Syn-des-mo-se: Ballack, Boateng und Bänderriss

ZDF spezial, Sportschau Extra, Titelthema: Die WM-Absage von Michael Ballack hat ein Echo verursacht, das in seinem Ausmaß letzten Endes beängstigend wirkte. Genauso beängstigend wie 100 000, die sich im Netz gegen Kevin-Prince Boateng verbünden. Und genauso beängstigend wie eine DFB-Elf ohne ihren Kapitän.

Binnen einer Stunde war es dunkel geworden in Sciacca auf Sizilien. Noch im Gespräch mit Michael Steinbrecher hatte die Sonne im Rücken von Oliver Bierhoff schöne Grüße nach Deutschland geschickt. Jetzt, um kurz vor halb neun, passte das Verschwinden des Tageslichts schon eher zur düsteren Stimmung, die sich um die Mittagszeit über ein Land gelegt hatte, das auf einmal den Eindruck machte, es sei in die tiefste Krise seines Bestehens gerissen worden. Und Schuld war nicht der Euro.

Screenshot: youtube.com

„Syndesmose“ mag zwar klingen wie eine biblische Plage mit Mord, Totschlag und anschließendem Weltuntergang. Dabei bedeutet ein Riss der Bänder im Sprunggelenk, die, wie der Name verrät, etwas zusammenhalten sollen, lediglich acht Wochen Pause und beschert dem Betroffenen einen Gips. Grund genug waren die Bänder von Michael Ballack jedoch für ein ZDF spezial und eine Extra-Sendung der Sportschau. Der Tod von Lech Kaczinsky, die Staatshilfe für Griechenland und die Aschewolke über Europa waren den Öffentlich-Rechtlichen zuletzt ein vergleichbarer Anlass, um heilige TV-Kühe zu schlachten und das Programm um jeweils gut zehn Minuten zu verschieben. Montagabend nun: die Syndesmose. Nur zweieinhalb Millionen schauten im ZDF zu, knapp drei in der ARD. Viel Lärm um wenig?

Frings, Ribéry, Boateng: Schlimm, schlimmer, am schlimmsten

Die Geschichte nahm am Samstagnachmittag ihren Lauf. Kevin-Prince Boateng – Berlin-Wedding, Hertha BSC, Tottenham, Dortmund, Portsmouth, Deutschland, Ghana, Klose, Hasebe, Lamborghini, Glitzer-Ohrring, Tattoos, Assoziationen ohne Ende – kam zu spät. Zu seinem, Michaels Ballacks und Fußball-Deutschlands Unglück war es nicht die Bahn, die er verpasste, sondern der Ball im Finale des FA-Cups. Man hat vor ein paar Wochen Franck Ribéry gegen Lisandro Lopez gesehen, sollte ein paar Stunden später Zeuge von Torsten Frings gegen Bastian Schweinsteiger werden. Schnell stand die Reihenfolge fest: Boateng am schlimmsten, Ribéry nicht annähernd so rüde, Frings erst Recht nicht. Während die Härte der Fouls und die Folgen für die Spieler in dieser Reihenfolge abnehmen, gilt dies nicht für die Bestrafung. Ribéry sah Rot, für Frings war es die zweite Verwarnung. Boateng kam mit Gelb davon.

Screenshot: youtube.com

Für Michael Ballack hatte es nach Absicht ausgesehen, wie er noch am gleichen Abend im Sportstudio verkündete. Ähnlich urteilten Millionen Hobby-Bundestrainer zwischen Flensburg und Berchtesgaden. Dass es danach aussah, bedeutet noch nicht, dass Kevin-Prince Boateng tatsächlich mutwillig auf den rechten Knöchel des 33-Jährigen gesprungen ist. Doch es geht unfassbar schnell: Man hat Boateng vor Augen, bemalt am ganzen Körper, mit funkelndem Stecker im Ohr. Man denkt an Klose, man denkt an Hasebe, an Berlin-Wedding, an Autospiegel. Es ist vielleicht nicht richtig, ohne besseres Wissen davon auszugehen, es sei Absicht gewesen, aber durchaus legitim. So ist der Mensch eben: auch im Kopf ein Demokrat, der im Mehrheitsprinzip denkt.

Die Reaktion im Netz: Parolen und Beschwichtigungen

Nicht ganz so legitim ist die Welle von Reaktionen im Netz. Während die einen sich redlich Mühe geben, die Sache mit Humor zu verarbeiten (@GNetzer: „Im Flutlicht sah der Knöchel aus wie ein Autospiegel“), schlagen andere über die Stränge. Knapp 100 000 versammeln sich mittlerweile in der Facebook-Gruppe „82 000 000 gegen Boateng“. Kategorie: „Nur zum Spaß“. Doch sehen es beileibe nicht alle so. „Das ist eine Seite für Fußballfans, nicht für Rassisten“, ermahnt der Gründer deshalb diejenigen, die einen wiederum daran erinnern, dass mittlerweile nicht nur Leute bei Facebook sind, die das Apostroph, Groß- und Kleinschreibung sowie Kommasetzung zumindest auf dem Stand eines 11-Jährigen beherrschen. Zwischen Parolen und Beschwichtigungen geht es online zu wie im echten Leben: Es gibt solche und solche. Den, der fordert, man möge Boateng im Gruppenspiel gegen Ghana die Beine brechen. Und den, der sich augenzwinkernd fragt, ob Philipp Lahm im Falle eines WM-Titels überhaupt in der Lage wäre, den Pokal in die Luft zu stemmen.

Screenshot: ZDF Mediathek

Der landesweite Aufruhr machte den Eindruck, die Missbrauchs-Fälle in der katholischen Kirche, Margot Kässmanns Alkohol-Fahrt, die Pleite der Lehman Brothers, das Ende der Regierung Schröder und die Clinton-Lewinsky-Affäre seien in einer einzigen Tagesschau verkündet worden. Dabei hatte sich ein 98-maliger Fußball-Nationalspieler in seiner letzten Vereinspartie der Saison kurz vor einer Weltmeisterschaft einen Innenbandriss und einen Teilriss der Syndesmose im rechten Sprungelenk zugezogen. So mögen diejenigen die Angelegenheit klein reden, die den Aufruhr für übertrieben halten.

Wer einen halbwegs klaren Blick auf die Realität behielt, der sah einen herben Rückschlag für eine deutsche Mannschaft, die auch mit Michael Ballack nicht nach Südafrika gereist wäre, um sich den Pokal so lässig zu holen wie ein Eis am Strand von Cancún. Nun setzt sie sich Anfang Juni zwar ohne ihren Captain in den Flieger. Ohne die Leitfigur, die die meisten ihrer 98 Länderspiele mit körperlicher Präsenz, Durchschlagskraft und Torgefahr bereichert hat. Doch die Sache müsste einen noch viel mehr mitnehmen, wenn Fußball nicht gleichzeitig ein Mannschaftssport wäre, in dem der Einzelne nur im Kollektiv funktioniert. Eine deutsche Basketball-Mannschaft ohne Dirk Nowitzki bräuchte dagegen gar nicht erst mit Ambitionen bei einem großen Turnier antreten.

Ohne Ballack schwächer als mit

Die Zahlen geben durchaus Aufschluss darüber, wie wichtig Michael Ballack seit seinem ersten Länderspiel im April ’99 gegen Schottland gewesen ist. 141 Länderspiele hat die DFB-Elf seitdem absolviert. In den 98 Partien mit dem gebürtigen Görlitzer holte sie im Schnitt exakt 2,0 Punkte, verlor nur 20,4 Prozent aller Spiele. Wenn Ballack, wie in insgesamt 43 Fällen, einmal nicht mit dabei war, sank der Punkteschnitt auf 1,65 und 27,9 Prozent gingen verloren. Mit ihm gewann Deutschland einmal in Wembley. Ohne ihn gewann Deutschland einmal in Wembley. Mit ihm verlor Deutschland ein großes Endspiel. Ohne ihn verlor Deutschland ein großes Endspiel. Mit ihm ging Deutschland 1:5 gegen England unter. Ohne ihn ging Deutschland 1:5 gegen Rumänien unter. Wie sehr der Ausfall des 33-Jährigen die Nationalmannschaft trifft, wird sich so wohl erst in Südafrika zeigen.

Seit Beginn dieses Textes, hat die Boateng-Gruppe 5000 Mitglieder hinzu gewonnen. Jeder Hobby-Bundestrainer hat eine Lösung parat. Und wenn sich darunter Stimmen finden, die nun lauthals Kevin Großkreutz fordern (der am Montag auf dem OP-Tisch lag), dann ist es wohl gut, dass am Ende nur einer entscheidet. Egal wie. Auch ohne ZDF spezial und völlig undemokratisch.

Medien-Echo:
Süddeutsche Zeitung: “Diagnose: Achsenbruch”
Taz: “Der Führer ist tot, es lebe das Team!”
FAZ: “Boatengs Tritt, volle Absicht?”
Zeit Online: Endlich Zeit für neue Alphatiere
Und, als hätten sie es geahnt: Das Zeit-Dossier über Kevin-Prince Boateng

18. Mai 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Die mit dem Adler, Einwurf | Schlagwörter: , , , , , | 6 Kommentare

Kommentare (6)

  1. Schön unpopulistisch die Sachlage beschrieben.
    Danke.

  2. Schöner Artikel. Auch wenn ich mich ein bisschen für den schlechten Witz schäme. Ein paar Minuten später ist allen das mit den Autospiegeln eingefallen. Ab dann wurde es übrigens im Netz unerträglich.

  3. Die Geschichte nahm am Samstagnachmittag ihren Lauf. Kevin-Prince Boateng – Berlin-Wedding, Hertha BSC, Tottenham, Dortmund, Portsmouth, Deutschland, Ghana, Klose, Hasebe, Lamborghini, Glitzer-Ohrring, Tattoos, Assoziationen ohne Ende – kam zu spät. Zu seinem, Michaels Ballacks und Fußball-Deutschlands Unglück war es nicht die Bahn, die er verpasste, sondern der Ball im Finale des FA-Cups. Man hat vor ein paar Wochen Franck Ribéry gegen Lisandro Lopez gesehen, sollte ein paar Stunden später Zeuge von Torsten Frings gegen Bastian Schweinsteiger werden. Schnell stand die Reihenfolge fest: Boateng am schlimmsten, Ribéry nicht annähernd so rüde, Frings erst Recht nicht. Während die Härte der Fouls und die Folgen für die Spieler in dieser Reihenfolge abnehmen, gilt dies nicht für die Bestrafung. Ribéry sah Rot, für Frings war es die zweite Verwarnung. Boateng kam mit Gelb davon.
    +1

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  5. Ich schließe mich meinem Vorredner an und lobe die schöne Sachlichkeit. Mir ist es zu der Zeit leider nicht gelungen, meinen Zorn und meine Enttäuschung in objektive Bahnen zu lenken. Habe aber lieber mit den Fäusten gen Himmel gefuchtelt, als Boateng auf Facebook zu beschimpfen. Setzte mehr Energie frei…

    Mir gefällt besonders der letzte Abschnitt! Ich mag die finale Abrundung von Blogbeiträgen, und hier hast Du einen geometrisch perfekten Kreis geschaffen! Kompliment!

  6. Ich hoffe Deutschland gewinnt das Spiel heute gegen Ghana. Die muessen das einfach schaffen, sonst alle Deutschen sehr traurig. Falls Deutschland verliert, wird Jogi Loew leider aufhoeren. Die werden das schon schaffen.

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