Mission 40/8: Das Revier markiert

Warum Gohouri plötzlich Günter hieß, Bochum beinahe die Finanzkrise aus der Welt schaffte und Ndjeng im Strafraum „Halli Galli“ spielte.

Bochum liegt im Herzen des Ruhrpotts. Wer das nicht weiß, der merkt es nach nicht allzu langer Zeit. Hier setzen die Leute das Wörtchen „Revier“ noch auf eine Stufe mit dem „Paradies“. Hier sind Straßenbahnen noch für völkerverbindende Maßnahmen zuständig – zwischen Gelsenkirchen und Bochum. Hier im Pott bilden Trinkhallen und Kioske noch einen eigenen Wirtschaftszweig. Hier heißt ein Stadion noch Stadion und nicht Arena, obwohl die Ruhr und die Castroper Straße dem Trend entsprechend an Bedeutung verloren haben.

Im Prinzip ist Bochum also der perfekte Ort für 8000 Fußballreisende aus der Provinz, um einmal im Jahr einen Trip in eine scheinbar andere Welt zu unternehmen, die sich von der eigenen jedoch gar nicht so sehr unterscheidet. Um ein „Heimspiel in der Fremde“ zu veranstalten. Um eine „schwarz-weiß-grüne Invasion“ zu starten. Um mit verwurzelter Überzeugung und jede Menge Selbstironie bei der Ankunft am Bahnhof zu schreien: „Kniet nieder, ihr Bauern! Gladbach ist zu Gast!“.

Und so trottet ein circa 3000 Mann und Frau starker Pulk um halb acht vergnüglich vom Hauptbahnhof zum Stadion. Dass dabei kurzerhand der Verkehr der sechzehntgrößten Stadt Deutschlands lahm gelegt wird, fällt mittlerweile unter den Tatbestand der Brauchtumspflege. Dass Gladbach die Nummer 26 in der Liste der deutschen Großstädte ist und Bochum flächenmäßig sogar übertrifft, merkt man den marschierenden Anhänger kaum an.

Seit geraumer Zeit wird offen darüber diskutiert, die Vereine an den Kosten für die enormen Polizeieinsätze bei Bundesligaspielen zu beteiligen. Wer die langen Schlangen an den Trinkhallen sieht, wird diese Idee mitunter schnell wieder verwerfen. An Abenden wie diesen machen einige Ladenbesitzer das Geschäft ihres Lebens. Der Einzelhandel floriert. Vielleicht werden einige gar vor der Insolvenz bewahrt. In Zeiten der Finanzkrise sind Fußballfans reine Wohltäter.

Zudem gehen der Stadt Bochum gefühlte 500 Milliarden durch die Lappen. Würde man Wildpinkler gnadenlos zur Rechenschaft ziehen und von jedem 30 Euro kassieren, könnte die Stadt das Rettungspaket des Bundes an einem Abend wieder in die Haushaltskassen spülen. Der Staat wäre grundsaniert, die Finanzkrise aus der Welt. An alle Marienkäfer und sonstige Insekten an dieser Stelle ein wichtiger Hinweis: Es ist nicht alles Tau, was glänzt. Bochums Sträucher erstrahlen wohl heute noch in einem goldigen Glanz.

Anstatt den Staat zu sanieren, zeigt sich Bochum sogar von einer äußerst spendablen Seite. Vor den Bahnhofstoiletten hat man so genannte Geldvermehrungsanlagen installiert. „Ein Bier wegbringen“ kostet dort 60 Cent. Wer einen Euro einwirft, dem fegt ein wahrer Wirbelsturm aus 10- und 20-Cent-Münzen um die Ohren. In der Hand liegen am Ende 1,20 Euro.

Der Bannermarsch zum Stadion hat etwas von den Leipziger Montagsdemonstrationen. Fehlt nur noch, dass jemand „Wir sind das Volk“ ruft. Die Polizei ist schließlich auch mit einem Großaufgebot unterwegs. Äußerst friedlich zeigen sich die Damen und Herren in dunkelblau. Das Wie-du-mir-so-ich-Dir-Prinzip hat hier Vorrang. Nur einmal wird einer von ihnen etwas ungeduldiger, als sich ein geparkter Polizeiwagen auf einmal nicht mehr am Rand des Geschehens, sondern mittendrin wiederfindet. Vehement, aber dennoch sanft schiebt er die geduldigen Wanderer von hinten an, als wolle er eine Polonaise starten. Erst wollen wir spontan Gottlieb Wendehals anstimmen. Das ominöse „gleich fliegen hier die Löcher aus dem Käse“ schlucken wir dann aber doch runter.

Die Flutlichtmasten des RewirPowerStadions weisen uns schon aus der Ferne den Weg (warum ist die Namensvielfalt von städtischen Strom- und Gasanbieter eigentlich so eingeschränkt?). Das ist das Gute an den scheinbar dekadenten Lichtquellen. Nachher wären wir in Wattenscheid gelandet. Die Galgenhumoristen haben sich derweil etwas Besonderes ausgedacht: Den Kindern haben sie die sorgfältig in der Grundschule gebastelten Martinslaternen abgeluchst. Trendfarbe ist (tabellen-)standesgemäß rot.

Am Eingang suche ich minutenlang die Schlitze des elektronischen Ticketautomaten, bis mir der lange Zeit geduldige Ordner die Arbeit abnimmt. Mit einer gekonnten Bewegung entwertet er die Karte manuell und erinnert mich darin, wo wir hier eigentlich sind. Nicht, dass das irgendwie schlecht wäre. Nach dem Spiel wird ihm die Ehrennadel der IDB, der Innung Deutscher Kartenabreißer, verliehen. Meine war die 100000. seiner Laufbahn. Mein Plädoyer für den Zivildienst muss ich erst gar nicht vortragen. Anscheinend erwecken meine Augenringe den Eindruck, ich sei noch immer Schüler. Einen Ermäßigungsnachweis will niemand sehen.

Irgendwie ziemlich romantisch das ganze. Genauso wie der liebliche Geruch von Urin in der Nase. Aufwendig gekachelte Urinoasen sucht man hier noch vergeblich. In Bochum könnte man seine Notdurft noch ungestraft unter der unbeleuchteten Tribüne verrichten. Wer die Toiletten aufsucht, dem werden an den Wänden ganze Lebensgeschichten erzählt. Wer weiß, wie viele Büchner- und Pulitzer-Preisträger hier verloren gegangen sind.

Auch von innen erweist sich das RewirPowerStadion alias Ruhrstadion aka Stadion an der Castroper Straße als äußerst sympathisch. Anders als die Gladbacher Startaufstellung. Obwohl: Die versprüht ihren ganz eigenen Charme auch eher durch ihren Geruch. Es riecht nach Kampf. Im Tor steht ein Uwe. Nicht „der“ Uwe, sondern Herr Gospodarek. Der Kurve ist es egal. Jeder Atemzug des ehemaligen Bayern-, Bochum-, Lautern- und Burghausenkeepers wird mit den obligatorischen „Uwe, Uwe“-Sprechchören begleitet. Gladbacher sind eben traditionsbewusste Fans. Würde Steve Gohouri mit Vornamen Günter heißen, wären ihm die entsprechenden Gesänge ebenso sicher.

Ziege setzt auf ein 4-2-1-2-1 mit einem Mittelfeld, das in etwa aussieht wie die Zahl fünf auf einem handelsüblichen Würfel. Friend spielt als einsamer Eisbrecher in der Spitze. Außer auf dem Spielberichtsbogen taucht er in den folgenden 90 Minuten selten auf.

Die A-Cappella-Version der „Elf vom Niederrhein“ übertönt vor dem Spiel Grönemeyers „Bochum“, das eigentlich ein perfektes Vereinslied mit dem nötigen Pathos und der angebrachten Heimatliebe wäre – wenn denn auch alle mitsängen. Die Gladbacher Gästeschar hat sich die Bezeichnung „Kurve“ derweil redlich verdient. Vom Südwesten bis Nordwesten haben die Fans in schwarz-weiß-grün die gesamte Tribüne hinter dem Tor annektiert. Die Schalker fabrizieren dasselbe seit Jahren. Bezeichnend für einen Verein, wenn das Stadion eigentlich nur voll wird, weil der Gast mit Kind und Kegel angereist ist. Der Gesang „Wir haben ein Heimspiel ein Bochum“ zeugt damit keineswegs von Größenwahnsinn, sondern eher von ausgeprägter Realitätswahrnehmung.

Bewegende Momente machen sich rar in der Anfangsphase. Bochum ist aktiver, taucht aber zu selten gefährlich vor „Uuuuuwes“ Tor auf. Alles, was auf seinen Kasten zufliegt, schaufelt Gospodarek sicher über die Latte oder guckt es in bester Kamps-Manier mit geschultem Auge am Tor vorbei. Nach 30 Minuten Ringelpietz mit Anfassen wird es wie aus dem Nichts geradezu ekstatisch: Marin bringt einen Freistoß hoch hinein. Aus 120 Meter Entfernung sehe ich eine schwarze Abrissbirne heran rauschen. Das Netz zappelt. Augenblicklich wird es dunkel um mich herum. Der Block schwappt von links nach rechts, vor und zurück. Dann bricht die Welle der Begeisterung und schwappt mich auf den blauen Hartschalensitz. Dessen Lehne spielt kurzerhand „Ballade pour Adeline“ auf meiner Brustwirbelsäule. Reihe sieben tauscht die Plätze mit Reihe neun. Nach 37 Sekunden ist alles vorbei. Alle unverletzt. Alles jauchzt vor Glückseligkeit und die Borussia führt aus heiterem Himmel. Im fünften Auswärtsspiel, das ich in der Bundesliga verfolge, erzielt die Fohlenelf zum ersten Mal ein Tor. Etappenziel erreicht.

In der Halbzeit nehmen Monti, Nils, Chrissi und ich uns erst einmal eine Auszeit. Das in Hamburg eingeführte Pausenschläfchen bleibt diesmal aus. Wir meditieren mit offenen Augen. Bochumer Nachwuchskicker schießen währenddessen orange Gummibälle auf die Ränge. Ob für Durchgang zwei etwa Schnee angesagt ist?

Weiter geht’s mit einem Schock: Günter… äh, pardon… Steve sieht verdammt blass aus. Der Stadionsprecher beruhigt die Lage. Es ist Marcel Ndjeng. Gohouri musste verletzt passen. Der Mann ist also doch verwundbar. Seit wann kann Titan so einfach brechen?

Hilflos muss der „Mann mit der Machete“ nach 55 Minuten mit ansehen, wie sein unwürdiger Nachfolger Ndjeng in einem Lehrfilm mit dem Titel „Wie verhalte ich mich als Außenverteidiger – nicht“ mitwirkt. Eine Freier-Flanke rauscht von rechts in den Strafraum. Alle verpassen – auch Ndjeng, der am Elfmeterpunkt mit Sestak „Halli Galli“ spielt. Dabrowski durfte nicht mitspielen und rächt sich mit einem satten Schuss, an dem Gospodarek irgendwie dran ist, irgendwie aber auch nicht. Spätestens mit dem Ausgleich manifestiert sich der Eindruck, dass der 35-jährige zwar souveräner auftritt als Heimeroth. Unterm Strich verheißt er aber keine Besserung. Torhüter gewinnen eben keine Spiele mit abgefangenen Flanken und einem breiteren Brustkorb.

Eine knappe Viertelstunde vor dem Schlusspfiff wechselt Interimscoach Christian Ziege zum zweiten Mal. Brouwers kommt für Voigt und geht in die Innenverteidigung. Dafür rückt Daems nach links. Kleine Anmerkung: Das Spiel ist zu diesem Zeitpunkt halbwegs offen. Bochum zwar am Drücker, aber nicht erdrückend. Unweigerlich entsteht der Eindruck, dass Ziege in Wirklichkeit nur ein Luhukay im Schafspelz ist. Sein wenig nachvollziehbares Wechselspiel ist schuld daran. Verletzt war Voigt jedenfalls nicht, höchstens rotgefährdet. Aber das ist er stets, sobald er den Platz betritt.

Roel Brouwers hat noch keinen Fuß am Ball gehabt, da bleibt ihm nur das Nachsehen in einem scheinbar spielentscheidenden Zweikampf. Bochum spielt auf links einen Ball in Ndjengs Rücken. Gladbachs Deutsch-Kameruner befindet sich mitten in den Dreharbeiten zu Teil II seines Schulungsvideos. Fuchs flankt in die Mitte, wo Kaloglu eine Etage höher steigt als der besagte Brouwers. Der falsche VfL liegt vorne, während der Verein für Leidensübungen vom Niederrhein der fünften Bundesligapleite in Folge entgegen schlittert. Noch vor zwei Wochen hätte es an diesem Punkt wohl kein Zurück gegeben, keinen Hauch einer Wende. Doch die berüchtigte Eigendynamik eines Trainerwechsels belehrt zwei Minuten später jeden eines Besseren.

Marin holt im Gegenzug eine Ecke heraus. Die Hereingabe verwertet Kleine mit dem Kopf. Fernandes im Bochumer Tor verbrennt sich die Finger am Ball, der sich irgendwie über die Linie rettet. Der Linienrichter wedelt vor uns wild mit seiner Fahne – danach setzt meine Wahrnehmung erneut aus. Links-rechts-vor-und-zurück, „Ballade pour Adeline“, Menschenhaufen – die alte Leier. 2:2.

Gladbachs sechstes 2:2 in den letzten 13 Aufeinandertreffen mit dem VfL Bochum sollte mich eigentlich zufrieden stellen. Zumal die Borussia den Ausgleich in drei dieser Partien erst in letzter Sekunde kassiert hatte. Diesmal drehte sie das Ruder überraschend selbst herum. Doch wie das so häufig ist: Da stellt man eine bescheidene Forderung, die am Ende gar übertroffen wird. Und dennoch stellt sich am Ende nicht so recht ein wohliges Gefühl ein.

Die rote Laterne ist man vorerst los. Die letzten sieben Mannschaften trennt jeweils nur ein Punkt – zwei Siege und die Welt könnte ganz anders aussehen. Doch das sagt sich so einfach. Gladbach hat jetzt vier Zähler aus acht Spielen geholt. Aus den nächsten 26 Partien braucht man nach der alten Faustregel 36 Punkte. Macht einen Schnitt von 1,38 – Mannschaften, die dieses Niveau über eine ganze Saison halten, kommen am Ende auf 47 Zähler. Damit haben einige schon ums internationale Geschäft mitgespielt.

Letztendlich steht ein großes Fragezeichen hinter diesem aufreibenden Abend im Revier: Hat sich die Stimme zu Recht in den wohlverdienten Urlaub verabschiedet, hat es die Mannschaft verdient, dass ich heiser nach Hause fahre? Oder sind meine Stimmbänder nur lädiert, weil ich mich trotz zweier Tore und eines Remis immer noch ausgiebig aufregen musste?

Dabei genießt das scheinbare Ende der Talfahrt durchaus Seltenheitscharakter: Zum ersten Mal nach neun Auswärtspleiten in Folge holte die Borussia überhaupt einen Punkt in der Fremde. Mit Gohouris und Kleines Treffern traf sie doppelt so oft wie in diesem gesamten Zeitraum.

Ab nächster Woche hat die Mannschaft die Gelegenheit, ihre Bundesligatauglichkeit unter Beweis zu stellen. Unter Hans Meyer wird die Qualitäts- und Charakterfrage gestellt werden. Ob der neue Trainer dabei eher behilflich oder gar hinderlich sein wird, muss sich zeigen.

18. Oktober 2008 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schreibe einen Kommentar

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