Im Zweiten wird’s wohl besser: Saisonrückblick – Die Rückrunde der Borussia

Im Prinzip ist es ganz einfach, das Wechselbad einer Saison in Worte zu fassen. Man blickt einfach zurück und sieht sich an, was man im Laufe von 34 Spieltagen nicht alles in die Tasten gehauen hat. Dabei offenbart sich ebenso Hanebüchenes wie hellseherische Fähigkeiten. Heute im zweiten Teil des Saisonrückblicks: die Rückrunde der Borussia im Schnelldurchlauf.

18. Spieltag: Gladbach 1:2 VfL Bochum

„Fazit des Wochenendes: Neben Schnaps wirken intensive Ablenkung und nervliche Anspannung effektiv gegen ‘Hibbeligkeit“. Sabine Töpperwien bringt selbst nach Bad Hersfeld eine Schippe Leben. Hessen sind im Radio zu patriotisch. Und Bochum ist, nach mittlerweile mehr als 12 Jahren ohne Gladbacher Sieg, ein wahrer Angstgegner.“

19. Spieltag: Hertha BSC Berlin 0:0 Gladbach

„Man darf auch durchaus zu spät sein beim Nachschuss, weil entweder der Ball zu schnell von vorne oder der Gegner zu schnell von hinten herangerauscht kommt. Die Toleranz wird jedoch mindestens so schwer strapaziert wie bei einem Betrunkenen, der in die U-Bahn uriniert, wenn für den Nachschuss so viel Zeit bleibt wie für eine ganze Buntwäsche oder eine Fahrt von Frankfurt am Main nach Würzburg (über Landstraße, wohlgemerkt). Und außerdem: Von Juan Arango hätte man erwartet, dass er Elfmeter etwas kreativer verschießt. Manchmal da versagt man selbst beim Versagen.“

20. Spieltag: Gladbach 4:3 Werder Bremen

„Da gegen Bochum beim Stand von 3:0 eine ganze Halbzeit vor der Brust noch viel zu lang war, macht sich nach 18 Minuten mindestens so viel Unbehagen wie Glückseligkeit breit. Vor 32 Jahren beim legendären 12:0 gegen Borussia Dortmund hatten die ‘Fohlen’ fünf Minuten weniger für die ersten drei Treffer benötigt. Ziemlich schwach also, was der VfL gegen völlig desorientierte Bremer zeigt.“

21. Spieltag: FSV Mainz 05 1:0 Gladbach

„Gladbach wie es sinkt und keiner lacht: Ich muss zugeben, dass das anstehende Karnevalswochenende eher die Vorlage für diese Überschrift gegeben hat als die Gladbacher Leistung in Mainz. Denn so apokalyptisch war es beileibe nicht. Womit wir jedoch auch schon beim Hauptkritikpunkt wären: Mal wieder hat die Borussia dominiert, mal wieder hat sie sich Chancen erspielt, für die man beim Mitzählen beinahe auf seine Zehen zurückgreifen muss – mal wieder steht sie mit leeren Händen da.“

22. Spieltag: Gladbach 2:1 1. FC Nürnberg

„Also halten wir einfach fest, dass wir im Grunde sowohl drei Punkte als auch sehenswerte Leistungen wollen. Da der VfL ein Verein ist, der im letzten Jahr nur dem Abstieg entging, weil die anderen ihm mit 31 Punkten einen Bundesliga-Rekord ermöglichen wollten, bleiben wir jedoch völlig un-kölsch. Nämlich bescheiden. Drei Punkte und sehenswerte Leistungen müssen sich innerhalb von 90 Minuten nicht immer überschneiden – solange wir bis zum Saisonende jeweils einen zufriedenstellenden Teil von beidem bekommen.“

23. Spieltag: 1899 Hoffenheim 2:2 Gladbach

„Am Bahnhof Hoffenheim steigen zwölf Leute in die S-Bahn, immerhin die Hälfte outet sich als Stadiongänger. Unser Weg führt zur wohl größten ebenen Fläche des Dorfes: zum Dietmar-Hopp-Stadion. In der Bäckerei Krotz ist das Vorglühen bei Rosinenschnecken und Latte Macchiato bereits in vollem Gange. Maskottchen Hoffi, der leibhaftige Elch, sitzt etwas apathisch im Stuhl daneben und beobachtet das Treiben mit einem Blick wie Veilchendienstag.“

24. Spieltag: Gladbach 1:1 SC Freiburg

„Gladbach war Elfter der Hinrunde, steht in der Rückrundentabelle auf Rang zehn – und ist insgesamt dennoch nur Zwölfter. Gerade hat die Borussia drei Spiele in Folge nicht verloren, gleichzeitig jedoch zwei Dreier hintereinander liegen gelassen. Vorne trifft sie am achthäufigsten, bekommt hinten die sechstmeisten Tore. Logisch, dass auch das Torverhältnis pures Mittelmaß ist. Elf Mannschaften haben mindestens einen Torjäger in ihren Reihen, der mehr Treffer auf dem Konto hat als Gladbachs bester – Roel Brouwers, ein Abwehrspieler. Diese Saison ist so merkwürdig wie sie gleichzeitig schon wieder normal ist. Auf der einen Seite mit tollen Momenten, auf der anderen genauso mit einem nachdenklichen Stirnrunzeln ausgestattet.“

25. Spieltag: Borussia Dortmund 3:0 Gladbach

„Nachdem Schiri Michael Weiner um halb sieben anpfeift, vergehen knapp drei Stunden, bis ein Stück gebackener Feta-Käse beim Griechen das nächste Highlight bringt. Gut 70.000 Dortmunder werden diese Ansicht vielleicht nicht teilen, weil sie erstens einen 3:0-Sieg ihrer Mannschaft erleben und sich zweitens nach dem Spiel nicht für ein Glas Ouzo und eine Kreta-Platte entscheiden. Aus Gladbacher Sicht steht jedoch fest: Die Borussia hat einen Tag erwischt, den man nicht einmal als grausam, unterirdisch oder – ganz nüchtern – schlecht bezeichnen kann. Denn nach 90 Minuten dominieren ernsthafte Zweifel, ob es diesen Tag jemals gegeben hat.“

26. Spieltag: Gladbach 0:4 VfL Wolfsburg

„Michael Frontzeck sprach den Fans im Nachhinein ein Lob aus, dass sie so ruhig geblieben seien, während das Unheil seinen Lauf nahm. In der Tat kam das Pfeifkonzert nach dem Spiel höchstens einer ruhigen, gemächlichen Ouvertüre gleich. Wobei der Trainer bei seiner Bewertung eine kleine Eigenheit der Zuschauerdynamik übersehen hat: Denn noch schlimmer als ein gellendes Pfeifkonzert ist in der Regel gar kein Pfeifkonzert. Stille nach einem 0:4 spricht nämlich dafür, dass schlichtweg niemand mehr da war, um seinem Unmut mit Fingern zwischen den Lippen freien Lauf zu lassen. Ähnlich war es am Samstag.“

27. Spieltag: 1. FC Köln 1:1 Gladbach

„Wir machen uns etwas enttäuscht auf den Weg. Denn zu feiern gibt es trotz des ersten Punktegewinns nach 0:7 Toren aus zwei Spielen für uns nichts. Es überwiegt die Wut über ein mageres Unentschieden gegen eine Mannschaft, die deutlich gezeigt hat, warum die Stimmungslage im polarisierenden Köln derzeit nur aus Schwarz und keinem bisschen Weiß besteht. Draußen ist es wieder völlig ruhig. Doch diesmal trügt die Stille nicht. Wir dürfen durch eine kleine Schleuse in einer Barriere aus Dutzenden Polizisten raus in die Freiheit. ‘Platzsperre’ lese ich auf einem Schild an der berüchtigten Wiese und frage mich, wann diese Reißleine wohl zum ersten Mal gezogen wird.“

28. Spieltag: Gladbach 1:0 Hamburger SV

„Fußball-Fans haben ja generell den Eindruck, sie seien der Mittelpunkt der Welt. Nicht alle zusammen, sondern jeder für sich selbst. Man steht nicht auf dem Platz. So weit wird es auch nicht mehr kommen, weil zwar alle wissen, dass der Linksverteidiger mit einem 30-Meter-Ball die Seite wechseln müsste, es aber kaum jemand selbst auf die Reihe bringen würde. Und zuhause bekommen wir mangels Motorik kaum den Briefkasten auf. Trotzdem hat sich schon manch ein Fan zum Matchwinner aufgeschwungen – weil er statt der Bratwurst eine Laugenbrezel gegessen oder statt des linken Socken ausnahmsweise den rechten zuerst angezogen hat.“

29. Spieltag: VfB Stuttgart 2:1 Gladbach

„Mittlerweile hat man sich schon so an die verschenkten Punkte gewöhnt, dass man ihnen zwar nachtrauert, nicht jedoch tagelang mit einem Gesicht durch die Gegend rennt wie eine fleischgewordene ‘Schmach von Córdoba’. Letzten August gab ich den Spielberichten dieser Saison den Titel ‘Im Zweiten wird’s wohl besser’. Verbunden damit war die vage Hoffnung, dass das zweite Jahr nach dem Wiederaufstieg tatsächlich mehr Punkte und damit mehr Ruhe bringen würde (schließlich steigen nur gut 25 Prozent aller Aufsteiger, die das erste Jahr überlebt haben, im darauffolgenden wieder ab).“

30. Spieltag: Gladbach 2:0 Eintracht Frankfurt

„Vergangenen Freitag läuft die Schlussphase, wir schreiben diesmal den 30. Spieltag, als rund 48 000 Zuschauer abzüglich einiger Frankfurter die Gewissheit überkommt – ‘nie mehr Zweite Liga’. In München, zumindest beim FC Bayern, werden sie dieses Lied noch nie gesungen haben. In Hamburg wird man sich selbst vor ein paar Jahren, als der HSV nach 21 Spieltagen noch auf dem letzten Platz stand, aufs Verdrängen verlegt haben. Der jeweilige Zeitpunkt, seinem Optimismus freien Lauf zu lassen, sagt auch immer etwas über die Mentalität von Vereinen und Fans aus. In der Spielzeit des Gladbacher Wiederaufstiegs war man sich in Köln zum Beispiel kurz vor der Winterpause sicher, ‘nie mehr’ in die ‘Zweite Liga’ zu müssen.“

31. Spieltag: Schalke 04 3:1 Gladbach

„Mein siebtes Auswärtsspiel war mein letztes für diese Spielzeit. Zwei Siege, drei Unentschieden, zwei Niederlagen, Bus, Bahn, Auto, viele Kilometer – es hat sich häufig gelohnt. Nun muss ich mich jedoch entscheiden: Habe ich ein glückliches Händchen gehabt, nicht zu den neun anderen Spielen zu fahren, aus denen die Borussia genau einen Zähler holte (in Berlin)? Oder muss ich mich ärgern, nicht häufiger dabei gewesen zu sein? Wie auch immer, fest steht das Ziel, im nächsten Jahr von acht Auswärtsreisen berichten zu können.“

32. Spieltag: Gladbach 1:1 Bayern München

„Breitscheid dürfte auf der Bekanntheitsskala im Westen der Republik schon bald nach dem Kamener Kreuz kommen, Kaiserberg noch hinter sich lassen und auf der Beliebtheitsskala sehr weit unten rangieren. Während der Verkehr langsam völlig zum Erliegen kommt, ertönt im Radio ein enthusiastischer Schrei. Der Reporter in Berlin redet jedoch unverdrossen weiter. Ich bin mir schon sicher, dass innere Unruhe und pralle Sonne mein Hirn auf Stand-by gestellt haben, als die Verursacherin des Aufruhrs zu Wort kommen darf. Sabine Töpperwien ist nach 60 Spielminuten auf einmal meine beste Freundin. Marco Reus hat zum 1:0 getroffen, scheinbar ziemlich ansehnlich – und ich bin in einem ellenlangen Stau schlagartig der einzige, der sich lauthals freut (wer als Borusse mit mir zwischen Essen und Breitscheid gestanden hat, darf sich gerne dazuzählen).“

33. Spieltag: Hannover 96 6:1 Gladbach

„Nach der Pause spart Nils, völlig nachvollziehbar, an seinen Handy-Kosten und schickt nur noch eine SMS mit dem Inhalt: „5“. Ich weiß Bescheid und mache mir nicht einmal mehr die Mühe, innen nachzusehen, wie es diesmal passiert ist. Das 5:1 durch Patrick Herrmann geht es auf demselben Weg. Beim 6:1 scheint dann endgültig sein Guthaben aufgebraucht gewesen sein. Kann ja auch niemand ahnen, dass Hannover zum zweiten Mal in dieser Spielzeit sechs Tore gegen Gladbach erzielt.“

34. Spieltag: Gladbach 1:1 Bayer Leverkusen

„Für Oliver Neuville ist es also das Ende nach sechs Jahren Borussia-Park. Bereits 2007 gingen die letzten von Bord, die das Stadion an seiner Seite eröffnet haben. Keiner hat öfter dort getroffen als Neuville, keiner mehr Spiele absolviert. Deutschlandweit unsterblich gemacht hat ihn jedoch erst der 14. Juni 2006, als er in der Nachspielzeit des WM-Spiels gegen Polen in eine Flanke von David Odonkor rutschte und das Land im Kollektiv in Ekstase versetzte wie vielleicht kein anderer Moment der Nachkriegsgeschichte (nicht in dieser Konzentration, nicht mit dieser Reichweite und dieser Schnelligkeit). Jeder weiß, wie er das „Polen-Tor“ gefeiert hat, das mittlerweile als Synonyme für späte, wichtige und viel bejubelte Tore dient.
All das wird bleiben. Genau wie die Erinnerungen an eine Saison, in der sich eine Hoffnung aus dem August am Ende bewahrheitet hat: Denn im Zweiten wurd’ es wirklich besser.“

Morgen macht eine Exkursion in den Statistik-Dschungel den Abschluss.

14. Mai 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , | 1 Kommentar

1 Kommentar

  1. Hallo Jannik,

    ich wollte Dir einfach nur einmal meinen Dank zukommen lassen – Dank dafür, dass die Saison unterstützt durch Deine Berichte sehr kurzweilig war.

    Gruß Daniel

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