Mission 40/3:Wenn Aberglaube Bremer versetzt

Literweise Schweiß in den Klamotten, aufopferungsvoller Kampf auf dem Platz und auf den Rängen, Nervenkitzel bis zum Schluss – Gladbach hat sich den ersten Sieg der Saison redlich verdient. Gegen enttäuschende Bremer reichten drei Tore Vorsprung am Ende für einen Erfolg per Fotofinish.

Omen sind die Evangelien des Aberglaubens. Ereignisse, Geschichten und Zusammenhänge, die uns ans scheinbar Unmögliche glauben lassen. Sie bestärken uns in dem Glauben, dass das, was wir tun, genau richtig ist. Vom Fußballgott gesegnet sozusagen.

Läuft es wie am Schnürchen, werden akribisch alle noch so nebensächlichen Umstände analysiert, die irgendwie mit dem Erfolg in Verbindung stehen könnten. Im Umkehrschluss leitet andauernder Misserfolg ebenso sorgfältige Ermittlungen ein. Mit dem Unterschied, dass nicht hinterfragt wird, wie genau das altbewährte Netz der Rituale aussah, sondern vielmehr wie es auszusehen hat.

Und so bedurfte es vor Spiel Nummer drei der Mission 40, dem zweiten Heimspiel gegen Bremen, eines tiefgehenden Brainstormings. Omen numero uno schien eigentlich schon auszureichen: Im Borussia-Park hatte es noch nie eine Pleite gegen Werder gegeben. Aber der Abergläubige gibt sich hier traditionell längst nicht zufrieden. Denn auf irgendwelche Serien, die vor Jahren begannen, hat er gemeinhin wenig Einfluss gehabt. Es sei denn, und hier beginnt Punkt Nummer zwei, er hat bei vorhergehenden Erfolgen in Form von raffinierten Ritualen mitgewirkt. Das heißt, er muss in seinem Gedächtnis wälzen und sich erinnern, wie das damals war, als es noch wie am Schnürchen lief.

Ein vier Jahre altes, weißes Jever-Trikot, das sich stets mit dem neusten Trikot darüber blicken ließ, hatte letztes Jahr bekanntlich maßgeblichen Anteil am Wiederaufstieg. Erstmals eingesetzt wurde die lange bewährte Glückskombo im zweiten Heimspiel der Saison 2007/2008, nachdem die Partien zuvor allesamt keinen Dreier gebracht hatten. Hieß für das Spiel gegen Bremen, das zweite Heimspiel dieser Spielzeit: Jever-Trikot raus, das neue Heim-Dress im 70er-Look drüber.

Da ganz und gar nichts dem Zufall überlassen wird – Fußball ist zwar keine Mathematik, aber ebenso wenig Spiel 77 oder 6 aus 49 – ist die letzte Schlaufe jenes Netzes der Rituale an dieser Stelle längst noch nicht gehäkelt. Weiter geht’s mit Punkt drei, den kleinen, aber feinen Gewohnheiten. Erstens wird das Stadion durch den dritten oder auch vierten Ticketautomaten von links betreten (beide haben sich bewährt, ganz so eng wird das nun auch wieder nicht gesehen). In den Block selbst geht es durch den Eingang des Nebenblocks. Zweitens, jetzt wird’s kulinarisch, gilt es, jegliche Fisch- und Pizzabuden genauso wie den Stand einer rheinländischen Großbäckerei elegant zu umkurven. Irgendwann hat Oma schließlich wieder Geburtstag, dann bleibt genug Zeit für Streuselkuchen. Der Gaumen verlangt indes nach einer traditionellen Bratwurst mit Senf. Zu guter Letzt, nihilistisch veranlagt ist der Fan bisweilen auch, wird vehement ein Unentschieden oder gar eine Niederlage vorausgesagt, um das Gegenteil eintreten zu lassen.

Fertig ist ein verflochtenes, verworrenes und verwirrtes Netz der Verrücktheiten. Kostprobe gefällig, dass wirklich kein Weg dran vorbeiführt? Im Aufstiegsjahr setzte es genau zwei Heimniederlagen. Gegen Mainz war ich in zivil unterwegs, ohne Doppeltrikot. Gegen Freiburg war mir alles egal, gefressen wurde wie an Thanksgiving. Gegen Stuttgart hatte ich blasphemistisch daran geglaubt, Aberglaube sei Schwachsinn und egal, was ich auch täte, es würde sowieso nichts bewirken. Die Strafe folgte innerhalb von 90 Minuten.

Um halb vier wird tatsächlich angepfiffen und Fußball gespielt. Wobei das Spektakel da unten auf dem Platz längst nur noch für die Galerie stattfindet. Zumindest die Frage nach Sieg, Remis oder Niederlage ist bereits beantwortet worden. Der Borussia-Park ist ausverkauft, nicht nur das Wetter heiß, sondern alle 54.067 Zuschauern im Stadion. Keine Spur mehr von Anfeindungen, wie sie in Mannheim bei Hoffenheim für Aufsehen gesorgt hatten. Sogar Tim Wieses Haare kommen unbesungen davon.

Allein Jos Luhukays Taktik sorgt für Verwirrung. Allem Anschein nach lässt er drei Dreierketten plus Rob Friend im Sturm auflaufen. Nach dem „Mainzer Tannenbaum“ wird das Verzeichnis der Fußballsysteme um das „Empire State Building“ bereichert: gerade und gleichmäßig hoch, mit Spitze drauf.

Nach zwölf Minuten versetzt die 64. Etage des Gladbacher Wolkenkratzers die Masse erstmals in Wallung. Nach einem feinen Pass von Marin aus den unteren Stockwerken taucht Matmour frei vor dem unbesungenen Wiese auf. Der ist gegen den wuchtigen Schuss des Algeriers machtlos. Gladbach führt, der Borussia-Park bebt. Unter meinen Trikots fließt mittlerweile ein reißender Strom voller Schweiß. Doch das ominöse frühe Tor bestärkt mich in meinem Glauben, dass doppelt nunmal besser hält.

Bremen spielt wie wir in den ersten beiden Partien. Wir dagegen treten auf, wie man es eigentlich von Bremen gewohnt ist: Technisch hochwertig, mit blitzschnellen Kombinationen und der nötigen Portion Leidenschaft. Eine knappe Stunde ist vorbei, als Rob Friend zweimal allein aufs Tor zuläuft. Beide Male reckt der Linienrichter seine Fahne in die pralle Mittagssonne. Zweimal hat er Recht, wie mir mein Vater per SMS bestätigt. So sieht er aus, der Stadionfußball anno 2008. Ich habe das Handy noch in der Hand, als die Nordkurve zum zweiten Mal eine emotionale 360°-Drehung vollführt. Wiese wirft Matmour den Ball genau vor die Füße. Den Pass des Algeriers auf die rechte Außenbahn bringt Ndjeng hoch in den Strafraum, wo Friend mit seiner Stirn als erster am Ball ist und die Kirsche zum 2:0 in die Maschen wuchtet.

Langsam wird es unheimlich. Bremen versprüht noch immer den Elan einer rüstigen Rentnertruppe auf der städtischen Bouleanlage in Avignon. Eine erste Halbzeit wie aus dem Bilderbuch geht zu Ende und ich frage mich, ob ich es mit dem Aberglauben nicht fast schon übertrieben habe. So verdammt gut sieht es derzeit aus. Konsterniert schreite ich in der Pause zum Getränkestand – besorgt, dass mir plötzlich ein brennender Dornbusch erscheint oder sich vor mir die Warteschlange teilt.

Nach der Halbzeit lässt die Wirkung von Bremens Narkosemittel stetig nach. Die Schüsse der Norddeutschen fliegen Heimeroth nicht mehr genau in die Arme. Gladbachs Schlussmann muss sich sogar bewegen und gibt dabei erneut eine klasse Figur ab, so dass ich nach einer Stunde mit dem Gedanken spiele, ein Entschuldigungsschreiben an unseren Keeper zu verfassen. Und wenn Heimeroth einen seiner augenscheinlich acht Arme einmal nicht am Ball hat, steht noch immer ein Borusse auf der Linie und klärt die brenzlige Situation.

In Minute 70 vertändelt Bremen wie so oft an diesem Nachmittag den Ball. Baumjohann schnappt sich das Leder und weckt innerhalb der nächsten neun Sekunden Reminiszenzen an einen gewissen Diego Armando Maradona. Siebzig Meter nach der Eroberung schlägt der Schuss des 21-jährigen zum 3:0 ein. Mehrmals war er schon so gut wie weg (sowohl der Ball als auch Baumjohann selbst, schließlich sollte er im Sommer verkauft werden). Am Ende bleibt eine unmissverständliche Bewerbung fürs Tor der Woche/des Monats/des fügen-sie-beliebige-Zeiteinheit-ein. Auf der Anzeigetafel erscheint ein Einspieler, in dem Baumjohann ganz cool einen Schuss versenkt und daraufhin ebenso lässig den Rauch vom Gewehrlauf des Zeigefingers pustet. „Was war das denn?“, fragt Stadionsprecher Knippertz ungläubig. Ich wünschte, ich könnte dem Mann eine brauchbare Antwort geben.

‚Wow, was ein Spiel‘, denke ich mir. ‚Und anders als damals in Liga Zwei, beim ersten Heimsieg gegen Osnabrück, sparen wir uns sogar die nervenaufreibende Schlussphase‘. Sekunden danach segelt ein Eckball in den Gladbacher Strafraum. Nach einer kleinen Runde Dreiband fällt Pizarro der Ball vor die Füße. Der Rückkehrer netzt ein zum 1:3. Noch nicht der Anschlusstreffer, aber an den will ich da gar nicht denken.

Gladbach versäumt es in der Folge, endgültig für die Entscheidung zu sorgen. Luhukay bringt Levels und Coulibaly, die nicht wirklich ins Spiel finden. Eine Minute vor dem Ende bekommt Werder einen Freistoß. Ein entnervter, verwarnter und scheinbar ge-jetlag-ter Diego zeigt zum ersten Mal seine immense Klasse und setzt den Schuss so nah an den Pfosten heran, wie es nur irgendwie geht. Heimeroth hat keine Chance und schon ist sie da, die Zitterpartie, die keiner mehr brauchte.

Die Sekunden verrinnen anschließend im Minutentakt. Drei Minuten gibt es oben drauf. Die Nachspielzeit wird zum Drahtseilakt. Werder drückt unermüdlich. Die Borussia erhöht durch Matmour zwar fast noch auf 4:2. Doch am Ende erscheint die Spielzeit von 90 Minuten für ein Fußballmatch goldrichtig gewählt. Fünf bis zehn Minuten länger und am Ende hätte Gladbach den ersten Punktegewinn anstelle des ersten Dreiers gefeiert. Wobei sich die Feierstimmung dann mit Sicherheit in Luft aufgelöst hätte.

Gladbach schlägt am Ende schwache Bremer mit seinen vereinstypischen Tugenden, mit Kombinationsspiel, Konterfußball, Leidenschaft und keinem Erbarmen bei Patzern des Gegners. Die ersten beiden Saisonspiele hatten beinahe vergessen lassen, dass die Nachfolger einer gewissen Fohlenelf am Ball sind.

Erschöpft falle ich nach La Ola und Humba in den Shuttle-Bus. Der reißende Fluss an Rücken und Beinen hat längst die Ausmaße eines Jahrhunderthochwassers angenommen. Schweiß, Müdigkeit – alles liebend gerne geduldete Umstände ein einem Tag, wie er nicht besser hätte laufen können. Am Ende bleibt neben einer Borussia, die endlich im Oberhaus angekommen ist, vor allen Dingen eines zu vermerken: (Aber-)Glaube kann nicht nur Berge, sondern manchmal sogar Bremer versetzen.

31. August 2008 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | 1 Kommentar

1 Kommentar

  1. Sehr schöner Spielbericht. Danke. “Omen sind die Evangelien des Aberglaubens.”. Hui, wann schreibst du den ersten Roman?

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