Im Zweiten wird’s wohl besser – 34. Akt: Olli

Gladbach 1:1 Leverkusen – die Morten-Debatte, drei Abschiede, Präsent mit Wirkung, Party mit Punkten, Arangos Serien, Tränen in den Augen, kein “H”.

Nach einer guten Stunde ist das Rätsel gelöst. Oder doch nicht? Ist der Fußballer auf dem Trinkbecher, etwas verpixelt von unzähligen Besuchen in der Spülmaschine, etwa doch nicht Morten Pedersen? Fünf Bundesligaspiele hat der Norweger in der Saison 97/98 für die Borussia gemacht. Vier davon hat sie verloren, dabei kein Tor erzielt – kein Wunder, dass Pedersen nach nur einem Jahr wieder in Richtung Norwegen aufgebrochen ist. Immerhin einen Trinkbecker haben sie ihm jedoch vor jener Saison gewidmet. Und genau dieser Trinkbecher bietet eine Stunde lang Diskussionsstoff bei der traditionsreichen Grillrunde vor dem letzten Spieltag, die Nils zum nunmehr ersten Mal ins Leben gerufen hat.

Um den Tisch sitzt ein halbes Dutzend mit Raute im Herzen. Der Becher kreist. Alle werfen einen Blick drauf, doch niemand blickt durch, wer da mit Armbändern am Handgelenk lässig einen Ball gegen seine Hüfte drückt und dabei lächelt, als habe er sich 34 Einsätze zum Ziel gesetzt. Das silberne Trikot verrät immerhin die Saison. Zum Glück war das ungute Stück an Hässlichkeit so schwer zu überbieten, dass die Borussia es nicht einmal eine ganze Spielzeit lang trug. Nach umfangreicher Kicker-, Fussballdaten- und Gedächtnisrecherche sowie einer Runde Ausschlussverfahren kann es nur einer sein: Morten Pedersen.

Bereits um 11 Uhr habe ich mit Adiletten an den Füßen und einer Flasche Bier in der Hand am Grill gestanden – welch ein Traum, mag sich jetzt manch einer denken. Nils hatte die Runde in der Nacht noch etwas erweitert, als er entfernte Bekannte einlud und ihnen sogar seine Dauerkarte als Pfand anbot, um sie zu überzeugen: Grillen, bei ihm, ab elf – kein Witz. Somit feiert die Saison 2009/2010 einen würdigen Abschluss. Und würdig ist bekanntlich alles, was es so noch nicht gegeben hat.

Also stehe ich um kurz vor halb zwei mit den Jungs im Zug nach Gladbach und mache mich auf zum letzten Akt, Nummer 34 gegen Bayer Leverkusen. Die Saison ist so schnell vorbeigeflogen, dass ich unter dem grauen Niederrhein-Himmel am Stadion das Gefühl habe, Karneval sei gerade vorbei – ein Indiz dafür, dass es weitgehend sorglos zuging im zweiten Jahr nach dem Wiederaufstieg. Ich treffe Kerstin, bei der es am Ende so wenig sorglos zuging, dass mit den Meisterträumen auch ihre Tagebuchschreiberei frühzeitig ad acta gelegt werden konnte. Zehn Euro haben wir in die Waagschale gelegt. Bei einem Unentschieden würden wir uns gegenseitig feierlich einen Fünf-Euro-Schein übergeben.

Der letzte Spieltag ist auch ein Tag des Abschieds. Thomas Kleine macht sich auf in Richtung Fürth. Nach 30 Einsätzen in zweieinhalb Jahren, davon nur neun von Beginn an, steht der 32-Jährige nicht als jemand da, der die Gladbacher Vereinsgeschichte nachhaltig geprägt hat. Was er sich höchstens auf die Fahnen schreiben kann, ist die Gewissheit, dass er da war, wenn er da sein musste – und vermutlich da gewesen wäre, wenn er häufiger gebraucht worden wäre. Lob im Konjunktiv eben. Moses Lamidi dagegen hat den Sprung zu den Profis schlichtweg nicht geschafft. Sinnbildlich dafür steht sein Abgang – der 22-Jährige steckt im Stau, als den Abgängen der obligatorische Blumenstrauß in die Hand gedrückt wird. Wer will, der fährt zu diesem Anlass eben nicht im ersten Gang.

Etwas prägender dagegen war die Zeit von Roberto Colautti bei der Borussia. Häufig verletzt, selten treffsicher, mit Hang zum Phantomfußball – das traf zwar meist zu auf den Israeli in seinen drei Gladbacher Jahren. Ein einziger Treffer jedoch hat ihm genügt, um sich in den Geschichtsbüchern zu verewigen. YouTube spricht Bände. Gibt man im Suchfenster nämlich „Roberto Colau“ ein, erhält man nur einen weiteren Vorschlag: Den Namen des 27-Jährigen plus das Stichwort „Schalke“. Mit seinem Treffer zum 1:0 am 31. Spieltag der letzten Saison schoss er die Borussia auf einen Nichtabstiegsplatz. Der Anfang der Rettung. Nach einem langen Pass von Tomas Galasek war es damals, Muttertag 2009, übrigens Oliver Neuville, der den Ball zu Colautti durchsteckte – „mustergültig“ steht dazu im Fußball-Duden. Auch für ihn ist dieses Spiel gegen Leverkusen der letzte Auftritt mit der Raute auf der Brust. Ein Abschied, der diesen Tag noch prägen soll.

Fast drei Monate ohne Stadionbesuch sind eine lange Zeit. Bei der „Elf vom Niederrhein“ hat es kurz vor Spielbeginn den Anschein, jeder klatsche siebenmal so schnell wie sonst, um die wegfallende Anfeuerung bis zum Freundschaftsspiel gegen den FC Liverpool zu kompensieren. Dementsprechend laut hallt die rockigste Vereinshymne der Bundesliga durch den Borussia-Park. Nun sind Begriffe wie „Emotionen“ und „Gänsehaut“ seit einigen Jahren von einer hartnäckigen Inflation befallen. Wenn die „Elf vom Niederrhein“ aus den Boxen hallt, „Samstags middachs“, dann stehen einem die Nackenhaare zu Berge, der Blick wird glasig und das Klatschen etwas unrhythmisch. Das wiederum auch inflationär.

Mit zwei ernsthaften Zielen geht es in den letzten Spieltag. Die „Mission 40“, vor einem Jahr nicht annähernd zu Ende gebracht, könnte mit Verspätung endlich erreicht werden. Außerdem ist der zwölfte Tabellenplatz noch möglich. Wobei der Sprung um einen Rang nach vorne gleich eine zweite Fliege erledigen würde: Den 1. FC Köln hinter sich zu haben, ist dem Niederrheiner gemeinhin so wichtig wie günstiger Kaffee in Holland. Bis auf Patrick Hermann schickt Michael Frontzeck dazu genau die Elf auf den Platz, die die meisten Spiele dieser Saison absolviert hat. Sechs Mann umfasst der „Club der 30er“ diesmal. Gemeint ist nicht das Alter, sondern die Anzahl der Einsätze. So viel Kontiunität gab es beim VfL in der Bundesliga zuletzt vor zwölf Jahren.

Über weite Strecken plätschert die erste Hälfte dahin, als hätten beiden Trainer ihre Mannschaften bereits auf Sommer-Modus gestellt. Nach dem Debakel von Hannover, wo man ihr nicht einmal bescheinigen könnten, dass sie anwesend war, zeigt die Borussia diesmal wenigstens, dass sie nicht so richtig will. Folgerichtig fällt zehn Minuten vor der Pause das 0:1. Marx wird seinem Namen so gar nicht gerecht und leistet sich einen Fehlpass der Marke „kapital“. Den Schuss von Kroos kann Bailly nur abklatschen, wird dabei weder seinem Namen noch seinem Talent noch den Lorbeeren der letzten Saison gerecht. Helmes staubt ab – überraschenderweise nicht sein erster Saisontreffer.

Da solch ein 34. Spieltag ja auch irgendwie als Abbild seiner 33 Vorgänger fungieren soll, geht es mit Trübsal und Pfiffen in die Pause. Falls jede Periode der Saison in dieses Spiel passen muss, stehen die Minuten 34 bis 45 für die Spieltage fünf bis neun. Wobei ein Kopfball von Dante aus der 36. dann stellvertretend für das 2:4 gegen Hoffenheim steht: Im Ansatz sehr gut, sehr aussichtsreich, aber letzten Endes mit dürftigem Resultat.

Und weil die Suche nach Analogien gerade so munter voranschreitet, setzt Dante kurz nach der Pause zum Versuch an, der Saison einen würdigen Rahmen zu verpassen – im wahrsten Sinne des Wortes. Mit einem beherzten Zupfer hält er Helmes von einer Großchance ab. Dafür bleibt ihm die rote Karte erspart (zu Unrecht), die er am ersten Spieltag gegen Bochum gesehen hatte (zu Unrecht). Das Präsent für Schiri Lutz Wagner in seiner letzten Bundesligapartie hat seine Wirkung nicht verfehlt.

Es läuft die 54. Minute, als der Kick vor ausverkauftem Haus plötzlich eine Bestimmung erhält. Co-Trainer Manfred Stefes setzt zu einem seiner letzten Sprints der Spielzeit an. Der Weg ist in der Regel gut 60 Meter weit. Ein beherzter Fingerzeig von der Eckfahne und schon macht sich einer der potentiellen Joker auf den Weg zur Bank. Als sich diesmal der kleinste der sechs Wartenden in Bewegung setzt, wird es dem Borussia-Park schlagartig warm ums Herz. Stehende Ovationen für einen Spieler, der lediglich sein Aufwärmprogramm abbricht und sich bereit macht für den Einsatz, dürfte es selten geben. Oliver Neuville hat sie sich verdient. Sechs Profijahre in Folge beim VfL: Für Spätberufene der 110-jährigen Vereinsgeschichte, wie beispielsweise mich, ist das eine ordentliche Hausnummer.

Doch bevor das Stadion zu letzten Mal das „i“ in Neuville bis zur Unendlichkeit langzieht (und noch viel weiter), sind die Augen auf Juan Arango gerichtet. Der Venezolaner, bester Vorlagengeber der Saison, hat es fertig gebracht, 23-mal mit vier gelben Karten auf dem Konto aufzulaufen und 28 Spiele in Folge ohne eigenen Treffer zu bleiben. Beides ändert sich nicht, als er den Freistoß von halblinks in den Strafraum bringt. Dafür bekommt Gladbach einen zweiten Top-Torjäger: Roel Brouwers erteilt Stefan Kießling eine Lehrsekunde in Sachen Torriecher und trifft zum 1:1. Acht Mal hat außer ihm nur Marco Reus getroffen. Sensationell.

Dass der Ausgleich durch Brouwers der letzte Saisontreffer des VfL bleibt, kann Reus eine Viertelstunde vor dem Ende persönlich verhindern. Der eingewechselte Friend bedient Oliver Neuville, dem es gegen Reinartz an Gerd-Müller-Qualitäten mangelt. Dafür sieht er einen seiner legitimen Nachfolger – auch als Borusse in der Nationalmannschaft. Doch Reus setzt den Ball in Rückenlage über das Tor. Die Leichten sind nicht seine gewesen in dieser Saison. Vier Minuten zuvor jedoch halten 54 000 richtig den Atem an. Auf links zieht Arango in Richtung Grundlinie, spielt im richtigen Moment den Querpass. Doch in der Mitte ist Neuville entweder einen Schritt zu spät oder der Ball einen zu früh.

Zum Schluss verkommt der Samstagnachmittag zur Party mit Punktspielcharakter. Während Leverkusen nichts aus seinen Chancen macht, zieht eine Polonaise aus dem Block 1900 durch die Nordkurve. Dass weder 40 Punkte noch eine Platzierung vor dem FC am Ende rausspringen werden, ist letztlich egal. Doch dann regt sich etwas auf der Anzeigetafel. Das Frankenstadion kommt ins Bild und mit ihm eine Eins auf der richtigen Seite. Der „Club“ führt, Gladbach ist vorbei an Köln – und das völlig verdient mit gleich sechs Spielern, die häufiger als Lukas Podolski getroffen haben.

Bald darauf ist es vorbei. Lutz Wagner beendet mit seinem Schlusspfiff die Saison und gleichzeitig zwei Bundesligakarrieren – seine eigene sowie die von Oliver Neuville. Die allgemeine Heiterkeit eines Stadions, das sich fühlen darf wie eine Mutter am 23. Dezember, wenn alle Weihnachtseinkäufe erledigt sind, nutzt Schiri Wagner für eine einmalige Ehrenrunde. Für die ganz großen Emotionen ist es jedoch direkt danach an der Zeit. Oliver Neuville verabschiedet sich und plötzlich wird mir klar, dass es demnächst niemanden mehr geben wird, dessen Name sich in dieser unnachahmlichen Weise singen lässt: „Oliver Neuville, Oliver Neuville, Olli, Olli, Oliver Neuville.“

„Hinsetzen!“ Die Humba will der 37-Jährige, noch mit Tränen in den Augen, kurzerhand mit einem „U“ beginnen. „Nä, Moment. Hab’ ich falsch gesagt“, bemerkt er sofort seinen Fehler. Vor dem für Schweizer, zumindest für die francophonen, traditionell schwierigen „H“ will sich einer wie Neuville nicht drücken. Nach dem „B“ ist kurz Pause, bevor Gladbachs 27 eine paar Grüße den Rhein hoch sendet: „Gib’ mir ein ‚Scheiß FC Köln‘“ – schon häufiger ein Fall für den Ermittlungsausschuss gewesen. Doch Kasey Keller ist nach seinem legendären Abschied 2007 ebenfalls ungeschoren davon gekommen.

Für Oliver Neuville ist es also das Ende nach sechs Jahren Borussia-Park. Bereits 2007 gingen die letzten von Bord, die das Stadion an seiner Seite eröffnet haben. Keiner hat öfter dort getroffen als Neuville, keiner mehr Spiele absolviert. Deutschlandweit unsterblich gemacht hat ihn jedoch erst der 14. Juni 2006, als er in der Nachspielzeit des WM-Spiels gegen Polen in eine Flanke von David Odonkor rutschte und das Land im Kollektiv in Ekstase versetzte wie vielleicht kein anderer Moment der Nachkriegsgeschichte (nicht in dieser Konzentration, nicht mit dieser Reichweite und dieser Schnelligkeit). Jeder weiß, wie er das „Polen-Tor“ gefeiert hat, das mittlerweile als Synonyme für späte, wichtige und viel bejubelte Tore dient.

All das wird bleiben. Genau wie die Erinnerungen an eine Saison, in der sich eine Hoffnung aus dem August am Ende bewahrheitet hat: Denn im Zweiten wurd’ es wirklich besser.

Eine Zusammenfassung der Saison 2009/2010 mit den besten Momenten gibt es noch im Laufe der Woche. Also: Augen offen halten.

10. Mai 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , , , | 5 Kommentare

Kommentare (5)

  1. Ja, schööööön wars und ein toller Abschied für Olli, der es in meinen Augen verdient hat wie kein anderer. Ich war froh, dass ich im Stadion war. Gar nicht auszudenken, wenn Olli noch das Tor gemacht hätte. Ich glaube, dann müsste jetzt der Borussia-Park neu aufgebaut werden (der wäre dann nämlich explodiert). Und danke, Jannik, für deine immer wieder schönen Blogs. Ein Grund mehr, sich auf die nächste Saison zu freuen.

  2. Moin Jannik,

    auch von mir einmal ein dickes Danke-Schön für Deinen fantastischen Blog, der für mich neben “Zeiglers wunderbarer Welt des Fussballs” zum Pflichtprogramm der Spieltags-Nachbereitung gehört.

    Grüße aus Koblenz,

    Duskstrider

  3. Es macht immer wieder Spaß, deine launigen Beiträge zu lesen und vielleicht schaffen wir im 3. Anlauf ja endlich die Mission ;)

  4. Tja, wer macht auch schon Humbas. :-D

  5. @Mahqz: Leute, die sich fragen, was eine Choreografie soll, die sich wie ein Seufzer anhört. Uffta.

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