Fohlengeflüster (4): Neun Minuten

„Ein Spiel dauert 90 Minuten“. Das ist nicht erst seit der Ära Herberger bekannt. Doch manchmal reduziert sich ein Fußballspiel auf ein paar Minuten, die allein über Gut oder Böse entscheiden und uns trotzdem mit unserem Urteil nach Abpfiff ratlos im Regen stehen lassen.

Gut oder böse? Genau das ist die Frage, die sich nach dem 2:2 der Borussia im Derby gegen den 1.FC Köln stellt. „Gefühlter Sieger“ titelte die Rheinische Post einen Tick zu optimistisch, denn das hieße gleichzeitig, dass der FC als „gefühlter Verlierer“ vom Platz geschlichen wäre – schwer vorzustellen bei einem Punktgewinn in Unterzahl, mit zwei Toren aus zwei Chancen und dem Papst in der Tasche was die Gladbacher Chancenauswertung angeht.

Wer sich während des Spiels in den falschen neun Minuten zum Bierholen begeben hat oder zuhause mit Verdauungsproblemen zu kämpfen hatte, wird die 57. bis 65.Minute nachträglich verfluchen und seine Dauerkarte dem Gras mampfenden Geißbock vorzugsweise zum Fraß vorwerfen. (Der Konsum der Plastikkarte täte dessen Gesundheit gewiss nicht gut und damit wären zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen).
In diesen ominösen neun Minuten war wirklich alles drin, was ein Fußballspiel nur irgendwie interessant machen kann: Vier Tore, ein Platzverweis, jubelnde Fans, die kurz wütend werden und sich Sekunden später schon wieder in den Armen liegen.

Vielleicht sollte man beim Fußball wirklich nicht übers Wetter reden (Béla Réthy bekam unter anderem aus diesem Grund nur 2 von 5 Bällen vom TV-Kritiker der Sport-Bild für seinen Kommentar beim Tschechien-Spiel). Aber der offensichtliche Einzug des Winters mit Temperaturen um den Gefrierpunkt passte zur mauen ersten Halbzeit wie die Faust aufs Auge. Wo war sie geblieben, die Leidenschaft eines Duells von fünf gegen drei Meisterschaften? Wo war sie hin, die Klasse eines Spiels zweier Vereine, deren Etat in der Bundesliga fürs Mittelmaß reichen würde? Das ist zunächst alles andere als erwärmend gewesen.

In Hälfte zwei geht es gleich lebhafter zur Sache. Die Nordkurve singt das beliebte Lied vom brennenden Kölner Dom („Sieben Tage brennt der Kölner Dom…“) bis zur letzten Strophe durch („Und dann gibt es keine Kölner mehr“) und das Stadion kommt gemeinsam mit dem Geschehen auf dem Platz in Wallung. Elf Kölner haben den Brand ihres Wahrzeichens anscheinend überlebt und stellen sich den Gladbacher Angriffsversuchen entgegen.

Nachdem Oliver Neuville einen per Kopf verlängerten Eckball von Marcel Ndjeng dankend ins Tor tippt und den ausverkauften Borussia-Park zum Überlaufen bringt, ist der Herd ganz schnell wieder aus, als Mohamad postwendend den Ausgleich erzielt. Dann werden aus „Elf wackeren Kölnern“ ganz schnell „Zehn kleine Kölnerlein“. Mitreski packt dafür ganz tief in die Trickkiste der Dämlichkeiten. Erst sieht er dunkelgelb fürs Meckern und weil er sich eine Minute lang provokant gegen die Verwarnung wehrt. Anschließend reicht ein nicht gerade brutaler Zupfer gegen Marko Marin, um aus dunkelgelb rot werden zu lassen (die Künstler unter uns wissen, dass das ziemlich schnell gehen kann).

Und damit er seine eigene Dummheit auch wirklich begreift, bekommt er Hunderte Rote Karten vom Publikum entgegengestreckt. Es sind die zweckentfremdeten Kärtchen mit der Aufschrift „Zeig’ Rassismus die Rote Karte“, die jeder Zuschauer vor dem Spiel auf seinem Platz vorgefunden hatte. So kann ein Platzverweis zum politischen Statement werden.
Übrigens sind zu diesem Zeitpunkt erst vier Minuten vergangen seit Neuvilles Führungstor.

Die Gladbacher Fans haben die Rote Karte noch nicht eingepackt und den Traum vom greifbaren Derbysieg in Überzahl nicht ausgedacht, da schießt Ndjeng einen Freistoß in die Kölner Ein-Mann-Mauer. Gladbach spielt in dieser Situation wie beim American Football „Hail Mary“ (auf gut Deutsch: „Alle Mann nach vorn’“), Ndjengs Grätsche kommt zu früh und Patrick Helmes läuft plötzlich alleine auf Heimeroth zu – es steht 1:2.

Hinter mir springt ein Mann mit Gladbach-Schal auf und jubelt – was er schnell bereut. Ein Anderer, dem Aussehen nach zu urteilen Türsteher mit russischen Vorfahren, stürmt auf ihn zu und will dem dreisten Wolf im Schafspelz die Freude schnell wieder vermiesen.
Da kauft sich ein Kölner Fan Karten für die Fankurve und dazu einen Gladbach-Schal? Das nennt man etwas passender einen „Geißbock im Fohlenfell“. Demselben geht es übrigens gut. Die Ordner bewahrten ihn mit beherztem Einsatz vor dem sicheren Abstieg.

Das alles spielt sich ab zwischen der Kölner Führung und dem vorläufigen Schlusspunkt von mitreißenden neun Minuten. Nach einem Freistoß von Ndjeng (der irgendwie den gesamten Abend nichts anderes getrieben hat)landet der Ball vor den Füßen von Filip Daems – erstmal seit Mai 2006 in der Startelf – und der schiebt per Scherenschlag ein zum Ausgleich.

Wer auch immer für dieses verrückte Drehbuch verantwortlich gewesen ist, vergisst anschließend dem Spiel ein Happy End zu verpassen. Gladbach hat zwar über weite Strecken Chancen im Minutentakt, doch irgendwann heißt es auch bei der Elf vom Niederrhein „rien ne va plus“.

2:2 – ist das im innig erwarteten Derby gegen den FC bei „gut“, „böse“ oder irgendwo dazwischen einzuordnen? Nach dieser unglaublichen Siegesserie kommt das Remis eigentlich einer Niederlage gleich, und das auch noch in Überzahl. Aber der Blick auf die Tabelle und die leidenschaftliche Leistung in der zweiten Halbzeit stimmen wieder mehr als positiv. Und somit holen sich die Jungs von Jos Luhukay nach dem Abpfiff verdient den Applaus des Publikums ab und feiern das, was es auf jeden Fall zu feiern gibt: Die Tabellenführung.

24. Oktober 2007 von Jannik Sorgatz
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