Nur Mut, nur Mut

Die Abstinenz hat ein Ende, die Bundesliga ist zurück. Und sofort macht sich Ernüchterung breit. Aber der Blick in die Geschichtsbücher macht Mut. Was bleibt da auch anderes übrig?

Zwei Wochen mit viel zu vielen fußballfreien Tagen haben am Wochenende endlich ein Ende gefunden. Vorbei die Tage, an denen uns allein 100000-Mann-Tauziehen, Kürbiskanu und Solarautorennen mit der täglichen Dosis Sport versorgen mussten (alle drei Sportarten gibt es tatsächlich, heute bei der ZDF-Sportreportage gesehen).

Am Freitag ging es los mit einem weniger schmackhaften Schmankerl – Cottbus empfing Duisburg. Köln, Gladbach, Mainz, Aachen und 1860 werden sich anhand solcher Paarungen aufgrund ihres eigenen Zweitligadaseins die Haare raufen.

Gestern Nachmittag eine Konferenz zum Genießen: Der Absturz des Meisters, Kantersiege, ein haarsträubender Torwartfehler und unterm Strich 25 Tore. Die Bundesliga beweist einmal wieder, dass sie in puncto Fernsehgelder zwar bei weitem das Nachsehen hat, es aber die meisten Tore im internationalen Vergleich zu bejubeln gibt. Doch spätestens am Mittwoch werden wieder endlose Tränen vergossen, weil wir in der Champions League meilenweit hinterher laufen – die Kehrseite der Medaille.

An dieser Stelle könnte ich abschweifen und ein ausführliches Plädoyer über die Schönheit der Bundesliga verfassen. Ich fasse mich aber vergleichsweise kurz.

  • Bei uns rollt vielleicht nicht der Rubel wie auf der Insel, aber wir sind immerhin Krösus bei den Zuschauerzahlen.
  • In Deutschland fliegen im Schnitt nur halb so viele Spieler vom Platz wie in Italien oder Spanien – Pardos Rote Karte war erst die 18. Hinausstellung der Saison.
  • Und: Unsere Bundesliga heißt noch immer Bundesliga. Nicht “Crunchips-Spielklasse” oder “Hamburg-Mannheimer-Versicherungen-Meisterschaft”. Es gibt Leute, denen ist das Fortbestehen des letzten Punktes ein essentielles Anliegen.

    Bei der Beurteilung des Unterhaltungswertes am Sonntag bleibt mir aus gegebenem Anlass nur die Bewertung “unentschieden”. Spielfreudige Karlsruher trennen sich torlos remis von der Schießbude Bielefeld (schon 22 Gegentore). Im Nordderby der grauen Mäuse erzielen Hannover und Wolfsburg vier Tore in einer Hälfte. Die Tore hatte man da doch eher in Karlsruhe auf der Rechnung und den Gurkenkick in der AWD-Arena erwartet. Aber das ist sie eben auch, die Fußball-Bundesliga: Unberechenbar.

    Beim Blick auf die Tabelle juckt es den ein oder anderen inzwischen, vorab ein Glückwunsch-Schreiben nach München zu schicken oder zumindest schon einmal an der exakten Formulierung zu feilen, damit im Mai nur die Briefmarke drauf muss.

    Sechs Punkte Vorsprung, 26 Punkte und jetzt auch noch erfolgreich, ohne geglänzt zu haben. Der Konkurrenz so weit enteilt war ein Verein zum selben Zeitpunkt einer Saison zuletzt 1984 (meine Finger schmerzen übrigens erheblich, weil ich mich in der DFL-Datenbank endlos weit durchklicken musste, um das herauszufinden).
    Und wer war’s vor 23 Jahren? Blöde Frage eigentlich. Damals betrug der Abstand des Zweiten sogar neun Punkte und was Mut macht: Am Ende schaukelten die Bayern das Ding “nur” mit sieben Punkten Vorsprung nach Hause.

    Und weil es gerade so schön ist, führen wir die Mutmacherei einfach weiter und stellen fest: 26 Punkte nach 10 Spielen hatte als letztes Team die Frankfurter Eintracht im Jahre 1993 auf dem Konto. Die stürzten am Ende ab auf Rang 5, Meister wurde die Mannschaft, die am 10.Spieltag Rang 6 belegt hatte – der FC Bayern München.
    Und wer steht heute auf dem sechsten Platz und darf sich somit über den Meistertitel 2008 freuen? Hannover 96. Ok, Geschichte muss sich ja nicht immer wiederholen…

    21. Oktober 2007 von Jannik Sorgatz
    Kategorien: Innenrist | Schreibe einen Kommentar

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