Mission 40/6: Hamburg, meine Perle –Gladbach, mein Ruin

Von Perlentauchern, ohnmächtigen Ungarn, und gebeutelten Fans, die weit reisen, viel trinken und jedes Spiel verlieren – 90 Minuten Masochismus in Hamburg.

Verwaist wie eine Ruine liegen die Fenster der Hamburger Herbertstraße im grellen Licht des späten Samstagabends. Man kann erahnen, dass weit gereiste und gebeutelte Fußballfans in der Stadt sind – heiß darauf, auswärts wenigstens abseits des Platzes ein Erfolgserlebnis zu feiern.

Schon am frühen Morgen, um kurz vor acht in Münster, hatte es alles andere als erwartungsfroh durch den Bahnhof geschallt. Das Lied von den Auswärtsdeppen, die weit fahren, viel trinken und am Ende jedes Spiel verlieren. Warum hätte es diesmal auch anders laufen sollen als sonst? Anders als in den acht punkt- und nahezu torlosen Auswärtsspielen zuvor?

„Wetter jut, Stimmung jut, wat will man mehr?“, rettet sich vor der HSH Nordbank Arena ein Leidensgenosse in den Zwangsoptimismus. Sein Hintermann packt kurzerhand die ganze Lebensgeschichte aus, deren aktuellstes Kapitel ein freudiges Oktoberfest auf der Dachterrasse von Karstadt darstellt. Ich komme mir in der Warteschlange vor den Drehkreuzen vor wie ein Titanic-Reisender, der seinen Kindern renitent eine Gute-Nacht-Geschichte vorliest, obwohl der Bug des Schiffes bereits gen Meeresgrund zeigt und das Ende naht.

Doch so kurz vor Spielbeginn bin ich selbst noch gut aufgelegt, als liege der Abgrund im Nebel und könnte niemanden beirren. Mutig wie eh und hecken Nils, Rötten und ich einen Plan aus, den Sascha Rösler zu machen und uns allesamt Glatzen zu rasieren, falls Gladbach heute fünf Tore schießt. (Danke, jetzt aufhören zu lachen.) Dabei hätten wir schon einen einzigen Treffer in die Waagschale legen können – die Wahrscheinlichkeit für dieses Ereignis hätte noch immer im einstelligen Promillebereich gelegen.

Innen gibt Stadionsprecher Lotto King Karl seine Hymne „Hamburg, meine Perle“ zum Besten – ein Lied, dessen Metrum den Anmut und die Geschmeidigkeit eines Stückes Harzer Roller besitzt, eingewickelt in Schmirgelpapier. Erst elf Minuten sind rum, als ich bereits liebend gerne den Perlentaucher machen und in meinem Sitz versinken würde. Paauwe verlängert einen Freistoß in Demichelis-Manier, Petric vollendet per Kopf und schon steht es 1:0 für den HSV.

Luhukays Konzept ist für die Katz‘. Man könnte angesichts seiner antiken Mauertaktik auch unken, seine Konzeptlosigkeit sei enttarnt worden. Hinten agiert die Borussia mit Fünferkette, davor mit zwei weiteren Defensiven. Rob Friend wird als einsamer Leuchtturm im Sturm alleine von Marcel Ndjeng und Karim Matmour unterstützt. Auf der Tribüne wird derweil ein ungarischer Fan notversorgt – die Gladbacher Taktik hatte in ihm böse Erinnerungen an Bern ’54 geweckt und ihn glatt von den Socken gehauen.

Der Kicker notiert 3:2 Chancen für den HSV. Mehr Argumente gefällig, warum fußballerisch kaum mehr zu erwähnen ist, als Hamburgs Führungs- und Siegtreffer? Bitter genug ist es, dass Gladbachs Gegner ebenfalls einen gebrauchten Tag erwischt hat und sich nicht gerade eines Spitzenreiters würdig präsentiert. Doch grottenschlecht ist schließlich immer noch schlechter als schlecht.

In der Halbzeit schwappt eine Schlaf-La Ola durch Block 14C. Erst verabschiedet sich Nils‘ Sitznachbar ins Land der Träume. Dann erwischt es ihn selbst. Kurz darauf zolle auch ich dem unausgewogenen Schlaf- und Wachverhältnis Tribut. Pünktlich zum Anpfiff von Hälfte zwei sind die kollektiven Nickerchen beendet. Wir stellen uns hin, schließlich gehört uns die letzte Reihe. Im Stehen schläft es sich nämlich nicht ganz so gut. Hinter uns wird sich ja niemand beschweren.
Als die Borussia in den ersten zehn Minuten nach der Pause dem Gerücht von den deponierten Tretminen im Hamburger Strafraum noch immer Glauben schenkt, fällt mir auf, dass die HSH Nordbank Arena Selbstmorden nicht unbedingt präventiv entgegentritt. Hinter der kopfhohen Wand, die die letzte Reihe abschließt, geht es sofort in die Tiefe. Keine Ahnung, warum ich das ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt wahrnehme.

In der 56. Minute ereignet sich schließlich Wundersames: Gladbach schießt zum ersten Mal aufs Tor. Coulibaly, der alte Fuchs, hatte erkannt, dass die Tretminen bei Schüssen von außerhalb des Sechzehners ja kein Problem darstellen würden. Weil er nicht weiß, wie es im Tor aussieht, setzt er den Ball vorsichtshalber daneben.

Das Festival des Masochismus aus Gladbacher Sicht nimmt in der Folge einen besseren, man ist geneigt zu sagen, weniger schlechten Lauf. Luhukay bringt Marin ins Spiel. Nach wenigen Minuten hat der Youngster bereits für mehr Alarm gesorgt, als es seine Vorarbeiter in der Offensive innerhalb der nächsten sechzehn Jahre geschafft hätten. Sein Schuss/Heber auf die Latte bleibt lange Zeit die beste Gelegenheit der Borussia. Desweiteren präsentiert sich Marin auf der „Zehn“ als genialer Ballverteiler, dem allein die kongenialen Partner fehlen.

Nach der unfreiwilligen Einwechslung von Coulibaly nach Matmours K.o. in der zehnten Minute und Marins Hereinnahme nach einer Stunde, bewahrt sich Luhukay die letzte Wechselmöglichkeit verdammt lange auf. Fünf Minuten vor dem Ende kommt schließlich Neuville für Callsen-Bracker. Der HSV kommt angesichts dieser wahren Angriffswelle zwar nicht ernsthaft ins Wanken. Dennoch hat Friend den Ausgleich in der 89. auf dem Kopf. Allein seine Rückenlage steht dem unverhofften Erfolgserlebnis im Weg.

Im Laufe der zweiten Hälfte hatte ich meine Kamera bei jeder aussichtsreichen Standardsituation im Anschlag – ungefähr dreimal also. Die Hoffnung, ein Video mit dem Seltenheitscharakter einer Aufnahme vom Yeti zu bekommen, zahlt sich jedoch nicht aus. Die Drehbuchänderung wird vertagt. Das dritte 0:1 der Saison ist unter Dach und Fach. Die rote Laterne in Gladbacher Hand.

Nach dem vernichtenden 1:5 in Hannover wurde der alte Spruch bemüht, dass man lieber einmal fünf Dinger kassiert als fünfmal 0:1 verliert. Derzeit sieht es aus, als wolle die Borussia beides fertig bringen. Zum Glück kommt jetzt der FC zum rheinischen Derby in den Borussia-Park: „Hopp oder top“ ist da noch eklatant untertrieben.

01. Oktober 2008 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schreibe einen Kommentar

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