 1:0 durch Rakitic dürfen sie also gleich im Stehen bejubeln. Farfán legt ab und der Kroate zimmert den Ball wie eine Kriegserklärung aus rund 20 Metern ins Netz. Schnell versuche ich mich der Parallelen zum sagenhaften 3:2 in Hamburg zu vergewissern: Unter der Woche beim Friseur gewesen, Nils mit Kater in den Zug, vor dem Stadion ein Foto gemacht, drinnen ein Bier getrunken, Sonnenschein bestellt, Deniz Aytekin als Schiedsrichter nominiert und nun auch noch ein frühes Tor kassiert – trotz des Rückstandes sieht alles nach einem mehr als gelungenen Auftakt aus.

Die Anfangsviertelstunde ist gerade rum, als die Borussia den Wagen wieder aus dem Kiesbett zieht und zum Überholmanöver ansetzt. Bailly drischt einen Abschlag weit in die gegnerische Hälfte. Bobadilla lässt unter anderem Bordon im Kopfballduell aussehen wie ein Relikt des Papstbesuches vor 23 Jahren. Als Gladbachs trinkfester Lamborghini-Fahrer in Richtung Tor rennt, überkommt Manuel Neuer scheinbar wieder einer dieser ADHS-artigen Anfälle. Als habe er eine Wette mit Dirk Nowitzki laufen, dass er in einer Saison mehr Ballkontakte hat als der NBA-Star Punkte erzielt, stürmt Neuer dem Ball entgegen. Doch Bobadilla ist schnell genug, um dem Reserve-Adler den Ball aus den Händen zu spitzeln, in denen er ihn eindeutig noch nicht hatte. Zum Tor sind es noch einige Meter, weshalb mein inneres Auge einmal mehr das alptraumhafte Hacken-Video aus Wolfsburg abspielt. Doch Bobadilla entscheidet sich dagegen, den Ball auf der Linie zu stoppen und wie damals auf dem Bolzplatz, als Kopfballtore doppelt zählten, mit der Stirn über die Linie zu stupsen. Es steht plötzlich 1:1 und der zuletzt viel Geschmähte schwingt sich zum Spezialisten im Überwinden eilig herauslaufender Torhüter auf – wie gegen Mainz, wie gegen Bremen.

Und dann ist es da, dieses zweitschönste Lied nach „Nie mehr Zweite Liga“. Inbrünstig schreien es rund 7 000 mitgereiste Borussenfans in die Veltins-Arena wie einen neuen Nummer-Eins-Hit: „Ihr werdet nie Deutscher Meister!“ – auf der B-Seite übrigens ausgestattet mit den Bonus-Tracks „Und schon wieder keine Schale, S04“ sowie „Ein Leben lang – keine Schale in der Hand“. Ich weiß, ich bin ein Fähnchen im Wind. Nach dem 2:0 in Leverkusen hatte ich noch gönnerhaft verkündet, Schalke dürfe jetzt ruhig den Titel holen oder, wie Vitali Klitschko es im Interview vor dem Spiel nannte, „Bundesmeister“ werden. Doch spätestens im Trubel des Ausgleichs ist es vorbei mit der Großzügigkeit. Da DFB und DFL sich mit Sicherheit nicht durchringen werden, dieses Jahr zur Abwechslung gar keinen Meister zu küren, wird es wohl die Truppe aus dem Süden machen müssen, die ich schon zu oft in meinem Leben mit der Schale gesehen haben, als dass ich mich noch aufs Blut darüber aufregen könnte. Wie gesagt, liebe Schalker: Fähnchen im Wind. Wer weiß, was nächste Woche kommt.

Strikter Ablaufplan wie in Hamburg – fast

In der Phase nach dem 1:1 macht die Borussia, wie Michael Frontzeck es sagen würde, „ein richtig gutes Auswärtsspiel“. Die Konter gehen geschmeidig runter wie eine geölte Jalousie am Abend. Sogar Filip Daems verspürt Lust auf Angriffsfußball. Einmal erobert Dante den Ball in der eigenen Hälfte und spielt einen Doppelpass, der erst nach 60 Metern vollendet wird, als er höchstpersönlich knapp am Tor vorbeiköpft. Alles scheint sich brav an den Ablaufplan à la Auswärtssieg in Hamburg zu halten – bis die letzte Minute der ersten Hälfte anbricht.

Schalke bekommt noch eine Ecke – eine von zu vielen Standardsituation gegen eine Mannschaft, die darin ein Diplom hat, während sie spielerisch eher in Richtung mittlerer Reife tendiert. Den Kopfball von Kuranyi kann Bailly noch nach vorne abwehren, ehe Farfán den Rebound versenkt. Vor dessen Kopfball ist Brouwers jedoch von Kuranyi aus dem Weg geräumt worden wie eine Mülltonne nach der Entleerung. Die anschließende Flugeinlage des Niederländers wird zuhause solange nachgestellt, bis feststeht: Zählen dürfen hätte der Treffer nicht. Das sieht der Comebacker in spe nach der Partie jedoch anders und beteuert, Brouwers habe ihn in einer anderen Szene auch geschubst, was nicht geahndet worden sei. Mit Argumentationsketten wie dieser hat sich manch ein Sandkastenstreit schon zur handfesten Auseinandersetzung mit Förmchen- und Eimerwürfen hochgeschaukelt.

Lässt man die Pinkelpause auf blitzsauberen, aber merkwürdig aufgeteilten Toiletten außen vor, fällt das, was kurz nach der Halbzeit passiert, in die Kategorie „Doppelschlag“. Dante holt Gavranovic, gerade erst von Magath eingewechselt, im Strafraum von den Beinen. Wer den Schalker Trainer kennt, möchte fast meinen, genau das habe er damit im Sinn gehabt. Den anschließenden Elfer setzt Rakitic durch Baillys Achselhöhle. Und ich frage mich immer noch, ob ich jemals einem Gladbacher Torwart beiwohnen durfte, der einen Elfmeter entschärft. Da werde ich mir wohl weiterhin das Video von Uwe Kamps’ vier Paraden im Pokal-Halbfinale 1992 in der Endlosschleife reinziehen müssen.

Sehenswert mitgespielt, fohlenhaft gekontert, leere Hände

Nun könnte man die letzten 43 Spielminuten unendlich aufbauschen, bis jeder, der diese Zeilen liest, sich sicher ist, dass der Sportschau-Bericht einer strengen Zensur unterworfen wurde. Nur war das leider nicht der Fall. Festzuhalten bleiben ein Freistoß von Arango sowie drei dicke Chancen für Schalke, aus dem 3:1 mehr zu machen, als das 3:1 verdient gehabt hätte. Michael Frontzeck wechselt in der 75. Minute zum ersten Mal aus. Zu diesem Zeitpunkt liegt die Borussia seit fast einer halben Stunde mit zwei Toren hinten. Herrmann für Matmour ist ein Positionswechsel eine Viertelstunde vor Schluss, Colautti für Reus riecht dann schon nach grenzenloser Offensive. Unterm Strich ist dieses Spiel also nach 47 Minuten entschieden gewesen. Als es das noch nicht war, hat Gladbach sehenswert mitgespielt, in Ansätzen fohlenhaft gekontert und stand am Ende dennoch mit ganz leeren Händen da.

Mein siebtes Auswärtsspiel war mein letztes für diese Spielzeit. Zwei Siege, drei Unentschieden, zwei Niederlagen, Bus, Bahn, Auto, viele Kilometer – es hat sich häufig gelohnt. Nun muss ich mich jedoch entscheiden: Habe ich ein glückliches Händchen gehabt, nicht zu den neun anderen Spielen zu fahren, aus denen die Borussia genau einen Zähler holte (in Berlin)? Oder muss ich mich ärgern, nicht häufiger dabei gewesen zu sein? Wie auch immer, fest steht das Ziel, im nächsten Jahr von acht Auswärtsreisen berichten zu können.

Nach dem Abpfiff in der Veltins-Arena geht die Polizei wieder auf Nummer sicher. Nicht dass der Frust über das Überholmanöver des 1. FC Köln in der Tabelle so groß ist, dass ihn irgendjemand loswerden will. Alle Gästefans werden in den Shuttle-Bussen gesammelt, bevor es nach knapp 45 Minuten endlich losgeht in Richtung Hauptbahnhof. Bus, Einsatzwagen, Bus, Einsatzwagen, Bus…

Bilder von der Auswärtsfahrt nach Schalke gibt's auch auf Facebook.

19. April 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , | 1 Kommentar

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