Im Zweiten wird’s wohl besser – 32. Akt: Breitscheid

Gladbach 1:1 Bayern – Nervennahrung, Leidgenossen, ein Autobahnkreuz, ein Stau, acht Kilometer, ein Freudenschrei, zwei Saisonziele in Sicht.

Wäre der Durchschnittspuls der Deutschen eine Etappe der Tour de France, stünde samstags um 15:30 Uhr Alpe d’Huez auf dem Programm. Dabei ist es egal, für welches Team man fährt, das Ziel bleibt dasselbe: der Gipfel. Als einziges Problem erweist es sich, dass da oben nicht Platz für alle ist. Maximal die Hälfte darf sich Sieger nennen, theoretisch noch ein paar mehr dürfen sich zumindest so fühlen. Das macht sie Sache manchmal erträglicher.

Letzten Samstag, TU Dortmund, Newsdesk der Campus-Zeitung pflichtlektüre. Um kurz vor halb vier wird es plötzlich unruhig. Studentenhintern beginnen nervös auf den Stühlen hin und her zu rutschen. Knie wippen. Erste Fingernägel werden einem Belastungstest unterzogen. Vorne referiert Oliver Fritsch, direkter sowie indirekter Freistoßschütze, Hartplatzheld und Zeit-Online-Redakteur, über Amateurfußball in Gelsenkirchen. Es soll ein Portal geschaffen werden, das das allsonntägliche Treiben im Kreis 12 beleuchtet. Wir brainstormen einen Namen, wortspielen uns in einen wahren Rausch. Doch rund eine halbe Stunde vor Seminarende starten fünf Pfiffe in fünf deutschen Bundesligastadien ein aussichtsreiches Ablenkungsmanöver.

Kerstin sitzt vor einem Monitor und hat den Leverkusen-Ticker auf bundesliga.de geöffnet. Kollege Daniel vom Hertha-Blog beobachtet das Treiben der alten Dame aus Berlin. Und ich selbst wandere zwischen dem geöffneten Live-Ticker und Kurznachrichten auf dem Handy, die eine “geile Stimmung” diagnostizieren und behaupten: “Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, es wäre schlecht”. Die eine kämpft also um die Champions League, der andere gegen den Abstieg und die Borussia gegen den FC Bayern. Das sind drei Schicksale, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Doch es ist der Pulsanstieg, der verbindet.

Quadratisch, rot, Marzipan: Nervennahrung vor dem Monitor

Diese Saison hat schon viel Improvisationstalent von mir gefordert: Studentenkneipe gegen Köln, Irish Pub gegen Hannover, Weihnachtsmarkttreiben gegen München, Radio-Leiden gegen Bochum und nun eben ein F5-Tasten-Exzess im Rückspiel gegen die Bayern. So kontinuierlich die letzten Spielzeiten in dieser Hinsicht gewesen sind, so turbulent ist es diesmal. Am 33. Spieltag gegen Hannover wird der Schauplatz noch ein anderer, viel kurioserer sein. Mehr dazu aber nächste Woche.

Bundesliga.de ist so serviceorientiert, dass die F5-Taste sogar weitgehend verschont bleibt. Die Herren tickern im Akkord. Aktualisierungen gibt es automatisch. Und das Vereinslogo offenbart bei jedem Eintrag, welcher Klub gerade etwas Nennenswertes fabriziert hat. Mit einer Hand im Mund und einer an der Nervennahrung – Form: quadratisch, Farbe: rot, Sorte: Marzipan – bliebe ohnehin kaum eine Möglichkeit, selbst die Neuigkeiten abzurufen. Doch als die Tafel weg und eine Hand frei ist, wächst das Misstrauen. Zur Sicherheit drücke ich regelmäßig F5, um wirklich nichts zu verpassen. Als sich die erste Halbzeit dem Ende zuneigt, ist auch das Seminar vorüber.

Anschließend walke ich wie eine Ü50-Truppe zum Auto. Sven Pistor verabschiedet sich gerade in die Halbzeit. Es ist 16:17 Uhr. Vor mir liegen 84 Kilometer Heimfahrt. Google Maps veranschlagt dafür 56 Minuten, mit sanftem Druck im rechten Fuß müsste sich der Countdown um ein paar Minuten drücken lassen. Ich sehe mich bereits im Sessel vor dem Fernseher sitzen, ein freudiges Lächeln im Gesicht und eine Führung kurz vor Schluss im Rücken.

Im Dreieck Essen-Ost geht es von der A40 auf die A52. Die Stauschau hat keine Zahlen genannt, die mich sonderlich jucken müssten. A1, A2, A61 – alles nicht mein Problem. Das Ziel vor Augen nimmt deshalb deutliche Konturen an. Doch plötzlich sehe ich gelbe Lichter vor mir. Paarweise blinken sie in die Nachmittagssonne, um zu signalisieren: “Vorsicht! Hier geht gerade nichts.” Für mich bedeutet es so viel wie “Vergiss das mit dem Fernseher!”. Nach zehn Minuten im ersten Gang, die Bundesliga-Schlusskonferenz wird bald beginnen, schickt WDR2 die Staumeldung durch den Äther. Acht Kilometer zwischen Essen-Rüttenscheid und dem Kreuz Breitscheid, Ortskundige sollen den Bereich umfahren – es ist selten ein gutes Zeichen, wenn ein Stau nicht in der Stadt endet, in der er auch beginnt.

Freudenschrei im Schritttempo

Breitscheid dürfte auf der Bekanntheitsskala im Westen der Republik schon bald nach dem Kamener Kreuz kommen, Kaiserberg noch hinter sich lassen und auf der Beliebheitsskala sehr weit unten rangieren. Während der Verkehr langsam völlig zum Erliegen kommt, ertönt im Radio ein enthusiastischer Schrei. Der Reporter in Berlin redet jedoch unverdrossen weiter. Ich bin mir schon sicher, dass innere Unruhe und pralle Sonne mein Hirn auf Stand-by gestellt haben, als die Verursacherin des Aufruhrs zu Wort kommen darf. Sabine Töpperwien ist nach 60 Spielminuten auf einmal meine beste Freundin. Marco Reus hat zum 1:0 getroffen, scheinbar ziemlich ansehnlich – und ich bin in einem ellenlangen Stau schlagartig der einzige, der sich lauthals freut (wer als Borusse mit mir zwischen Essen und Breitscheid gestanden hat, darf sich gerne dazuzählen).

Sofort klingelt das Telefon, Nils ist dran. Im Hintergrund döppt die Nordkurve vor sich hin. Eigentlich gibt es aber gar keinen Vordergrund, weil ich außer den Klängen der Tormelodie kein Wort verstehe. Zeitgleich vibriert auch in der evangelischen Kirche von Anrath ein Handy. Meine Mutter sitzt im Konfirmations-Gottesdienst meiner Cousine und umklammert vehement ihre Handtasche, damit der Pfarrer zwischen Predigt und Abendmahl nicht gestört wird. Die Kirche hat es ja sowieso nicht leicht Zuhause dürfte mein Bruder ausgelassen durchs Wohnzimmer hüpfen. Er hatte sich erfolgreich gegen den Gottesdienst gewehrt und darauf bestanden, dass er als Kompromiss für den Nicht-Stadionbesuch wenigstens Sky gucken darf. Schließlich sei er, anders als meine Cousine, ja schon lange konfirmiert. Vier Rauten im Herzen, vier verschiedene Geschichten, geteilte Freude.

Meister 2010? Vorzugsweise niemand!

Um kurz vor fünf nehme ich Abschied von dem Gedanken, an diesem Tag noch irgendwelche Live-Bilder zu Gesicht zu bekommen. Noch ist nicht einmal die Ruhrtalbrücke in Sicht. Acht Kilometer im Schritttempo sind lang, 90 Spielminuten dagegen mächtig kurz. Zudem trübt Sabine Töpperwien meine, den Umständen entsprechend, ziemlich gute Laune. Miro Klose hat zum 1:1 getroffen. ‘Wohl verdient’, denke ich mir und habe all die FCB-Logos vor Augen, die in Hälfte eins im Live-Ticker erschienen waren. Doch mit dem Remis würde ich gut leben können.

Kurz vor dem Ende, die Ruhrtalbrücke liegt mittlerweile hinter mir, trifft Westermann für Schalke zum 1:0. Ich kann mich revanchieren und Nils eine SMS schreiben, bevor das Tor auf der Anzeigetafel im Borussia-Park verkündet wird. Doch während ich tippe, erzählt Sabine Töpperwien bereits, dass das Stadion Wind bekommen habe von den Ereignissen in Berlin. Wenig später wird Gladbach zum zweiten Mal an diesem Nachmittag im Kollektivjubel versinken und damit schizophrene Züge offenbaren. Wenn Schalke “nie Deutscher Meister” wird, der FC Bayern gleichzeitig aber auch nicht, dann wird es wohl ein Novum in 47 Jahren Bundesliga brauchen. Wobei ich ganz ehrlich bin: Ich könnte damit leben, die Schale ausnahmsweise ungraviert in einer Vitrine an der Otto-Fleck-Schneise zu lassen. Meister 2010? Vorzugsweise niemand.

Was hat es gut getan, im Vorfeld des Bayern-Spiels immer wieder zu hören, der Rekordmeister könne “nur noch in Gladbach stolpern”, oder das Restprogramm halte noch zwei Spiele gegen Abstiegskandidaten “sowie das Duell mit der Borussia” bereit. Potentieller Stolperstein, kein Fahrstuhlverein im Auge der Betrachter – so lässt es sich aushalten. Auseinandernehmen wie der FC Barcelona einen Kreisligisten kann ich das 1:1 leider nicht. Gesehen habe ich schließlich keine einzige Live-Minute, dafür jede Menge Bremslichter. Am Ende des Staus lag auch das Ende von “Bundesliga live”. Als ich zuhause ankam, lief bereits seit einigen Minuten die Sportschau.

Seit Freitagabend ist die Borussia nun auch offiziell gerettet. Letztendlich war es eine Rettung auf Raten, weil der Glaube schon viel länger da war als die Gewissheit. Jetzt gilt es, in den letzten beiden Spielen zwei Saisonziele zu erreichen. Eines lautet: Die Mission 40 vollenden. Das Zweite: Vor dem 1. FC Köln landen. Letzteres Ziel ist dabei nicht einmal auf die bekannten Animositäten zurückzuführen. Es geht allein darum, sich das abzuholen, was man sich sportlich verdient hat. 41 Punkte und Platz elf kämen dem sehr nahe.

26. April 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , , , , | 4 Kommentare

Kommentare (4)

  1. Meister 2010 – Vorzugsweise niemand! Besser hätte ich´s auch nicht sagen können :-). Du tust mir aber leid – war toll im Park.

    lG aus dem Schönen St.Tönis

    Jameiker

  2. Die Schale ungraviert in der Otto-Fleck-Schneise lassen? Gute Idee! Die Stimmung im Stadion war entsprechend dem Wetter: Einfach nur raketengut, das Tor von Reus: Wunderschön. Eine tolle Leistung der einzig wahren Borussia – und weiter geht’s in Liga 1. Danke, Jannik, für deinen tollen Blog; ich freue mich auf die nächste Saison mit Borussia und “Entscheidend is aufm Platz”.

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