Photoshop till You Drop

Investigativjournalismus am Mittwochabend: Wie der Kicker sich das deutsche Mannschaftsfoto fürs WM-Sonderheft zusammenschustert.

Man kann sich ausmalen, wie es gewesen sein wird: Beim Kicker in Nürnberg suchte man händeringend ein passendes Foto, um die deutsche Mannschaft im WM-Sonderheft zu bebildern. Wer schon einmal ein solches Exemplar in der Hand hatte, der weiß, wie es in der Regel aussieht. Fünf Männer hocken in der ersten Reihe, die restlichen sechs stehen dahinter. Hocktechniken und brüderliche Umarmungen variieren dabei von Land zu Land. Meist findet man den Keeper in Reihe zwei. (Diese Fotostrecke zeigt: nur ein Keeper hockt und Portugal hat eines seiner Länderspiele scheinbar nur mit zehn Mann begonnen). Überaus selten mischt sich zudem ein Fan in voller Mannschaftsmontur in die Szenerie (wobei die Verteilung vier plus sieben und ein sitzender Torhüter hier ja sowieso ungewöhnlich ist).

Jedenfalls begab sich der Kicker auf die Suche nach einem adäquaten Bild der deutschen Nationalmannschaft, auf dem sie bestenfalls das neue weiße WM-Dress tragen sollte. Nun gestaltete sich die Lage diesmal anders als in alle den Jahren zuvor. Der angesetzte Doppelspieltag im November 2009 brachte nach dem Tod von Robert Enke lediglich eine einzelne Partie gegen die Elfenbeinküste. Im Frühjahr stand nur ein Länderspiel gegen Argentinien auf dem Programm (im neuen Schwarzen). Das Aufeinandertreffen mit Malta dürftevor zwei Wochen nach Redaktionsschluss stattgefunden haben.

Die Wahl war für den Kicker also eine vermeintlich einfache. Das Exemplar vom 2:2 gegen die Elfenbeinküste würde das Rennen machen. Doch Moment: Was trug die Elf denn da am Arm? Richtig – beim ersten Spiel nach dem Tod von Robert Enke liefen alle mit Trauerflor auf. Was tun? Ein Foto im alten Trikot nehmen, wie es das Hamburger Abendblatt vormachte? ‚Nein‘, dachte sich der zuständige Redakteur und nahm den Praktikanten an der Kaffeemaschine ins Visier. Der 21-Jährige hatte sich bereits im Vorfeld seine Photoshop-Meriten verdient. Jetzt würde er die Chance für sein Meisterstück erhalten.

Also wurden die schwarzen Armbinden kurzerhand wegradiert. Ein Kinderspiel, besonders bei den Feldspielern. Nicht umsonst dürfte Adidas seine drei Streifen unterbrochen haben, um den Tragekomfort einer Kapitänsbinde oder eines Trauerflors zu optimieren. Kurz noch den Pinsel bei Tim Wiese ausgepackt und mit Rot über den Ärmel seines Torwarttrikots gemalt, schon war es fertig – das Mannschaftsfoto fürs WM-Sonderheft. Immerhin haben sie in die teils angespannten Gesichter kein künstliches Lächeln gezaubert.

26. Mai 2010 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Die mit dem Adler | Schlagwörter: , , , , , | 5 Kommentare

Kommentare (5)

  1. Und bei Boateng (dem Guten) und Trochowski war der Praktikant zu faul, die noch sichtbaren Teile des Trauerflors zu beseitigen. ;)

  2. Pingback: links for 2010-05-27 | Du Gehst Niemals Allein

  3. Offtopic: Welches Stadion ist das eigentlich im Header?

  4. München, Olympiastadion

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

*