Drei Elfer, ein Untergang

Noch vor ein paar Wochen war der Weihnachtsmann der Sündenbock. Ausgerechnet eine verheerende Pokalpleite in Cottbus, die ein Heimspiel weiterhin vertagt, sorgte jetzt für geglättete Wogen. Zu spät für den Weihnachtsmann.

Bis heute Abend ging ich davon aus, genug fußballerisches Elend gesehen zu haben. Doch so kann man sich täuschen. Es ist mit der Borussia, als ob man sich Heiligabend Jahr für Jahr in froher Erwartung ans Wohnzimmerfenster stellen würde, um einen Blick auf den vorbeifliegenden Weihnachtsmann zu erhaschen. Dann erscheint auf einmal tatsächlich sein Schlitten am Himmel, die Welt ist mit sich im Reinen, das Weinachtsfest gerettet. Doch Sekunden später rauscht ein Meteorit heran und man muss hilflos zusehen, wie 11 Rentiere und der rote Mann mit Bart in einem Feuerball ihr Leben verlieren. Und trotzdem steht man im Jahr danach erneut am Fenster – in froher Erwartung, als sei nichts geschehen.

An Tagen wie diesen – Weihnachtsgeschichte endet hier, wir sind wieder beim Fußball – möchte ich mich stets auf BILD-Niveau begeben, die Elf benoten und pauschal für alle Feldspieler die Note 6 auspacken – die Rute sozusagen. Nur der Torwart kommt mit einer 4 halbwegs ungeschoren davon. Die arme Sau kann bis auf den verschuldeten Elfer ja nichts dafür. Aber im Fall der Borussia wäre das viel zu einfach. Wer sich das Kunststück leistet, mit drei Elfern gegen sich und ohne nennenswerte Torchance in Cottbus mit 0:3 unterzugehen, der hat dieses Quäntchen Aufmerksamkeit, diese Zeilen vielleicht sogar verdient.

Auch wenn Jos Luhukay von dem Elend über 90 Minuten nicht viel gesehen haben will, gänzlich abstreiten kann er es nicht. Zumal sein Deutsch die innere Gemütslage gnadenlos offenbarte. Im Prinzip beherrscht Jos Luhukay die deutsche Sprache perfekt, was als Niederländer nicht gerade eine Kunst ist. Aber selbst die größten Tücken des Satzbaus sind für den Konjugationskönig in der Regel keine Hürden. Anders heute Abend, als der Gladbacher Coach in nahezu jedes sprachliche Fettnäpfchen trat, „kommen“ sagte, wo er „gehen“ meinte und die Sätze verdrehte, wie es nur irgendwie ohne Knoten in der Zunge möglich war. Gefühlschaos gnadenlos offenbart – ich würde es Realitätsverkennung in Tateinheit mit Hilflosigkeit nennen.

Wer den Mut hat, nach einem Spiel ohne Torchance, Biss und Überschreitung der 10-Km/h-Marke im Interview das Wort „Sieg“ in die Redewendung „auf Sieg spielen“ zu packen, dem ist ohnehin alles zuzutrauen. (Übrigens hat Luhukay nicht wortwörtlich gesagt „wir haben auf Sieg gespielt“. Ähnliches konnte ich jedoch dank meines Handwörterbuchs „Luhukay-Deutsch, Deutsch-Luhukay“ interpretieren.)

Gladbach hat kein Problem. Gladbach hat viele Probleme. Vor allen Dingen aber hatte Gladbach Glück, dass der Gegner – ohne despektierlich zu sein – „nur“ Cottbus hieß. Drei Elfertore kriegen viele nicht einmal in einem Elfmeterschießen hin. Doch da hilft der Gegner auch nicht mit. Falls Energie im Training vom Punkt geprobt hat, werden sie sich gewundert haben, dass sich die Extraschichten schon in der regulären Spielzeit bezahlt gemacht haben.

Die Parallelen zum Abstiegsjahr nehmen langsam Überhand. Damals wurde das Pokalaus in Osnabrück zum Charaktertest, den die Borussia verheerend in den Sand setzte. Heute Abend war ebenso Charakter gefragt. Die Testfragen waren diesmal andere, das Resultat dasselbe.

Das Warten auf ein Heimspiel im DFB-Pokal wird also vorerst kein Ende nehmen. Spätestens jetzt leuchtet mir ein, dass daran keineswegs die transparenten Plastikkugeln Schuld sind. Denn „entscheidend is auf’m Platz“. Nicht nur hier.

23. September 2008 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schreibe einen Kommentar

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