Im Zweiten wird’s wohl besser: Saisonrückblick – Die Hinrunde der Borussia

Im Prinzip ist es ganz einfach, das Wechselbad einer Saison in Worte zu fassen. Man blickt einfach zurück und sieht sich an, was man im Laufe von 34 Spieltagen nicht alles in die Tasten gehauen hat. Dabei offenbart sich ebenso Hanebüchenes wie hellseherische Fähigkeiten. Heute im ersten Teil des Saisonrückblicks: die Hinrunde der Borussia im Schnelldurchlauf.

1. Spieltag: VfL Bochum 3:3 Gladbach

„Das erste Saisonspiel ist immer wie Skifahren. Man schnallt sich nach langer Zeit wieder die Bretter unter und merkt: Ich kann es noch – und es ist immer noch geil.“

„Ich hatte mich auf einen Sonntagnachmittag mit langsamer Heranführung an die neue Saison eingestellt. Auf einen Hauch von Sommerfußball unter Wolken vielleicht. Mit viel Glück auf ein relativ anschauliches 1:1 (wobei ich entgegen dieser Erwartungen einen 2:4-Auswärtssieg auf meinem Tippschein eingetragen hatte).“

2. Spieltag: Gladbach 2:1 Hertha BSC Berlin

„Das letzte Wort des Spiels hat Arango. Sein zweiter Lattentreffer, ein Schlenzer mit der Wucht eines Hammers, setzt den Schlusspunkt unter eine Partie mit viermal Aluminium, drei Toren, zwei engagierten Mannschaften, jedoch nur einem Sieger. Jener Sieger darf sich nach dem besten Saisonstart seit 2003 im Fernsehen nun schon ‘Liga-Attraktion’ taufen lassen.“

3. Spieltag: Werder Bremen 3:0 Gladbach

„’Und zum Schluss möchte ich noch meiner Mutter danken’ – wäre der Sonntag eine Award-Verleihung gewesen, hätte ich mich wohl so für den Hauptpreis bedankt. Denn der 50. Geburtstag meiner Mutter und die dazugehörige Feier haben definitiv den Tag gerettet. Kein Fußball, keine einzige Live-Minute – selten war ich so dankbar, ein Gladbach-Spiel nicht sehen zu können (‘zu müssen’ trifft es in diesem Fall wohl besser).“

4. Spieltag: Gladbach 2:0 FSV Mainz 05

„Marco Reus erobert in der eigenen Hälfte den Ball, ist mit der Kugel schneller als Gegenspieler Hyka ohne. Die Mainzer Hintermannschaft steht Spalier, eigentlich will Reus auf Colautti spielen, doch der hat scheinbar keine Zeit. Also denkt sich der angebliche Marin-Klon (optisch): ‘Wo ich schonmal hier bin, kann ich es ja auch gleich selber machen.’ Sein 2:0 lässt die Geschichte mit dem Marin-Klon schon um einiges glaubhafter erscheinen (fußballerisch). Doch wer wird gerne in eine Schublade mit Zaubermäusen gesteckt, die sich für und mit Pattex an die Decke kleben lassen?“

5. Spieltag: 1. FC Nürnberg 1:0 Gladbach

„Ebenso gewöhnungsbedürftig war die Hilflosigkeit vor dem Fernseher. Sieben der letzten neun Pflichtspiele hatte ich im Stadion gesehen, von den anderen beiden gar nichts mitbekommen. Zuhause auf dem Sofa habe ich nun sieben der letzten acht Spiele verloren. Im Stadion ist es fast umgekehrt: Sieben Spiele, vier Siege, zwei Unentschieden, eine Niederlage, 14 Punkte. Spenden oder Eintrittskarten für die nächsten Auswärtsspiele sind willkommen.“

6. Spieltag: Gladbach 2:4 1899 Hoffenheim

„Am Anfang einer Saison können zwei Pleiten in Folge rasant dafür sorgen, dass der Punkteschnitt von Europacup-Niveau in U40-Punkte-Sphären abrutscht. Der ‘Trend’ ist momentan nicht Borussias ‘Friend’. Vor der Tür stehen die ‘Burg’-Wochen mit Spielen gegen Duisburg, Freiburg, Wolfsburg und Hamburg. Alleine gegen Dortmund und Köln wird es nicht architektonisch-mittelalterlich. Am Samstag reichten fünf Minuten für einen schnellen aber schmerzhaften Tod aller Drei-Punkte-Träume.“

7. Spieltag: SC Freiburg 3:0 Gladbach

„Beruhigend ist es dennoch, dass die Borussia weiterhin auf Platz zwölf steht und – wenn man die Summe aller Eindrücke dieser Saison durch 7 teilt – nicht gerade den krisenverdächtigsten Eindruck in der Bundesliga macht. Es schwebte mir vor, die dreizehnt- oder zwölftstärkste Mannschaft zu werden. Derzeit läuft es wohl auf die siebt- oder sechstschlechteste hinaus.“

8. Spieltag: Gladbach 0:1 Borussia Dortmund

„Nach dem Abpfiff fehlt der Borussia diesmal sogar die Entschlossenheit, um möglichst unerkannt in der Kabine zu verschwinden. Tobias Levels stellt sich als Erster. Immer wieder ein Moment wie im alten Rom, verbunden mit der Frage: Geht der Daumen hoch oder runter? Der Kapitän bekommt Applaus. Dann hallt bis zum letzten Kandidaten ein Pfeifkonzert durchs Stadion – der Kandidat heißt Logan Bailly, diesmal nicht im Rasen vergraben, sondern aufrichtig mit Kulturtasche unter dem Arm.“

9. Spieltag: VfL Wolfsburg 2:1 Gladbach

„Auf dem Weg vom Niederrhein zurück in die Wahlheimat Ruhrgebiet kam ich sogar mit ein paar Gewinnern des Spieltages in Kontakt. Zwei Haken hatte die Sache jedoch: Sie trugen Trikots der existenten, aber keineswegs einzig wahren Borussia – und machten das Zugabteil für ein paar Minuten zu einem Rockkonzert in einer finnischen Sauna.“

10. Spieltag: Gladbach 0:0 1. FC Köln

„Der schönste Moment des Tages ist demnach ein fiktiver: Völlig glückselig sehe ich mich über den Boden der Wohnheimkneipe rollen, den Wirt herzen und der gesamten Uni eine Runde spendieren. Während andere Fans andauernd in realita erleben, wie schön ihr Dasein als Anhänger eines bestimmen Vereins sein kann, werde ich dank Gladbach immer wieder zum Science-Fiction-Freak. Am Ende kann ich mit Fug und Recht behaupten, maximal wenig verpasst zu haben.“

11. Spieltag: Hamburger SV 2:3 Gladbach

„Arango flankt erneut, Friend nimmt glänzend mit der Brust an. Dann schwingt er seinen rechten Fuß wie einen Putter an Loch 18 nach vorne. Rost ist beeindruckt. In meinem Kopf beginnen alle Kontrolllampen zu leuchten. Fehlermeldung 023 skandiert schon ‘Auswärtssieg! Auswärtssieg!’. Was danach kommt, erinnert an Schalke und Cottbus im Mai, nur ohne Existenzangst. Stattdessen wird der Block zum Bällebad bei McDonald’s. Rötten hat Gott sei Dank seit sechs Minuten schon kein Bier mehr in der Hand. Das Jubelprogramm fällt so intensiv aus, dass Nils’ Jacke nicht nur wieder trocken wird, sondern von Brandflecken überzogen sein dürfte. ‘Jaaaaaaaa! Jaaaaaaa! Jaaaaaa!’, mobilisiere ich alle Vokale in 400 Kilometern Umgebung.“

12. Spieltag: Gladbach 0:0 VfB Stuttgart

„Doch paradoxerweise macht ja genau das den großen Reiz des Fußballs aus. Man investiert fünf Stunden seines Lebens, freut sich tagelang auf ein Spiel, fährt am Ende schweißgebadet und völlig aufgewühlt nach Hause – obwohl letztendlich rein gar nichts passiert ist. Auf ein 0:0 hätte man sich schließlich bereits im Vorfeld einigen können. Weniger Ausstoß von Treibhausgasen durch den VfB-Bus. Größere Lebenserwartung. Kein Müll auf den Straßen. Aber das wollen wir nicht. Wir wollen leiden, zur Not auch für nichts.“

13. Spieltag: Eintracht Frankfurt 1:2 Gladbach

„Nach 13 Jahren siegt die Borussia wieder zweimal hintereinander auswärts. Bekanntlich schreibt man Zahlen nur bis zur Zahl zwölf Buchstabe für Buchstabe aus. Dass das bei der Spanne zwischen 1996 und heute schon nicht mehr angebracht ist, zeigt bestens, wie lange 1996 eigentlich her ist.“

14. Spieltag: Gladbach 1:0 Schalke 04

„Fußball kann manchmal so ironisch sein, fast schon zynisch. Wie ein Sammelband mit Hans-Meyer-Zitaten. Gefühlte 700 Torchancen gegen Stuttgart, Anrennen über die gesamte Spieldauer, kein Tor am Ende. Gegen Schalke dagegen war der Weg zum Glück nur fünf Minuten lang – in Zeit gemessen. Langenmäßig lag die Strecke bei circa fünfzig Metern in Richtung Süden, einem kurzen Abstecher Richtung Osten, bevor es die restlichen Meter gen Süden ging – hinein ins Tor, zum 1:0. Stadionsprecher ‘Knippi’ meinte es womöglich nicht einmal scherzhaft, als er sich fragte, ob er den Text der Tormusik überhaupt noch kann. Um dann unverdrossen loszudöppen, als hätte es 438 Minuten Torlosigkeit im Borussia-Park nie gegeben.“

15. Spieltag: Bayern München 2:1 Gladbach

„Der Gladbach-Fanclub ’12:0 Dortmund’ hat die unfrohe Kunde wieder mit einem Schrei des Entsetzens zur Kenntnis genommen. Um mich herum haben tatsächlich Leute gejubelt. Von draußen klopft ein Weihnachtsmarktbesucher an die Scheibe und führt mit geballter Faust einen Freudentanz vor der Würstchenbude auf. Alleine in Dortmund Fußball gucken, ein Spiel in München unverdient verlieren und dann auch noch Bayern-Anhänger dabei beobachten müssen, wie sie einen Dusel-Sieg als Rückkehr des ‘Mia san mia’ zelebrieren – Höchststrafen des Fandaseins.“

16. Spieltag: Gladbach 5:3 Hannover 96

„Ein Eigentor – in Ordnung, jedes 38. Tor in dieser Saison war eine peinliche Angelegenheit für den Schützen. Zwei Eigentore – schon eine Leistung. Drei Eigentore – Bundesliga-Rekord, zumindest von derselben Mannschaft. Ein Eigentor von außerhalb des Strafraums – sehenswert. Zwei Eigentore von außerhalb des Strafraums – an für sich schon einzigartig. Drei Eigentore von außerhalb des Strafraums – zu viel für jede Kuhhaut. 43680 Tore sind jetzt in 46 Jahren Bundesliga plus 16 Spieltagen gefallen. Davon waren 826 Eigentore, also so in etwa einer von 53 Treffern. So kommt man schnell zu dem Schluss, dass die Wahrscheinlichkeitsrechnung noch längst nicht reif war für dieses Ereignis.“

17. Spieltag: Bayer Leverkusen 3:2 Gladbach

„Und da ist es auch schon wieder, das Einerseits-Andererseits. Denn einerseits stellen 21 Punkte und Rang 11 rundum zufrieden. Andererseits wäre, mit einem Tick mehr Cleverness, Abgezockheit und Ruhe noch mehr drin gewesen. Und das sogar ohne schwarz-weiß-grüne Brille (objektiv nennt sich das dann wohl). Also hoffen wir auf genauso viele Punkte in der Rückrunde, ein paar mehr schmutzige Siege und dafür ‘Hurra’ nur noch in Dosen, die keine Bauchschmerzen verursachen.“

Nachzulesen per Klick auf “Fohlengeflüster” direkt unter dem Headerbild. Morgen Teil zwei.

13. Mai 2010 von Jannik Sorgatz
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