Tore sind Schall und Rauch

Bringt man die Banalitäten des Fußballs auf einen gemeinsamen Nenner, wird dieser wohl so heißen: “Tor”. Denn darum geht es, am Ende eins mehr erzielt zu haben als der Gegner. Folglich wäre es also logisch, dass derjenige den größten Erfolg hat, der die meisten Tore schießt.

Dass das nicht unbedingt die richtige Schlussfolgerung ist, zeigen die berüchtigten Meisterkriterien der Bundesliga: Wenigste Niederlagen, meiste Siege, beste Hinrunde, beste Rückrunde, beste Heimmannschaft, beste Auswärtsmannschaft, meiste Tore, wenigste Gegentore. Häufig gewinnen, selten verlieren – das bringt eine Titelwahrscheinlichkeit, die sich der Quote derjenigen Länder annähert, die Lena Meyer-Landrut mindestens einen Punkt gaben.

Die Bayern wurden dieses Jahr unter anderem Meister, weil sie die Torfabrik der Liga stellten – von den 47 Titelträgern seit 1963 gelang dies insgesamt 21. Es genügt eben nicht, vorne Hurra-Fußball par excellence zu zelebrieren. Leidtragende dieser Erkenntnis waren in Europa unter anderem Real Madrid und Ajax Amsterdam. Die “Königlichen” überboten mit 102 Treffern sogar den FC Barcelona – landeten dennoch nur auf Platz zwei. Ajax traf 106-mal – und zog den Kürzeren gegen Twente Enschede. Anders als das spanische Pendant aus Madrid kassierte der niederländische Rekordmeister dabei sogar die wenigsten Gegentore und stellte das beste Heimteam (sagenhafte 64:4 Tore bei 16 Siegen und nur einem Remis).

Was die Torfabriken aus 47 Jahren Bundesliga zur alten Weisheit “Offense wins games, defense wins championships” sagen, zeigt folgende Grafik:

Dabei wird zum einen deutlich, was oben bereits steht: Wer die meisten Tore erzielte, wurde nur ein 21 von 47 Spielzeiten Meister. Gleich 14-mal gab es Platz zwei, 8-mal Platz drei und 4-mal den vierten Rang. Die Europacup-Garantie liegt demnach bei fast 98 Prozent. Völlig aus der Reihe tanzt lediglich Eintracht Frankfurt. 79 Tore genügten 1975/1976 nur für den neunten Platz.

Rekordtorfabrik ist der FC Bayern mit 18 Titeln. Dahinter landet Werder Bremen mit sieben vor Borussia Mönchengladbach mit sechs. Überraschend gut dabei: Eintracht Frankfurt mit vier Erfolgen, von 1975 bis 1977 sogar dreimal in Serie – jedoch stets ohne Schale.

Die treffsichersten Mannschaften einer jeweiligen Saison kassierten im Schnitt 38,8 Tore. Diejenigen, die dabei auch den Titel holten, mussten jedoch nur 35,2 hinnehmen. Beim Rest lag der Schnitt schon in ganz anderen Sphären: 41,3 Gegentore.

Tore sind im Fußball also irgendwie Schall und Rauch. Offense mag zwar games gewinnen, aber noch lange keine championship. Mit dieser Erkenntnis geht alles, was sich nicht um die Weltmeisterschaft dreht, nun in die Sommerpause. “Entscheidend is auf’m Platz” schlägt seine Zelte nächste Woche in Südafrika auf – fliegt dann aber sofort zurück nach Deutschland, um von zuhause aus das WM-Tagebuch zu führen. Ab dann sind Tore auch nicht mehr so wichtig. Denn schließlich kann man den Titel ja mit drei Nullnummern und vier 1:0-Siegen im Elfmeterschießen holen. Auf geht’s!

02. Juni 2010 von Jannik Sorgatz
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