Bayer vs. Schalke – Tagebuch des Titelkampfs oder:
Zweiter kann nur Schalke werden (Teil X)

21. April 2010 – 17 Tage bis zum letzten Spieltag

Kerstin hoffte auf sechs Punkte aus zwei Spielen, dann auf sechs aus einem und musste sich letztlich mit drei aus drei begnügen. Lisa lehnt sich weit aus dem Fenster und vergisst, dass ihr Verein auf dem Weg zum Titel noch gehörige Schützenhilfe benötigt – zum Beispiel aus Gladbach.

Von Kerstin B.

Samstag sollte mein 6-Punkte-Tag werden. Vorsicht, jetzt bitte keine vorschnellen Schlüsse. Vor drei Tagen war Stuttgart für mich natürlich noch längst kein Kontrahent um internationale Plätze. Der dritte Platz war doch immer noch in Stein gemeißelt und das komische neue Ausdruck “Europa League” klang irgendwie nach Hoffenheim oder Wolfsburg. Die sechs Punkte hatte ich mir auf zwei Partien aufgeteilt. Wuppertal sollte seinen Aufwärtstrend nach dem Sieg gegen Offenbach auch zu Hause gegen Ingolstadt fortsetzen und Leverkusen sollte dann ganz souverän die anderen drei Pünktchen aus dem Schwabenland nach Hause bringen.

Allerbestes Fußballwetter ließ jegliche Zweifel an dieser Milchmädchenrechnung im Keim ersticken und das Ingolstädter 1:0 hielt ich für einen verspäteten Aprilscherz. Dass dieser fröhliche Optimismus wohl die Folge der stechenden Sonne über dem Stadion war, habe ich dann spätestens nach dem zweiten Ingolstädter Tor gemerkt. Ein wenig schulternzuckend aber mit immer noch hoffnungsvollen trotzigen Worten habe ich dann die ersten 90 Minuten an diesem Tag hinter mich gebracht: „Pff, dann zählt Leverkusens Sieg halt so viel wie 6 Punkte!“

Erst schien ja auch alles wie am Schnürchen zu laufen. Kießlings Tor erreichte mich via SMS noch auf dem Weg aus dem Stadion. Doch Barnettas dämliche gelb-rote Karte und Cacaus Doppelpack befreiten mich ganz plötzlich und vollkommen erbarmungslos von allen Träumereien, die noch irgendwo herumschwirrten. Sind die Jungs jetzt doch zu unerfahren? Ist der Kader doch nicht breit genug? Ist es das übliche Versagen in den letzten Spielen? Alles was in der Hinrunde gelobt wurde, kann jetzt mal wieder überall und von jedermann in Frage gestellt werden. Dass dann auch noch Schalke letztlich so souverän den Sieg einfuhr machte meine Stimmung auch nicht besser. Einzig und allein der Blick nach Hamburg zum wieder mal herrlich strauchelnden Bruno Labbadia bedeutete etwas Genugtuung. Dank den Nordlichtern fällt Max Mustermann und Otto-Normalverbraucher und auch dem gemeinen Bürger beim Stichwort „Rückrundenabsturz“ wohl am ehesten der HSV ein.

Für den Sonntag gab es dann mehrere Varianten: vergraben und alles vergessen, Claudio Pizarro entführen und bis zum Saisonende auf einer einsamen Insel verstecken, oder doch Ablenkung suchen. Ich habe mich dann trotz der äußerst verführerischen zweiten Variante für die Ablenkung entschieden. Und auch wenn es als Wuppertalerin und als Leverkusen-Fan sehr verwerflich ist, bin ich mit anderen leidenden Fußballfans nach Düsseldorf gefahren und habe mir ganz entspannt das 2:0 der Fortuna gegen 1860 angeguckt. Und als ich dann später noch in einer Kneipe mit Alt, Sonne und einem Sieg im Rücken [Anm. d. Red.: Alt im Rücken?] Dortmunds Remis hautnah miterlebte, war ich doch glücklich. Zwar war auch dieser Tag keiner mit 6 Punkten, aber er hat mir doch wieder Hoffnung gegeben, dass ich mich nicht an diese komische Europa League gewöhnen muss.

Von Lisa S.

Bevor ich diesmal mit dem Schreiben meines kleinen Tagebucheintrags begann, musste ich mir über eines klar werden: Ist es moralisch vertretbar, den Unterlegenen in einem Duell die Niederlage hinterher noch richtig unter die Nase zu reiben? Ich habe darüber lange nachgedacht und bin, vor allem unter Berücksichtigung zahlreicher Schmähungen in der vergangenen Woche, zu dem Schluss gekommen, dass es das ist.

Also, lieber Jannik, liebe Bine59, ich muss Euch hiermit mitteilen, dass ihr nicht mehr ward, als ein Gegner wie jeder andere auf unserem Weg zum Meistertitel. Ihr habt ganz nett mitgehalten, für ein bisschen Spannung gesorgt, aber im Endeffekt hattet ihr doch keine Chance gegen die meisterlichen Königsblauen aus Gelsenkirchen. [Anm. d. Red.: Ja aber...]

Hart sowas zu hören, was? Vor allem, wenn man selber im Mittelmaß der Liga feststeckt und der einzige Grund zum Freuen in dieser Saison der relativ früh gesicherte Klassenerhalt war. Man spricht nicht über Gladbach in diesen Tagen. Der Verein geht unter in der Aufzählung der Teams, die dieses Jahr in keinen der spannenden Kämpfe verwickelt sind. [Anm. d. Red.: Es war lange nicht mehr so schön, unterzugehen.] Dabei gibt es doch gerade in dieser Spielzeit davon so viele: den um die Meisterschaft, den um die CL-Plätze, den um die EL-Plätze und natürlich den um den Abstieg.

Über Schalke hingegen spricht die ganze Fußballwelt. Unglaublich, was diese junge Mannschaft geleistet hat, heißt es. Gerätselt wird über die Zukunft von Kevin Kuranyi, sowohl was die Nationalmannschaft, als auch was die Bundesliga angeht. Hitzige Diskussionen löst die Torhüterfrage um Manuel Neuer und René Adler aus. Ausgewiesene und selbsternannte Experten streiten sich über die defensive Spielweise der Knappen, Scouts aus aller Welt streiten sich um die vielversprechenden Talente, die der Magier Magath nach Schalke holte und Bayern und die DFL streiten sich sogar über das königsblaue Geläuf.

Und mittendrin in diesem Trubel stehe ich und genieße einfach nur. Genieße die Aufmerksamkeit und Anerkennung, die meinem Verein endlich wieder zuteil wird. Genieße Traumtore, wie das von Ivan Rakitic am vergangenen Samstag. [Anm. d. Red.: Jens Lehmann sagt, diese neuen Bälle, die flattern aber auch wie Sau.] Und vor allem genieße ich das Kribbeln, das sich langsam breit macht. Denn nun wird es ernst. Noch drei Spieltage liegen vor uns und dann werden wir sehen, wer den längsten Atem hatte und die Meisterschale in den Himmel recken darf.

Dass ich an den großen S04 glaube, ist wohl deutlich geworden. Und alle, die mir jetzt wieder Überheblichkeit vorwerfen wollen, sollen das ruhig tun. Denn mir ist eure Kritik mittlerweile ziemlich egal. Ich weiß ja wir ihr euch fühlt, im Niemandsland der Liga, wenn man sich so sehr wünscht um die Spitzenplätze mitspielen zu können, dass man es sich nicht verkneifen kann wenigstens mitzureden. [Anm. d. Red.: Irgendjemand vergisst hier, dass die Bayern noch einmal verlieren müssen - am besten doch schon nächsten Samstag, oder? Vielleicht sollten wir uns das noch einmal überlegen.]

Also redet euch ruhig euren Frust von der Seele, ob ihr jetzt Gladbach- Leverkusen- oder Dortmund-Fans sein. Ich werde hier einfach sitzenbleiben und weiter genießen. [Anm. d. Red.: Frust? Kerstin? Meint Sie nicht nur Dich?]

Glückauf!

21. April 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Innenrist | Schlagwörter: , , , , , | 1 Kommentar

1 Kommentar

  1. Liebe Lisa S.,

    Es hat zwar nicht zu einem Punkt gereicht, aber der angekündigte
    Kantersieg war es ja wohl auch nicht.
    Aber eins ist mir klar geworden: Schalke Bundesmeister, das geht einfach nicht. Lasst es einfach die Bayern machen, das interessiert eh keinen, man kennt es ja kaum anders.
    Vizekusen hat seinen Titel ja schon festgelegt, wie wäre es denn, wenn ihr euch den ” Meister der Herzen” patentieren lasst?
    Den hattet ihr doch schon mal und passt auch besser zum Malocherimage!

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